Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Späte Ehrung für Martha Heuer

Vor sechs Jah­ren schrieb ich für Ossietzky einen Arti­kel mit der Über­schrift »Ken­nen Sie Mar­tha Heu­er?« (Heft 4/​2013, S. 126). Eigent­lich ging die Fra­ge ins Lee­re. Was es mit dem Namen auf sich hat­te, war mir auch nur durch Zufall bekannt gewor­den. Mar­tha Heu­er gehör­te zu den weni­gen Deut­schen, die sich dem Ter­ror der Natio­nal­so­zia­li­sten ent­ge­gen­ge­stellt haben. Sie hat ver­folg­te Men­schen ver­steckt und damit vor dem Tode bewahrt. Auch das war Wider­stand gegen das Unrechtsregime.

Wie konn­te es gesche­hen, dass eine sol­che Frau im eige­nen Land, ja selbst in ihrer Hei­mat­stadt Bre­men, unbe­ach­tet blieb? Lag es dar­an, dass sie zu beschei­den war? Es hat­te wohl eher mit der Gleich­gül­tig­keit ihrer Umwelt und der Geschichts­ver­ges­sen­heit der poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen zu tun. Ich nahm mir vor, etwas dage­gen zu unter­neh­men. So kam es zu dem Ossietzky-Arti­kel und schließ­lich auch einer posi­ti­ven Reso­nanz bei Behör­den und Insti­tu­tio­nen. Sie fin­det in den näch­sten Tagen mit der Benen­nung einer Stra­ße nach Mar­tha Heu­er ihren krö­nen­den Abschluss. Am 25. März um 15 Uhr wird im Bei­sein des Prä­si­den­ten des Senats der Frei­en Han­se­stadt, Bür­ger­mei­ster Car­sten Sie­ling, an der Ein­mün­dung der künf­ti­gen Mar­tha-Heu­er-Stra­ße in den Pasto­ren­weg 96/​98 das erste Schild mit der Auf­schrift »Mar­tha-Heu­er-Stra­ße« enthüllt.

Dort in Grö­pe­lin­gen, einem über­wie­gend von Arbei­tern und Ange­stell­ten bewohn­ten Stadt­teil, war Mar­tha Heu­er zu Hau­se. Als sie 1975 nach Isra­el ein­ge­la­den wur­de, um in der »Allee der Gerech­ten« nahe der Gedenk­stät­te Yad Vashem einen nach ihr benann­ten Baum zu pflan­zen, mach­te sie wenig Auf­he­bens von sich. In der Fei­er­stun­de begnüg­te sie sich mit zwei Sät­zen. Einer lau­te­te: »Ich wür­de es wie­der tun.« Den Anstoß zu ihrer Ehrung hat­ten die nach Isra­el aus­ge­wan­der­ten Geret­te­ten von einst gege­ben. Mar­tha, die damals noch Pal­me hieß, und ihre Mut­ter Meli­da Pal­me, die post­hum in die Liste der »Gerech­ten unter den Völ­kern« auf­ge­nom­men wur­de, hat­ten 1942 in War­schau sechs ver­folg­te Juden mona­te­lang in einer ange­mie­te­ten Woh­nung ver­steckt und vor dem Abtrans­port in eines der Todes­la­ger der Nazis bewahrt.

Als ich mit mei­nen Recher­chen begann, besaß ich bis auf einen ver­gilb­ten Zei­tungs­ar­ti­kel mit dem hand­schrift­lich ein­ge­tra­ge­nen Datum vom 24. April 1975 nichts, auf das ich mich hät­te stüt­zen kön­nen. Der Arti­kel hat­te in einer Zei­tung gestan­den, die nicht mehr exi­stiert. Sie hieß Bre­mer Westen. Ich bekam den Arti­kel von einer Enke­lin Mar­tha Heu­ers, die mit einem Enkel von mir befreun­det war. Er hat­te ihr von mei­ner jour­na­li­sti­schen Arbeit erzählt. Weder bei der Bre­mer SPD, für die Mar­tha Heu­ers Mann Heinz als Abge­ord­ne­ter nach dem Zwei­ten Welt­krieg in der Bür­ger­schaft saß, noch beim Bre­mer Staats­ar­chiv hat­te man jemals etwas von Mar­tha Heu­er gehört. Auch den Arti­kel kann­te niemand.

Am 18. Febru­ar 2013, weni­ge Tage nach dem Erschei­nen mei­nes Ossietzky-Arti­kels, schlug ich dem Bre­mer Amt für Stra­ßen und Ver­kehr vor, eine Stra­ße im Stadt­teil Grö­pe­lin­gen nach Mar­tha Heu­er zu benen­nen. Zur Begrün­dung ver­wies ich auf ihre ret­ten­de Tat wäh­rend der Nazi­zeit und die Ehrung in Isra­el. Mir ging es dar­um, die muti­ge Frau als Vor­bild für mensch­li­ches Ver­hal­ten in Erin­ne­rung zu rufen. Die Ant­wort kam schnell. Bereits zwei Tage spä­ter ließ mich das zustän­di­ge Refe­rat wis­sen, dass es in Abspra­che mit dem Direk­tor des Bre­mer Staats­ar­chivs, Kon­rad Elms­häu­ser, die Initia­ti­ve auf­grei­fen und den Namen Mar­tha Heu­er in einem dafür vor­ge­se­he­nen Vor­schlags­ver­zeich­nis fest­hal­ten wer­de, »um sicher­zu­stel­len, dass Ihre Anre­gung bei Neu- bzw. Umbe­nen­nun­gen von Ver­kehrs­flä­chen gem. § 37 des Bre­mi­schen Lan­des­stra­ßen­ge­set­zes ent­spre­chend Berück­sich­ti­gung findet«.

Der Schluss ließ befürch­ten, dass es wohl eine Wei­le dau­ern wür­de, das Vor­ha­ben in die Tat umzu­set­zen. Doch es kam anders. Schon am 2. April 2013 befass­te sich der Fach­aus­schuss »Bau und Ver­kehr« des Stadt­teil­bei­ra­tes mit der Sache. Im Pro­to­koll der Sit­zung heißt es: »Dem Vor­schlag für eine Stra­ßen­be­nen­nung nach ›Mar­tha Heu­er‹ wird zuge­stimmt.« Hat­te ich offe­ne Türen ein­ge­rannt? Doch dann wur­de es still. Abge­se­hen von dem einen oder ande­ren inter­nen Mei­nungs­aus­tausch unter Inter­es­sier­ten, die von­ein­an­der wis­sen woll­ten, ob sie den Namen Mar­tha Heu­er schon mal gehört hät­ten, geschah nach außen hin lan­ge Zeit nichts. Aber es gab immer wie­der Impuls­ge­be­rin­nen wie die Bre­mer Ger­ma­ni­stin und Autorin meh­re­rer Bücher über jüdi­sche Schick­sa­le, Anning Lehmen­siek, die das Vor­ha­ben unterstützten.

Nun wird also am 25. März, sechs Jah­re nach­dem Ossietzky gefragt hat­te »Ken­nen Sie Mar­tha Heu­er?«, eine Stra­ße nach jener beschei­de­nen Frau benannt, die mehr für die Mensch­heit getan hat als sämt­li­che mit Orden und Ehren­zei­chen behäng­ten Heer­füh­rer der Welt. Sie hat Men­schen­le­ben geret­tet. Die Liste der »Gerech­ten unter den Völ­kern« aus Deutsch­land ver­zeich­net nach dem gegen­wär­ti­gen Stand 616 Namen. Gemes­sen an den 78 Mil­lio­nen Ein­woh­nern des Deut­schen Rei­ches eine beschei­de­ne Zahl. Wäre es nicht an der Zeit, die­se Men­schen auch deut­scher­seits zu ehren und ihnen einen Platz im kol­lek­ti­ven Gedächt­nis des deut­schen Vol­kes zu verschaffen?

Unter Beru­fung auf eine alte jüdi­sche Legen­de zeich­net Isra­el Men­schen als »Gerech­te unter den Völ­kern« aus, die wäh­rend der natio­nal­so­zia­li­sti­schen Gewalt­herr­schaft unter gro­ßen per­sön­li­chen Risi­ken Juden vor der Depor­ta­ti­on in ein Ver­nich­tungs­la­ger bewahrt haben. Nach der Schil­de­rung von Han­nah Arendt besagt die Legen­de, dass es in der Welt immer 36 unbe­kann­te Gerech­te gibt, ohne deren Anwe­sen­heit die Welt in Scher­ben fiele.