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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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8. Mai-Kapriolen

Es sind oft die im Kalen­der so unauf­fäl­lig notier­ten Jubi­lä­ums-Ter­mi­ne, die dann von der Aktua­li­tät ins Gegen­teil von Inne­hal­ten gerückt werden.

Zeu­ge davon wur­de ich anläss­lich des 70. Geburts­tags des Ossietzky-Her­aus­ge­bers und frü­he­ren Madsack-Kon­zern-Betriebs­rats­vor­sit­zen­den Rai­ner Buten­schön. Dass er im fort­schritt­li­chen Nie­der­sach­sen als »bedeu­ten­de gewerk­schaft­li­che Per­sön­lich­keit« gilt, ist nicht nur der histo­risch beson­de­ren Her­kunfts-Gewerk­schaft »IG Druck«, son­dern sei­ner per­sön­li­chen, radi­ka­len Prä­zi­si­on geschul­det. Und dank die­ser Dia­lek­tik aus Abstrak­tem und Kon­kre­tem lagen beim bio­gra­fi­schen Jubi­lä­um in den Han­no­ver­schen ver.di-Höfen auch ver­schie­de­ne histo­ri­sche Fäden über­ein­an­der – beim Wie­der­se­hen all derer, die da zusam­men­sa­ßen, »vom Esel­zie­hen grau gewor­den«, »das Fell gegerbt in Niederlagen«.

Gina Pietsch gab zunächst ein Kon­zert mit Theo­do­ra­kis und Brecht. Hät­te sie da auch das alte Arbei­ter­lied vom »Roten Wed­ding« gesun­gen, wäre dar­in auch die Ber­li­ner »Schan­de der SPD« erwähnt wor­den. So aber muss­te sie per Zwi­schen­an­sa­ge auf die »Schan­de von Rot-Rot-Grün« kom­men: Am näch­sten Vor­mit­tag, dem 8. Mai – einem eben­falls wich­ti­gen »Jubi­lä­um« –, hät­te Gina näm­lich in Ber­lin am sowje­ti­schen Ehren­mal für die »Frie­dens­ko­or­di­na­ti­on« sin­gen sol­len. Dies Kon­zert war aber einen Tag zuvor abge­sagt wor­den. Der Ber­li­ner Senat hat­te einer Kund­ge­bung mit dem berüch­tig­ten ukrai­ni­schen Bot­schaf­ter Andrij Mel­nyk am sel­ben Ort den Vor­rang gegeben.

Pas­send zu die­ser »rot­grü­nen« Sumpf­bla­se hat­ten mich noch zuvor drei ver.di-Kollegen vom Neben­tisch aus­ge­lacht, mein Spott-Spot vom Vor­abend (https://weltnetz.tv/video/2651-verfuegung-vom-4-mai-2022) wäre doch Fake gewe­sen, wonach der Ber­li­ner Senat sowje­ti­sche Sym­bo­le am 8. Mai gera­de ver­bo­ten hät­te. Mit Ginas Ansa­ge zum Kon­zert­ver­bot (und pro Mel­nyk) blieb aber den Drei­en jedes Lachen im Hals stecken.

Wäh­rend­des­sen reich­te ein jun­ger Genos­se sein Han­dy mit dem Brief eines »Andrij Mel­nyk« her­um. Nein, nicht des aktu­el­len Bot­schaf­ters der Ukrai­ne, son­dern von des­sen gleich­na­mi­gem Patron. Die­ser »Andrij Mel­nyk« war näm­lich Grün­der der rechts­ex­tre­men OUN und beschwer­te sich 1942 bei sei­nem groß­deut­schen Füh­rer, dass Deutsch­land den ukrai­ni­schen Faschist*innen nicht genü­gend schwe­re Waf­fen lie­fern wür­de (https://www.facebook.com/100014548548605/posts/1300953100399629/?flite=scwspnss).

Und so mag sich nicht nur Andrij Mel­nyk Juni­or vom Ber­li­ner Senat gehul­digt füh­len, son­dern post­hum auch des­sen Namens­ge­ber – getreu dem »rot­rot­grü­nen« Mot­to: Gen­der­stern statt Sowjet­stern! Dass dadurch am sowje­ti­schen Ehren­mal die Lie­fe­rung »schwe­rer Waf­fen« gegen Russ­land gefei­ert wird, ist schon eine beson­ders abge­schmack­te Wen­dung des Geden­kens an den Tag der Befrei­ung und des Kriegsendes.

Als ich um 16 Uhr wie­der von Han­no­ver nach Hau­se fuhr, hat­te ich (wahr­schein­lich in Erman­ge­lung eines amtie­ren­den MdB) cir­ca 20 Gruß­adres­sen an Sah­ra Wagen­knecht im Gepäck, doch end­lich aus dem rot­grü­nen Sumpf den Schritt ins Freie, Offe­ne zu wagen.