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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Ungeschminkt

Zu ihrem 50. Geburts­tag wünscht sich Lena die Anwe­sen­heit der Toch­ter Edita und der Freun­din Tat­ja­na, und wir erfah­ren im Roman die Lebens­läu­fe der drei Frau­en: Alle drei sind aus der Ukrai­ne nach Deutsch­land gekom­men. Unter­schied­li­chen Genera­tio­nen ange­hö­rend, haben sie unter­schied­li­che Erfah­run­gen gemacht und haben auch ver­schie­de­ne Ansprü­che an das Leben. Lena bei­spiels­wei­se erleb­te als Kind noch die sowje­ti­schen Pio­nier­la­ger und war doch lie­ber in der Hasel­nuss­sied­lung der Groß­mutter in Sot­schi. Die Eltern waren nach Gor­low­ka gezo­gen und leb­ten hier ukrai­ni­schen All­tag mit den nor­ma­len Bestechun­gen für Arzt, Woh­nung und Stu­di­en­platz. Das pas­siert auch Lena bei ihrer Bewer­bung für ein Medi­zin­stu­di­um in Donezk, wo sie nicht genü­gend »geschmiert« hat. Ein wei­te­res Mal ist sie gewapp­net, und so wer­den Dne­pro­pe­trowsk und das dor­ti­ge Stu­den­ten­heim ihre Welt, in der es immer mehr bröckelt. Als Ärz­tin darf sie Pri­vat­pa­ti­en­ten behan­deln, so lernt sie »Busi­ness­män­ner« und neu­en Reich­tum ken­nen. Die Lie­be zum Tsche­tsche­nen Edil erfüllt sich nicht, und so wird der Jude Dani­el der Vater ihrer Toch­ter Edita. Der kann die nöti­gen Papie­re beschaf­fen, und die Fami­lie wan­dert aus nach Deutschland.

Wir tref­fen sie nach Jahr­zehn­ten spä­ter in Jena und erfah­ren nur knapp von den Ein­ge­wöh­nungs­schwie­rig­kei­ten. Das »Para­dies« ist es nicht gewor­den. Die Ärz­tin arbei­tet als Kran­ken­schwe­ster, Dani­el ist arbeits­los. Hier hat­te Lena auch Tat­ja­na ken­nen­ge­lernt, die – von ihrem deut­schen Lover ver­las­sen – ihre Toch­ter Nina allein groß­zie­hen muss­te. Mit ande­ren Ukrai­nern, Rus­sen und Juden leben sie in einer Gemein­schaft, die sich gegen­sei­tig hilft, gemein­sam fei­ert und sehr an der Ver­gan­gen­heit hängt. Sie haben ihren Frie­den mit dem Schick­sal gemacht. Der Stolz auf die Kin­der, die es bes­ser haben sol­len, eint sie. Doch die Kin­der, Bei­spiel Edita, wol­len ganz ande­res, haben ande­re Pro­ble­me, ver­ste­hen die Alten nicht.

Sas­ha Mari­an­na Salz­mann, gebo­ren 1985 in Wol­go­grad, emi­grier­te im Alter von zehn Jah­ren als jüdi­scher Kon­tin­gent­flücht­ling nach Deutsch­land. Als Dra­ma­ti­ke­rin und Redak­teu­rin hat sie sich einen guten Ruf erwor­ben. »Im Men­schen muss alles herr­lich sein« ist ihr zwei­ter Roman. Sie erzählt anschau­lich, mit Sinn für Details und mit Mut zu Unter­las­sun­gen von Umbruch­zei­ten, von Müt­tern und Töch­tern, und zeich­net vor allem ein unge­schmink­tes Bild der Ukrai­ne. Nichts wird beschö­nigt. Die Leu­te wol­len eini­ger­ma­ßen gut leben und haben sich ein­ge­rich­tet. Gewöhn­li­che Kor­rup­ti­on, nor­ma­ler Ras­sis­mus, Stre­ben nach Wohl­stand und doch immer wie­der Schei­tern und Sich-Neu-Ein­rich­ten. In Zei­ten, in denen Städ­te wie Dne­pro­pe­trowsk, Donezk oder Mariu­pol plötz­lich eine ganz ande­re Bedeu­tung erlan­gen – ein hilf­rei­ches Buch.

Sas­ha Mari­an­na Salz­mann: Im Men­schen muss alles herr­lich sein, Suhr­kamp Ver­lag, Ber­lin 2021, 380 S., 24 €.