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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Nato II.0 made by Kiew

Ein Rück­pfiff aus dem Wei­ßen Haus in Washing­ton und selbst die sonst so wort­ge­wal­ti­ge Che­fin vom Ber­li­ner AA sah kei­ne schnel­le Chan­ce für eine beschleu­nig­te Auf­nah­me der Ukrai­ne in die Nato.

Der Natio­na­le Sicher­heits­be­ra­ter im Wei­ßen Haus, Jake Sul­li­van, gab laut Washing­ton Exami­ner vom 1. Okto­ber zu ver­ste­hen, dass das Ver­fah­ren in Brüs­sel zu einer ande­ren Zeit auf­ge­grif­fen wer­den soll­te. Alle Ent­schei­dun­gen zu einer Nato-Mit­glied­schaft sei­en Sache der Bei­tritts­kan­di­da­ten und der Mit­glie­der der Allianz.

Die deut­sche Außen­mi­ni­ste­rin leg­te nach. Man wer­de die Ukrai­ne zwar in ihrem Recht auf Selbst­ver­tei­di­gung wei­ter unter­stüt­zen, aber habe vom ersten Tag des Kriegs an auch deut­lich gemacht, dass »wir eine Ver­ant­wor­tung dafür haben, dass sich der Krieg nicht auf ande­re Län­der aus­wei­tet und die Nato nicht zum Kriegs­part­ner wird«.

Nato-Gene­ral­se­kre­tär Stol­ten­berg hielt sich gleich auf­fäl­lig diplo­ma­tisch zurück und ver­wies auf die not­wen­di­ge Ein­stim­mig­keit im Bünd­nis. Als Vor­aus­set­zung für einen Nato-Bei­tritt gilt näm­lich noch (auf Dau­er?), dass der Bei­tritts­kan­di­dat nicht in inter­na­tio­na­le Kon­flik­te und Strei­tig­kei­ten um Grenz­ver­läu­fe ver­wickelt sein darf.

Ex-Kanz­le­rin Ange­la Mer­kel gar erin­ner­te an Hel­mut Kohls diplo­ma­ti­sche Stra­te­gie im Umgang mit Russ­land und mahn­te an, dass eine euro­päi­sche Sicher­heits­ar­chi­tek­tur ohne Ein­be­zie­hung der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on undenk­bar sei.

Prä­si­dent Selen­skyj über­prüf­te als einer der vie­len Kie­wer Erfül­lungs­ge­hil­fen der US-Nato-Con­nec­tion nur ein­mal mehr, ob und wie eine Nato plus Kiew direkt zustan­de zu brin­gen wäre. Die Anfän­ge lie­gen 25 Jah­re zurück und waren mit der Nato-Ukrai­ne-Char­ta vom Juli 1997 zu Papier gebracht wor­den. 2014 gab die Ukrai­ne ihre Neu­tra­li­tät end­gül­tig auf. Prä­si­dent Poro­schen­ko steu­er­te die Ukrai­ne in Rich­tung Nato. Einer der Grün­de, wes­halb es 2014 wegen der Krim zum Kon­flikt mit Russ­land kam. Der dama­li­ge deut­sche Außen­mi­ni­ster Frank-Wal­ter Stein­mei­er riet zur Ver­nunft: »Man soll­te auf­pas­sen, dass man mit bestimm­ten Ent­schei­dun­gen nicht noch Öl ins Feu­er gießt.«

Kiew bevor­zug­te das Gegen­teil. Mit der Ände­rung der Ver­fas­sung im Febru­ar 2019 erhob die Ukrai­ne die Mit­glied­schaft in der EU und in der Nato zum Staats­ziel mit Ver­fas­sungs­rang. So steht jeder »Die­ner des Vol­kes« in der Pflicht, auch mili­tä­risch. Da ist es gleich­gül­tig, ob einem Putin als Ver­hand­lungs­part­ner gefällt oder nicht.

In das Bild passt, was der Lei­ter des Kie­wer Prä­si­di­al­am­tes, Andrij Jer­mak, am 22. August kund­gab. Die Ukrai­ne und ihre EU-Nach­bar­län­der hät­ten zur Stär­kung ihrer regio­na­len Zusam­men­ar­beit die soge­nann­te Kie­wer Initia­ti­ve gegrün­det, wobei die Zusam­men­ar­beit ande­ren Län­dern offen­ste­he. Vor allem wol­le man in Sicher­heits­fra­gen koope­rie­ren. Was unter dem Eti­kett »Nach­bar­län­der EU« fir­miert, kann ruhig als Nato II.0 made by Kiew gehan­delt wer­den. Polen, Rumä­ni­en, die Slo­wa­kei und Ungarn sowie die bal­ti­schen Staa­ten Est­land, Lett­land und Litau­en sind Nato-Ver­bün­de­te. Als direk­te Nach­barn blie­ben Bela­rus und die Rus­si­sche Föde­ra­ti­on außen vor. Womit sich die Offer­te, die Zusam­men­ar­beit ste­he ande­ren Län­dern offen, von selbst erle­digt hat.

Nach der thea­ter­rei­fen Unter­schrift des Kie­wer Antrags unter­stütz­ten die­se sie­ben plus Mon­te­ne­gro und Nord­ma­ze­do­ni­en die Auf­nah­me stan­te pede, lie­ßen aber den Zeit­punkt offen.

Wovon träumt eigent­lich Jaroslaw Kac­zyn­ski an War­schau­er Kami­nen? Frau Baer­bock bekam vor ihrem Besuch am 3. Okto­ber in Polen vom Vor­sit­zen­den der Regie­rungs­par­tei PiS eine knall­ro­te Kar­te. »Was jetzt geschieht, ist der Ver­such, einen euro­päi­schen Staat mit Deutsch­land an der Spit­ze zu schaf­fen«, erklär­te er tags zuvor im Ost­see­bad Kolo­brzeg. Polen sei damit nicht ein­ver­stan­den. Dem CDU-Vor­sit­zen­den Fried­rich Merz habe er das gleich­falls gesagt.

So betrach­tet wäre ein Platz Polens in der zwei­ten Rei­he der Kie­wer Initia­ti­ve wirk­lich unan­ge­mes­sen. Blie­be die Domi­nanz und Füh­rung im Drei­er­ver­bund mit Litau­en und der Ukrai­ne, um in Brüs­sel end­lich an Gewicht zu gewin­nen. Für die Ukrai­ne wäre es eine unge­woll­te Per­spek­ti­ve unter alter groß­pol­ni­scher Herr­schaft in einem neu­en Gewand.