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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Eine außergewöhnliche Christin

Als in Ber­lin im Herbst 1989 die Mau­er fiel und es zu den ersten schüch­ter­nen Kon­takt­ver­su­chen zwi­schen den Wis­sen­schaft­ler­kol­le­gen in Ost- und West­ber­lin kam, war es bei den­je­ni­gen, die sich in irgend­ei­ner Hin­sicht mit Afri­ka befass­ten, nicht anders. Immer­hin gab es in der heu­ti­gen deut­schen Haupt­stadt damals auf bei­den Sei­ten der Mau­er Lin­gu­isten, Eth­no­gra­phen und Eth­no­lo­gen, Ent­wick­lungs­so­zio­lo­gen, Afri­ka- und Kolo­ni­al­hi­sto­ri­ker, Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler und Geo­lo­gen, auf Afri­ka bezo­ge­ne Archäo­lo­gen, Poli­tik­wis­sen­schaft­ler, Geo­gra­fen, Reli­gi­ons- und Mis­si­ons­wis­sen­schaft­ler, Land­wirt­schafts­ex­per­ten und Ver­tre­ter vie­ler ande­rer Dis­zi­pli­nen, die die man­nig­fa­chen Pro­ble­me des afri­ka­ni­schen Kon­ti­nents als For­schungs­the­ma bearbeiteten.

Es kam zu ersten per­sön­li­chen Kon­tak­ten, die zum Teil in Teams eine Fort­set­zung fan­den. Dabei konn­te fest­ge­stellt wer­den, dass – wie es ein­mal der Direk­tor des Afri­ka-Insti­tuts in Ham­burg mir gegen­über äußer­te – man im Westen eher wüss­te, was die Kol­le­gen in Japan für afri­ka­be­zo­ge­ne For­schungs­the­men ver­folg­ten, als die »ande­ren Deut­schen« öst­lich der Elbe. Das konn­te man bei sol­chen Zusam­men­tref­fen der nun staat­lich ver­ein­ten Ver­tre­ter der afri­ka­wis­sen­schaft­li­chen Dis­zi­pli­nen in Ber­lin bestä­tigt finden.

Die mei­sten der Ost­ber­li­ner Afri­ka­wis­sen­schaft­ler hat­ten vor dem Mau­er­fall es wenig­stens ver­sucht, zu ver­fol­gen, was die Kol­le­gen auf der ande­ren Sei­te der Mau­er forsch­ten und publi­zier­ten. Bei den Besu­chen in West­ber­li­ner Biblio­the­ken nut­zen vie­le sogar ent­ge­gen den Direk­ti­ven die Gele­gen­heit, um Kol­le­gen von der ande­ren Sei­te der Mau­er in ihren Insti­tu­tio­nen auf­zu­su­chen und mit ihnen ins Gespräch zu kom­men. Übri­gens gab es mehr »ter­mi­nier­te aka­de­mi­sche Mau­er­gän­ger«, als gemein­hin ange­nom­men wird, denn die DDR ver­füg­te nicht über die Devi­sen, um in allen Dis­zi­pli­nen auf dem neue­sten Stand der wis­sen­schaft­li­chen For­schung zu blei­ben, sodass rela­tiv vie­le Ost­ber­li­ner Wis­sen­schaft­ler das Pri­vi­leg genos­sen, in West­ber­li­ner Biblio­the­ken arbei­ten zu können.

In umge­kehr­ter Rich­tung gab es sol­che Kon­takt­ver­su­che kaum. Mag es dar­an gele­gen haben, wie der West­ber­li­ner Nestor der Afri­ka-Poli­tik­wis­sen­schaf­ten Franz Anspren­ger in einem Rund­tisch­ge­spräch mit ost­deut­schen Afri­ka­wis­sen­schaft­lern nach der deut­schen Ver­ei­ni­gung zu deren gro­ßen Erstau­nen mit­teil­te, dass auch »wir (…) als Beam­te (…), wenn wir aus West-Ber­lin in Ost­block­staa­ten, natür­lich auch in die DDR, fuh­ren, dar­über berich­ten« soll­ten? Eini­ge Kol­le­gen, vor allem von der Frei­en Uni­ver­si­tät, stell­ten ihre eige­ne Igno­ranz der ost­deut­schen Afri­ka­for­schun­gen mit eini­gem Stau­nen bei Kaf­fee- oder Bier­run­den fest, wäre für sie doch so eine »Kon­takt­auf­nah­me« den­noch ungleich kom­pli­ka­ti­ons­lo­ser gewe­sen als für Ber­li­ner Kol­le­gen aus dem Osten. Nach­dem dies fest­ge­stellt wor­den war, ent­schie­den sich eini­ge der jün­ge­ren Wis­sen­schaft­ler aus bei­den Tei­len Ber­lins, dass man sich nicht nur per­sön­lich bes­ser ken­nen­ler­nen soll­te, son­dern eben­so die For­schungs­the­men aller Ber­li­ner Kol­le­gen. Es wur­de eine »Ring­vor­le­sung« zum The­ma »Afri­ka in histo­ri­scher Per­spek­ti­ve« ins Leben geru­fen, die an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät statt­fand und an der jeder in Ber­lin ansäs­si­ge Afri­ka­wis­sen­schaft­ler ein oder zwei Vor­trä­ge zu sei­nem kon­kre­ten – mehr oder min­der popu­lär ver­pack­ten – Arbeits- und For­schungs­ge­biet hal­ten konn­te. Die Idee fand an allen Uni­ver­si­tä­ten, Hoch- und Fach­schu­len Ber­lins sowie an dor­ti­gen rele­van­ten außer­uni­ver­si­tä­ren Insti­tu­ten gro­ßes Inter­es­se; und zwar so stark, dass zuwei­len kurz­fri­stig in grö­ße­re Vor­le­sungs­sä­le umge­zo­gen wer­den muss­te. Damals, also in der ersten Hälf­te der 1990er-Jah­re, hat­ten in der deut­schen Haupt­stadt noch so vie­le Afri­ka­wis­sen­schaft­ler gear­bei­tet, dass vier Seme­ster lang Vor­le­sun­gen durch­ge­führt wer­den konn­ten. Heu­te hät­te man auf die­se Wei­se ver­mut­lich gera­de ein­mal ein Seme­ster lang für so ein Pro­jekt Ber­li­ner Per­so­nal zur Verfügung.

Eine der Vor­tra­gen­den in unse­rer Afri­ka-Vor­le­sungs­rei­he war die Ost­ber­li­ner »Kir­chen­frau« Eli­sa­beth Adler, die zumin­dest den Histo­ri­kern, Poli­tik- und Mis­si­ons­wis­sen­schaft­lern bekannt war. Sie sprach über »Christ­li­chen Wider­stand gegen das Apart­heid­sy­stem in Süd­afri­ka von 1948 bis zur Gegen­wart«. Ins­be­son­de­re ihre in der DDR erschie­ne­nen Bücher, so »Wie lan­ge noch?« (1982) und die Bio­gra­fie von Des­mond Tutu (1985) wur­den auch von nicht reli­gi­ös gebun­de­nen Afri­ka­wis­sen­schaft­lern in Ost und West geschätzt.

Die durch prak­ti­sche Bei­spie­le aus­zeich­nen­de Vor­le­sung von Eli­sa­beth Adler hat­te beson­ders den Stu­den­ten sehr gefal­len, wovon die anschlie­ßen­den Dis­kus­sio­nen Zeug­nis ableg­ten. Beim dar­auf­fol­gen­den Abend­essen mit den Orga­ni­sa­to­ren und wei­te­ren Kol­le­gen teil­te sie mit, dass dies die erste Ein­la­dung zu einer Vor­le­sung an einer ost­deut­schen Uni­ver­si­tät gewe­sen sei. War­um dies so gewe­sen ist, dar­über mut­maß­te sie nicht. Aus heu­ti­ger Sicht ist dies schier unverständlich.

Das geschil­der­te Ereig­nis blieb lan­ge Zeit mei­ne ein­präg­sam­ste Erin­ne­rung an Frau Adler. Bis nun das hier vor­zu­stel­len­de Buch erschien, wel­ches Ein­blicke in Leben und Wir­ken von ihr erlaubt.

Nach ihrem beruf­li­chen Start als Rei­se­se­kre­tä­rin in der Geschäfts­stel­le der Ber­li­ner Stu­den­ten­ge­mein­de, wo sie ihre ersten inter­na­tio­na­len Kon­tak­te knüp­fen konn­te, begann im Jah­re 1956 ihre Tätig­keit als Stu­di­en­lei­te­rin in der Evan­ge­li­schen Aka­de­mie von Ost­ber­lin. Drei Jah­re spä­ter wur­de sie Lei­te­rin des Euro­pa-Refe­rats des Christ­li­chen Stu­den­ten-Welt­bun­des in Genf. Wei­te­re Funk­tio­nen und Mit­glied­schaf­ten in Insti­tu­tio­nen der öku­me­ni­schen Bewe­gung folg­ten. Ab 1967 war sie Lei­te­rin der inzwi­schen ver­selb­stän­dig­ten Evan­ge­li­schen Aka­de­mie im Osten Ber­lins. Wie auch schon zuvor, enga­gier­te sie sich in die­ser Funk­ti­on ver­stärkt für die kirch­li­che Soli­da­ri­täts­ar­beit vor allem mit den im Süden Afri­kas agie­ren­den Befrei­ungs­or­ga­ni­sa­tio­nen ANC und SWAPO. Ihr uner­müd­li­ches Enga­ge­ment gegen Ras­sis­mus und Apart­heid blieb zeit­le­bens eines ihrer wich­tig­sten Anlie­gen als Chri­stin. Dafür ern­te­te sie oft­mals Kri­tik von eini­gen west­deut­schen Kir­chen­funk­tio­nä­ren, wie aus dem vor­zu­stel­len­den Buch hervorgeht.

Durch ihr Ein­tre­ten für die Men­schen­rech­te wur­de ihr vor allem Aner­ken­nung von den Bewoh­nern des glo­ba­len Südens sowie von den­je­ni­gen, die an ihrer Sei­te stan­den, ent­ge­gen­ge­bracht. Und die Geschich­te hat Eli­sa­beth Adler Recht gege­ben, als nach der Been­di­gung des Ost-West-Kon­flikts im Süden Afri­kas der ANC-Füh­rer Nel­son Man­de­la frei­ge­las­sen wur­de und er und sei­ne zur Par­tei gewan­del­te Orga­ni­sa­ti­on die ersten frei­en Wah­len in Süd­afri­ka gewan­nen. Eine ande­re, heu­te nicht mehr zu beant­wor­ten­de Fra­ge ist, wie sie auf die gegen­wär­ti­ge Ent­wick­lung in Süd­afri­ka reagiert hät­te, wo sich eine zum Teil außer­or­dent­lich kor­rup­te schwar­ze Eli­te auf Kosten der Mas­se der Bevöl­ke­rung bereichert.

Nicht alles, was Eli­sa­beth Adler im Lau­fe ihres Lebens geschrie­ben hat, ist auch zeit­gleich ver­öf­fent­licht wor­den. Die­se und ande­re Schrift­stücke, die eigent­lich nicht für den Druck vor­ge­se­hen waren, ver­die­nen es, der Nach­welt zur Kennt­nis gege­ben und bewahrt zu wer­den. Aus sol­chen Doku­men­ten besteht das vor­zu­stel­len­de Buch. Selbst konn­te sie die­se Arbeit nicht mehr lei­sten. Statt ihrer haben sich ehe­ma­li­ge Weg­be­glei­ter die­ser Auf­ga­be gestellt und ent­spre­chen­des Mate­ri­al gesam­melt, wel­ches aus dem schrift­li­chen Nach­lass der Prot­ago­ni­stin stammt und nun eine Art »Eli­sa­beth-Adler-Kom­pen­di­um« bil­det, gemein­sam mit Doku­men­ten, die in Archi­ven und im Pri­vat­be­sitz gefun­den wor­den sind, sowie Arti­keln aus Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten. Die­se Mate­ria­li­en ver­mit­teln über­zeu­gen­de Ein­blicke in die Gedan­ken, die Arbeit und das Wir­ken einer bemer­kens­wer­ten Frau, die sowohl in der Geschich­te der welt­wei­ten Öku­me­ne als auch in der Kir­chen­ge­schich­te der DDR sicht­ba­re Spu­ren hin­ter­las­sen hat. Rich­tig heißt es auf dem Cover des Buches: »In ihrem Wir­ken spie­gelt sich die welt­wei­te Geschich­te des Öku­me­ni­schen Rates der Kir­chen eben­so wider wie die Geschich­te der Evan­ge­li­schen Kir­chen in der DDR

Für den Rezen­sen­ten steht, wie wohl für nicht weni­ge Leser aus den ost­deut­schen Bun­des­län­dern, neben ihrem Wir­ken in der öku­me­ni­schen Bewe­gung der Ver­dienst Adlers im Vor­der­grund, die Chri­sten in der DDR ermu­tigt zu haben, sich für die »Kir­che im Sozia­lis­mus« zu enga­gie­ren. Dies wird noch ein­mal sehr deut­lich in ihrem letz­ten Inter­view, wel­ches sie Gün­ter Kru­sche kurz vor ihrem Tod gab und das nun hier als letz­tes von etwa zwei Dut­zend Doku­men­ten zum Abdruck gelangt ist. Den Her­aus­ge­bern ist ins­ge­samt gelun­gen, was die Ein­lei­tung des Buches ver­spricht: »Ihr Leben als Bür­ge­rin der DDR und ihr soli­da­ri­sches Enga­ge­ment in die­ser Gesell­schaft« (S. 12) spie­geln sich in den hier prä­sen­tier­ten Doku­men­ten wider.

Eli­sa­beth Adler ver­starb am 15. Janu­ar 1997. Die Her­aus­ge­ber lie­ßen sich nach eige­nen Wor­ten in der Ein­lei­tung von der Über­zeu­gung lei­ten, dass Erin­ne­rung unver­zicht­bar ist, um Zukunft zu gestal­ten, und möch­ten des­halb, dass Eli­sa­beth Adlers Leben und Den­ken nicht ver­ges­sen wird. Sie haben dafür einen wert­vol­len Bei­trag geleistet.

 Freun­de des Hen­drik-Kraemer-Haus e. V. (Hrsg.): »… dass du wie­der jung wirst wie ein Adler«. Tex­te von Eli­sa­beth Adler aus Aka­de­mie, Öku­me­ne und kirch­li­che Pra­xis, Erev-Rav Ver­lag, Wol­ters­bur­ger Müh­le 2022.