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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Wunderliches aus Dessau-Roßlau

Vom Des­sau­er Bau­haus Muse­um kom­mend, spa­zier­te ich in die Rats­gas­se. Rechts tauch­ten die Men­schen in einen der übli­chen Ein­kauf­ts­tem­pel. Links waren Relik­te der Ver­gan­gen­heit auf den Vor­dä­chern ehe­ma­li­ger Geschäf­te zu sehen. Ver­wit­ter­te Leucht­schrif­ten kün­de­ten von frü­he­rer Ver­wen­dung: DIECAMERA, HAUSDERHAARPFLEGE, SPORTARTIKEL. Heu­te mühen sich klein­tei­li­ge Geschäf­te wie eine Zoo­hand­lung um Kun­den. Am Ende der Rats­gas­se stieß ich auf ein hohes schmuck­lo­ses Stahl­ge­stell mit klei­ner Glocke. Einen Teil der Inschrift konn­te ich ent­zif­fern: KEINEGEWALT. Eine Frei­heits­glocke also. Viel­leicht mahnt sie heu­ti­ge Poli­ti­ker und Mili­tärs, dann wäre sie sogar eine Frie­dens­glocke. Unweit von dem Gestell ent­deck­te ich auf einem klei­nen Stein­sockel ste­hend die Skulp­tur eines bron­ze­glän­zen­den, dyna­misch wir­ken­den Man­nes. Beklei­det mit einer moder­nen kur­zen Stepp­jacke, win­kelt er den lin­ken Arm fast napo­le­on­haft. In sei­ner rech­ten Hand hält er einen sym­bo­li­schen Schlüs­sel mit zwei Bart­tei­len. Auf dem einen ist »перестроика« zu lesen (für den, der’s kann). Auf dem ande­ren Bart­teil sah ich einen Mer­ce­des­stern. Ich staun­te, und um sicher­zu­ge­hen, foto­gra­fier­te und ver­grö­ßer­te ich ihn: Ja, ein drei­strah­li­ger Stern im Kreis! So zu sehen auf den Edelkarossen.

Neben dem Sockel ist in den Geh­weg einen bron­ze­ne Plat­te eingelassen:

»MICHAILGORBATSCHOW /​ FRIEDENSNOBELPREISTRÄGER 1990 /​ ALSGENERALSEKRETÄRDERKOM- /​ MUNISTISCHENPARTEIDERSOW- /​ JETUNIONUNDALSSTAATSPRÄSIDENT /​ SCHUFERDURCHPERESTROIKAUND /​ GLASNOSTWESENTLICHEVORAUS- /​ SETZUNGENFÜRDIEEINHEIT /​ DEUTSCHLANDS. /​ GESTIFTETVONBÜRGERNZUM /​ 30. JAHRESTAGDERDEUTSCHEN/​ WIEDERVEREINIGUNG

Ob der Poli­ti­ker dafür auch von Mer­ce­des bezahlt wur­de? Auf jeden Fall flos­sen in das von ihm zu die­ser Zeit regier­te Land deut­sche Mil­li­ar­den­kre­di­te. Dass mit einem Denk­mal an Gor­bat­schow so viel Wahr­heit ver­kün­det wird, ist schon erstaun­lich. Es ist nicht aus­zu­schlie­ßen, dass auf dem Schlüs­sel­bart das wohl berühm­te­ste Pro­test­sym­bol, das Peace-Zei­chen, abge­bil­det wer­den soll­te – bezug­neh­mend auf die Erwäh­nung Gor­bat­schows als Frie­dens­no­bel­preis­trä­ger. Aber im Gegen­satz zu den drei Strah­len bei Mer­ce­des hat das vom bri­ti­schen Gra­fik­de­si­gner und Pazi­fi­sten Gerald Hol­tom 1958 ent­wor­fe­ne Zei­chen vier Strahlen.

So wird aus dem Denk­mal für Gor­bat­schow eines für die, die ihn bezahl­ten. Viel­leicht steckt eine Eulen­spie­ge­lei gegen­über den stif­ten­den ahnungs­lo­sen Bür­gern dahin­ter. Ganz sicher ist es ein Beweis für das 2020 erreich­te Ver­ständ­nis von histo­ri­schen Zusammenhängen.