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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Zimmer frei

End­lich geht es vor­an in Ber­lin! Wäh­rend Öko­strom-Mini­ster Habeck im Tschad nach Öl bohrt, kur­belt der Bun­des­tag daheim die Wirt­schaft an. Das ist auch drin­gend nötig, denn aktu­ell ist Ber­lin für die Welt­kon­zer­ne noch weni­ger attrak­tiv als Grün­hei­de oder Mag­de­burg. Schon prüft Ama­zon, ob man sei­nen Euro­pa­sitz auf Use­dom ein­rich­ten will. Face­book hin­ge­gen lieb­äu­gelt mit Brücken-Hack­pfüf­fel im Süd­harz. Ber­lin, das war mal sexy.

Mister Sex per­sön­lich will das jetzt ändern: Hel­ge Braun, ehe­mals Mut­tis Boy­toy im Kanz­ler­amt, dann Cover­boy im CDU-Run auf den Par­tei­vor­sitz und nun Vor­sit­zen­der im Haus­halts­aus­schuss. Brow­nie, wie er im Aus­schuss genannt wird, möch­te mehr Büro­flä­chen auf den Markt brin­gen, damit sich end­lich mal ein gei­le­res Unter­neh­men als Kik an der Spree ansie­delt. Damit die Gewer­be­flä­chen auch sicher bis 2050 zur Ver­fü­gung ste­hen, wird nicht lan­ge gefackelt und erst noch umständ­lich gebaut. Statt­des­sen setzt der Bun­des­tag auf Enteignung.

Erstes Opfer der Büro­re­form ist Sozen-Iko­ne Gerd »Bom­ber« Schrö­der. Der Alt­kanz­ler hat vor Unzei­ten vom Bun­des­tag gleich sechs Büros miet­frei bekom­men für sei­nen post-akti­ven Staats­dienst. Das größ­te Zim­mer nutzt Gerd Frit­zo­witsch Schrö­der seit­her als Emp­fangs­saal für die Welt­pres­se. In einer Kopie des Bern­stein­zim­mers mit Zaren­thron-Replik erklärt er dort, dass er zwar genau­so unfehl­bar, wie der Papst sei, für ein »mea cul­pa« aber aus­schließ­lich der alte Mann in Rom zustän­dig ist.

Zwei wei­te­re, eta­gen­fül­len­de Groß­raum­bü­ros sind gera­de groß genug für Schrö­ders Eier. Die maxi­ma­le Boden­be­la­stung wur­de hier schon beim Ein­zug aus­ge­reizt, im Unter­ge­schoss muss­ten zusätz­li­che Stütz­bal­ken ein­ge­zo­gen wer­den. In einem vier­ten Büro ist Schrö­ders Westen-Kol­lek­ti­on unter­ge­bracht, die er auf Insta­gram vertickt.

All die­se Immo­bi­li­en will sich nun der Haus­halts­aus­schuss ent­schä­di­gungs­los unter den Nagel rei­ßen. Büro­bon­ze Braun ist sich sicher, dass sie schnell neue Mie­ter fin­den wer­den. Immer­hin tum­meln sich in Ber­lin noch genü­gend Olig­ar­chen, die auf Schrö­der-Reli­qui­en scharf sind.

Sor­gen berei­ten Braun­bär nur zwei wei­te­re Büros, die Schrö­der bezo­gen hat. Der Kanz­ler der Ölfel­der hat dort stark umge­baut, sodass sie wohl erst nach grö­ße­ren Sanie­rungs­ar­bei­ten auf den Markt kom­men kön­nen. So ist das soge­nann­te Russ­land-Zim­mer eine Mischung aus sta­li­ni­sti­scher Dat­scha und sibi­ri­scher Schwitz­stu­be mit Boh­len­ver­klei­dung. Auf­ge­gos­sen wird hier mit Testo­ste­ron. Schrö­der bewahrt in die­sem Raum die Gast­ge­schen­ke auf, die er aus Mos­kau mit­ge­bracht hat. Dazu gehö­ren unter ande­rem der Eis­pickel, mit dem Trotz­ki erschla­gen wur­de, eine Nowit­schok-Sprit­ze (gebraucht) und das Pferd, auf dem Putin durch die Tai­ga gerit­ten ist und das von Wla­di­mir I. per­sön­lich aus­ge­stopft wurde.

Das ande­re Pro­blem-Zim­mer wur­de von So-yeon Schrö­der-Kim auf­wen­dig umge­stal­tet. Im Ein­gangs­be­reich befin­det sich eine Dart­schei­be mit dem Por­trait von Doris Schrö­der-Kopf. Vor die­sem Hin­ter­grund berich­tet Schrö­der-Kim in ihrem täg­li­chen Pod­cast aus den Ehe­jah­ren ihrer Vor­gän­ge­rin im Amt. Zum Fen­ster hin wur­de der Raum als spi­ri­tu­el­ler Ort ein­ge­rich­tet. Vor dem Ambi­en­te einer Renais­sance-Kapel­le wer­den west­li­ches Chri­sten­tum und fern­öst­li­cher Volks­glau­be mit­ein­an­der ver­eint. So ver­an­stal­tet Schrö­der-Kim hier all­abend­lich eine Tee­ze­re­mo­nie. Dabei liest sie aus einer Nach­bil­dung vom Hei­li­gen Gral in Grün­tee­blät­tern und betet für ein Ende der Unru­hen in Gerds Verdauungsapparat.

Schrö­der hat auf die Ent­eig­nungs­plä­ne noch nicht reagiert. Die Nach­richt erreich­te ihn zwar in sei­nem Haupt­wohn­sitz in Peters­burg. Ob sie ihn aber wirk­lich erreicht hat, ist unklar. Offen ist auch, von wo aus der leben­dig­ste aller Alt­kanz­ler künf­tig arbei­ten soll. Aus Schrö­ders Wahl­hei­mat Han­no­ver heißt es, dass spon­tan kei­ne Büros frei wären. Ja, man wüss­te gar nicht, was Büros eigent­lich sind. Also sor­ry. Mög­li­cher­wei­se hat Putin noch ein Zim­mer­chen im Haus von Depar­dieu frei. Für den Über­gang könn­te es reichen.