Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Monatsrückblick: Lithium und die Wucht der Märkte

Die Auf­recht­erhal­tung von Ruhe und Ord­nung kostet immer dann Gesund­heit oder gar Leben von Men­schen, wenn die­se eine ande­re Ord­nung wol­len. Sei es in Frank­reich oder in Hong­kong. Unter­schied­lich sind auch weni­ger die Maß­nah­men des jewei­li­gen Staa­tes als die Bericht­erstat­tung dar­über in den Medi­en. Wäh­rend in Hong­kong die Unru­hen beklatscht und die Maß­nah­men der Regie­rung ver­ur­teilt wer­den, ist es in Frank­reich umge­kehrt. »Gewalt­be­rei­te Demon­stran­ten« sind immer die Gelb­we­sten, wäh­rend die »Regen­schir­me« nichts als Demo­kra­tie wol­len. Auch wenn ein Mann durch Stein­wurf starb und ein »Sym­pa­thi­sant« der Regie­rung ange­zün­det wur­de. Die Gelb­we­sten beschäf­ti­gen die fran­zö­si­sche Poli­zei jetzt ein Jahr, die Hong­kon­ger Frei­heits­hel­den die ihre seit fünf Mona­ten. Und die boli­via­ni­schen Ver­tei­di­ger der Refor­men und Ver­staat­li­chun­gen der Boden­schät­ze haben ver­spro­chen, jeden­falls bis zur Ankün­di­gung von Neu­wah­len die Bar­ri­ka­den auf den Fern­stra­ßen auf­recht­zu­er­hal­ten. Gna­de vor den Augen der Medi­en­ma­cher fin­den sie nicht. Das Lithi­um muss frei bleiben!

Nach Anga­ben der Inter­ame­ri­ka­ni­schen Men­schen­rechts­kom­mis­si­on star­ben seit Beginn des Staats­streichs in Boli­vi­en 23 Men­schen durch Armee und Poli­zei. Mehr als 700 wur­den ver­letzt. (t-online, 19.11.19) Aber das Lithi­um ist befreit! Es gehört nicht mehr dem boli­via­ni­schen Volk, son­dern sei­nen wah­ren Eigen­tü­mern, den USA. Deren Regie­rung ist es zwar nicht gelun­gen, Evo Mora­les wie Sad­dam Hus­sein oder Muammar al-Gad­da­fi tot aus dem Gra­ben zu zie­hen, gelyncht von der gerech­ten Wut der Groß­grund­be­sit­zer Boli­vi­ens, aber Mora­les hat in Mexi­ko Zuflucht gesucht – dahin kom­men die Gerech­tig­keits­fa­na­ti­ker der USA schnell, weil die Mau­er für sie durch­läs­sig ist. Befreit ist Boli­vi­en auch von den kuba­ni­schen Ärz­ten und Ärz­tin­nen, die als eine der ersten Hand­lun­gen der selbst­er­nann­ten Prä­si­den­tin des Lan­des ver­wie­sen wur­den, teil­wei­se waren sie sogar ver­haf­tet wor­den. Aber ein Staats­streich war das nicht, Gott behü­te! »Gott hat erlaubt, dass die Bibel in den Prä­si­den­ten­pa­last zurück­kehrt«, sülz­te Jea­ni­ne Áñez, selbst­er­nann­te Über­gangs­prä­si­den­tin am 13. Novem­ber in La Paz. (zitiert nach jW, 14.11.19)

Ihr Kol­le­ge, der selbst­er­nann­te Prä­si­dent von Vene­zue­la, Juan Guai­dó, kün­dig­te für den 16. Novem­ber einen Auf­stand in Vene­zue­la an – den hat er aber offen­bar nicht so pro­fes­sio­nell vor­be­rei­tet wie sei­ne boli­via­ni­schen Freun­de, oder die vene­zo­la­ni­sche Regie­rung war bes­ser vor­be­rei­tet, jeden­falls fand der Auf­stand nicht statt. Wie scha­de für die Medi­en! Selbst sie konn­ten 5000 Demon­stra­ti­ons­teil­neh­mer nicht zu einem Auf­stand umdeu­ten. (jW, 18.11.19) Hier hat die »Wucht der Märk­te« offen­bar versagt.

Die wird ja auch gera­de in Deutsch­land gebraucht: »Für die Kli­ma­zie­le brau­chen wir die Wucht der Märk­te«, so Anna­le­na Baer­bock, Co-Vor­sit­zen­de der Grü­nen, im Inter­view in der Frank­fur­ter Rund­schau. (MAZ, 15.11.19)

Im Moment herrscht aller­dings eher eine Unwucht: War­ren Buf­fet, der Mil­li­ar­där, weiß nicht, wohin mit sei­nem Geld: Es gibt kei­ne viel­ver­spre­chen­de Anla­ge­mög­lich­keit. Die wegen der Wald­brän­de in Kali­for­ni­en plei­te­ge­gan­ge­ne Paci­fic Gas and Elec­tric Com­pa­ny will er jeden­falls nicht kau­fen, auch wenn ihn der Gou­ver­neur Kali­for­ni­ens dar­um bit­tet. Kei­ne Ren­di­te­mög­lich­keit! 128 Mil­li­ar­den Dol­lar war­ten auf Anla­ge­ob­jek­te. Wie wäre es mit boli­via­ni­schem Lithi­um? Das war­tet doch gera­de auf die Wucht der Märkte!

Auch die deut­sche Regie­rung will mit­wuch­ten: »Deutsch­land muss Gestal­tungs­macht wer­den«, for­der­te AKK in einer Rede an der Bun­des­wehr­uni­ver­si­tät Mün­chen. Sie will wohl wie­der Land­kar­ten neu gestal­ten – mit mili­tä­ri­schen Blei­stif­ten wie vor hun­dert Jah­ren die Kolo­ni­al­mäch­te. Zum Aus­gleich kommt jetzt aber erst mal Afri­ka nach Deutschland:

Kenia liegt jetzt in Bran­den­burg – samt afri­ka­nisch anmu­ten­der Vet­tern­wirt­schaft: Als erstes wer­den die Posten ver­teilt: 90 Stel­len dür­fen die neu­en Mini­ster aus CDU und Grü­nen in ihren Mini­ste­ri­en frei beset­zen mit Per­so­nal ihrer Wahl.

Der Gestal­tungs­wil­le der Regie­rung ist auch sonst groß: Die CDU will jetzt beschlie­ßen, vor jeder Schu­le je eine Deutsch­land-, Lan­des- und Euro­pa-Fah­ne auf­zu­hän­gen. Ob die in den mei­sten Fäl­len recht her­un­ter­ge­kom­me­nen Schu­len einen guten Hin­ter­grund für die Beflag­gung abge­ben? Oder ob wegen der drei Lap­pen die AfD weni­ger Zulauf bekommt? Die ent­schei­den­de Wucht ist das wohl nicht.

Aber immer­hin: »Gro­ße Koali­ti­on schafft Durch­bruch bei der Grund­ren­te«, hieß eine dicke Über­schrift in der MAZ am 11.11.19. Um das zu ver­ste­hen, muss man berück­sich­ti­gen, dass am 11.11. die när­ri­sche Zeit beginnt.

Fro­he Fastnacht!