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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Hohe Zinsen gegen die Inflation?

Die Infla­ti­ons­ra­ten zie­hen an, in Deutsch­land, in ande­ren euro­päi­schen Län­dern, in den USA und anders­wo. Die USA mel­de­ten einen Preis­an­stieg im Febru­ar von 7,9 Pro­zent, die Euro-Zone von 5,9 Pro­zent. Da stand der kräf­ti­ge Preis­sprung bei Ben­zin, Strom und ande­ren Roh­stof­fen noch bevor. Öko­no­men, Wirt­schafts­jour­na­li­sten und Poli­ti­ker uni­so­no: Nur hohe Zin­sen der Noten­bank könn­ten die Infla­ti­on bre­chen. Jero­me Powell, der Chef der US-Noten­bank (Fed) lei­te­te am 17. März 2022 eupho­risch die »Zins­wen­de« ein. Die von ihm geführ­te Zen­tral­bank setz­te den Leit­zins forsch um 0,25 Pro­zent­punk­te auf 0,5 Pro­zent hoch. Die Federal Funds Rate-Zins­span­ne soll nun zwi­schen 0,25 bis 0,5 Pro­zent betra­gen – bemer­kens­wert des­halb, weil es die erste Erhö­hung seit 2018 ist. Geplant sind wei­te­re sechs Zins­an­he­bun­gen um jeweils einen vier­tel Punkt in die­sem Jahr. Auch im näch­sten Jahr soll der Leit­zins schritt­wei­se wei­ter ange­ho­ben wer­den, bis Ende 2023 auf etwa 2,8 Pro­zent. Dadurch wer­de es mög­lich, die Infla­ti­on unter drei Pro­zent zu drücken.

Hel­fen hohe Zin­sen gegen die Infla­ti­on so wie Omas Waden­wickel gegen das Fie­ber? Die Auf­fas­sung scheint durch die stän­di­ge Wie­der­ho­lung in den Rang einer Bin­sen­wahr­heit auf­ge­stie­gen zu sein. Nie­mand zwei­felt an ihr. Selbst lin­ke und Marx-affi­ne Autoren ver­tre­ten sie, die sonst dem Main­stream allein des­halb wider­spre­chen, weil sie nicht zu ihm gehö­ren und glau­ben, Ein­spruch ihrem Oppo­si­ti­ons- und Min­der­hei­ten­sta­tus schul­dig zu sein. Die Auf­fas­sung, dass Zins­stei­ge­run­gen die Infla­ti­on dämp­fen wür­den, scheint zum gesun­den Men­schen­ver­stand zu gehö­ren. Offen­bar ist sie so über­zeu­gend, dass kaum jemand danach fragt, wor­auf die angeb­li­che Wun­der­wir­kung der Zin­sen beru­hen soll. Aber ist das rich­tig: Hohe Zin­sen = nied­ri­ge Prei­se und nied­ri­ge Zin­sen = hohe Prei­se? Wes­halb soll­ten stei­gen­de Zin­sen den anhal­ten­den Preis­an­stieg brem­sen? Wel­che Logik liegt der Argu­men­ta­ti­on zugrun­de? Die Auf­fas­sung hält sich hart­näckig, weil sie wie vie­le Ver­ein­fa­chun­gen und Fehl­deu­tun­gen das berühm­te Körn­chen Wahr­heit ent­hält. Jeder ver­steht auf Anhieb, dass hohe und stei­gen­de Zin­sen die Nach­fra­ge nach Kre­di­ten und das Kre­dit­vo­lu­men unter sonst glei­chen Umstän­den sen­ken könn­ten. Frem­des Geld wird teu­rer und je teu­rer es ist, umso gerin­ger ist das Inter­es­se, es sich zu lei­hen. Logisch auch, dass sich daher die umlau­fen­de Geld­men­ge ver­rin­gern und, wo weni­ger Geld zir­ku­liert, die Prei­se nach­ge­ben könnten.

Und den­noch ist die The­se zwei­fel­haft. Die Bot­schaft, Ban­ken könn­ten durch hohe Zin­sen Preis­sta­bi­li­tät wah­ren oder zurück­ge­win­nen, und sin­ken­de Zin­sen rie­fen umge­kehrt ein hohes Preis­ni­veau her­vor, bewahr­ten die Mensch­heit vor der angeb­lich noch böse­ren Defla­ti­on, ver­kennt ent­schei­den­de Deter­mi­nan­ten der Preis­bil­dung. Die herr­schen­de Leh­re aber hat sich dar­auf ver­steift: Stei­gen­de Zin­sen bewirk­ten, dass die Kre­dit­nach­fra­ge zurück­ge­he, die Geld­men­ge sich ver­rin­ge­re und weni­ger umlau­fen­des Geld die Prei­se sin­ken lie­ße. Folg­lich gehör­ten hohe Zin­sen und nied­ri­ge Prei­se zusam­men. Das kann manch­mal sein und ist für eine »freie Kon­kur­renz« zwi­schen öko­no­misch etwa gleich­star­ken Unter­neh­men immer­hin vor­stell­bar. Der freie Wett­be­werb zwi­schen vie­len Unter­neh­men ist das Grund­mo­dell des neo­klas­si­schen Main­streams. Es besitzt nur den Nach­teil, mit der Rea­li­tät nicht viel gemein zu haben. Die Rea­li­tät ist kom­ple­xer als alle Model­le über sie. Hin­dern Zins­stei­ge­run­gen Mono­po­le dar­an, ihre Preis­set­zungs­macht aus­zu­üben? Die Kon­zer­ne zie­hen es vor, einen Teil ihrer Kapa­zi­tä­ten nicht aus­zu­la­sten, statt wie einst nicht­mo­no­po­li­sti­sche Unter­neh­men die Pro­duk­te, vor allem die über­schüs­si­gen, preis­gün­stig zu ver­kau­fen. Die Kosten der nicht aus­ge­la­ste­ten Kapa­zi­tä­ten wer­den den Kosten der Pro­duk­te zuge­schla­gen, die ohne die­se Kapa­zi­tä­ten her­ge­stellt wer­den. Auch des­halb stei­gen die Prei­se. Mono­po­le unter­gra­ben dau­er­haft den Ange­bot-Nach­fra­ge-Preis­me­cha­nis­mus. Sie begren­zen ihr Ange­bot, um die Prei­se hoch­zu­hal­ten. Hohe Prei­se wie­der­um sen­ken die Real­löh­ne und beein­träch­ti­gen die Nach­fra­ge nach Kon­sum­gü­tern. Dadurch geht die Nach­fra­ge nach Pro­duk­ti­ons­mit­teln in Zwei­gen zurück, die Kon­sum­gü­ter her­stel­len. Sta­gnie­ren­de oder sin­ken­de Pro­duk­ti­on, abflau­en­de Inve­sti­tio­nen, die Nicht­aus­la­stung der Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten und eine hohe Arbeits­lo­sig­keit sind die Folge.

Wie ist es mög­lich, dass ein Liter Die­sel im Durch­schnitt des Jah­res 2020 für 1,10 Euro je Liter zu haben war und man zwei Jah­re mehr spä­ter das Dop­pel­te bezah­len muss? Hat­te sich die gesell­schaft­lich not­wen­di­ge Arbeits­zeit der Sprit­pro­duk­ti­on ver­dop­pelt? 1990 kostet der Liter Die­sel 50 Cent, 32 Jah­re spä­ter fünf­mal so viel. Waren die Auf­wen­dun­gen oder die Nach­fra­ge so rasant gestie­gen? Nein, die enorm gestie­ge­nen Roh­stoff- und Ener­gie­prei­se wäh­rend des Ukrai­ne­krie­ges 2022 und vor­her haben weder zu tun mit stei­gen­den Auf­wen­dun­gen ihrer Her­stel­lung, die es nicht gege­ben hat, noch resul­tie­ren sie, wie immer wie­der behaup­tet wird, aus einer plötz­lich gestie­ge­nen Nach­fra­ge, zumin­dest nicht aus einer reell-stofflichen.

Die Prei­se sind Ergeb­nis der Spe­ku­la­ti­on. Roh­stof­fe wer­den an den Bör­sen gehan­delt. Die Roh­stoff­märk­te sind seit jeher eine der größ­ten Spiel­wie­sen für Finanz­wet­ten. Der Ter­min­han­del besitzt für sai­son­ab­hän­gi­ge Pro­duk­te eine lan­ge Tra­di­ti­on. Der Bau­er kann die noch auf dem Halm ste­hen­de Ern­te ver­kau­fen, wenn er befürch­tet, dass die Prei­se sin­ken wer­den. So kann es dazu kom­men, dass Kon­trak­te über Roh­stof­fe an der Bör­se bis zu ihrer Fäl­lig­keit mit ste­ti­ger Ver­teue­rung bis zu 500 000-mal ver­kauft wer­den. Wer erwar­tet, dass die Prei­se in Zukunft höher sein wer­den, kauft heu­te, um spä­ter mit Gewinn ver­kau­fen zu kön­nen. Die spe­ku­la­ti­ve Nach­fra­ge steigt und treibt die Prei­se dort­hin, wo die Spe­ku­lan­ten sie erwar­ten, nach oben. Die Welt­markt­prei­se für Getrei­de, ande­re Roh­stof­fe und Grund­nah­rungs­mit­tel stei­gen mit fata­len Fol­gen für die Ver­sor­gung und die Erzeu­gung. Für zwei­stel­li­ge Ren­di­te­zie­le der Spe­ku­lan­ten hun­gern welt­weit über eine Mil­li­ar­de Men­schen und zah­len Mil­li­ar­den Men­schen hor­ren­de Prei­se, die weder mit der effek­ti­ven Nach­fra­ge noch mit Pro­duk­ti­ons­ko­sten zu tun haben. Über­höh­te Ben­zin-, Roh­stoff- und Ener­gie­prei­se fül­len die Kas­sen der Kon­zer­ne. Mono­po­le nut­zen die Kriegs­si­tua­ti­on, um Extra-Pro­fi­te ein­zu­sam­meln. Ob sie die Chan­ce auf höhe­re Pro­fi­te aus­lie­ßen, wenn die Zen­tral­bank­zin­sen höher oder nied­ri­ger wären, darf ernst­haft bezwei­felt werden.

Was besa­gen empi­ri­sche Unter­su­chun­gen über die Bezie­hun­gen zwi­schen Infla­ti­on und Zin­sen? Sie bele­gen schon seit Tho­mas Too­ke (1774-1858), dem eng­li­schen Öko­no­men, dass die lang­fri­sti­gen Kapi­tal­markt­zin­sen und das Preis­ni­veau posi­tiv mit­ein­an­der ver­bun­den sind. Der eng­li­sche Natio­nal­öko­nom A. H. Gib­son hat­te dies im Jahr 1923 für Eng­land in der Zeit von 1820 bis 1920 nach­ge­wie­sen und der Volks­wirt­schaft­ler Wolf­gang Filc spä­ter für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land bestä­tigt. John M. Keynes, der bri­ti­sche Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler, der einer gan­zen Denk­rich­tung den Namen gab, hielt die Gleich­läu­fig­keit von Zins und Preis­ni­veau dage­gen für para­dox. Er nann­te sie »Gib­son-Para­dox«. Dabei ist der Zusam­men­hang kei­nes­wegs unlo­gisch. Rich­tig sind zunächst zwei Aspek­te – das Körn­chen Wah­res im Fal­schen – wor­auf sich die Mehr­heit der Öko­no­men ver­steift. Erstens: Zin­sen beein­flus­sen unter sonst glei­chen Umstän­den die Geld- und Kre­dit­nach­fra­ge nega­tiv, d.h. hohe Zin­sen kön­nen die Nach­fra­ge nach Kre­di­ten und Geld sen­ken, nied­ri­ge Zin­sen kön­nen sie erhö­hen. Zwei­tens: Geld­men­gen und Prei­se kor­re­lie­ren posi­tiv. Hohe oder stei­gen­de Prei­se erzwin­gen, dass unter sonst glei­chen Umstän­den die Geld­men­ge grö­ßer wird, nied­ri­ge Prei­se bewir­ken, dass die Geld­men­ge sinkt. Aber muss man Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten stu­die­ren, um ein­zu­se­hen, dass dies nur ein Teil der Wahr­heit ist? Zin­sen sind für die Unter­neh­mer Kosten und wer­den auf Prei­se über­ge­wälzt. Ist es so schwer zu erken­nen, was jeder öko­no­mi­sche Laie begreift, aber selbst dem Star­öko­no­men des 20. Jahr­hun­derts offen­bar ent­ging? Auf Märk­ten, auf denen Mono­po­le und Oli­go­po­le dank ihrer Markt­macht den Preis­wett­be­werb ad absur­dum geführt haben, sind Über­wäl­zun­gen der Zin­sen und ande­rer Kosten auf die Prei­se üblich, und sie gelin­gen mühe­los. Prei­se und Preis­stei­ge­run­gen fal­len mit­tel- und lang­fri­stig umso höher aus, je höher die Zin­sen sind. Hohe Zin­sen bedeu­ten hohe Prei­se, und hohe Prei­se erfor­dern einen Anstieg der Geld­men­ge. Geld­theo­re­ti­ker und Geld­po­li­ti­ker, auch der Chef der US-Noten­bank, tun unver­dros­sen so, als gäbe es die­sen Zusam­men­hang nicht.

Auch aus einem wei­te­ren Grund ist ihre Mei­nung frag­lich. So kann man beob­ach­ten, dass die Zah­lungs- und Til­gungs­ter­mi­ne umso kür­zer wer­den, je stär­ker die Zin­sen stei­gen. Man ver­ein­bart kür­ze­re Zah­lungs- und Til­gungs­ter­mi­ne, um der erwar­te­ten Geld­ent­wer­tung zuvor­zu­kom­men und spä­ter zu höhe­ren Zin­sen aus­zu­lei­hen. Das bedeu­tet, dass die Umlauf­ge­schwin­dig­keit des Gel­des steigt. Eine Geld­ein­heit wird im Durch­schnitt mehr­mals zu Zah­lungs­zwecken ver­wen­det. Und das heißt: Selbst für höhe­re Prei­se wird weni­ger Geld benö­tigt. Selbst wenn durch die Zins­po­li­tik eine Ver­rin­ge­rung der Geld­men­ge erreicht wer­den könn­te, wofür wenig spricht, ist daher zu befürch­ten, dass der immer­hin denk­ba­re preis­be­ru­hi­gen­de Effekt nicht ein­tritt, weil die Umlaufs­ge­schwin­dig­keit des Gel­des zunimmt.

Das ist noch nicht alles. Die Zins-Preis-Kau­sa­li­tät ist ergän­zungs­be­dürf­tig. Der Zins beein­flusst nicht nur die Nach­fra­ge nach Geld oder nach Kre­di­ten, er reagiert auch auf Ände­run­gen die­ser Nach­fra­ge. Er ist nicht nur Ursa­che, er ist auch Wir­kung. Zins und Geld­men­ge wech­sel­wir­ken. Mono­kau­sa­les Ein­bahn­stra­ßen­den­ken nimmt dies nicht wahr. Im wirt­schaft­li­chen Auf­schwung führt die stei­gen­de Nach­fra­ge auf den Güter­märk­ten dazu, dass die Prei­se erhöht wer­den, wenn das Ange­bot nicht mit­hal­ten kann. Der Geld- und Fremd­ka­pi­tal­be­darf erhöht sich. Ein Zins­an­stieg folgt. In rezes­si­ven und depres­si­ven Wirt­schafts­pha­sen ist es umge­kehrt: Die zurück­ge­hen­de Nach­fra­ge auf den Güter­märk­ten bewirkt bei gege­be­nem Ange­bot, dass die Prei­se fal­len oder das Tem­po der Preis­stei­ge­run­gen zurück­geht. Der Fremd­ka­pi­tal­be­darf nimmt ab, die Zin­sen sin­ken. Auch umge­kehrt, d. h. wenn der Preis die Ursa­che und der Zins die Wir­kung ist, ist der Zusam­men­hang zwi­schen bei­den Grö­ßen positiv.

Wohin man auch hört, über­all ertö­nen Hym­nen auf den Fed-Chef – der die Spa­rer ent­eig­nen­den Null- und Nega­tiv­zin­sen sind die Men­schen über­drüs­sig. Allen­falls wird bemän­gelt, dass die Leit­zins­er­hö­hun­gen zu vor­sich­tig und zu gering aus­fie­len. Die zyklisch beding­ten Zins­schwan­kun­gen auf den Märk­ten aber als das gewoll­te Pro­dukt von Ent­schei­dun­gen der Zen­tral­bank zu deu­ten und als Anlass zu sehen, die Weis­heit ihrer Direk­to­ren zu rüh­men, ist erhei­ternd, weiß man, dass sich ohne Zutun der Zen­tral­bank voll­zieht, was als deren Erfolg geprie­sen wird. Was geschieht, vor allem ob und wie die Ände­run­gen im Geld­sek­tor auf den güter­wirt­schaft­li­chen Bereich aus­strah­len, hängt von vie­len Fak­to­ren ab. Aus­schlag­ge­bend aber ist der im güter­wirt­schaft­li­chen Sek­tor der Volks­wirt­schaft sich unab­hän­gig von jeg­li­chem Tun der Zen­tral­bank bil­den­de Kre­dit­be­darf. Er ist ent­schei­dend für die Kre­dit­ver­ga­be und letzt­lich auch für das Zins­ni­veau, das die Zen­tral­bank sank­tio­niert, indem sie ihre Zin­sen anpasst.