Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Nostradamus und die Weltwirtschaft

Wann steht der näch­ste Crash bevor? Die Men­schen wol­len wis­sen, wie die Zukunft sein wird. Sie hof­fen und ban­gen. Sie ver­trau­en Wirt­schafts­gu­rus, die von sich sagen, sie wüss­ten genau, was gesche­hen wird. Steht die Zukunft in den Ster­nen – und das ist fast immer so –, haben Schick­sals­deu­ter Hoch­kon­junk­tur. Nos­tradamus, früh­neu­zeit­li­cher Pro­du­zent von Pro­phe­zei­un­gen, schrieb Horo­sko­pe für die Kin­der der Köni­gin. Madame Buche­la, die Wahr­sa­ge­rin von Bonn, weis­sag­te Kon­rad Ade­nau­er. Man­fred Wör­ner, von 1988 bis 1994 der bis­her ein­zi­ge deut­sche NATO-Gene­ral­se­kre­tär und Vor­sit­zen­der des Nord­at­lan­tik­rats, ver­trau­te sei­ner Hell­se­he­rin Ruth Zucker.

Unter­neh­mer und Poli­ti­ker blicken gebannt auf die Ora­kel aus den Insti­tu­ten der Kon­junk­tur­for­scher. Dort wer­den Indi­ka­to­ren unab­läs­sig beob­ach­tet. Das sind sta­ti­sti­sche Grö­ßen, mit denen die Schwan­kun­gen der wirt­schaft­li­chen Akti­vi­tät gemes­sen wer­den. Sie die­nen der Beschrei­bung, Dia­gno­se und Vor­her­sa­ge der Wirtschaftsentwicklung.

In vor­in­du­stri­el­len Zei­ten gab es noch kei­ne syste­ma­ti­schen Pro­duk­ti­ons­sta­ti­sti­ken. Hilfs­grö­ßen muss­ten her­hal­ten, um den Wan­del zu erfas­sen. Und Wan­del gab es immer. Auf- und Abschwün­ge der Pro­duk­ti­on könn­ten zu tun haben mit Son­nen­flecken, Mor­gen­rö­ten, kos­mi­schen Strah­len und magne­ti­schen Stö­run­gen, mut­maß­ten die ersten Kri­sen­for­scher. Viel­leicht dach­ten sie an die Bibel, die davon spricht, dass den alten Ägyp­tern der Wech­sel zwi­schen sie­ben fet­ten und sie­ben mage­ren Jah­ren zu schaf­fen gemacht habe. Man soll gar die Zahl der sonn­täg­li­chen Kir­chen­be­su­cher gezählt haben: In Kri­sen­zei­ten waren die Got­tes­häu­ser voll. Ging es den Men­schen bes­ser, ließ die Fröm­mig­keit nach.

Heu­te gibt es für Pro­duk­ti­on und Volks­ein­kom­men Mes­sun­gen, auch für kür­zer zurück­lie­gen­de Zeit­räu­me: Monats-, Quar­tals-, Halb­jah­res­zah­len. Ob sie genau sind, ist jedoch meist umstrit­ten. Die Exper­ten sind sich in der Bewer­tung der aktu­el­len Lage sel­ten einig. Was für die einen eine Wachs­tums­del­le, eine Atem­pau­se im Auf­schwung ist, ist für ande­re schon der Beginn einer Rezes­si­on. Kon­junk­tur­vor­her­se­her unter­su­chen vor allem Früh­in­di­ka­to­ren, von denen sie auf die wirt­schaft­li­che Lage in den näch­sten Mona­ten schlie­ßen. Sie ermit­teln akri­bisch Trends und erstel­len unent­wegt Wirt­schafts­pro­gno­sen, die sie eben­so oft kor­ri­gie­ren müs­sen. War­um ist das so? Rezes­sio­nen hin­ter­las­sen tie­fe Spu­ren im Leben der Men­schen. Aber die Wirt­schaft ist ein hoch­gra­dig kom­ple­xes System, des­sen Merk­ma­le und Ände­run­gen unmög­lich im Detail vor­aus­ge­sagt wer­den kön­nen. Und doch tun Öko­no­men so, als fie­le ihnen das Unmög­li­che leicht. Regel­mä­ßig sagen sie das Wirt­schafts­wachs­tum in Zehn­tel­pro­zen­ten vor­aus. Und regel­mä­ßig sind sie gezwun­gen, ihre Vor­aus­sa­gen zu ändern.

Der Inter­na­tio­na­le Wäh­rungs­fonds, Russ­land, Chi­na, Deutsch­land – sie alle rech­nen mit weni­ger Wachs­tum für das lau­fen­de Jahr als noch im Herbst 2018. Die EU-Kom­mis­si­on erwar­tet für die Län­der der Wäh­rungs­uni­on für 2019 nur noch ein Wachs­tum von 1,3 Pro­zent statt wie zuvor pro­gno­sti­ziert 1,9 Pro­zent. Die Bun­des­re­gie­rung rech­net mit einem Pro­zent Zuwachs an Wirt­schafts­lei­stung. Der Han­dels- und Zoll­krieg zwi­schen den USA, Chi­na und Euro­pa, »Brexit«-Irritationen und stei­gen­de Schul­den ver­un­si­chern die Wirt­schafts­ak­teu­re. Steht ein neu­er Schock bevor? Die Kon­junk­tur­for­scher sagen in tie­fer Über­zeu­gung klein­ste Wachs­tums­än­de­run­gen vor­aus, die gro­ßen Abstür­ze sehen sie nie kom­men – außer die pro­fes­sio­nel­len Crash-Pro­phe­ten, die den Zusam­men­bruch stets vor Augen haben und irgend­wann ein­mal Recht haben. Der Har­vard Index of Gene­ral Busi­ness Con­di­ti­ons ver­sag­te kläg­lich bei der Vor­aus­sa­ge des Bör­sen­crashs 1929 und der fol­gen­den Welt­wirt­schafts­kri­se. In der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land gab es zwi­schen 1966 und 2009 acht Rezes­sio­nen, und kein Exper­te hat­te auch nur eine von ihnen kom­men sehen. Modern­stes Pro­gno­se­hand­werk erwies sich als untaug­lich, die gro­ße Kri­se 2007 bis 2009 wenig­stens zu erah­nen. Die Dame mit den Hüten, Köni­gin Eli­sa­beth II., wun­der­te sich, wes­halb kei­ner das Desa­ster kom­men gese­hen hat­te. Bri­ti­sche Öko­no­men ant­wor­te­ten Ihrer Maje­stät, dies sei »ein Ver­sa­gen der kol­lek­ti­ven Vor­stel­lungs­kraft vie­ler klu­ger Men­schen gewe­sen«. Das gan­ze Pro­ce­de­re selbst­herr­li­cher Ankün­di­gun­gen hat mit Wis­sen­schaft nichts zu tun. Es bewegt sich zwi­schen Schar­la­ta­ne­rie und hei­te­rem Rätselraten.

Zu den klas­si­schen Früh­in­di­ka­to­ren zäh­len Auf­trags­ein­gän­ge in der Indu­strie und Bau­ge­neh­mi­gun­gen im Hoch­bau. Nicht unlo­gisch: Die mei­sten, die eine Bau­ge­neh­mi­gung haben, wer­den in abseh­ba­rer Zeit mit dem Bau begin­nen. Aus den Schwan­kun­gen der Auf­trags­pol­ster schlie­ßen die Kon­junk­tur­deu­ter auf den Zeit­punkt, da Pro­duk­ti­on und Beschäf­ti­gung sin­ken oder stei­gen werden.

Zu den neue­ren Früh­in­di­ka­to­ren, die durch Befra­gun­gen ermit­telt wer­den, gehört der Geschäfts­kli­ma­in­dex des Mün­che­ner Insti­tuts für Wirt­schafts­for­schung (Ifo). Seit 1972 beur­tei­len laut Han­dels­blatt monat­lich 7000 Unter­neh­mer aus Han­del, Bau- und ver­ar­bei­ten­dem Gewer­be anhand von zwan­zig Fra­gen ihre Geschäfts­la­ge (gut/​befriedigend/​schlecht) und sagen, was sie für die näch­sten sechs Mona­te erwar­ten (günstiger/​gleich/​ungünstiger). Der Sal­do der Geschäfts­la­ge ist die Dif­fe­renz der Pro­zent­an­tei­le der Ant­wor­ten »gut« und »schlecht«; der Sal­do der Erwar­tun­gen die Dif­fe­renz der Pro­zent­an­tei­le der Ant­wor­ten »gün­sti­ger« und »ungün­sti­ger«. Das Geschäfts­kli­ma ist ein Mit­tel­wert bei­der Sal­den. Als Faust­re­gel gilt: Dreht der Index drei­mal hin­ter­ein­an­der in die glei­che Rich­tung, ist mit einem Wen­de­punkt der wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung zu rechnen.

Der ISM-Index des Insti­tu­te for Sup­ply Manage­ment ist der natio­na­le Ein­kaufs­ma­na­ger-Index der USA. Das Baro­me­ter misst Auf­trags­ein­gän­ge, Pro­duk­ti­on, Beschäf­ti­gung, Lie­fer­fri­sten und Lager­be­stän­de. Dazu wer­den Ein­kaufs­lei­ter von 400 Unter­neh­men aus zwan­zig reprä­sen­ta­ti­ven Indu­strie­be­rei­chen der USA befragt. Sie beur­tei­len ihre momen­ta­ne und die erwar­te­te Wirt­schafts­la­ge (besser/​gleich/​schlecht).

Der Kon­sum-Kli­ma-Index misst das »Ver­trau­en« der Ver­brau­cher. Er wird von Markt­for­schern der Uni­ver­si­tät Michi­gan seit dem Jahr 1969 erho­ben. Sie befra­gen 500 pri­va­te Haus­hal­te monat­lich über ihre aktu­el­le und vor­aus­seh­ba­re Finanz­la­ge. Und schlie­ßen dar­aus auf die Stim­mung und das Kauf­ver­hal­ten der US-Ver­brau­cher. In Deutsch­land ermit­telt die Nürn­ber­ger Gesell­schaft für Kon­sum­for­schung einen Kon­sum-Kli­ma-Index am Ende eines jeden Monats für den Fol­ge­mo­nat. Sie will von rund 2000 Per­so­nen zum Bei­spiel wis­sen, ob es sich lohnt, gegen­wär­tig grö­ße­re Anschaf­fun­gen zu täti­gen. Vor­aus­sa­gen grün­den sich auf Stim­mun­gen: Man glaubt, wer guter Lau­ne ist, wer­de kon­su­mie­ren und inve­stie­ren. Wer miss­ge­launt und skep­tisch ist, nicht.

Wel­len des Wirt­schafts­wachs­tums prä­gen den Kapi­ta­lis­mus seit der ersten indu­stri­el­len Revo­lu­ti­on. Über­pro­duk­ti­ons­kri­sen gehö­ren seit 1825 zu ihm wie der Don­ner zum Blitz. Sie wer­den irr­tüm­lich von vie­len als Finanz­kri­sen bezeich­net – so auch jüngst von Autoren des neu­en deutsch­land die Welt­wirt­schafts­kri­se 1929–1933 (nd, 9./10.2.2019, S.5) –, weil sie meist mit einem Bör­sen­krach begin­nen und von Tur­bu­len­zen auf den Finanz­märk­ten beglei­tet wer­den. Die Welt­wirt­schafts­kri­se zwi­schen 1929 und 1933 ging los mit dem Sturz der Akti­en­kur­se an der New Yor­ker Bör­se. Als schwar­zer Frei­tag ist der 25. Okto­ber 1929 in die Bör­sen- und Kri­sen­ge­schich­te ein­ge­gan­gen. Mil­li­ar­den Dol­lar Anla­ge­wer­te lösten sich über Nacht in Luft auf. Ein Tag – und der gan­ze Wert­zu­wachs eines Jah­res war weg. Mil­lio­nen Anle­ger ver­lo­ren ihr Ver­mö­gen. Ähn­lich die letz­te gro­ße Kri­se, die 2008/​2009 mit einem Kurs­sturz begann und als Welt­fi­nanz­kri­se bezeich­net noch Jah­re nach­wirk­te. Kurs­stür­ze waren der Beginn bei­der Kri­sen, doch waren sie auch ihre Ursa­che? Die zeit­li­che Fol­ge ver­lei­tet zu fal­schen Kau­sal­schlüs­sen. Wir­kung wird gewöhn­lich als das zwei­te von zwei Phä­no­men betrach­tet, die sich stets gemein­sam und in der glei­chen Rei­hen­fol­ge ereig­nen. Ambro­se Bier­ce, der ame­ri­ka­ni­sche Schrift­stel­ler, scharf­sin­nig: »Das erste nennt sich Ursa­che und bewirkt angeb­lich das zwei­te – was nicht sinn­vol­ler, als wenn einer, der nie einen Hund anders denn bei der Ver­fol­gung eines Kanin­chens gese­hen hat, das Kanin­chen zur Ursa­che des Hun­des erklär­te.« (»Des Teu­fels Wör­ter­buch«, über­setzt von Gis­bert Haefs, area ver­lag, 1986) Gegen die Annah­me, Vor­gän­ge auf den Finanz­märk­ten ver­ur­sach­ten die wirt­schaft­li­che Rezes­si­on, spricht, dass die Bör­sen trotz ihrer rela­ti­ven Eigen­stän­dig­keit und ihres Ein­flus­ses auf die Güter­märk­te letzt­lich von die­sen abhän­gen. Nicht der Bör­sen­krach bewirkt Über­pro­duk­ti­on. Umge­kehrt: Die Über­pro­duk­ti­on und der Rück­gang der Pro­fi­ta­bi­li­tät zün­den das Desa­ster an den Bör­sen. Marx beschreibt die Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen Güter- und Finanz­märk­ten: »Die Spe­ku­la­ti­on tritt regel­mä­ßig ein in Peri­oden, wo die Über­pro­duk­ti­on schon in vol­lem Gan­ge ist. Sie lie­fert der Über­pro­duk­ti­on ihre momen­ta­nen Abzugs­ka­nä­le, wäh­rend sie eben dadurch das Her­ein­bre­chen der Kri­se beschleu­nigt und ihre Wucht ver­mehrt. Die Kri­se bricht zuerst aus auf dem Gebiet der Spe­ku­la­ti­on und bemäch­tigt sich erst spä­ter der Pro­duk­ti­on. Nicht die Über­pro­duk­ti­on, son­dern die Über­spe­ku­la­ti­on, die selbst nur ein Sym­ptom der Über­pro­duk­ti­on ist, erscheint daher der ober­fläch­li­chen Betrach­tung als Ursa­che der Kri­se.« (MEGA I/​10: 448)

Das Ende der letz­ten gro­ßen Kri­se liegt zehn Jah­re zurück. Man muss nicht bei Nos­tradamus in die Leh­re gegan­gen sein, um zu wis­sen, dass der näch­ste Crash kom­men wird. Das kann schon bald, viel­leicht die­ses oder näch­stes Jahr, pas­sie­ren. Genaue­res kann selbst ein mar­xi­sti­scher Öko­nom nicht wissen.