Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Dieser alte Schoß

Das Bild ist schreck­lich – aber es ver­rät frü­he Mei­ster­schaft, die der 1912 gebo­re­ne Maler so nie wie­der erreich­te: »Unti­t­led (Woman)«, in New York ent­stan­den zwi­schen 1930 und 1933: Im Zen­trum eine Frau, die alles beherrscht, nackt, mit gro­ßen Brü­sten, fal­ti­gem Bauch steht sie mit gespreiz­ten Bei­nen, die ihre Scham ahnen las­sen, tri­um­phie­rend im schwar­zen Raum. An einem Fuß ein Stöckel­schuh. Der Kopf, leicht nach oben gereckt, zwei glit­zern­de Ohr­rin­ge. Sie scheint sich ihres Sie­ges sicher. Sieg? Viel­leicht über die sie umge­ben­den, hin­ter ihr ste­hen­den Söh­ne – toten­kopf­bleich – und den Mann, des­sen Schä­del her­vor­ragt. Ein Zet­tel liegt am Boden. Alles in schmut­zig-braun-wei­ßen Far­ben. Nicht ero­tisch, Aus­druck einer Obses­si­on. Gemalt von einem der Söh­ne, Jack­son Pol­lock, der über sei­ne Mut­ter urteil­te: »Die­ser alte Schoß mit ein­ge­bau­tem Grab.« Damals stu­dier­te Pol­lock noch bei Tho­mas Hart Ben­ton an der Art Stu­dents League wie vie­le spä­ter bekann­te Künst­ler. Das Bild hängt in Ham­burg im Buce­ri­us Kunst Forum in der Aus­stel­lung: »Ame­ri­ka! Dis­ney, Rock­well, Pol­lock, War­hol« (bis 12. Janu­ar 2020). Das Gemäl­de ist alles ande­re als typisch für den Maler des Action Pain­ting, es ent­spricht nicht dem Bild des »frei­heits­lie­ben­den ame­ri­ka­ni­schen Cow­boys« (Kath­rin Baum­stark im Kata­log – Hir­mer Ver­lag, 150 Sei­ten, 29 €).

Jack­son Pol­lock, der Ver­tre­ter des neu­en Stils, des abstrak­ten Expres­sio­nis­mus, der nach 1945 in den USA ent­stand und geför­dert wur­de als Gegen­ge­wicht zum sozia­li­sti­schen Rea­lis­mus im Lager der Unfrei­heit. Man woll­te etwas Neu­es, Urame­ri­ka­ni­sches, das Frei­heit aus­drück­te im Kal­ten Krieg. Waren es Pol­locks »Drip Pain­tings«, die er auf unge­wöhn­li­che Wei­se schuf? Die Lein­wand lag auf dem Boden, Pol­lock tropf­te mit Far­be, gab ande­re Mate­ria­li­en hin­zu, durch­lö­cher­te Büch­sen ersetz­ten den Pin­sel – gro­ße Frei­heit für die Far­be: beim Ver­lau­fen. Ein Bei­spiel: »Reflec­tion of the Big Dip­per« (1947), ein Ölbild, vie­le schwar­ze Lini­en und Punk­te in blau­en Farb­kleck­sen sol­len den Beschau­er »direkt zum Ster­nen­zelt« füh­ren. Ein lan­ger Arti­kel im Life-Maga­zin im August 1949 hilft, den Bekannt­heits­grad zu stei­gern: »Jack­son Pol­lock. Ist er der größ­te leben­de Maler in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten?« Wer half noch? Die CIA, sie spon­ser­te Aus­stel­lun­gen, die auch durch Euro­pa tour­ten, und finan­zier­te den anti­kom­mu­ni­sti­schen Kon­gress für kul­tu­rel­le Frei­heit, der am 26. Juni 1950 in Ber­lin, im Tita­nia-Palast gegrün­det wur­de: gegen das Tota­li­tä­re in der Kunst. Auch in Zeit­schrif­ten mach­te sich die kul­tu­rel­le Frei­heit breit – in der BRD im Monat. Vie­le Schrift­stel­ler und Künst­ler gehör­ten dem Kon­gress wis­sent­lich oder unwis­sent­lich an, so auch Mark Roth­ko und Bar­nett New­man. Pol­lock sei »am Tag sei­nes Bei­tritts völ­lig betrun­ken« gewe­sen (Fran­ces Sto­nor Saun­ders: »Wer die Zeche zahlt … Die CIA und die Kul­tur im Kal­ten Krieg«). Auch ehe­ma­li­ge Sym­pa­thi­san­ten des Kom­mu­nis­mus und ein­fach lin­ke Libe­ra­le – genau die waren gewollt für die Unter­wan­de­rung durch die­se Kul­tur. Am 20. Mai 1967 erschien ein Arti­kel von Tom Bra­den in der Satur­day Evening Post, der die Ein­fluss­nah­me der CIA auf­deck­te. Die Bil­der des abstrak­ten Expres­sio­nis­mus sind heu­te noch geschätz­te Spe­ku­la­ti­ons­ob­jek­te und erzie­len Spitzenpreise.

Andy War­hol, vom Sohn armer Ein­wan­de­rer zur Pop-Iko­ne empor­ge­stie­gen, gilt als der Ver­tre­ter der US-ame­ri­ka­ni­schen All­tags­kul­tur und wur­de so selbst zur Mar­ke. Er kann hier nicht feh­len. Die »Campbell´s Soup«, ein Sieb­druck von 1968, ja: 1968. Oder das »Dol­lar Sign« (1981), Sieb­druck mit Dia­man­ten­staub und syn­the­ti­scher Kunst­harz­far­be – wie ein leuch­ten­der Schwert­griff. Über die Auf­trags­ar­beit für Daim­ler-Benz zum 100-jäh­ri­gen Bestehen des Autos waren die Fir­men­bos­se begei­stert. Das »Mer­ce­des-Benz 300 SL Cou­pé« (1986): »Trotz Fließ­band­pro­duk­ti­on« wer­de der »Indi­vi­dua­li­tät des Auto­mo­bils durch freie Farb­wahl Raum gege­ben«, schwärmt der Kata­log. Die Gren­zen zwi­schen Hoch­kul­tur und »low« – War­hol hat­te sie auf­ge­ho­ben. Den Ame­ri­can Way of Life, er schil­der­te ihn so: »Das Groß­ar­ti­ge an die­sem Land ist, dass Ame­ri­ka eine Tra­di­ti­on begrün­de­te, in der die reich­sten Kon­su­men­ten im Prin­zip das glei­che kau­fen wie die ärm­sten. Du machst den Fern­se­her an, siehst Coca Cola, und du weißt, dass auch der Prä­si­dent Cola trinkt. Liz Tay­lor trinkt Cola, und auch du kannst Cola trin­ken.« Groß­ar­tig – Trump hat hier gelernt.

Der ande­re Star der popu­lä­ren Kul­tur in den USA ist zwei­fel­los Walt Dis­ney. Heu­te das größ­te Medi­en­im­pe­ri­um der Welt. Kunst für alle, die Visi­on woll­te er mit sei­nen Zei­chen­trick­fil­men errei­chen. Ich erin­ne­re mich noch gut an den »Fantasia«-Film, der in der BRD 1952 erst­auf­ge­führt wur­de. Ein Ver­such, klas­si­sche Musik zu visua­li­sie­ren, der zwie­späl­tig auf­ge­nom­men wur­de. Die Aus­stel­lung zeigt, wel­che hand­werk­li­che Arbeit der Mit­ar­bei­ter (auch Frau­en?) in den Fil­men steckt. Namen wer­den fast nie genannt, nur: »Künst­ler des Dis­ney-Stu­di­os«. Im Kata­log ist ein­mal kurz der »viel beach­te­te Stu­dio­st­reik von 1941« erwähnt. Heu­te, im digi­ta­len Zeit­al­ter, ist die­se Arbeit Nost­al­gie. Und jetzt noch Kunst für jeder­mann: die Disney-Parks.

Der vier­te Künst­ler, Nor­man Rock­well, schuf über vier­zig Jah­re lang die Titel­blät­ter der wich­tig­sten US-ame­ri­ka­ni­schen Zei­tun­gen. In Deutsch­land ist er wenig bekannt, in Ham­burg sind sei­ne Blät­ter für die Satur­day Evening Post aus­ge­stellt (mir kom­men frü­he Titel­sei­ten von Hör­zu hoch). Meist nach Fotos gemal­te pit­to­res­ke, necki­sche oder rühr­se­li­ge Bil­der, mit Kin­dern und Hun­den, volks­tüm­lich. Rock­well gilt mit sei­ner rea­li­stisch-ver­klä­ren­den Mal­wei­se als der belieb­te­ste Künst­ler der USA. War­um? Er gab die Erklä­rung: »Die Sicht auf das Leben, wie ich sie in mei­nen Bil­dern kom­mu­ni­zie­re, schließt das Schä­bi­ge und Häss­li­che aus. Ich male das Leben so, wie ich es mir wünsche.«