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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Ambulanz

In Memo­ri­am Sté­pha­ne Hes­sel und Jew­ge­ni Jewtuschenko
 
Im KZ, sagt der alte Mann, haben mich Gedichte
geret­tet, beschützt gegen die Käl­te, die Enge, den
Durst, gegen Hun­ger und Angst. Nacht für Nacht,
Goe­the und Höl­der­lin, Bau­de­lai­re und Rimbaud,
Keats und Ril­ke gegen Ver­zweif­lung, gelernt
als Kind, by heart, mit dem Her­zen gelernt,
für Helen, die Mutter.
 
Jew­tu­schen­ko, sagt ein ande­rer. Zwischen
Elek­tro­schocks und Psy­cho­phar­ma­ka: Gedichte.
Hab den Ver­stand behal­ten, mei­ne See­le und
das biss­chen Dar­über. Er winkt ab. Eine
Fami­li­en­tra­gö­die, Miss­trau­en, fal­sche Sorge,
schon fast ver­ges­sen. Aber der Dich­ter, der
woll­te alles Lie­be küs­sen mit einem ein­zi­gen Kuss.
 
Wie Kran­ken­wa­gen soll­ten Gedich­te sein. Ambulanzen
für die Beschä­dig­ten, sagt ein Drit­ter. Und zugewunken
haben sich Ern­te­ar­bei­te­rin­nen und Rei­sen­de in seinen
Gedich­ten, als win­ke das Leben sich sel­ber zu. Den Krieg
hät­te er fast nicht über­lebt, der Jew­tu­schen­ko, sagt jemand,
hat ihn sel­ber gese­hen, den gro­ßen Rus­sen, in Ber­lin, die
Büh­ne des klei­nen Thea­ters fast spren­gend, neben dem
Bran­dau­er, Klaus Maria. Eine Bom­be, 1943 aufs Dach
der Mos­kau­er Schu­le, falsch mon­tier­ter Zün­der, weit weg
im Fein­des­land Sabo­ta­ge, mit Leben erkauft. Der Rektor
hat es den Schü­lern gezeigt, damals in Mos­kau. Und
Men­schen wie Anna Seg­hers’ Georg Heis­ler, sagt er, die
hat es wirk­lich gege­ben. Sabo­teu­re auf Leben und Tod.