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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Völkerrecht als Sanktion?

Seit gut einem Monat ist wie­der Krieg in Euro­pa. Es ist nicht der erste nach dem Zwei­ten Welt­krieg, was der­zeit gern ver­ges­sen wird. Es ist auch nicht der erste in der Welt, an dem die Nato und ins­be­son­de­re Deutsch­land betei­ligt sind. Aber bei kei­nem die­ser Krie­ge wur­de so schnell nach der Hil­fe des Völ­ker­rechts und sei­ner inter­na­tio­na­len Gerich­te gerufen.

Am schnell­sten reagier­te der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te (EGMR), der schon am 1. März 2022 »vor­läu­fi­ge Maß­nah­men« gegen Russ­land ergriff. Er sah in den Angrif­fen der rus­si­schen Armee die nach­hal­ti­ge Gefahr für die Ver­let­zung einer Rei­he von Rech­ten der Zivil­be­völ­ke­rung wie das Recht auf Leben (Art. 2 Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on, EMRK), Ver­bot der Fol­ter oder unmensch­li­cher oder ernied­ri­gen­der Behand­lung oder Stra­fe (Art. 3 EMRK) und des Rechts auf Ach­tung des Pri­vat- und Fami­li­en­le­bens (Art. 8 EMRK). Er ver­lang­te von der rus­si­schen Regie­rung die Ein­stel­lung aller Angrif­fe gegen Zivi­li­sten und zivi­le Ein­rich­tun­gen und beson­ders geschütz­te Objek­te wie Wohn­ge­bäu­de, Schu­len und Krankenhäuser.

Aber auch der Inter­na­tio­na­le Gerichts­hof (IGH) hat in der Zwi­schen­zeit schon ent­schie­den – gemes­sen an der durch­schnitt­li­chen Ver­fah­rens­dau­er sei­ner Ent­schei­dun­gen, in preis­wür­di­ger Geschwin­dig­keit. Am 16. März ord­ne­te er die unver­züg­li­che Ein­stel­lung aller mili­tä­ri­schen Ope­ra­tio­nen an. Dies gel­te auch für die irre­gu­lä­ren Ein­hei­ten, Orga­ni­sa­tio­nen und Per­so­nen, die von Russ­land geführt oder kon­trol­liert wer­den. Nor­ma­ler­wei­se ist der IGH dafür gar nicht zustän­dig, da es an der bei­der­sei­ti­gen Zustim­mung für ein sol­ches Ver­fah­ren fehlt. Aber die Juri­sten fan­den für die Ukrai­ne einen trick­rei­chen Weg. Da die rus­si­sche Regie­rung ihren Angriff mit dem angeb­li­chen Völ­ker­mord der Ukrai­ne in der Don­bass-Regi­on begrün­de­te, möge der IGH erken­nen, dass dies nicht zutref­fe. Das eröff­ne­te den Rechts­weg, und die Juri­sten erreich­ten, was sie woll­ten – aber den Krieg konn­ten sie nicht stoppen.

Das wird auch der Inter­na­tio­na­le Straf­ge­richts­hof (IStGH) nicht schaf­fen, der sich eben­falls mit unge­wohn­ter Geschwin­dig­keit der Ver­fol­gung der Ver­ant­wort­li­chen die­ses Krie­ges ange­nom­men hat. Schon am 28. Febru­ar hat der Chef­an­klä­ger Karim Khan eine Unter­su­chung zur Situa­ti­on in der Ukrai­ne ange­kün­digt. Hier geht es um die straf­recht­li­che Ver­ant­wor­tung für Kriegs­ver­bre­chen, Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit und Völ­ker­mord nach dem Römi­schen Sta­tut des Inter­na­tio­na­len Gerichts­hofs von 1998. Seit Juli 2018 kann gem. Art. 8 nun auch die »Aggres­si­on«, d. h. der Angriffs­krieg straf­recht­lich ver­folgt wer­den. Er war zwar auch schon in dem Nürn­ber­ger Straf­kata­log von 1945 ent­hal­ten, stieß aber vor allem auf Beden­ken Frank­reichs, da eine rück­wir­ken­de Bestra­fung für eine Hand­lung (Angriffs­krieg), die bis dahin nicht straf­bar gewe­sen war, den aner­kann­ten Grund­sät­zen des Straf­rechts wider­spricht. Doch ein Straf­ver­fah­ren kann allen­falls prä­ven­ti­ve Wir­kun­gen ent­fal­ten als War­nung für die Zeit nach dem Krieg. Für einen unmit­tel­ba­ren Stopp der Kampf­hand­lun­gen ist es nicht geeignet.

Kann aber das Völ­ker­recht über­haupt in sei­nem gegen­wär­ti­gen Zustand ein sinn­vol­les und geeig­ne­tes Instru­ment der Frie­den­stif­tung zwi­schen Gegnern/​Feinden sein? Seit den ersten Krie­gen nach dem Unter­gang der Sowjet­uni­on ist das Völ­ker­recht dem Gespött der Kriegs­mäch­te aus­ge­lie­fert. Es dau­er­te 15 Jah­re, bis der ehe­ma­li­ge Kriegs­herr und dama­li­ge Bun­des­kanz­ler Ger­hard Schrö­der beim Sen­der Phö­nix ent­spannt plau­der­te, dass die Bom­bar­die­rung Jugo­sla­wi­ens vor genau 23 Jah­ren am 24. Febru­ar 1999 wohl völ­ker­rechts­wid­rig gewe­sen sei. Wer erin­nert sich noch an die Recht­fer­ti­gung, eine huma­ni­tä­re Kata­stro­phe und Völ­ker­mord ver­hin­dern zu wol­len? Es gab dafür kein Man­dat des UNO-Sicher­heits­rats, den man bewusst umgan­gen hat­te. Die Nato-Staa­ten konn­ten sich auch nicht auf die Selbst­ver­tei­di­gung des Art. 51 UNO Char­ta beru­fen, sie waren nicht ange­grif­fen wor­den. Was ihnen blieb, waren Lügen zur Begrün­dung einer zwei­fel­haf­ten »huma­ni­tä­ren Inter­ven­ti­on«. Der dro­hen­de »Völ­ker­mord« muss­te den Krieg begrün­den, eine »Recht­fer­ti­gung«, die nun von Prä­si­dent Putin als Grund für sei­nen Ein­marsch in die Ukrai­ne dank­bar auf­ge­grif­fen wur­de. Nur hat sich die rus­si­sche Regie­rung von die­sem offen­sicht­lich abwe­gi­gen Vor­wurf schon wie­der getrennt, wäh­rend Bun­des­kanz­ler Scholz die dama­li­ge Lüge auch heu­te noch bedient.

Sechs wei­te­re Jah­re spä­ter, 2021, ver­öf­fent­lich­te die ehe­ma­li­ge Chef­an­klä­ge­rin Car­la del Pon­to ein auto­bio­gra­fi­sches Buch über ihre Zeit bei den Son­der­tri­bu­na­len zu Jugo­sla­wi­en und Ruan­da. Man merkt, wie es sie heu­te noch quält, dass ihr damals die not­wen­di­gen Doku­men­te und Beweis­ma­te­ria­li­en für ihre Unter­su­chun­gen mög­li­cher Kriegs­ver­bre­chen der Nato ver­wei­gert wur­den. Ihr blieb nichts ande­res übrig, als die Unter­su­chun­gen ein­zu­stel­len – das Tri­bu­nal wur­de schließ­lich von den USA und der Nato finan­ziert. Auch ihr Ver­such, nach erfolg­rei­cher Ankla­ge zahl­rei­cher Hutu wegen schwe­rer Kriegs­ver­bre­chen nun auch Unter­su­chun­gen gegen Tut­si wegen eben­falls began­ge­ner Ver­bre­chen zu star­ten, schei­ter­te, ihr wur­de aus den USA und Groß­bri­tan­ni­en bedeu­tet, dass dies nicht oppor­tun sei. Das Man­dat von Car­la Del Pon­te wur­de nicht verlängert.

Weder in den Krie­gen gegen Jugo­sla­wi­en 1999, Afgha­ni­stan 2001, Irak 2003, noch Liby­en 2011 oder Syri­en 2014 wur­de der Ruf nach dem Völ­ker­recht so laut und nach­drück­lich wie jetzt. Und vor allem rich­te­te er sich nicht gegen die Angrei­fer, son­dern gegen die Opfer, ob berech­tigt oder nicht: Milo­se­vic, Sad­dam, Gad­da­fi, Assad. Drei sind tot, in der Haft ver­stor­ben, ohne Gerichts­ver­fah­ren exe­ku­tiert oder ermor­det. Wie die Zukunft Assads aus­se­hen wird, ist unge­wiss. Auch ist unge­wiss, ob Putin je vor ein inter­na­tio­na­les Straf­ge­richt, wo er zwei­fel­los hin­ge­hört, kommt. Die Unter­su­chun­gen, die der IStGH jetzt gegen Putin auf­ge­nom­men hat, wer­den auf jeden Fall nicht so enden, wie die Unter­su­chun­gen der vor­letz­ten Chef­an­klä­ge­rin Fatou Ben­sou­da gegen bri­ti­sche Sol­da­ten wegen ihrer Gräu­el­ta­ten im Gefäng­nis Abu Graib, Irak – alles schwe­re Men­schen­rechts- und Kriegs­ver­bre­chen. Sie stell­te die Unter­su­chun­gen ein, da die Behör­den des Ver­ei­nig­ten König­rei­ches alle not­wen­di­gen Ver­fol­gungs­maß­nah­men selbst vor­ge­nom­men hät­ten. Außer­dem sei­en etli­che Vor­wür­fe zu gering­fü­gig. Sie über­ließ es also den bri­ti­schen Gerich­ten, über bri­ti­sche Sol­da­ten zu urtei­len. Die Sol­da­ten wer­den es ihr gedankt haben.

Für alle Fäl­le haben nun auch mit gro­ßer Medi­en­re­so­nanz die ehe­ma­li­gen FDP-Abge­ord­ne­ten Ger­hard Baum und Sabi­ne Leu­theu­sser-Schnar­ren­berg Straf­an­zei­ge gegen Putin bei der Gene­ral­bun­des­an­walt­schaft in Karls­ru­he ein­ge­legt. Sie listen eine Sum­me schwe­rer Kriegs­ver­bre­chen auf, die stän­dig erwei­tert wird. Ein Straf­ver­fah­ren vor einem deut­schen Gericht ist auf­grund des soge­nann­ten Welt­rechts­prin­zips im deut­schen Völ­ker­straf­ge­setz­buch mög­lich, sodass auch Straf­ta­ten ohne Bezug zu Deutsch­land ver­folgt wer­den kön­nen. Ein küh­nes Prin­zip, das zu schwe­ren diplo­ma­ti­schen Ver­wick­lun­gen füh­ren kann.

Was wäre z. B. gesche­hen, wenn die Anwalt­schaft einer Straf­an­zei­ge der deut­schen Teil­neh­me­rin­nen an der sog. Free Gaza Flot­til­le im Mai 2010 statt­ge­ge­ben hät­te? Sie woll­ten die ille­ga­le israe­li­sche See­blocka­de gegen Gaza mit huma­ni­tä­ren Gütern für die ein­ge­schlos­se­ne Bevöl­ke­rung durch­bre­chen. Sie wur­den aber in inter­na­tio­na­len Gewäs­sern von der israe­li­schen Armee auf­ge­bracht, in den Hafen von Ash­dod ver­schleppt und aller per­sön­li­chen Sachen beraubt, bis auf das, was sie am Lei­be hat­ten, es gab sogar Tote. Ihre Anzei­ge »gegen Unbe­kannt« lau­te­te auf Frei­heits­be­rau­bung, Nöti­gung, Dieb­stahl etc. Es dau­er­te vier Jah­re, bis der Gene­ral­bun­des­an­walt die Kla­ge der Ent­führ­ten mit der Begrün­dung abwies, die Armee habe sich kei­nes Geset­zes­ver­sto­ßes schul­dig gemacht. Statt eines der­art der­ben »Justiz­irr­tums« hät­te er sich ele­gan­ter mit der For­mel von Fatou Ben­sou­da aus der Affä­re zie­hen und das Ver­fah­ren den israe­li­schen Gerich­ten über­las­sen kön­nen; sie hät­ten genau­so entschieden.

Staats­an­walt­schaf­ten, ob inter­na­tio­nal oder natio­nal, sind wei­sungs­ge­bun­den und poli­tisch abhän­gig von denen, die sie ein­ge­rich­tet haben und finan­zie­ren. Sie gehö­ren zwar zur Justiz, genie­ßen aber nicht deren Unab­hän­gig­keit. Es macht eben einen Unter­schied aus, ob man Netan­ja­hu oder Putin heißt. Baum und Leu­theu­sser-Schnar­ren­ber­ger sind nie mit einer Straf­an­zei­ge gegen Bush, Rums­feld, Blair, Erdoğan oder gar Netan­ja­hu auf­fäl­lig gewor­den. Sie ken­nen den rich­ti­gen Ver­bre­cher. Auch Straf­ge­rich­te sind die Fort­set­zung der Poli­tik mit ande­ren Mitteln.

Ver­ges­sen sind die Wor­te des US-ame­ri­ka­ni­schen Anklä­gers Robert Jack­son, die er am 21. Novem­ber 1945 in Nürn­berg sag­te: »Denn wir dür­fen nie­mals ver­ges­sen, dass nach dem glei­chen Maß, mit dem wir die Ange­klag­ten heu­te mes­sen, auch wir mor­gen von der Geschich­te gemes­sen wer­den. Die­sen Ange­klag­ten einen ver­gif­te­ten Becher zu rei­chen, bedeu­tet, ihn an unse­re eige­nen Lip­pen zu brin­gen. Wir müs­sen an unse­re Auf­ga­be mit so viel inne­rer Über­le­gen­heit und gei­sti­ger Unbe­stech­lich­keit her­an­tre­ten, dass die­ser Pro­zess ein­mal der Nach­welt als die Erfül­lung mensch­li­chen Seh­nens nach Gerech­tig­keit erschei­nen möge.« Wor­te aus einer fer­nen Welt.