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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Der lange Schatten von Lemberg

Was hat ein deut­scher Mini­ster mit Lem­berg zu tun? Nichts, wür­de man mei­nen. Es sei denn, er hie­ße Theo­dor Ober­län­der und hät­te als Offi­zier im Zwei­ten Welt­krieg an der Spit­ze eines Batail­lons der Deut­schen Wehr­macht gestan­den, des­sen Ange­hö­ri­ge in der west­ukrai­ni­schen Stadt Lem­berg an Pogro­men gegen die jüdi­schen Ein­woh­ner der Stadt betei­ligt gewe­sen sein sollen.

Die Ein­heit bestand aus ukrai­ni­schen Frei­wil­li­gen, die sich auf die Sei­te Nazi­deutsch­lands geschla­gen hat­ten, um ihren Hass gegen Rus­sen und Juden aus­le­ben zu kön­nen. Ihre Uni­for­men unter­schie­den sich von denen der Deut­schen nur durch blau-gel­be Pas­peln an den Schul­ter­klap­pen, den Natio­nal­far­ben der Ukrai­ne. Die Ein­heit, bei der Ober­län­der als Ver­bin­dungs­of­fi­zier fun­gier­te, war Ende 1940 zur Vor­be­rei­tung des Über­falls auf die Sowjet­uni­on von der Spio­na­ge­ab­tei­lung beim Ober­kom­man­do der Wehr­macht ins Leben geru­fen worden.

Bei dem Pogrom am 30. Juni 1941 wur­den zahl­rei­che Ärz­te, Rechts­an­wäl­te, Geist­li­che und Wis­sen­schaft­ler ermor­det. Das Ver­bre­chen blieb lan­ge im Ver­bor­ge­nen. Im zehn­ten Jahr ihres Bestehens wur­de die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land schließ­lich von die­ser Ver­gan­gen­heit ein­ge­holt. Unter der Über­schrift »Mini­ster Ober­län­der unter schwe­rem Ver­dacht« platz­ier­te die in Frank­furt erschei­nen­de anti­fa­schi­sti­sche Wochen­zei­tung Die Tat einen Arti­kel mit Ein­zel­hei­ten auf der ersten Sei­te ihrer Aus­ga­be vom 26. Sep­tem­ber 1959.

Noch ehe die Zei­tung aus­ge­lie­fert wer­den konn­te, erfuhr der im Kabi­nett von Kon­rad Ade­nau­er als Ver­trie­be­nen­mi­ni­ster täti­ge Ober­län­der durch einen Spit­zel vom Inhalt und mach­te sich höchst­per­sön­lich auf den Weg zum Druck­ort Ful­da. Dort trom­mel­te er zu nächt­li­cher Stun­de einen Rich­ter aus dem Bett und erwirk­te die Beschlag­nah­me der gesam­ten Aus­ga­be des Blat­tes, das der Ver­ei­ni­gung der Ver­folg­ten des Nazi­re­gime, abge­kürzt VVN, nahe­stand. Die Nacht-und-Nebel-Akti­on wur­de zum Bume­rang. Am näch­sten Tag frag­ten die Zei­tun­gen land­auf und land­ab nach den Grün­den der Beschlag­nah­me. Was Ober­län­der unter­drücken woll­te, pfif­fen nun die Spat­zen von allen Dächern. Ein Jahr spä­ter hat­te das CDU-Mit­glied den Rück­halt in sei­ner Par­tei ver­lo­ren und bat um sei­ne Entlassung.

Geschockt von dem Lem­berg-Desa­ster woll­te Bun­des­in­nen­mi­ni­ster Ger­hard Schrö­der sei­nem Par­tei­freund Genug­tu­ung wider­fah­ren las­sen. Er bean­trag­te beim Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt das Ver­bot der Ver­ei­ni­gung der Ver­folg­ten des Nazi­re­gimes und erleb­te damit nun sei­ner­seits eine kra­chen­de Nie­der­la­ge. Die Bun­des­re­gie­rung muss­te sich sagen las­sen, dass das Ver­bot einer Orga­ni­sa­ti­on von Ver­folg­ten dem Süh­ne­ge­dan­ken des Grund­ge­set­zes wider­spre­che. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt wei­ger­te sich, einen Ter­min zur Fort­set­zung des Pro­zes­ses zu benennen.

Anders als hier­zu­lan­de spielt die Erin­ne­rung an die Renais­sance des Nazis­mus nach dem Zwei­ten Welt­krieg bei den Rus­sen immer noch eine wesent­li­che Rol­le. Dass er vor allem in der Ukrai­ne in Gestalt von Ste­pan Ban­de­ra eine Art Reinkar­na­ti­on erleb­te, emp­fin­den vie­le als beson­ders schmerz­lich. Wla­di­mir Putin hat nach den Wor­ten des ZDF-Chef­re­dak­teurs Peter Frei die­se im kol­lek­ti­ven Gedächt­nis Russ­lands tief ver­an­ker­te Erin­ne­rung akti­viert. Die moder­ne Ukrai­ne habe sich, wenn über­haupt, nur halb­her­zig von Ban­de­ra distan­ziert. An die­se histo­ri­sche Kol­la­bo­ra­ti­on mit den Nazis zu erin­nern, sei eine, so Frei, für vie­le Rus­sen nach­voll­zieh­ba­re Recht­fer­ti­gung des jet­zi­gen Krieges.

Rake­ten, die von weit her mit Über­schall­ge­schwin­dig­keit ins Ziel gelenkt wer­den, sind frei­lich das untaug­lich­ste Mit­tel zur Bekämp­fung des Nazis­mus. Die Befrei­ung der Mensch­heit von sei­nem Ungeist ist eine Sache der Ver­nunft und nicht der Gewalt, mögen die Schat­ten sei­ner Ver­bre­chen noch so lang sein, dass sie unser aller Wege bis hin zum Sankt Nim­mer­leins­tag verdüstern.

Sie­he auch Con­rad Taler: Gegen den Wind, Papy­Ros­sa Ver­lag, Sei­te 50 f.: »So war das mit Theo­dor Oberländer«.