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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Zwischen Wahn und Wirklichkeit

Seit dem Über­fall auf die Ukrai­ne fra­gen sich die Men­schen nicht nur, wie die Waf­fen zum Schwei­gen gebracht wer­den kön­nen, son­dern sie rät­seln auch über die Grün­de, die den rus­si­schen Prä­si­den­ten Putin bewo­gen haben, die Bestie Krieg von der Ket­te zu las­sen. Was wir zu hören bekom­men haben, reicht nicht aus, dem Angriff auch nur den Schim­mer einer Berech­ti­gung zu geben. Inzwi­schen hat sich die Situa­ti­on so zuge­spitzt, dass die Welt damit rech­nen muss, in einem ato­ma­ren Infer­no unterzugehen.

»Ich glau­be, das ist ein Krieg, den man hät­te ver­hin­dern kön­nen«, ant­wor­te­te der ehe­ma­li­ge Lei­ter der Abtei­lung für Russ­land-Ana­ly­sen beim ame­ri­ka­ni­schen Geheim­dienst CIA, Geor­ge Bee­be, auf eine ent­spre­chen­de Fra­ge der Süd­deut­schen Zei­tung vom 12. Okto­ber 2022. Die USA und die Nato hät­ten vor dem Aus­bruch der Kämp­fe die Gele­gen­heit gehabt, einen Kom­pro­miss zu fin­den, was die Nato-Mit­glied­schaft der Ukrai­ne oder auch nur eine star­ke mili­tä­ri­sche Part­ner­schaft mit den USA betreffe.

Prä­si­dent Ken­ne­dy habe es als wich­tig­ste Leh­re der Kuba-Kri­se von 1962 bezeich­net, dass die Füh­rer von Nukle­ar­mäch­ten sich nicht gegen­sei­tig in die Lage brin­gen dür­fen, dass es nur noch die Wahl zwi­schen Demü­ti­gung und Atom­krieg gebe. Ken­ne­dy habe damals mili­tä­ri­sche Stär­ke mit Diplo­ma­tie gepaart. Momen­tan gebe es auf bei­den Sei­ten kei­ne gro­ße Bereit­schaft, einen diplo­ma­ti­schen Weg zu fin­den, fuhr Bee­be fort.

Er habe den Ein­druck, dass Putin davon über­zeugt sei, dass die Ver­ei­nig­ten Staa­ten nicht nur dar­auf aus sei­en, Russ­land auf dem Schlacht­feld zu besie­gen, »son­dern Russ­land als Groß­macht­ri­va­len ganz zu eli­mi­nie­ren«. Putin glau­be, dass die Kon­se­quen­zen für Russ­land im Moment exi­sten­ti­ell sei­en. »Wir im Westen hal­ten das für para­no­id, für ver­rückt, für über­trie­ben. Aber das ändert nichts dar­an, dass die Rus­sen das glau­ben und dem­entspre­chend han­deln. Das heißt, dass wir uns in einer sehr, sehr gefähr­li­chen Situa­ti­on befinden.«

Ganz aus der Luft gegrif­fen sind die Exi­stenz­äng­ste der Rus­sen nicht. Nach Über­zeu­gung des fran­zö­si­schen Phi­lo­so­phen Éti­en­ne Bali­bar zielt die durch den Krieg ver­stärk­te Russo­pho­bie nicht nur auf Russ­land als Staat, son­dern auch auf die rus­si­sche Kul­tur und die Spra­che, wie die Ver­ban­nung nam­haf­ter Künst­ler aus der inter­na­tio­na­len Kul­tur­sze­ne inzwi­schen gezeigt hat. Das rus­si­sche Volk sei nicht mit dem Putin-Regime iden­tisch. Des­halb müs­se die Russo­pho­bie bekämpft wer­den. Einen Kom­pro­miss mit dem Putin-Regime hält Bali­bar für unmög­lich. Der Inter­na­tio­na­lis­mus sei not­wen­di­ger denn je, wir­ke aber alar­mie­rend ent­waff­net. »Wir müs­sen die Kam­pa­gne gegen Atom­waf­fen fort­set­zen und jede Gele­gen­heit nut­zen, die Vor­stel­lung einer ande­ren Welt­ord­nung zu ver­tre­ten« (Blät­ter fürdeut­sche und inter­na­tio­na­le Poli­tik 8/​2022).

Einen wesent­li­chen Schritt wei­ter geht der in der Frie­dens­be­we­gung ange­se­he­ne deut­sche Poli­tik­wis­sen­schaft­ler und Mit­her­aus­ge­ber der Blät­ter, Claus Leg­ge­wie. In Heft 7/​2022 sei­nes Haus­or­gans for­dert er »die Ent­fer­nung Wla­di­mir Putins von der Spit­ze der rus­si­schen Atom­macht«. Ein Regime­wech­sel in Mos­kau sei »unum­gäng­lich, wenn es Frie­den in der Ukrai­ne, in Euro­pa und in der Welt geben« sol­le. Putin gehö­re vor den inter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hof und als Kriegs­ver­bre­cher von der Welt­ge­mein­schaft für alle Zeit geächtet.

Den Ein­wand, dass eine krie­ge­ri­sche Attacke auf die rus­si­sche Föde­ra­ti­on die Gefahr einer ato­ma­ren Eska­la­ti­on her­auf­be­schwö­re, lässt Leg­ge­wie nicht gel­ten. Nie­mand sei der Auf­fas­sung, man kön­ne oder sol­le Putin mit direk­ter mili­tä­ri­scher Gewalt aus dem Kreml ent­fer­nen. Sein Abgang wür­de allein durch eine nicht mehr als Sieg zu ver­kau­fen­de Nie­der­la­ge der rus­si­schen Armee in der Ukrai­ne besiegelt.

In der­sel­ben Aus­ga­be der Blät­ter hält der deut­sche Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Her­fried Münk­ler sei­nem Kol­le­gen Leg­ge­wie ent­ge­gen, dass die voll­stän­di­ge mili­tä­ri­sche Nie­der­rin­gung einer Atom­macht zu kei­ner Zeit im Bereich des Mög­li­chen gele­gen habe. Sie kön­ne nicht von außen erzwun­gen wer­den, son­dern müs­se aus dem Inne­ren her­aus erfol­gen. Dazu kön­ne es durch­aus kom­men, etwa wenn rus­si­sche Sol­da­ten mas­sen­haft die ihnen erteil­ten Befeh­le ver­wei­gern oder die Spit­zen des Sicher­heits­ap­pa­ra­tes nicht län­ger bereit sei­en, Putins rui­nö­sem Kurs wei­ter zu fol­gen. Auf all das habe der Westen jedoch nur indi­rek­ten Ein­fluss, und dabei soll­te er es auch belas­sen. Mit dem Pro­jekt eines Regime­wech­sels gehe man ein unkon­trol­lier­ba­res Risi­ko ein, so wün­schens­wert es wäre, dass der »noto­ri­sche Stö­ren­fried im Osten Euro­pas« verschwände.

Es bedarf kei­ner gro­ßen Fan­ta­sie, um sich vor­zu­stel­len, wel­che Unru­he die­se Gedan­ken­spie­le in den Köp­fen der Bera­ter des Prä­si­den­ten der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on her­vor­ru­fen, zumal, da sie mit den in der Ukrai­ne ver­brei­te­ten Wün­schen und Hoff­nun­gen kor­re­spon­die­ren. »Im öffent­li­chen Dis­kurs der Ukrai­ne ist die Über­zeu­gung zen­tral«, schreibt die ukrai­ni­sche Poli­tik­wis­sen­schaft­le­rin Tatia­na Zhurz­hen­ko in Heft 6/​2022 der in Ber­lin erschei­nen­den Blät­ter für deut­sche und inter­na­tio­na­le Poli­tik, »dass es sich beim gegen­wär­ti­gen Krieg nicht ein­fach um eine mili­tä­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zung han­delt, son­dern um einen zivi­li­sa­to­ri­schen Kon­flikt um Euro­pa«. Der Sieg der Ukrai­ne set­ze ein Frie­dens­ab­kom­men vor­aus, das nicht nur eine Pau­se vor der näch­sten Kon­fron­ta­ti­on gewäh­re. Es müs­se eine Welt schaf­fen, in der Russ­land kei­ne Bedro­hung mehr dar­stel­le. Die Lösung lau­fe auf eine Ent­mach­tung Putins hinaus.

Wei­ter heißt es in dem Auf­satz: »Für vie­le ukrai­ni­sche Kom­men­ta­to­ren ist die wich­tig­ste Vor­aus­set­zung für einen sta­bi­len Frie­den, dass Russ­land sich von der Vor­stel­lung eines Impe­ri­ums ver­ab­schie­det, Nach Auf­fas­sung des ukrai­ni­schen Histo­ri­kers Jaros­lav Hrytsak soll­te in der neu­en Ord­nung Russ­land sei­ne Vor­stel­lung auf­ge­ben, eine eigen­stän­di­ge, beson­de­re Zivi­li­sa­ti­on zu sein, und end­lich ein nor­ma­les Land wer­den, das als Nukle­ar­macht unter inter­na­tio­na­le Kon­trol­le gestellt wird.«

Die ein­gangs zitier­ten Befürch­tun­gen Putins kom­men ganz offen­sicht­lich nicht aus dem hoh­len Bauch. Ob sie jemals wahr wer­den, steht auf einem ande­ren Blatt. Nicht von unge­fähr hat sich der ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent Biden in einem pro­gram­ma­ti­schen Arti­kel für die New York Times vom 31.5.2022 von dem Satz distan­ziert, den er am 28. März 2022 in War­schau auf Putin bezo­gen zum Besten gege­ben hat: »For God’s sake, this man can­not remain in power.«