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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Auf der Bühne der Welt

Wir nann­ten ihn nur Bud­zi, unse­ren Bud­zi. Den Pro­fes­sor, der mit schief­sit­zen­der Flie­ge und einem ziga­ret­ten­gro­ßen Manu­skript mit schnel­len Trip­pel­schrit­ten auf dem Podi­um umher­lief und uns mit sono­rer, aber scharf akzen­tu­ie­ren­der Stim­me die Welt­po­li­tik und die Kom­men­ta­re der Jour­na­li­sten erklär­te. Das war in den fünf­zi­ger und sech­zi­ger Jah­ren an der Fakul­tät für Jour­na­li­stik der Leip­zi­ger Uni­ver­si­tät. Her­mann Bud­zis­law­ski war der Dekan die­ser Fakul­tät, sein Auf­trag: Aus­bil­dung und Erzie­hung (!) jun­ger auf­ge­schlos­se­ner Men­schen zu sozia­li­sti­schen Jour­na­li­sten. Wir, die Stu­den­ten, waren alle Fans des klei­nen leb­haf­ten Man­nes auf der Vor­trags­büh­ne. Wir wuss­ten, dass er schon in den drei­ßi­ger Jah­ren ein bekann­ter Publi­zist war, Nach­fol­ger des von den Nazis ermor­de­ten Weltbühne-Her­aus­ge­bers Carl von Ossietzky, ein Mann, der aus dem ame­ri­ka­ni­schen Asyl her­aus den Natio­nal­so­zia­lis­mus und Hit­lers Krieg bekämpf­te, ein Freund von Ber­tolt Brecht, Hein­rich Mann, Lion Feucht­wan­ger und vie­ler ande­rer Lite­ra­tur­grö­ßen, ein Mann mit Ein­sicht in die Welt­läu­fe und mit gro­ßer publi­zi­sti­scher Erfah­rung. Mehr wuss­ten wir nicht.

End­lich liegt nun über ihn eine aus­führ­li­che, um nicht zu sagen all­sei­ti­ge Bio­gra­fie vor, ver­dien­ter­ma­ßen und inter­es­san­ter­wei­se. Dani­el Sie­mens, ein deut­scher Histo­ri­ker, der im eng­li­schen New­cast­le lehrt und forscht, hat ein Buch geschrie­ben mit der uner­mess­li­chen Mühe eines um Objek­ti­vi­tät bemüh­ten Wis­sen­schaft­lers. Sein The­ma und sein Held machen es ihm nicht leicht, denn Her­mann Bud­zis­law­ski war tat­säch­lich sein gan­zes Leben lang eine unge­wöhn­li­che Per­sön­lich­keit als anpas­sungs­fä­hi­ger Zeit­pu­bli­zist, und sei­ne Wir­kungs­zeit und sein Leben sind in der Tat­au­ßer­ge­wöhn­lich verschlungen.

Sie­mens hat alles aus­ge­gra­ben, was auf­deck­bar ist: die Nach­läs­se, die Brie­fe, die Rech­nun­gen und natür­lich die Arti­kel. Auch die Arti­kel mit Ver­däch­ti­gun­gen und Anschul­di­gun­gen von Intim­fein­den wie Schlamm oder Mün­zen­berg, die ihn als einen sowje­ti­schen Agen­ten oder zumin­dest als einen Super­kom­mu­ni­sten dar­stel­len wollten.

Bud­zis­law­skis Leben und sein pro­fes­sio­nel­les Werk sind alles ande­re als ein­fach und ein­spu­rig. Sie­mens nimmt uns in sei­ner Bio­gra­fie mit in die Kind­heit und Jugend die­ses unge­wöhn­li­chen Talents, das 1901 als Sohn eines jüdi­schen Flei­schers in Ber­lin gebo­ren wur­de, den gym­na­sia­len Weg klein­bür­ger­li­cher Kin­der in schwie­ri­gen und spä­ter revo­lu­tio­när-anar­chi­sti­schen Zeit von Krieg und Nach­kriegs­zeit durch­leb­te. Er arran­gier­te sich schon als Schü­ler auf der Revo­luz­zer­sei­te, so dass er vom Vater in ein ver­meint­lich ruhi­ge­res uni­ver­si­tä­res Pro­vinz­le­ben geschickt wur­de. Die­ser Plan ging auf.

Schon mit 22 Jah­ren ver­fass­te und ver­tei­dig­te er eine Dis­ser­ta­ti­on auf dem Gebiet der – wie es damals hieß – Natio­nal­öko­no­mie. Aller­dings sind uns The­ma und Dik­ti­on heu­te recht befremd­lich, es geht näm­lich um Euge­nik, nicht im Sin­ne der spä­ter von den Nazis übel prak­ti­zier­ten Ras­se­leh­re, aber als Abhand­lung für eine euge­ni­sche kapi­ta­li­sti­sche Öko­no­mik. Es ist unklar, war­um Sie­mens das so genüss­lich aus­ufernd dar­stellt, zumal das Pro­blem auch für die dama­li­ge Zeit­pu­bli­zi­stik umfas­sen­der hin­ter­fragt wer­den müss­te. Bud­zis­law­ski war die­se Beschäf­ti­gung spä­ter selbst pein­lich, und er ist eigent­lich nie wie­der dar­auf zurück­ge­kom­men. Hier steht es nun aber als Zei­chen der unge­heu­ren gei­sti­gen Fle­xi­bi­li­tät und Anpas­sungs­fä­hig­keit des jun­gen Man­nes, was sich wäh­rend der gan­zen Wei­ma­rer Repu­blik fort­setz­te. Bud­zis­law­ski begann zu schrei­ben, ver­ord­ne­te sich kon­se­quent nach links, orga­ni­sier­te anti­ko­lo­nia­le Unter­stüt­zung, zum Bei­spiel gegen die eng­li­sche Unter­drückungs­po­li­tik in Indi­en, knüpf­te nach allen Sei­ten hin jour­na­li­sti­sche Kon­tak­te, warn­te vor dem Faschis­mus. Schließ­lich führ­te ihn das in die Nähe und dann in das redak­tio­nel­le Lager von Ossietz­kys Weltbühne, die er 1932 betrat. Als lin­ker poli­ti­scher Jude muss­te er Deutsch­land dann aber als­bald verlassen.

Wie es wei­ter­ging, hat Sie­mens in sei­nem Buch prä­zi­se nach­er­zählt. Bud­zis­law­ski hielt das Ban­ner des Anti­fa­schis­mus hoch, mach­te die NeueWeltbühne erst in Prag dann in Paris zum Organ von Volks­front-Ver­bün­de­ten, und das gegen vie­le Anfein­dun­gen und trotz aller Mühen der Finan­zie­rung. Alles ist genau auf­ge­führt, aller­dings lei­det dar­un­ter das Inhalt­li­che. Nach­drucke der Zeit­schrif­ten-Bei­trä­ge lie­gen ja als Sam­mel­band vor, aber man hät­te sich in die­ser Bio­gra­fie gera­de über die­se Pha­se der anti­fa­schi­sti­schen Publi­zi­stik mehr Bei­spie­le und inhalt­li­che Stoß­rich­tun­gen gewünscht.

Was man dann nach dem Ein­tre­ten Frank­reichs in den Welt­krieg über die Odys­see des Emi­gran­ten Bud­zis­law­ski lesen kann, mutet gera­de­zu kol­por­ta­ge­haft an: Schlimm­ste Haft­be­din­gun­gen in süd­fran­zö­si­schen Inter­nie­rungs­la­gern, Flucht und sen­sa­tio­nel­les Auf­fin­den der Fami­lie, anstren­gen­de und aben­teu­er­li­che Flucht zu Fuß mit dem alten Vater über die Pyre­nä­en, Durch­schla­gen im Fran­co-Spa­ni­en, Finan­zie­rung und Orga­ni­sie­rung einer Schiffs­pas­sa­ge von Lis­sa­bon nach Ame­ri­ka. Das gelingt alles nur, weil der gewief­te Bud­zi sei­ne Netz­wer­ke und Bezie­hun­gen aus­nut­zen kann.

In Ame­ri­ka ange­kom­men, war zunächst nichts mit dem Wei­ter­füh­ren einer Neu­en Weltbühne, auch saßen dort die Vor­be­hal­te gegen einen lin­ken Publi­zi­sten trotz Anti­fa­schis­mus tief. Aber der Neu-Ame­ri­ka-Emi­grant hat­te wie­der Glück. Die bedeu­ten­de US-Publi­zi­stin Doro­thy Thom­son mit ihren Bezie­hun­gen zu höch­sten US-Regie­rungs­krei­sen wur­de auf den renom­mier­ten und geschick­ten Ana­ly­sten Bud­zis­law­ski auf­merk­sam und nahm ihn in ihre Dien­ste für ihre poli­ti­schen Kolum­nen, die dut­zend­fach in ganz Ame­ri­ka erschienen.

Nun agier­te der deut­sche Anti­fa­schist als Ghost­wri­ter zwar aus der zwei­ten Rei­he, was nicht ganz sei­nem Ehr­geiz ent­sprach, aber es war poli­tisch wirk­sam und für die Fami­lie auch pro­fi­ta­bel. Auch hier wäre wün­schens­wert gewe­sen, wenn mehr über die Bud­zis­law­ski-Thomp­son­schen Angrif­fe auf das Nazi­re­gime und die Ein­schät­zung der Kriegs­er­eig­nis­se ein­ge­fügt wor­den wäre. Als nach Ende des Krie­ges Bud­zis­law­skis Arbeit­ge­be­rin auf die Linie des Kal­ten Krie­ges umschwenk­te, war Schluss mit güt­lich, und man trenn­te sich in schar­fer Pole­mik, wobei Bud­zis­law­ski scha­den­froh ver­kün­de­te: »Ich war Ame­ri­kas berühm­te­ste Frau«; sei­nen Anti­fa­schis­mus ließ er nicht ein­fach in Anti­kom­mu­nis­mus umwandeln.

Was Hie­si­ge an Sie­mens Bio­gra­fie am mei­sten inter­es­sie­ren dürf­te, ist dann die Rück­kehr nach Deutsch­land und das schwie­ri­ge Sich-zurecht-Fin­den in der DDR. Da ging es ihm wie ande­ren West-Remi­gran­ten auch: Unsi­cher­hei­ten, Ver­däch­ti­gun­gen, aber auch Pri­vi­le­gi­en, kom­pli­zier­te Neu­an­fän­ge. Wie­der­um war kein Raum für einen Neu­an­fang mit der Weltbühne. Sei­ne poli­ti­schen und publi­zi­sti­schen Erfah­run­gen soll­ten viel­mehr für den Auf­bau einer sozia­li­sti­schen Jour­na­li­stik­wis­sen­schaft genutzt werden.

Bud­zis­law­ski stell­te sich die­ser Auf­ga­be einer­seits enthu­sia­stisch, ande­rer­seits auch zöger­lich. Die­ses Kapi­tel wird von Sie­mens nicht gänz­lich aus­ge­leuch­tet und auch nicht voll ver­stan­den – zumal schon vie­le Zeit­zeu­gen feh­len. Am Enga­ge­ment Bud­zis­law­skis war nicht zu zwei­feln. Davon zeu­gen die vie­len Funk­tio­nen, Reden und auch staat­li­che Aus­zeich­nun­gen, die im Buch auf­ge­zählt wer­den. Der erfah­re­ne Inter­na­tio­na­list mit sei­nen Kennt­nis­sen und Ver­bin­dun­gen, der auch Mit­glied der Volks­kam­mer und von inter­na­tio­na­len Gre­mi­en war, tat jeden­falls ein gutes Werk für die Aner­ken­nung der DDR. Auf dem eigent­li­chen aka­de­mi­schen Arbeits­feld tat er sich dage­gen schwer. Die Mühen des Uni­ver­si­täts­all­tags waren nicht sein Ding. Auch sorg­ten Hard­li­ner im jun­gen Lehr­kör­per nicht immer für gute Stim­mung. Gleich­wohl – wenn auch unter Drän­gen sei­ner unge­dul­di­gen Mit­ar­bei­ter – such­te er nach einem Weg, das Lenin­sche Kon­zept von der sozia­li­sti­schen Pres­se als Agi­ta­tor und Pro­pa­gan­dist mit dem Grund­auf­ga­ben jedes Jour­na­lis­mus, näm­lich Wider­spie­ge­lung des aktu­el­len Gesche­hens zu sein, zu ver­bin­den. Das wird in dem pro­fes­sio­nell nütz­li­chen, wenn auch eklek­ti­zi­sti­schen Lehr­buch »Sozia­li­sti­sche Jour­na­li­stik«, das 1966 unter sei­nem Namen erschien, trotz aller Par­tei­lich­keit noch deut­lich. Sein spä­te­rer Nach­fol­ger und auto­ri­tä­rer Intim­feind Dusis­ka ließ es sofort nach Erschei­nen sogleich auf den Index des Unbe­ach­tet­seins set­zen. Damit ende­te die aka­de­mi­sche Ära des schon geal­ter­ten und ange­schla­ge­nen Pro­fes­sors. Die­ses Stück Wis­sen­schafts­ge­schich­te fehlt bei Sie­mens ganz, ist aber wich­tig für die bio­gra­fi­sche Beur­tei­lung. Eine spä­te Genug­tu­ung erfuhr der immer noch groß­ar­ti­ge Publi­zist, als er von 1967 bis 1971 noch ein­mal der Weltbühne, sei­nem Leib­blatt, vor­ste­hen durf­te. Er nutz­te es vor allem als außen­po­li­ti­sches Erklä­rungs­me­di­um, was ihm ja ohne­hin am mei­sten lag.

Es gibt immer gro­ße Per­sön­lich­kei­ten in der Poli­tik, Lite­ra­tur, Kunst, sel­ten in der Publi­zi­stik. Sie­mens hat mit Bud­zis­law­ski einen wich­ti­gen Namen wie­der ent­deckt, sicher­lich nicht in glei­cher Augen­hö­he zu sehen wie Ossietzky oder Tuchol­sky, aber einen, der mit sei­ner Bega­bung und Wen­dig­keit auch die Kom­pli­ziert­heit und Zer­fah­ren­heit des poli­ti­schen Kamp­fes gegen den Faschis­mus wider­spie­gelt. Sie­mens stellt ihn wie­der auf einen Sockel, zwar not­wen­di­ger­wei­se mit Rost­flecken und Nar­ben, aber als bemer­kens­wer­tes Exem­pel lin­ker Publizistik.

Es ist müßig dar­über zu strei­ten, ob und wann in den ver­schie­de­nen Etap­pen sei­nes zer­ris­se­nen Lebens Bud­zis­law­ski lin­ker Sozi­al­de­mo­krat, west­li­cher Libe­ra­ler oder über­zeug­ter Sozia­list war. Auf jeden Fall war er immer kämp­fe­ri­scher Anti­fa­schist und welt­ge­wand­ter poli­ti­scher Kopf. Bud­zis­law­ski ver­starb im Jah­re 1978. Sein Grab befin­det sich in der Gedenk­stät­te der Sozia­li­sten auf dem Zen­tral­fried­hof Ber­lin-Fried­richs­fel­de. Zu Recht.

Dani­el Sie­mens: Hin­ter der Weltbühne. Her­mann Bud­zis­law­ski und das 20. Jahr­hun­dert, Auf­bau-Ver­la­ge, Ber­lin 2022, 597 S., 28 €.

Der Autor Karl-Heinz Röhr war Anfang der 1960er Jah­re als Assi­stent per­sön­li­cher Mit­ar­bei­ter von Her­mann Bud­zis­law­ski. Zuletzt war er Pro­fes­sor für die Grund­la­gen jour­na­li­sti­scher Metho­dik an der Karl-Marx-Uni­ver­si­tät Leipzig.