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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die Göttinger Warnung bleibt gültig

Am 10. März 2002 ver­öf­fent­lich­te die Los Ange­les Times Pla­nun­gen der USA, die Schwel­le für einen Ein­satz von Atom­waf­fen gra­vie­rend zu sen­ken, so auch »bei einer über­ra­schen­den mili­tä­ri­schen Lage«. Mini Nukes sol­len als Gefechts­feld­waf­fen zur Kriegs­füh­rung und als Erst­schlag­waf­fen auch gegen Nicht-Atom­mäch­te genutzt wer­den. Schon vor 65 Jah­ren behaup­te­te Bun­des­kanz­ler Kon­rad Ade­nau­er, es sei­en Atom­waf­fen denk­bar, die einer wei­ter­ent­wickel­ten Artil­le­rie ähnel­ten. Das wur­de und wird von den Atom­wis­sen­schaft­lern geleug­net. Heu­te gibt es laut vor eini­gen Jah­ren erschie­ne­nen Berich­ten der »Inter­na­tio­na­le Ärz­te für die Ver­hü­tung des Atom­kriegs« (IPPNW) »Mini«-Nuklearbomben mit einer Spreng­kraft von min­de­stens 5 Kilo­ton­nen TNT. Die Hiro­shi­ma-Bom­be ent­fal­te­te eine Spreng­kraft von 12,5 Kilo­ton­nen TNT. Eine sol­che 5-Kilo­ton­nen-Mini-Atom­bom­be wür­de IPPNW zufol­ge eine Umge­bung von rund ein­ein­halb Kilo­me­tern um das Ziel stark radio­ak­tiv ver­seu­chen. Dar­über hin­aus kann der radio­ak­ti­ve Staub je nach Wet­ter­la­ge vom Wind kilo­me­ter­weit getra­gen wer­den und eine Viel­zahl von Krebs­fäl­len und Erb­gut­schä­den aus­lö­sen. Auch der Hin­weis auf das tie­fe Ein­drin­gen der »Mini«-Atombomben in die Erde, wodurch die Bom­be weni­ger gefähr­lich sein soll, wird von IPPNW zurück­ge­wie­sen. Die Bom­ben sei­en bei Tests allen­falls sie­ben Meter tief ein­ge­drun­gen. Das ver­strahl­te Erd­reich wird dabei in die Luft geschleu­dert und verteilt.

Die­se Fak­ten sind heu­te weit­hin unbe­kannt. Daher folgt hier ein Nach­druck aus Tex­ten des anti­fa­schi­sti­schen Wider­stands­kämp­fers und frie­dens­po­li­tisch enga­gier­ten Schrift­stel­lers Gün­ther Wei­sen­born, die die­ser selbst ver­fass­te oder in sei­ner Arbeit ver­wand­te. Er stell­te sie mir für den Oster­marsch der Atom­waf­fen­geg­ner 1962 Ham­burg-Ber­gen-Bel­sen zur Ver­fü­gung. Gün­ther Wei­sen­borns ein­hun­dert­zwan­zig­ster Geburts­tag jähr­te sich am 10. Juli 2022. Er starb am 26. März 1969.

Das Göt­tin­ger Mani­fest der 18 Wis­sen­schaft­ler, vor 65 Jah­ren ver­öf­fent­licht, wider­sprach dem Kanz­ler Kon­rad Ade­nau­er (CDU) und ging davon aus: »Die tak­ti­schen Atom­bom­ben haben die Wir­kung nor­ma­ler Atom­bom­ben. Jede ein­zel­ne tak­ti­sche Atom­waf­fe oder Gra­na­te hat eine ähn­li­che Wir­kung wie die erste Atom­bom­be, die Hiro­shi­ma zer­stört hat.« (Das Mani­fest wur­de am 12. April 1957 in Göt­tin­gen veröffentlicht.)

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Eine Stadt voll zucken­der Menschenreste

Am 6. August 1945 /​ stand auf Oki­na­wa, gegen­über Japan /​ ein Flug­zeug start­be­reit. /​ Es befand sich an Bord des Flug­zeugs /​ die erste Atom­bom­be der Welt, /​ die auf leben­de Men­schen gezielt war.

Und dann flog der US-Bom­ber /​ durch den klar­blau­en Som­mer­him­mel /​ der Groß­stadt Hiro­shi­ma ent­ge­gen, /​ in deren Stra­ßen wim­meln­des Leben herrsch­te … /​ und als der Bom­ber nach weni­gen Minu­ten davon­flog, /​ dehn­te sich eine ver­brann­te Wüste, /​ in der es von Men­schen­re­sten zuck­te. /​ Es wur­den aber an die­sem Som­mer­mor­gen /​ über 100 000 Men­schen ver­nich­tet, /​ Weib und Kind und Mann, /​ davon an Kin­dern etwa 15.000.

Am näch­sten Tag /​ wur­de die Groß­stadt Naga­sa­ki eben­so aus­ra­diert. /​ Bis heu­te wur­den die Toten /​ ins­ge­samt eine Vier­tel­mil­li­on gezählt, /​ direk­te und indi­rek­te Opfer die­ser zwei Bomben.

Nun aber läuft eine blei­che Angst /​ durch die blü­hen­den Pro­vin­zen der Welt, und vie­le treue Söh­ne des Kon­for­mis­mus /​ erken­nen, dass man­ches nicht stimmt am gelie­fer­ten Vor­stel­lungs­sche­ma: /​ Der sich christ­lich nennt, greift zur Bom­be. /​ Der Sicher­heit sagt, wählt die Kata­stro­phe. /​ Der Frei­heit sagt, lobt den Selbst­mord. /​ Der Frie­den sagt, rüstet zum Krieg.

(Aus­zug aus Gün­ter Wei­sen­born »Göt­tin­ger Kan­ta­te«, 1958 Berlin)

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In dem Brief­wech­sel zwi­schen dem Phi­lo­so­phen Gün­ther Anders und dem Hiro­shi­ma-Pilo­ten Clau­de Eather­ly, den sie in die Psych­ia­trie steck­ten, weil er sei­ne Schuld bekann­te und vor der Bom­be warn­te, schreibt der Pilot: »Nun, nach­dem ich Ihnen über mei­ne Rol­le bei der Mis­si­on gespro­chen habe, möch­te ich Ihnen erzäh­len, dass ich den Ent­schluss gefasst habe, mein Leben der Auf­ga­be zu wei­hen, die Kriegs­ur­sa­chen zu zer­stö­ren und für die Äch­tung aller Atom­waf­fen zu kämp­fen. Dies gelob­te ich in einem Gebet. Und was in der Zukunft auch gesche­hen mag, ich weiß, dass ich drei Din­ge gelernt habe, die für immer Über­zeu­gun­gen mei­nes Her­zens und mei­nes Gei­stes blei­ben wer­den. Zu leben, selbst das här­te­ste Leben zu leben, ist der schön­ste Schatz und das wun­der­voll­ste Wun­der in der Welt« (aus Brief 42 von Clau­de Eather­ly vom 8. August 1960).

Als die Bun­des­re­gie­rung im Okto­ber 1959 die VVN ver­bie­ten las­sen woll­te, fan­den sich demo­kra­tisch gesinn­te Bür­ger zusam­men, um ein Ver­tei­di­gungs­ko­mi­tee zu orga­ni­sie­ren. Der Dich­ter und Wider­stands­kämp­fer Gün­ter Wei­sen­born war auch hier dabei. Neben die­sem demo­kra­ti­schen Kampf – in dem Wei­sen­born spä­ter noch in den Aktio­nen gegen die von der Bun­des­re­gie­rung ange­streb­ten Not­stands­ge­setz­ge­bung aktiv war – galt sein beson­de­res Augen­merk dem Wir­ken gegen den Atom­tod. In sei­nen Thea­ter­stücken the­ma­ti­sier­te er Pro­ble­me, die die Mensch­heit betra­fen. So hat­te er ein Stück über die Atom­bom­ben­ver­su­che in der Wüste von Neva­da geschrie­ben, das bis heu­te »noch immer auf einen muti­gen Regis­seur wartet«.

Die vor 65 Jah­ren ver­öf­fent­lich­te War­nung der 18 Göt­tin­ger Wis­sen­schaft­ler vor dem Atom­krieg rie­fen auch Wei­sen­born auf den Plan. Wei­sen­born, der am 30. März 1958 zu den Mit­be­grün­dern der »Akti­ons­ge­mein­schaft gegen die ato­ma­re Rüstung« gehör­te, beschloss, den Dis­kurs über die­se War­nung auf die Büh­ne zu brin­gen, um so der Kri­tik von 18 Atom­wis­sen­schaft­lern an der Atom­rü­stungs­po­li­tik der CDU/C­SU-Bun­des­re­gie­rung wei­te­re Wir­kung zu bereiten.

Sei­ne »Göt­tin­ger Kan­ta­te« wur­de mit gro­ßem Bei­fall urauf­ge­führt. Die Urauf­füh­rung fand beim SPD-Par­tei­tag vom 16.-23.Mai 1958 in Stutt­gart statt. Der SPD-Vor­sit­zen­de Erich Ollen­hau­er fand damals gro­ße Wor­te und ver­sprach die Unter­stüt­zung des Kamp­fes gegen den Atom­tod: »Ich möch­te hier ganz ein­fach sagen: Wir sind seit lan­gem nicht für eine gute Sache und in so guter Gesell­schaft auf die Stra­ße gegan­gen.« Das Par­tei­tags­pro­to­koll ver­merkt »Bra­vo« und »lang­an­hal­ten­der Bei­fall«. Und nach der abend­li­chen Auf­füh­rung schil­der­te der Dele­gier­te Har­ry Bos­se aus Hamm, dass die »Göt­tin­ger Kan­ta­te« ein­dring­lich vor Augen geführt habe, wel­che Gefah­ren drohen.

Aller­dings wur­de die­ses Stück danach öffent­lich so gut wie nicht mehr auf­ge­führt. Der Schrift­stel­ler gab in sei­nem sze­ni­schen Dis­put die Mei­nun­gen von Wis­sen­schaft­lern (Her­stel­lern) und Poli­ti­kern (Hand­ha­bern) wie­der. »Vol­kes Stim­me« wird von einem Chor dar­ge­stellt. Der Chor war eine Sing­ge­mein­schaft der Sozia­li­sti­schen Jugend »Die Fal­ken«. Im Jah­re 1960 stell­te die SPD ihren Kampf gegen die Atom­rü­stung ein.

In den Berich­ten über den Krieg in der Ukrai­ne war­nen Medi­en vor Putins Poli­tik des Spie­lens mit der Bom­be – und ver­harm­lo­sen die­se Atom­waf­fen zugleich, wie sie auch von ähn­li­chen Dro­hun­gen der USA mit nuklea­ren Waf­fen ablen­ken. Wenn Russ­land die Bom­be anwen­de, wer­den dies bloß tak­ti­sche Mini-Nukes sein. Wer will das wis­sen? Und was bedeu­ten Mini-Nukes? Sie­he oben die Ver­öf­fent­li­chung von IPPNW. Außer­dem: Nicht nur Russ­land droht mit der Bom­be, auch US-ame­ri­ka­ni­sche Mili­tär­plä­ne ent­hal­ten die­se Option.

Es bleibt die Erkennt­nis gül­tig: Ein Krieg mit Atom­waf­fen führt mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit zum Ende der Mensch­heit. Das bestehen­de Atom­waf­fen-Arse­nal hat ein Mehr­fa­ches der Zer­stö­rungs­ka­pa­zi­tät, die zum Aus­lö­schen der Mensch­heit nötig ist. Der Ein­satz soge­nann­ter tak­ti­scher Atom­waf­fen bil­det den Ein­stieg in den ganz gro­ßen Krieg.

Den­noch gibt es immer wie­der Emp­feh­lun­gen, es doch ein­mal mit Atom­waf­fen zu ver­su­chen und damit – so mei­ne ich – in die welt­wei­te Kata­stro­phe ein­zu­stei­gen. Der Exper­te für nuklea­re Krieg­füh­rung, Pro­fes­sor Lou­is René Beres, Bera­ter der Regie­run­gen in USA und Isra­el, ver­öf­fent­lich­te am 2. Febru­ar 2018 im israe­li­schen BESA-Cen­ter für Stra­te­gi­sche Stu­di­en in Tel Aviv einen Kom­men­tar zugun­sten eines ato­ma­ren Erst­schla­ges gegen den Iran. Im Schluss­ab­satz zitiert er den berühm­ten preu­ßi­schen Mili­tär-Stra­te­gen Carl von Clau­se­witz (1780-1831): »Es gibt den Fall, wo das Äußer­ste zu wagen die höch­ste Weis­heit ist.«