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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Zwischen schwarz und weiß

Auf über 300 Buch­sei­ten »Hel­mut Schmidt am Kla­vier«. Da denkt man gleich an eine blu­mig-wort­rei­che Ver­klä­rung eines bedeu­ten­den Poli­ti­kers. Das ist es auch, was der Erzie­hungs­wis­sen­schaft­ler Rei­ner Leh­ber­ger ein Stück weit bio­gra­fisch lie­fert: über die Kind­heit mit den Anfän­gen des Kla­vier­spiels, die Licht­wark­schu­le in Ham­burg, wo er sei­nen ersten Auf­tritt am Kla­vier hat­te, die musi­sche Atmo­sphä­re im alles ande­re als unpo­li­ti­schen Künst­ler­dorf Fischer­hu­de, den Orgel­un­ter­richt mit­ten im Krieg am Klind­worth-Schar­wen­ka-Kon­ser­va­to­ri­um bis zu sei­nen »Haus­kon­zer­ten« von 1975 bis 1982 mit nam­haf­ten Inter­pre­ten und anspruchs­vol­len Pro­gram­men. Dazu kom­men sei­ne Freund­schaf­ten mit Yehu­di Menu­hin, Leo­nard Bern­stein, Her­bert von Kara­jan, Chri­stoph Eschen­bach und Justus Frantz sowie sei­ne öffent­li­chen Auf­trit­te als Kanz­ler in Mozarts Kon­zert für drei Kla­vie­re und in Bachs Kon­zert für vier Kla­vie­re, wobei er jeweils den ein­fach­sten Part über­nahm. Trotz­dem ist es schon bemer­kens­wert und hoch inter­es­sant, welch enge Bin­dung sowohl er als auch Ehe­frau Loki zur Musik hatten.

Der Autor, Jahr­gang 1948, ist Pro­fes­sor i. R. an der Uni­ver­si­tät Ham­burg. Er kennt die Ehe­leu­te Schmidt als Pri­vat­per­so­nen, seit ihn die Päd­ago­gin Loki Schmidt Ende der 1990er Jah­re gebe­ten hat­te, mit ihr zusam­men eini­ge erzie­hungs­ge­schicht­li­che The­men zu bear­bei­ten. Unter bei­der Autoren­schaft ent­stand 2002 das Buch »Früch­te der Reform­päd­ago­gik«. Von 2005 bis 2018 erschie­nen von Leh­ber­ger drei Bücher über Loki Schmidt und eins über »die Schmidts«, alles Best­sel­ler, wie es auf dem Klap­pen­text heißt.

Zwi­schen Rei­ner Leh­ber­ger und dem Ehe­paar hat­te sich über die Zeit ein freund­schaft­li­ches Ver­hält­nis her­aus­ge­bil­det. Alle Bücher waren zum einen unter enger Betei­li­gung der bei­den ent­stan­den, zum ande­ren mit Hil­fe von Hel­mut Schmidts eige­nen Ver­öf­fent­li­chun­gen in Buch- oder Auf­satz­form. 38 Titel davon sind im Lite­ra­tur­ver­zeich­nis auf­ge­führt. Das von Schmidt selbst auf­ge­bau­te Archiv mit sei­ner Foto­samm­lung in 312 Alben stand ihm voll zur Verfügung.

Über einen Poli­ti­ker zu schrei­ben oder zu reden, geht nicht ohne Poli­tik. So wer­den par­al­lel immer wie­der die poli­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen dar­ge­stellt, sei es in der Kind­heit und Jugend, als Gershwins »Sum­mer­ti­me« und Swing ver­bo­ten waren, aber »ihm eine neue Welt« eröff­ne­ten. Gera­de für die Zeit bis zum Kriegs­en­de aber deckt Leh­ber­ger Unge­reimt­hei­ten in Schmidts Selbst­zeug­nis­sen auf. Die betref­fen vor allem sei­ne Wahr­neh­mung der Juden­ver­fol­gung. So behaup­tet er, man habe über die nicht-ari­sche Her­kunft von Fräu­lein Sing­ton, sei­ne Kla­vier­leh­re­rin, in der Fami­lie nichts gewusst. Als sie jedoch als Jüdin ihren Beruf nicht mehr aus­üben durf­te, lie­ßen die Schmidts sie wei­ter bei ihnen zu Hau­se unter­rich­ten. Selbst sei­nen 1935 ver­stor­be­nen jüdi­schen Groß­va­ter Lud­wig Gum­pel, einen Ban­kier, habe er bis in die 70er Jah­re ver­schwie­gen. Dabei hat Groß­mutter Hed­wig 1944 auf den Ver­fol­gungs­druck hin den Frei­tod gewählt, wäh­rend Sohn Max noch emi­grie­ren konn­te. Ähn­li­che Bei­spie­le fin­den sich meh­re­re. Dass der geschichts­be­wuss­te Schmidt davon wirk­lich nichts gewusst habe, bezwei­felt der Autor. Bei einer Lesung in Bad Saa­row sag­te er, dass der Kanz­ler dazu kei­ne Erklä­rung hat­te. »Ich will jedoch kei­ne Vor­wür­fe machen«, so Rei­ner Leh­ber­ger, »es war eine schwie­ri­ge Zeit. Ich will nur dar­auf auf­merk­sam machen.« Loki habe ihm gestan­den: »Wir haben uns durch die Nazi­zeit so durch­ge­wursch­telt.« Das Paar gehör­te also so wie der größ­te Teil der Bevöl­ke­rung nicht zu den Hel­den gegen den Nazi­staat, nicht zu den Widerstandskämpfern.

Hel­mut Schmidt hat sich nach 1945 ein­deu­tig mit Freund­schaf­ten, unter ande­ren zu Yehu­din Menu­hin, der im KZ Ber­gen-Bel­sen inter­niert war, zu Men­schen jüdi­scher Her­kunft bekannt, aber eben­so Her­bert von Kara­jan, der in der NSDAP war, ver­ehrt. Auch eine Unge­reimt­heit? Das Buch gibt ein authen­ti­sches Bild von einem Men­schen, der, aus ein­fa­chen sozia­len Ver­hält­nis­sen kom­mend, als Poli­ti­ker bis an die Spit­ze eines Staa­tes gelang­te und dabei Mensch blieb mit allen Unge­reimt­hei­ten zwi­schen schwarz und weiß.

Rei­ner Leh­ber­ger: Hel­mut Schmidt am Kla­vier. Ein Leben mit Musik. Mit vie­len bis­lang unver­öf­fent­lich­ten Fotos und Doku­men­ten. Ham­burg 2021, Hoff­mann und Cam­pe, 436 S., 24 €.