Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Gepflegtes Feindbild

Hen­ry Lei­de hat ein Trau­ma: Die DDR hat nach sei­ner Mei­nung zu wenig zur Auf­klä­rung von Nazi­ver­bre­chen im All­ge­mei­nen und in Bezug auf das KZ Ausch­witz im Beson­de­ren getan. Bereits vor mehr als zehn Jah­ren mach­te er mit einem Buch auf sich auf­merk­sam, wel­ches gleich­sam eine Abrech­nung mit der Abtei­lung IX/​11 des frü­he­ren Mini­ste­ri­ums für Staats­si­cher­heit (MfS) sein soll­te. Die Abtei­lung war mit der Ermitt­lung von Nazi­ge­walt­tä­tern befasst. Lei­des Kri­tik war so hef­tig und lei­der auch oft unbe­rech­tigt, dass ehe­ma­li­ge Mit­ar­bei­ter der Abtei­lung sie nicht auf sich sit­zen las­sen konn­ten. So erschien zum Buch von Lei­de, der im Übri­gen bei der Außen­stel­le Rostock des Bun­des­be­auf­trag­ten für die Unter­la­gen des MfS beschäf­tigt ist, ein »Anti-Lei­de«, der auch so beti­telt wur­de. Jetzt hat der Autor »nach­ge­legt« und das Buch »Ausch­witz und Staats­si­cher­heit« her­aus­ge­bracht. Es wur­de kürz­lich mit gro­ßem Getö­se in Ber­lin vor­ge­stellt. Die Welt titel­te: »So schütz­te die Sta­si Ausch­witz-Mör­der«, und der Rezen­sent ver­steigt sich gar zu der Behaup­tung, die Straf­ver­fol­gung sol­cher Taten wäre in der DDR »noch lascher« gewesen.

Gleich­zei­tig muss er aber ein­räu­men, dass sich die BRD »bis weit in die 1960er Jah­re hin­ein wahr­lich nicht mit Ruhm bekleckert hat, was die juri­sti­sche Sank­tio­nie­rung des Holo­caust betrifft«, um dann aber sofort hin­zu­zu­fü­gen: »Aber die DDR war in jeder Hin­sicht noch viel schlim­mer.« Der Buch­au­tor und der Rezen­sent in der Welt sind sich offen­bar einig, wenn es dar­um geht, den Anti­fa­schis­mus der DDR wei­ter­hin zur Ziel­schei­be zu erklä­ren. Das ist nicht neu. Schon nach Erschei­nen von Lei­des erstem Buch war in der Welt am Sonn­tag zu lesen, dass das Bild des kon­se­quent anti­fa­schi­sti­schen deut­schen Staa­tes, »zer­trüm­mert« wer­de. Det­lef Joseph, der einst an der Ber­li­ner Hum­boldt-Uni­ver­si­tät Staats- und Rechts­theo­rie lehr­te, beleg­te bereits mit sei­nem vor Jah­ren erschie­ne­nen Buch mit dem etwas pro­vo­kan­ten Titel »Nazis in der DDR«, war­um das nicht stimmt. Er war es auch, der kon­sta­tier­te: »Die Sym­pa­thie bür­ger­li­cher Krei­se für den Faschis­mus als Fak­tor der Macht­er­hal­tung des Kapi­ta­lis­mus bestimmt auch die Sym­pa­thie für jene Men­schen, die für den Erhalt und die Sta­bi­li­sie­rung des Nazi­fa­schis­mus ver­ant­wort­lich zeich­ne­ten und die von ihrer anti­kom­mu­ni­sti­schen Hal­tung nach der Zer­schla­gung des Faschis­mus nicht Abstand nah­men.« Man möch­te mei­nen, dass nach der Ent­hül­lung zahl­rei­cher Per­so­nen des öffent­li­chen Lebens der Bun­des­re­pu­blik im Mit­te der 1960er Jah­re bereits erschie­ne­nen »Braun­buch« deut­lich wur­de, wo die Mas­se der alten Nazis sitzt und wer sie inte­griert hat. Ade­nau­er hat dar­aus nie einen Hehl gemacht. Er for­der­te, es müs­se Schluss sein mit der »Nazi­rie­che­rei«, und woll­te kein »schmut­zi­ges Was­ser weg­schüt­ten, bevor er nicht sau­be­res« habe. Dabei blieb es. Die alten Nazis konn­ten oft bis zum Errei­chen des Pen­si­ons­al­ters blei­ben und blie­ben unbe­hel­ligt. In den juri­sti­schen Fakul­tä­ten waren Namen wie Theo­dor Maunz oder Edu­ard Dre­her noch lan­ge auf den Buch­deckeln der ver­wen­de­ten Stan­dard­wer­ke zu lesen, obgleich deren brau­ne Ver­gan­gen­heit bekannt war. Glob­ke schaff­te es bis zum Staats­se­kre­tär und zur »grau­en Emi­nenz« Ade­nau­ers. Sein Bild hängt noch heu­te im Bun­des­kanz­ler­amt. Wel­che Per­so­nen in der BRD für geheim­dienst­li­che Zwecke ange­wor­ben wur­den, obgleich sie eine »brau­ne Weste« hat­ten, bleibt wei­ter­hin unbe­kannt, da hier­zu wohl weder Aus­künf­te noch Akten bereit­ge­stellt wer­den. So bleibt denn nach Lei­de wie­der alles an der DDR hän­gen, die sich nicht mehr weh­ren kann und mit der als Feind­bild sich offen­bar noch immer Auf­merk­sam­keit erzie­len lässt. Aber viel­leicht gibt es ja bald auch wie­der einen neu­en »Anti-Lei­de«.