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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Auch das war Lea Grundig

Eigent­lich ken­nen wir sie anders – aus dem, was sie in der DDR an Wer­ken schuf. Doch nun haben wir die Chan­ce, eine bis­her kaum bekann­te Sei­te ihres Schaf­fens zu entdecken.

Jüdi­sche Kin­der aus ver­schie­de­nen Län­dern kamen wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges nach Palä­sti­na, das unter bri­ti­scher Ver­wal­tung stand. Der Nazi­ter­ror hat­te sie zur Flucht gezwun­gen. Nun galt es für sie, die hebräi­sche Spra­che zu erler­nen. Dafür wur­den Bücher gebraucht. Lea Grun­dig, 1939 aus Deutsch­land ent­kom­men, kam nach lan­ger Flucht in das bri­ti­sche Inter­nie­rungs­la­ger Atlit und spä­ter zu ihrer Schwe­ster nach Hai­fa. Für die Kin­der einer Freun­din mal­te sie dort ein bun­tes Bil­der­buch; dabei ent­deck­te sie ihre lyri­sche Bega­bung. In ihrem Bänd­chen »Lea Grun­dig. Kunst für die Men­schen« in der Rei­he »Jüdi­sche Minia­tu­ren« zitiert Maria Hei­ner Lea Grun­dig: »Das erste Buch waren gute Gedich­te für Kin­der, es war ech­te Poe­sie, und ich mach­te mit gro­ßer Sorg­falt dazu Zeich­nun­gen. Nie­mals hät­te ich gedacht, dass ich zu die­ser Arbeit befä­higt wäre, aber es erwies sich, dass ich es konn­te und selbst Freu­de dar­an hat­te.« Mit far­bi­gen Zeich­nun­gen ver­sah sie dann Leah Gold­bergs Buch »Der zer­streu­te Mann vom Dorf Azar«. Es folg­ten Illu­stra­tio­nen zu Erzäh­lun­gen aus dem Pol­ni­schen, die der Kin­der­arzt und Päd­ago­ge Janusz Kor­c­zak für Kin­der geschrie­ben hat­te, mit denen er im August 1942 in Treb­lin­ka ins Gas gegan­gen war. Aus dem Rus­si­schen gab es Tex­te von Kor­nej Tschu­kow­ski. In des­sen Erzäh­lung »Die gestoh­le­ne Son­ne« ver­schluckt ein Kro­ko­dil die Son­ne. Den Tie­ren gelingt es gemein­sam, dass die Son­ne wie­der aus­ge­spuckt wird. Lea Grun­dig hielt sich eng an den Text und brach­te es bald zur Mei­ster­schaft beim Illu­strie­ren. Auch das Grimm’sche Mär­chen von Hän­sel und Gre­tel ver­sah sie mit ein­drucks­vol­len far­bi­gen Zeich­nun­gen. Mit gro­ßer Phan­ta­sie gestal­te­te sie ihre Rei­he »Spre­chen­de Bäu­me«. Das Apfel­bäum­chen ist ein fröh­li­ches tan­zen­des Mäd­chen; »Vier Pal­men« erschei­nen gei­ster­haft im Mond­licht. Bis 1948 schuf Lea Grun­dig etwa 350 Buch-illu­stra­tio­nen. Die ori­gi­na­len Druck­vor­la­gen sind ver­schol­len. Maria Hei­ner gelang es, in israe­li­schen Anti­qua­ria­ten zwan­zig Kin­der- und Jugend­bü­cher mit Illu­stra­tio­nen von Lea Grun­dig zu erwer­ben. Ihr ist es zu ver­dan­ken, dass wir die­se Wer­ke heu­te bewun­dern kön­nen. Schon vor der Grün­dung des Staa­tes Isra­el waren die­se Kin­der­bü­cher von gro­ßem Wert; sie gehö­ren zu den Weg­be­rei­tern einer jüdisch-israe­li­schen Kul­tur. Damals herrsch­te ein gro­ßer Bedarf an die­sen Wer­ken, die auch zu Schul­bü­chern wur­den. Die­se Arbeit Lea Grun­digs wur­de bis­her kaum gewürdigt.

Lea Grun­dig, 1906 als Leah Lan­ger in Dres­den gebo­ren, war ein Mäd­chen mit star­kem Wil­len. Sie besuch­te die Kunst­ge­wer­be­aka­de­mie ihrer Hei­mat­stadt und wur­de spä­ter in der Aka­de­mie der Bil­den­den Kün­ste Dres­den Mei­ster­schü­le­rin bei Otto Guss­mann. Schon damals war sie vor allem bekannt durch kla­re gra­phi­sche Schwarz­weiß­ar­bei­ten, die aktu­ell Ter­ror, Flucht, Ver­fol­gung und Wider­stand der Nazi­zeit dar­stell­ten. Sie erhielt Berufs­ver­bot und floh nach Palä­sti­na. 1949 kehr­te sie in die gera­de gegrün­de­te DDR zurück zu ihrem Mann Hans Grun­dig und wur­de Pro­fes­so­rin an der Dresd­ner Kunst­hoch­schu­le. Im Nach»wende«deutschland dif­fa­miert man sie heu­te noch als »DDR-Chef­ideo­lo­gin«.

Die Ärz­tin Maria Hei­ner, seit 1963 mit Lea Grun­dig befreun­det, bewahrt ihre Wer­ke und sorgt dafür, dass die Künst­le­rin nicht ver­ges­sen wird. In der Laden­ga­le­rie der jun­gen Welt eröff­ne­te sie am 28. Febru­ar eine Aus­stel­lung mit Repro­duk­tio­nen der Arbei­ten Lea Grun­digs unter dem Titel »Kar­ne­val der Tie­re«. Far­ben­präch­ti­ge, lusti­ge Illu­stra­tio­nen und ein hebräi­sches Alpha­bet »Buch­sta­ben erzäh­len« sind zu bestau­nen. Doch es gibt auch Illu­stra­tio­nen zur Geschich­te geflüch­te­ter Kin­der zu sehen, die sehr betrof­fen machen, unter ande­rem für Levin Kip­nis Buch »Kin­der im Unter­grund«. Die Aus­stel­lung zeigt zahl­rei­che unbe­kann­te Wer­ke. Lea Grun­dig hat­te ein­mal gesagt: »Ein Kunst­werk, das nie ein Mensch gese­hen hat, ist wie ein toter Gegen­stand.« Ein Besuch bringt nicht nur Erkennt­nis­se, son­dern auch ästhe­ti­schen Gewinn.

»Der Kar­ne­val der Tie­re, Kin­der- und Jugend­buch­il­lu­stra­tio­nen Lea Grun­digs aus ihrem Exil 1942–1948«, bis 25. April in der Laden­ga­le­rie der jun­gen Welt, Tor­stra­ße 6, 10119 Ber­lin, Mo.–Do. 11–18 Uhr, Fr. 10–14 Uhr, Ein­tritt frei