Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Ein Beitrag zum Tag der Studenten

Was der 9. Novem­ber als »Tag des Mau­er­falls« für die Deut­schen ist der 17. Novem­ber als »Tag des Kamp­fes für Frei­heit und Demo­kra­tie« für die Tsche­chen. Das Datum steht heu­te für den Beginn der »Sam­te­nen Revo­lu­ti­on« 1989, für die Rück­kehr zum kapi­ta­li­sti­schen System. Jedoch hat der 17. Novem­ber, eben­so wie der 9. Novem­ber bei uns, eine län­ge­re Geschich­te. In der sozia­li­sti­schen Tsche­cho­slo­wa­kei wur­de der 17. als »Inter­na­tio­na­ler Tag der Stu­den­ten« began­gen. Als sol­cher wur­de er im Jahr 1941 vom Inter­na­tio­nal Stu­dents‘ Coun­cil mit Sitz in Lon­don pro­kla­miert – in Erin­ne­rung an die Gescheh­nis­se, die sich zwei Jah­re zuvor, am 17. Novem­ber 1939, in Prag abge­spielt hatten.

Bekannt­lich wur­de die »Rest-Tsche­chei« – das, was von der Ersten Tsche­cho­slo­wa­ki­schen Repu­blik nach der Anne­xi­on der Grenz­ge­bie­te Böh­mens und Mäh­rens durch das Deut­sche Reich (1938) und der Umwand­lung der Slo­wa­kei in einen sepa­ra­ten Vasal­len­staat von Hit­lers Gna­den noch übrig geblie­ben war – am 15. März 1939 von der deut­schen Wehr­macht besetzt. Böh­men und Mäh­ren wur­den zum deut­schen Pro­tek­to­rat erklärt. Am 28. Okto­ber 1939, dem 21. Jah­res­tag der Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung von 1918, demon­strier­ten im gan­zen Land Tau­sen­de Tsche­chen gegen die Besat­zung. Da die tsche­chi­sche Poli­zei nicht ein­schritt, schos­sen in Prag deut­sche Zivil­po­li­zi­sten wahl­los in die Men­ge. Fünf­zehn Demon­stran­ten wur­den durch die Schüs­se ver­letzt, ein jun­ger Bäcker getö­tet. Am 11. Novem­ber erlag auch der Medi­zin­stu­dent Jan Ople­tal sei­nen Ver­let­zun­gen. Drei­tau­send Stu­den­ten nah­men am 16. Novem­ber an einer Trau­er­fei­er für Ople­tal teil, und eine gro­ße Men­ge beglei­te­te den Sarg zum Bahn­hof, von wo die Lei­che in die mäh­ri­sche Hei­mat über­führt wer­den soll­te. Als die tsche­cho­slo­wa­ki­sche Natio­nal­hym­ne ange­stimmt wur­de, kam es zu Tumul­ten. Neun angeb­li­che Rädels­füh­rer wur­den ver­haf­tet und noch an dem­sel­ben Tag ohne Gerichts­ver­fah­ren erschos­sen. In der Nacht zum 17. Novem­ber wur­den bei Raz­zi­en in den Stu­den­ten­wohn­hei­men fast 2000 Stu­den­ten ver­haf­tet; 1200 wur­den am näch­sten Tag in das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Sach­sen­hau­sen ver­schleppt. Alle tsche­chi­schen Hoch­schu­len wur­den geschlossen.

Karel S. Mer­vart will nach England

Ob der Che­mie-Stu­dent Karel Sva­top­luk Mer­vart, des­sen wei­te­ren Weg wir hier ver­fol­gen wol­len, an den Demon­stra­tio­nen teil­nahm, ist nicht über­lie­fert. Es ist aber sehr wahr­schein­lich. Schon sein Vater hat­te wäh­rend des Ersten Welt­kriegs, als das Gebiet der spä­te­ren Tsche­cho­slo­wa­kei noch zum Habs­bur­ger­reich gehör­te, als Ange­hö­ri­ger einer tsche­cho­slo­wa­ki­schen »Legi­on« auf der rus­si­schen Sei­te für die Unab­hän­gig­keit gekämpft. Infol­ge­des­sen wur­de Karel selbst am 12. Juli 1918 in Petro­grad, dem spä­te­ren Lenin­grad, gebo­ren. Spä­ter war der Vater mit der jun­gen Fami­lie in die nun­mehr unab­hän­gi­ge Tsche­cho­slo­wa­kei zurück­ge­kehrt. Karel hat­te das rus­si­sche Gym­na­si­um in Prag besucht, bevor er sein Stu­di­um an der Tech­ni­schen Hoch­schu­le aufnahm.

Nach der Schlie­ßung der Hoch­schu­len fand Mer­vart eine Zeit­lang Arbeit als Tele­gra­fist bei der Ver­wal­tung der Böh­misch-Mäh­ri­schen Eisen­bahn. Irgend­wann kam er nach Ber­lin zu der Fir­ma Lei­cher Che­mi­sche Gra­vu­ren – unklar ist, ob er sich selbst dazu mel­de­te oder ob er zwangs­re­kru­tiert wur­de. Ab Febru­ar 1943 hat­te er eine Stel­le als Che­mie­la­bo­rant und Dol­met­scher – außer Rus­sisch und Tsche­chisch sprach Mer­vart auch Deutsch – bei der Lei­cher-Filia­le in Mün­chen. Von hier aus ver­such­te er, in die Schweiz und nach Eng­land zu gelan­gen, um sich der tsche­cho­slo­wa­ki­schen Aus­lands­ar­mee anzu­schlie­ßen. In der Nähe der Gren­ze wur­de er jedoch gefasst. Da er die Ermitt­ler im Bre­gen­zer Gefäng­nis über­zeu­gen konn­te, dass er sich nur bei einem Aus­flug ver­lau­fen habe, wur­de er freigelassen.

Ille­ga­le Arbeit in München

Wenig spä­ter fin­det Mer­vart eine Mög­lich­keit, in Mün­chen am Kampf gegen die Besat­zer sei­ner Hei­mat teil­zu­neh­men. Im August 1943 wird er Mit­glied einer ille­ga­len Orga­ni­sa­ti­on, die eini­ge Mona­te zuvor im Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­ger an der Münch­ner Schwan­see­stra­ße von sowje­ti­schen Offi­zie­ren gegrün­det wor­den ist. Sie heißt Brü­der­li­che Zusam­men­ar­beit der Kriegs­ge­fan­ge­nen (rus­sisch: Brats­ko­je Sotrudnit­schest­wo Wojenno­p­le­nnych, BSW) und orga­ni­siert Kriegs­ge­fan­ge­ne sowie Zwangs­ar­bei­ter und Zwangs­ar­bei­te­rin­nen unab­hän­gig von ihrer Natio­na­li­tät. Das Pro­gramm der BSW ist ganz auf die Situa­ti­on im Som­mer 1943 zuge­schnit­ten: Mil­lio­nen deut­scher Män­ner und Frau­en sind zum Kriegs­dienst ein­ge­zo­gen. Die Kriegs­wirt­schaft wird durch Kriegs­ge­fan­ge­ne und Zwangsarbeiter/​innen auf­recht­erhal­ten, Men­schen, die allen Grund haben, die Nazis zu has­sen. Zudem hat die Wehr­macht im Osten ver­nich­ten­de Nie­der­la­gen erlit­ten. Sta­lin­grad mar­kiert die Wen­de des Krie­ges. Die USA und Groß­bri­tan­ni­en haben die mehr­fach ver­scho­be­ne zwei­te Front im Westen für den Herbst 1943 ange­kün­digt. Die BSW will im Innern eine drit­te Front auf­bau­en. Sie will die­je­ni­gen Kriegs­ge­fan­ge­nen und Zwangsarbeiter/​innen orga­ni­sie­ren, die mutig genug sind, um die deut­sche Kriegs­wirt­schaft zu sabo­tie­ren und einen bewaff­ne­ten Auf­stand vor­zu­be­rei­ten. Der soll mit der zwei­ten Front koor­di­niert und gemein­sam mit deut­schen Anti­fa­schi­sten durch­ge­führt wer­den. (Zur BSW sie­he auch Ossietzky 19/​2014.)

Rasche Ver­brei­tung und ein Kampfbündnis

Die BSW hat seit ihrer Grün­dung im Früh­jahr 1943 schon in mehr als einem Dut­zend Lagern in Mün­chen Mit­glie­der gewon­nen. Kon­tak­te bestehen auch zu Gefan­ge­nen in dem gro­ßen Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­ger bei Moos­burg und zu zahl­rei­chen wei­te­ren Lagern in ganz Süd­deutsch­land. Bei den häu­fi­gen Ver­le­gun­gen neh­men die Mit­glie­der das Pro­gramm der BSW mit. So wird die Geheim­or­ga­ni­sa­ti­on bis nach Ham­burg, Wei­mar und Erfurt bekannt. Mer­vart kann wei­te­re Ver­bin­dun­gen her­stel­len, nach Inns­bruck und Wien, nach Prag und sogar zu den jugo­sla­wi­schen Par­ti­sa­nen. Um rei­sen zu kön­nen, ent­wen­det er bei der Fir­ma Lei­cher Urlaubs­schei­ne, die er auf sich selbst ausstellt.

Im Okto­ber 1943 schlie­ßen die Brü­der­li­che Zusam­men­ar­beit der Kriegs­ge­fan­ge­nen und die Anti­na­zi­sti­sche Deut­sche Volks­front (ADV) um die Münch­ner Anti­fa­schi­sten Karl Zim­met, Georg Jah­res, Rupert Huber und das Ehe­paar Emma und Hans Hut­zel­mann ein Kampf­bünd­nis. Karel Mer­vart fun­giert als Ver­bin­dungs­mann und Dol­met­scher. Man trifft sich regel­mä­ßig, hört heim­lich Radio Mos­kau, ent­wirft Flug­zet­tel, sam­melt Waf­fen und ver­hilft Gefan­ge­nen zur Flucht. Ganz kon­kret wer­den schon Auf­ga­ben ver­teilt, die zu Beginn des erwar­te­ten Auf­stands zu erfül­len sind.

Eine »uner­war­te­te und schwie­ri­ge Lage«

Strik­te Dis­zi­plin und kon­spi­ra­ti­ves Ver­hal­ten ist ober­stes Gebot für alle Betei­lig­ten. Trotz­dem ist nicht zu erwar­ten, dass die Geheim­or­ga­ni­sa­ti­on über län­ge­re Zeit geheim blei­ben kann. Aber der Plan geht davon aus, dass schon bald Schluss sein wird mit der Nazi-Herr­schaft. Die erneu­te Ver­schie­bung der West­front und das Aus­blei­ben des Auf­stands der deut­schen Bevöl­ke­rung ver­setzt die BSW-Kämp­fer in eine »für sie uner­war­te­te und schwie­ri­ge Lage …, da sie sich dar­auf ori­en­tiert hat­ten, ihre Befrei­ungs­ak­tio­nen mit denen des deut­schen Vol­kes zu ver­ei­ni­gen«. So der sowje­ti­sche Histo­ri­ker Josef A. Brod­ski in sei­nem Buch »Die Leben­den kämp­fen – Die Orga­ni­sa­ti­on Brü­der­li­che Zusam­men­ar­beit der Kriegs­ge­fan­ge­nen (BSW)«.

Am 4. Juni 1943 wird bei der »Ost­ar­bei­te­rin« Valen­ti­na Bond­a­ren­ko ein Schrei­ben gefun­den, »aus dem her­vor­ging, daß unter den im Reich in Arbeit ein­ge­setz­ten Aus­län­dern eine Geheim­or­ga­ni­sa­ti­on besteht« (Bericht des Münch­ner Gesta­po-Chefs Schä­fer). Bei den Ver­neh­mun­gen wird Bond­a­ren­ko gefol­tert, doch sie schweigt eisern. Sie wird nach Ausch­witz depor­tiert (und dort Ende Janu­ar 1945 von der Roten Armee befreit). Erst im Novem­ber 1943 gelingt es der Gesta­po, einen Spit­zel in die BSW ein­zu­schleu­sen. Im Dezem­ber begin­nen die Ver­haf­tun­gen. In sei­nem Bericht über die Auf­deckung der BSW nennt Schä­fer die Grup­pe eine »Geheim­or­ga­ni­sa­ti­on, die sicher in naher Zukunft ein für das Deut­sche Reich gefähr­li­ches Aus­maß ange­nom­men hätte«.

Ins­ge­samt wer­den 1943/​44 unter der Beschul­di­gung, sich für die BSW »bol­sche­wi­stisch betä­tigt« zu haben, 383 Per­so­nen ver­haf­tet, dar­un­ter 19 Frau­en. Die mei­sten von ihnen wer­den ohne Gerichts­ver­fah­ren umge­bracht. Am 4. Sep­tem­ber 1944 wer­den im KZ Dach­au 92 sowje­ti­sche Offi­zie­re aus der Lei­tung der BSW erschos­sen. In Maut­hau­sen ster­ben im Herbst 1944 wei­te­re 50. In Flos­sen­bürg wer­den 49 BSW-Kämp­fer ermor­det: »rus­si­sche kriegs­ge­fan­ge­ne Offi­zie­re aus Mün­chen, die in einem gro­ßen Werk gear­bei­tet und des­sen Spren­gung vor­be­rei­tet hat­ten« (Brod­ski).

Die Kämp­fer der ADV wer­den am 5. Janu­ar 1944, Karel Mer­vart zehn Tage spä­ter, am 15. Janu­ar 1944 ver­haf­tet. Der 27-jäh­ri­ge Tsche­che gehört zu der Grup­pe der Haupt­an­ge­klag­ten, gegen die ein Hoch­ver­rats­pro­zess vor dem Volks­ge­richts­hof ein­ge­lei­tet wird. Genau ein Jahr nach sei­ner Ver­haf­tung und knapp vier Mona­te vor der Befrei­ung, am 15. Janu­ar 1945, stirbt Karel Mer­vart, zusam­men mit Hans Hut­zel­mann und Rupert Huber von der ADV, im Zucht­haus Bran­den­burg-Gör­den unter dem Fallbeil.

Heu­te ist der 17. Novem­ber, der Inter­na­tio­na­le Tag der Stu­den­ten. Ich dach­te, es wäre ein guter Tag, um an den tsche­chi­schen Frei­heits­kämp­fer Karel Sva­top­luk Mer­vart und sei­ne Mitkämpfer/​innen zu erinnern.