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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Wiederaufgenommen in die Volksgemeinschaft

10. Novem­ber 1938. Die Tür­klin­gel läu­tet unun­ter­bro­chen im Hünen­steig 6 in Ber­lin-Ste­glitz. Vor der Tür, keu­chend, der Rechts­an­walt Weiß­mann. Er sucht Hil­fe bei Ruth Andre­as-Fried­rich, einer Jour­na­li­stin, Hil­fe vor den ihn het­zen­den Hor­den, die »Juden­schwein« rufen und mit Stei­nen auf ihn wer­fen. An die­sem Tag wer­den noch mehr Men­schen um Unter­kunft bit­ten, auf dem Sofa über­nach­ten. So beginnt das Tage­buch der Autorin, das nach 1945 »Der Schat­ten­mann« hei­ßen wird. Der Zeit­hi­sto­ri­ker Wolf­gang Benz, bis 2011 Lei­ter des Zen­trums für Anti­se­mi­tis­mus­for­schung in Ber­lin, ver­öf­fent­licht jetzt mit sei­nem Buch »Pro­test und Mensch­lich­keit« eine Doku­men­ta­ti­on über die Wider­stands­grup­pe »Onkel Emil«, die sich um Ruth Andre­as-Fried­rich und ihren Lebens­ge­fähr­ten, den Diri­gen­ten Leo Bor­chard bil­de­te – und bis zuletzt nicht ent­deckt wur­de. Was nicht heißt, dass ein­zel­ne Mit­glie­der nicht gesucht und ein­ge­sperrt wur­den. In der Grup­pe, die sich selbst die »Cli­que« nann­te, waren Juden und Nicht­ju­den. Benz nennt sie »Ein­zel­kämp­fer gegen die Unmensch­lich­keit des NS-Regimes«. Es gab locke­re Ver­bin­dun­gen zu ande­ren Wider­stands­grup­pen in Ber­lin, zum Kreis­au­er Kreis und zur kom­mu­ni­sti­schen Grup­pe »Ernst« – nach Thäl­mann. Sie hal­fen unei­gen­nüt­zig, trotz eige­ner Gefahr. Viel­leicht lag die Nicht-Ent­deckung an der etwas abge­le­ge­nen Adres­se des Hünen­steigs, ein am Fried­hof Berg­stra­ße ent­lang­lau­fen­des Sträß­chen. Ste­glitz war nicht gera­de als Ort des Wider­stands bekannt. Ruth Andre­as-Fried­rich ver­öf­fent­lich­te 1947 ihr Tage­buch 1938–45 unter dem Titel »Der Schat­ten­mann«. Es wur­de mehr­mals auf­ge­legt, erwei­tert, auch unter ande­ren Titeln. Es war erfolg­reich. Die mei­sten Per­so­nen im »Schat­ten­mann« beka­men Tarn­na­men, sogar Ruths Toch­ter Karin, die mit der Mut­ter und deren Lebens­ge­fähr­ten Leo Bor­chard im Hünen­steig wohnte.
Was war lebens­wich­tig für ein Leben im Unter­grund? Der unbe­kann­te Auf­ent­halts­ort, der oft gewech­selt wer­den muss­te, Lebens­mit­tel­kar­ten, der gefälsch­te Pass, Geld. Und Mut, selbst in der ver­zwei­felt­sten Lage nicht auf­zu­ge­ben. Benz bringt eine Fül­le von Bei­spie­len, jedes allein gäbe Stoff für einen Film ab. Hel­fer waren Ärz­te, Geist­li­che oder Hand­wer­ker und Arbei­ter. Der Arzt Wal­ter Seitz, genannt »Onkel Emil«, bezieht bei der eva­ku­ier­ten Wit­we eines SS-Offi­ziers ein Zim­mer. Er gehört zum eng­sten Kreis der Grup­pe. Nach dem Krieg wer­den Ruth und Wal­ter hei­ra­ten. Seitz war Fach­arzt für Inne­re Medi­zin an der Cha­ri­té. Um nicht zum Kriegs­dienst ein­ge­zo­gen zu wer­den, tritt er eine Stel­le beim Phar­ma­kon­zern Sche­ring an. In einer »kriegs­wich­ti­gen« Abtei­lung. For­schungs­ar­bei­ten als kriegs­wich­tig zu erklä­ren, kann Men­schen ret­ten. Spä­ter wird er nach Schle­si­en kom­man­diert, wo er kran­ke Zwangs­ar­bei­ter als arbeits­fä­hig dekla­rie­ren soll, was er, wo es mög­lich ist, hin­ter­treibt. Neben ihm sind in der Cli­que noch der Arzt Josef Schunk und das Ärz­te­paar Chri­stel und Fritz von Berg­mann. Er arbei­tet am phar­ma­ko­lo­gi­schen Insti­tut der Uni­ver­si­tät, auch an einer für die Wehr­macht über­aus rele­van­ten Auf­ga­be, der Erfor­schung von Nebeln. Dort lernt er den Che­mi­ker Robert Have­mann ken­nen, der – als Kom­mu­nist – in der Wider­stands­grup­pe »Euro­päi­sche Uni­on« tätig ist. 1943 wird er Have­mann ver­haf­tet und zum Tode ver­ur­teilt. Auch hier hel­fen die für den Krieg bedeu­ten­den For­schungs­ar­bei­ten, dass sei­ne Hin­rich­tung aus­ge­setzt wird.
Ruths Toch­ter Karin – spä­ter Schau­spie­le­rin und Jour­na­li­stin – ver­liebt sich in Fred Deng­ler, einen Dich­ter-Schau­spie­ler, ein Lebens­künst­ler. Auch er ein Mit­glied der Grup­pe. Er kommt erst spät dazu, hilft mit, aus einer Kar­ten­stel­le Papie­re her­bei­zu­schaf­fen, zum Nut­zen vie­ler poli­ti­scher Flüchtlinge.
Das wich­tig­ste Glied in der Cli­que neben Ruth ist Leo Bor­chard, ein Diri­gent aus Russ­land. Nach 1933 hat er bei einer Orche­ster­pro­be einen Skan­dal ver­ur­sacht. Beim Spie­len des Deutsch­land­lie­des habe er mit unwil­li­ger Gebär­de den Takt­stock nie­der­ge­legt – am Vor­abend von Hit­lers Geburts­tag. Sein gewalt­sa­mer Tod am 23. August 1945 im Wagen eines bri­ti­schen Offi­ziers, der ihn und Ruth nach Hau­se fuhr – ein Miss­ver­ständ­nis, aber auch die Miss­ach­tung aller Regeln. An der bri­tisch-ame­ri­ka­ni­schen Sek­to­ren­gren­ze erschoss ihn ein ame­ri­ka­ni­scher Wacht­po­sten. Er habe gedacht, sie sei­en Rus­sen, und er wür­de Rus­sen jeder­zeit wie Rat­ten abschie­ßen. Drei Mona­te nach der Befrei­ung Ber­lins durch die Rote Armee.
Der jüdi­schen Musi­ker Kon­rad Lat­te. Er wur­de im Hünen­steig von Bor­chard im Diri­gie­ren unter­rich­tet. Er erhielt Unter­kunft, Arbeit und gefälsch­te Aus­wei­se durch Harald Poel­chau. Der evan­ge­li­sche Pfar­rer hat­te Ver­bin­dung zum Kreis­au­er Kreis und arbei­te­te spä­ter als Gefäng­nis­geist­li­cher. Etwa tau­send zum Tode Ver­ur­teil­te beglei­te­te er seel­sor­ge­risch vor der Hin­rich­tung. Lat­te ist befreun­det mit dem Phi­lo­so­phie­stu­den­ten Wolf­gang Harich, der Fah­nen­flucht beging und unter­tauch­te. Harich gab Lat­te einen Kof­fer zur Auf­be­wah­rung. Der Musi­ker wird noch als wich­ti­ger Zeu­ge beim Pro­zess gegen Harich gebraucht. Im letz­ten Augen­blick, bevor Lat­te mit sei­nen Eltern nach Ausch­witz depor­tiert wer­den soll, gelingt ihm die Flucht aus dem Sam­mel­la­ger, zusam­men mit Lud­wig Licht­witz, dem Kal­fak­tor des Poli­zei­b­un­kers. Licht­witz, der aus einer alten Drucker­fa­mi­lie stammt, wird noch wich­ti­ge Arbeit für die Grup­pe lei­sten: Päs­se. Die Geschich­te von Kon­rad Lat­te ist aben­teu­er­lich, reicht bis zur Trup­pen­be­treu­ung im Auf­trag des Pro­pa­gan­da­mi­ni­sters. Der Musi­ker lässt sich im Juni 1944 von Erich Käst­ner mit wei­ßen Hem­den aus­rü­sten und mit einem dunk­len Anzug von Hans Söhn­ker. So wird er zum Kapell­mei­ster und stell­ver­tre­ten­den Inten­dan­ten des Hes­si­schen Volks­thea­ters. Als eine Sän­ge­rin den Ver­dacht streut, er sei Jude, ver­langt er eine Ent­schul­di­gung vor dem ver­sam­mel­ten Ensem­ble, droht sogar mit der Gesta­po, falls sie nicht widerrufe.
Nach dem Krieg, die NS-Zeit scheint vor­bei. Doch beim Arbeits­amt in Hamm sagt ein Beam­ter zu Lat­te, er sol­le sich doch freu­en, »wie­der in die deut­sche Volks­ge­mein­schaft« auf­ge­nom­men zu sein. Eine Tätig­keit im Berg­bau wird ihm emp­foh­len. Das ist ein Vor­teil des Buches, es endet nicht 1945. Benz ver­sucht, die Bio­gra­fien wei­ter­zu­ver­fol­gen, die der Unter­ge­tauch­ten und die der Helfer.
Ganz spät, Mit­te April 1945, tun sich die Mit­glie­der zwei­er Grup­pen zu einer Akti­on zusam­men. An Haus­wän­de und lee­re Flä­chen schrei­ben sie mit Ölfar­be oder Krei­de ein »Nein«. Die Grup­pe »Onkel Emil« über­nimmt den Süd­we­sten Ber­lins, die Grup­pe »Ernst« den Nor­den und Osten. In der Nacht zum 20. April, Hit­lers Geburts­tag, wird die Akti­on ergänzt durch Kle­be­zet­tel, die das »Nein« erklä­ren. Der Auf­ruf, den Befehl Hit­lers und Himm­lers, die Stadt bis zum Äußer­sten zu ver­tei­di­gen, nicht zu befol­gen. Das Wun­der: Nie­mand wird erwischt.
Ruth Andre­as-Fried­rich war es wich­tig, dass man »drau­ßen« erfährt, dass auch in Deutsch­land Men­schen leben, »nicht nur Juden­fres­ser, Hit­ler­jün­ger und Gesta­po-Scher­gen«, so ein Tage­buch-Ein­trag. Eben­so wich­tig war, zu zei­gen, dass jeder, der es woll­te, etwas tun konn­te, nicht nur still dage­gen sein – das woll­te die Grup­pe bewirken.

Wolf­gang Benz: »Pro­test und Mensch­lich­keit«, Phil­ipp Reclam Ver­lag, 220 Sei­ten, 22 €