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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Der Ohrenbär soll schlafen gehen

Als klei­ner Jun­ge habe ich regel­mä­ßig den Kin­der­funk des WDR gehört. In der Welt des Berg­baus, aus der ich stam­me, waren künst­le­ri­sche Anre­gun­gen sel­ten, des­halb war der Kin­der­funk für mich eine will­kom­me­ne Abwechs­lung. So saß ich denn vor unse­rem »Loewe Opta«, und bis heu­te klingt mir die Erken­nungs­me­lo­die vom Kuckuck, der aus dem Wald ruft, in den Ohren. Klei­ne Erzäh­lun­gen, in die ich mich ganz ein­fin­den konn­te, gehör­ten zum Pro­gramm, dazu auch Sach­ge­schich­ten. Sie haben mei­ne Kind­heit bereichert.

Seit Jah­ren muss nun fest­ge­stellt wer­den, dass die öffent­lich-recht­li­chen Sen­der ihre Kin­der­pro­gram­me strei­chen, min­de­stens ein­damp­fen oder in die Pod­casts ins Inter­net ver­la­gern. Beim Deutsch­land­ra­dio Kul­tur läuft der »Kaka­du« nur noch sonn­tags im linea­ren Hör­funk­pro­gramm, anson­sten als Pod­cast. Ähn­lich beim MDR Kul­tur, da ist »Figa­ri­no« auf­ge­löst wor­den. Der Saar­län­di­sche Rund­funk hat­te mal eine täg­li­che Gute-Nacht-Geschich­te, die­se Geschich­te ist inzwi­schen längst selbst Geschich­te gewor­den. Die Rei­he lie­ße sich noch lan­ge – lei­der – fortführen.

Nun soll es einer der erfolg­reich­sten Kin­der­hör­funk­rei­hen, die seit über 30 Jah­ren läuft und Genera­tio­nen von Kin­dern berei­chert hat, an den Kra­gen gehen. Dem »Ohren­bär« näm­lich, der vom Rund­funk Ber­lin-Bran­den­burg (rbb) pro­du­ziert wird und bis­her vom WDR und vom NDR über­nom­men wur­de. Jeden Abend läuft dort eine acht­mi­nü­ti­ge Kin­der­erzäh­lung, oft sind es sie­ben Fol­gen, die zu einer Gesamt­ge­schich­te ver­bun­den sind. Pro­mi­nen­te Schau­spie­ler lesen die Ohren­bär­ge­schich­ten: Les­lie Mal­ton, Imo­gen Kog­ge, Boris Alji­no­vic, auch die­se Rei­he lie­ße sich lan­ge fort­füh­ren. »Ohren­bär« hat also Qua­li­tät. Der WDR ist inzwi­schen schon aus­ge­schie­den, der NDR ziert sich noch, bevor er zuge­ben wird, dass er bald fol­gen will. »Der Ohren­bär, der geht jetzt schla­fen«, heißt es jeden Abend im Abspann, aber die Fort­set­zung des Sat­zes, dass er näm­lich »mor­gen wie­der da ist«, stimmt bald nicht mehr. Der »Ohren­bär« soll gänz­lich in einen Dau­er­schlaf geschickt wer­den, denn auch der rbb äußert sich nicht klar.

War­um ist das so schlimm? Hör­fun­ker­zäh­lun­gen schaf­fen ein Kopf­ki­no, die Bil­der ent­wickeln die Kin­der sel­ber, anders als bei Fil­men, ihre Phan­ta­sie wird ange­regt. Aber viel­leicht sol­len Kin­der das gar nicht mehr, Phan­ta­sie ent­wickeln, denn wer Phan­ta­sie hat, kann sich die Welt immer auch anders vor­stel­len, als sie gera­de ist. Und das ist man­chem viel­leicht zu brisant.

Anson­sten wird von den Rund­funk­ma­chern argu­men­tiert, dass Kin­der gar nicht mehr in der Lage sei­en, eine acht­mi­nü­ti­ge Erzähl­strecke durch­zu­hal­ten. Woher sie das wis­sen, bleibt ihr Geheim­nis, sicher ist jeden­falls, wenn es mit den Kin­dern nicht geübt wird, kön­nen sie es bald wirk­lich nicht mehr. Vor allem gilt: Wenn die­se Annah­me stim­men wür­de, müss­ten Kin­dern doch gera­de län­ge­re Erzähl­strecken ange­bo­ten werden.

Oft wird über die feh­len­de Sprach­kom­pe­tenz der Jugend gestöhnt. Ihr Wort­schatz sei gering, Kin­der und Jugend­li­che sei­en nicht mehr in der Lage, Tex­te von ein, zwei Sei­ten zu lesen, die Recht­schreib­lei­stung sei sowie­so kata­stro­phal. Aber woher soll Sprach­kom­pe­tenz kom­men, woher Lese­lust, wenn die Berei­che, in denen sie erwor­ben wer­den, abge­baut wer­den? Kom­pe­tenz­ent­wick­lung ist als ein Gesamt­sy­stem zu sehen, in dem der Kin­der­hör­funk einen Bau­stein bil­det, der Lust auf Lesen weckt und den Sprach­schatz erweitert.

Zei­tungs­ver­le­ger, die über sin­ken­de Auf­la­gen stöh­nen, Unter­neh­mer, die bei den Aus­zu­bil­den­den Män­gel im Sprach-, vor allem auch Schreib­ver­mö­gen bekla­gen, Uni­ver­si­täts­pro­fes­so­ren, die niveau­lo­se Semi­nar­ar­bei­ten ein­ge­reicht bekom­men – haben sie eigent­lich mal über die Zusam­men­hän­ge nach­ge­dacht? Nein, sie sehen immer nur die Ein­zel­phä­no­me­ne, nicht das Gesamtpaket.

Dazu gehört auch, dass dem­nächst, wenn wie­der mal über bru­ta­le Auf­trit­te von Jugend­li­chen berich­tet wird, als Erklä­rung ange­bo­ten wird, dass ihnen Empa­thie feh­le, sonst wür­den sie ja nicht so rück­sichts­los auf ande­re Men­schen ein­schla­gen. Ja, wo um Him­mels Wil­len sol­len sie denn ler­nen, Empa­thie zu emp­fin­den, wenn nicht mit anre­gen­den Geschich­ten, mit Cha­rak­te­ren, in die sie sich hin­ein­ver­set­zen kön­nen, mit denen sie lei­den oder sich freu­en kön­nen? Bei den RTL-Seri­en etwa, bei den Gewalt­fil­men im Kino oder Internet?

Beim Kin­der­funk wird an einer wich­ti­gen Stel­le abge­baut, oft unter dem Vor­wand, Geld spa­ren zu müs­sen, und es wer­den die viel­fäl­ti­gen Fol­gen nicht bedacht. Nur wenn sie dann ein­tre­ten, sind alle erstaunt, sehen aber noch immer nicht den Zusammenhang.

Tat­säch­lich sind es gerin­ge Sum­men, die der Kin­der­funk kostet. Es wird mal wie­der, wie all­ge­mein in der Gesell­schaft, bei den Schwäch­sten gespart.

Der PEN hat hef­tig gegen den Abbau des Kin­der­funks pro­te­stiert, gut so. Der Ver­band tut das im Inter­es­se der Kin­der, aber auch ein wenig für sei­ne Autoren, die Kin­der­ge­schich­ten für den Funk schrei­ben und denen eine wich­ti­ge Ein­nah­me­quel­le weg­bricht. Auch dies gehört zum Gesamtpaket.

Und nicht zuletzt gehört dazu, dass es für Kin­der ein­fach schön ist, mit einer Gute-Nacht-Geschich­te, in die man sich wun­der­bar hin­ein­den­ken kann, ein­zu­schla­fen. Das berei­chert die Träu­me, das berei­chert Kind­heit all­ge­mein, ganz zweck­frei, und es hat Neben­fol­gen, die im spä­te­ren Leben in vie­len Zusam­men­hän­gen helfen.

Wer bremst die Radio­ma­cher in ihrer ober­fläch­li­chen Zer­stö­rungs­wut? Manch­mal lässt einen die­se Ober­fläch­lich­keit verzweifeln.