Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Atempause für die CDU

Was auf den ersten Blick wie ein Sieg von Anne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er über Fried­rich Merz aus­sieht, ent­puppt sich bei nähe­rem Hin­se­hen als müh­sam errun­ge­ne Atem­pau­se. Nichts ist end­gül­tig aus­ge­stan­den für die CDU. Weder die Kri­ti­ker der Par­tei­vor­sit­zen­den noch die der Bun­des­kanz­le­rin wag­ten sich in Leip­zig aus der Deckung. Kramp-Kar­ren­bau­er hat­te sie mit einem küh­nen Schach­zug matt­ge­setzt: »Wenn ihr der Mei­nung seid«, rief sie den Dele­gier­ten zu, »dass der Weg, den ich mit euch gehen möch­te, nicht der ist, den ihr für den rich­ti­gen hal­tet, dann lasst es uns heu­te aus­spre­chen. Dann lasst es uns auch heu­te been­den. Hier und jetzt und heute.«

Vor die Ent­schei­dung gestellt, Far­be beken­nen zu müs­sen, zuck­ten selbst die schärf­sten Kri­ti­ker zurück und flüch­te­ten sich erleich­tert in lang­an­hal­ten­den Bei­fall für die Geschmäh­te, allen vor­an Fried­rich Merz, der als Tiger gesprun­gen und als Bett­vor­le­ger gelan­det war. Artig bedank­te er sich bei der Par­tei­vor­sit­zen­den für ihre »muti­ge und nach vorn wei­sen­de« Rede. Die CDU sei im Gegen­satz zur SPD »struk­tu­rell loy­al«, sag­te er. Sie ste­he zu ihrer Par­tei­füh­rung, und sie ste­he zur Bun­des­re­gie­rung«, deren Erschei­nungs­bild Merz noch Tage davor als grot­ten­schlecht hin­ge­stellt hat­te. Das galt in erster Linie Ange­la Mer­kel, die ihrem Erz­ri­va­len jetzt applaudierte.

Die Rede der Par­tei­vor­sit­zen­den ent­hielt, abge­se­hen von dem ein­gangs erwähn­ten Coup, kei­nen ein­zi­gen neu­en Gedan­ken. Kein Wort zu der drän­gen­den Fra­ge, wie der immer tie­fer wer­den­den Kluft zwi­schen Arm und Reich zu Lei­be gerückt wer­den könn­te. Selbst mit den Ursa­chen der kata­stro­pha­len Stim­men­ver­lu­ste ihrer Par­tei hielt sich Kramp-Kar­ren­bau­er nicht lan­ge auf. Sie sag­te auch nichts zu ihrem kürz­lich geäu­ßer­ten Vor­schlag, das deut­sche Sozi­al­sy­stem umfas­send zu refor­mie­ren. Schon im näch­sten Jahr sol­len nach ihren Wor­ten alle Siche­rungs­sy­ste­me dar­auf­hin geprüft wer­den, was man an Lei­stun­gen künf­tig gewähr­lei­sten wol­le. Dabei liegt schon heu­te jede zwei­te Alters­ren­te unter 900 Euro. Betrof­fen sind 9,4 Mil­lio­nen Menschen.

Durch­ge­setzt hat sich die CDU-Vor­sit­zen­de auch gegen­über der Jun­gen Uni­on, die eine Urwahl der künf­ti­gen Kan­di­da­tin für das Amt der Bun­des­kanz­le­rin gefor­dert hat­te. Damit ist der Weg frei für Anne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er, sich um die Nach­fol­ge von Ange­la Mer­kel zu bewer­ben. Wahr­schein­lich wird sie, um inner­par­tei­li­che Kri­ti­ker zu beschwich­ti­gen, nicht auf die Mit­hil­fe von Fried­rich Merz ver­zich­ten. Vie­le in der CDU erwar­ten von ihm, dass er Wäh­ler von der AfD zurück­holt. Der CSU-Vor­sit­zen­de Mar­kus Söder hat als Gast­red­ner auf dem Leip­zi­ger Par­tei­tag Fried­rich Merz ein Hin­ter­tür­chen offen­ge­hal­ten. »Mir ist es am Ende egal, wer Kan­di­dat war«, sag­te er unter don­nern­dem Applaus. »Ich will, dass 2021 der Kanz­ler oder die Kanz­le­rin von der Uni­on gestellt wird.« Haupt-her­aus­for­de­rer sei­en die Grünen.

SPD-Gene­ral­se­kre­tär Lars Kling­beil kom­men­tier­te den Leip­zi­ger Par­tei­tag mit den Wor­ten, die CDU ent­fer­ne sich mit Frau Kramp-Kar­ren­bau­er aus der Mit­te der Gesell­schaft. The­men wie die Gleich­stel­lung der Frau, etwa durch eine Quo­te, wür­den unter ihrer Füh­rung gestoppt. An der Gro­ßen Koali­ti­on scheint die SPD aller­dings bis zum bit­te­ren Ende fest­hal­ten zu wol­len. Davon, dass sich die CDU nicht von einem Mann distan­ziert, der – wie Fried­rich Merz – sich und sei­ne Genera­ti­on nicht mehr für Ausch­witz und die deut­sche Ver­gan­gen­heit in Haf­tung neh­men las­sen will, spricht in der SPD sowie­so nie­mand. Wohin das führt, erleb­ten wir die­ser Tage. Einer Ver­ei­ni­gung von Nazi­op­fern, die sich die Bekämp­fung von Neo­na­zis­mus und Anti­se­mi­tis­mus zum Ziel setzt, wur­de die Gemein­nüt­zig­keit abge­spro­chen, wäh­rend die dem Natio­nal­so­zia­lis­mus wesens­ver­wand­te NPD die gericht­li­che Erlaub­nis erhielt, öffent­lich für ihre Zie­le zu demonstrieren.