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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Zweimal zu Decker

Zahl­reich sind die Bücher, Roma­ne und Erzäh­lun­gen, die seit den neun­zi­ger Jah­ren mit der Voka­bel Wen­de bedacht wur­den – zuwei­len gerecht­fer­tigt, oft­mals nicht. Gun­nar Deckers »Zwi­schen den Zei­ten – Die spä­ten Jah­re der DDR« ist, so scheint es mir, das Wen­de­buch schlecht­hin. Zugleich auch ist es weit mehr: ein Rück­blick sehr eige­ner Art, eine gut infor­mier­te Zeit­be­trach­tung, loy­al mit dem Land, in dem er auf­wuchs, dabei Miss­stän­de auf­zei­gend, wo es sie gab, und so den Unter­gang der DDR erklä­rend. Gun­nar Decker, von 1985 bis 1990 Phi­lo­so­phie­stu­dent an der Ber­li­ner Hum­boldt-Uni­ver­si­tät, war bei sei­ner Zeit­rei­se bedeu­ten­den Men­schen auf der Spur, ihn beein­druck­te Ste­phan Herm­lin, auch Chri­sta Wolf natür­lich, er mach­te sich mit dem Oeu­vre Ste­fan Heyms ver­traut, sei­nem kri­ti­schen Anlie­gen, Franz Füh­mann war ihm wich­tig, Hei­ner Mül­ler, Chri­stoph Hein, Jurek Becker, Klaus Schle­sin­ger und Vol­ker Braun – und zwangs­läu­fig ergab es sich, dass ihn das Wer­den und Wir­ken rus­si­scher Lite­ra­ten wie Bul­ga­kow, Ait­ma­tow, Gra­nin, Ras­pu­tin mehr als nur auf­mer­ken ließ. Decker erfährt, wie schwer sie es hat­ten, sich durch­zu­set­zen. Und lang ehe ich sein an die vier­hun­dert Sei­ten star­kes Buch aus der Hand leg­te, hat­te ich es für mich als unent­behr­lich ein­ge­stuft, eine Fund­gru­be von Erkennt­nis­sen, die sich mit mei­nen deck­ten – nur dass ich in der geschil­der­ten Zeit weit mehr Außen­sei­ter war, viel auf Rei­sen, auf See und anders­wie. Decker, das war unschwer deut­lich, steck­te stets mit­ten­drin: In der Bücher­welt, der Thea­ter­welt, dem täg­li­chen DDR-Gesche­hen, dem Auf und Nie­der jener Jah­re, er wuss­te um die Zwi­stig­kei­ten der Obe­ren und den dar­aus resul­tie­ren­den wirt­schaft­li­chen Rück­schlä­gen – sie gin­gen ihn an, er war betei­ligt. Die­ses Betei­ligt­sein mani­fe­stiert sich durch­weg. Das macht sei­ne Tex­te so pla­stisch, macht sie nach­er­leb­bar. Die Schrift­stel­ler, Maler, Thea­ter­leu­te, die Decker her­vor­hebt, waren auch mir ver­traut, ihre Lei­stun­gen jedoch nicht so umfas­send wie ihm. Das wuss­te ich seit dem Mau­er­fall nach­zu­ho­len, dar­um dräng­te es mich schon wäh­rend des Lesens von »Zwi­schen den Zei­ten«, an Decker zu schrei­ben, dass ich sein Buch über­zeu­gend und fair fand, gewin­nend auch durch den Schreib­stil, sei­ne knap­pe, prä­zi­se Art, dem »schö­nen Trotz«, der dem Geschrie­be­nen inne­wohnt. Kurz­um, dass sein Buch mich bis zum Schluss zu fes­seln vermochte.

Wal­ter Kaufmann

 

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Gun­nar Decker wider­legt mit sei­nem Buch die all­ge­mein ver­brei­te­te Auf­fas­sung, nach der Bier­mann-Affä­re habe es in der DDR-Kunst nichts Nen­nens­wer­tes mehr gege­ben. Er beschreibt im Gegen­teil dazu den Hoff­nungs­ge­winn, den Pere­stroi­ka und Glas­nost in den Köp­fen vie­ler Künst­ler aus­lö­ste und – das beson­ders Gute dar­an – er sieht den Zusam­men­hang mit den in den Sowjet­uni­on geschaf­fe­nen Wer­ken, bei­spiels­wei­se von Daniil Gra­nin, Valen­tin Ras­pu­tin, den Stru­gatz­kis und ande­ren. Da wur­den Mensch­heits­fra­gen neu und anders gestellt, kri­ti­sche Posi­tio­nen bezo­gen, wie anders als in der Rea­li­tät Sozia­lis­mus durch­setz­bar sei. Welch ein Reich­tum an Ideen und Vor­schlä­gen, die lei­der durch die herr­schen­de Kul­tur­po­li­tik eher unter­drückt als geför­dert wur­den. Gut, dass Decker dar­an erinnert!

Die­se Vor­zü­ge trö­sten mich ein biss­chen dar­über hin­weg, dass die Aus­wahl der behan­del­ten Wer­ke sehr sub­jek­tiv aus­fällt und so manch inter­es­san­ter sowje­ti­scher Film oder wich­ti­ges DDR-Buch fehlt, wäh­rend mir ande­res vor allem unter dem Aspekt »Was hat es doch alles gege­ben!« erscheint.

Chri­stel Berger

Gun­nar Decker: »Zwi­schen den Zei­ten Die spä­ten Jah­re der DDR«, Auf­bau Ver­lag, 432 Sei­ten, 28 €