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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Vom »Geist« der Waffen

Wir las­sen die besten »Wis­sen­schaft­ler« – die wohl zugleich die best­be­zahl­ten sind, obwohl, bes­ser: weil sie nicht eigent­lich »Wis­sen schaf­fen« – immer zer­stö­re­ri­sche­re Waf­fen ent­wickeln, um einen poten­zi­el­len oder tat­säch­li­chen Geg­ner von feind­li­chen Akti­vi­tä­ten »abzu­schrecken«, wie es heißt. Das funk­tio­niert schein­bar eine Wei­le, bis die ande­re Sei­te nach­zieht. Die Rea­li­tät lehrt uns aber zugleich auch einen ande­ren Schluss: Atom­bom­be, Neu­tro­nen­bom­be, Prä­zi­si­ons- und Hyper­schall­ra­ke­ten, Droh­nen – was immer! – sind nicht für das »Maga­zin« – all das drängt, gewis­ser­ma­ßen aus sich her­aus, auf Anwen­dung. Was denn sonst? Die­ser »Geist« der Waf­fen, den die jün­ge­re Geschich­te nach­drück­lich und graus­lich belegt, ist nach wie vor weit­hin unbegriffen.

Immer wie­der erle­ben und erlei­den wir das Schick­sal des berühm­ten Zau­ber­lehr­lings, der sich der Wir­kungs­macht der eige­nen Schöp­fung nicht gewach­sen zeigt. Auto­mo­bi­li­sie­rung, Indu­stria­li­sie­rung elek­tro­ni­sche Medi­en, moder­ne Tele­kom­mu­ni­ka­ti­on – um nur weni­ge Groß­be­rei­che zu nen­nen – haben die sozia­le Wirk­lich­keit auf eine Wei­se und in einem Aus­maß ver­än­dert, wie es sich die Pio­nie­re des Fort­schritts ganz sicher nicht haben aus­ma­len kön­nen. Die­se Ver­än­de­run­gen, die sich zwar beschrei­ben las­sen, sind aber gar nicht so leicht auf den Begriff zu brin­gen, weil sich die ent­schei­den­den Ver­wand­lun­gen sozu­sa­gen sub­ku­tan ereig­nen. Das Wesen des Fort­schritts besteht nicht so sehr in Beschleu­ni­gung, Ratio­na­li­sie­rung, Qua­li­täts­ver­bes­se­rung und so fort. Das Wesen des Fort­schritts ist eher dar­in zu suchen, was all die fort­schrei­ten­den Tech­ni­ken mit uns machen.

Anders for­mu­liert: Eines der Haupt­merk­ma­le unse­rer Gegen­wart besteht dar­in – und das mei­ne ich durch­aus buch­stäb­lich –, dass der »Geist« der Maschi­ne mitt­ler­wei­le alle Poren des Gesell­schaft­li­chen durch­drun­gen hat. Ob das gut oder schlecht ist, will ich hier gar nicht abschlie­ßend bewer­ten. Zunächst ein­mal ist es ein­fach so, es war von Anbe­ginn des Maschi­nen­zeit­al­ters so. Aller­dings hat sich die­se »Kon­ta­mi­nie­rung« bis heu­te nicht in ein offe­nes Den­ken über­setzt, son­dern weit­ge­hend unbe­merkt vollzogen.

Wie sol­che Durch­drin­gung funk­tio­niert, lie­ße sich an zahl­lo­sen aktu­el­len Bei­spie­len illu­strie­ren – man den­ke an die Com­pu­ter- oder die Han­dy-Genera­ti­on. Aber neh­men wir, mit Blick auf die sich rasant ent­wickeln­de Waf­fen­tech­nik, hier mal ein ande­res, weit zurück­lie­gen­des Bei­spiel – das aller­dings alles ande­re als belie­big gewählt ist. Es ist prak­tisch der Anfang der gan­zen janus­köp­fi­gen Geschich­te unse­res rühm­li­chen Fort­schritts – und schon an die­sem Anfang ist unser Zau­ber­lehr­lings-Dilem­ma offen­kun­dig geworden.

Die Moder­ne beginnt mit einem kur­zen, flie­ßen­den Geräusch. Es ist der 25. April des Jah­res 1792. Ein schwe­res Metall­mes­ser saust eine höl­zer­ne Vor­rich­tung hin­un­ter und prallt unten mit einem lau­ten Knall auf einen eben­falls höl­zer­nen Bock. Auf sei­nem Weg von oben nach unten frei­lich trennt das Fall­beil mit gro­ßer Prä­zi­si­on und kaum hör­bar noch den Kopf vom Rumpf eines zuvor auf den Holz­bock geschnall­ten Delin­quen­ten; der abge­schnit­te­ne Kopf fällt vorn­über in einen Leder­sack, dann ist das Spek­ta­kel vorbei.

Die Men­schen­men­ge, die sich am Pari­ser Place de Grè­ve ver­sam­melt hat­te, um der Ein­wei­hung die­ses neu­ar­ti­gen, von einem gewis­sen Mon­sieur Guil­lo­tin ent­wickel­ten Instru­ments bei­zu­woh­nen, soll übri­gens ziem­lich ent­täuscht gewe­sen sein. Die Hin­rich­tung war gar nicht nach dem Geschmack des Publi­kums, sie ging viel zu schnell, sodass die Guil­lo­ti­ne nach die­ser ersten Demon­stra­ti­on von den Leu­ten laut­hals ver­schmäht wur­de. Die woll­ten statt­des­sen ihren guten alten Gal­gen wiederhaben.

Nun, der Fort­gang der Geschich­te ist bekannt. Die Guil­lo­ti­ne trat sozu­sa­gen ihren Sie­ges­zug an und wur­de gera­de­zu zur Meta­pher der Revo­lu­ti­on. Und mit der Zeit fan­den auch die Leu­te schließ­lich sogar Geschmack an ihr. Zwar lie­fen die öffent­li­chen Hin­rich­tun­gen von nun an selt­sam »sau­ber« und unspek­ta­ku­lär ab, aber der sprich­wört­li­che Gang zum Scha­fott wur­de bald zu einem belieb­ten Schau­spiel. Und an Auf­füh­run­gen herrsch­te in jenen Tagen wahr­lich kein Man­gel, denn durch die Guil­lo­ti­ne war der Tod gewis­ser­ma­ßen in Serie gegan­gen. Mit der Guil­lo­ti­ne ver­ließ die Hin­rich­tung die Sphä­re des Hand­wer­kers und ging über in die Welt der Maschine.

Tat­säch­lich lässt sich die Geschich­te der Guil­lo­ti­ne gera­de­zu als ein Lehr­stück moder­ner Ratio­na­li­sie­rung lesen. Zunächst ein­mal waren es durch­weg ehren­wer­te, ja, huma­ni­tä­re Grün­de, die Mon­sieur Guil­lo­tin ver­an­lasst hat­ten, sein fort­schritt­li­ches Instru­ment zu ent­wickeln. Zum einen soll­te das grau­si­ge Todes­ge­schäft – die Hen­ker müs­sen zum Teil fürch­ter­lich gepfuscht haben –huma­ner betrie­ben und zum zwei­ten der Akt selbst ratio­nal und prä­zi­se aus­ge­führt wer­den. Dage­gen gibt es wohl, unter den damals obwal­ten­den Umstän­den, auch gar nichts Kri­ti­sches einzuwenden.

Dane­ben aber hat­te die Todes­ma­schi­ne Fol­ge­wir­kun­gen, die ihr Ent­wick­ler sicher nicht anti­zi­piert hat – und womög­lich auch nicht hat vor­aus­se­hen kön­nen. Denn was pas­sier­te, wenn man eine Guil­lo­ti­ne auf dem Markt­platz irgend­ei­nes süd­fran­zö­si­schen Depar­te­ments auf­stell­te? Zunächst ein­mal erschien die­se Maschi­ne wie eine Ver­kör­pe­rung der Staats­ge­walt. Dar­über hin­aus erschien sie aber auch auf durch­aus anstö­ßi­ge Wei­se »untä­tig«. Das heißt, als Maschi­ne bringt die Guil­lo­ti­ne ein Kon­zept von Arbeit und Effi­zi­enz ins Spiel, das für die gut tau­send­köp­fi­ge Hen­ker­schar, die die Revo­lu­ti­on vom anci­en régime über­nom­men hat­te, noch nicht gegol­ten hat­te. Vom staat­lich bestall­ten Hen­ker, des­sen ver­deck­te Arbeits­lo­sig­keit die Guil­lo­ti­ne nun sicht­bar mach­te, hat­te zuvor nie­mand regel­mä­ßi­ge Pro­ben sei­ner Arbeits­kraft ver­langt. Die Maschi­ne hin­ge­gen, die nun untä­tig und nutz­los auf dem Markt­platz her­um­steht, wird qua­si gefrä­ßig und ver­langt, dass man ihr Fut­ter zuführt. So kommt es, dass der Ter­reur bin­nen Wochen mehr Men­schen hin­rich­tet als die gesam­te Hen­ker­schar über den Zeit­raum eines gan­zen Jahrhunderts.

Die Guil­lo­ti­ne – die­se Maschi­ne, die nichts pro­du­ziert und gleich­wohl das Urbild einer seri­el­len Pro­duk­ti­ons­wei­se dar­stellt – mar­kiert einen tief­grei­fen­den Para­dig­men­wech­sel. Die­ser Para­dig­men­wech­sel lässt sich aber weder mit ratio­na­len noch mit mora­li­schen Kate­go­rien voll­stän­dig erfas­sen. Die Hin­rich­tung durch die Guil­lo­ti­ne war zwei­fel­los »sau­be­rer«, und das Ansin­nen des Mon­sieur Guil­lo­tin war eben­so zwei­fel­los »gut gemeint«. Nein, die Gefrä­ßig­keit der Guil­lo­ti­ne ent­steht dadurch, dass man ihr, als einer aper­so­na­len, gleich­sam über­sub­jek­ti­ven Instanz, Ver­ant­wor­tung über­tra­gen kann. Die Maschi­ne wird zu einer Art Black­box, in die sich alle mög­li­chen Moti­ve und Wün­sche pro­ji­zie­ren las­sen. Am Ende sind die mensch­li­chen Trä­ger die­ser Moti­ve und Wün­sche nicht mehr zu erken­nen. Etwas pas­siert, aber nie­mand ist es gewe­sen. Das heißt, die Maschi­ne ent­la­stet nicht nur von Arbeit – wobei man die Hen­ker als erste Ratio­na­li­sie­rungs­op­fer betrach­ten könn­te –, sie ent­lässt den Men­schen immer auch ein Stück weit aus der Ver­ant­wor­tung. Und die­se Neben­wir­kung ver­än­dert unser Den­ken, unse­re Ein­stel­lun­gen, unse­re Verhaltensweisen.

Genau­so ist es mit den Waf­fen. (Man den­ke an die Droh­nen, die jetzt im ukrai­ni­schen Wider­stand gefei­ert und seit Jah­ren, von Ramm­stein aus gesteu­ert, Men­schen im Irak und anders­wo töten.) Eine Maschi­ne, eine tech­ni­sche oder tech­no­lo­gi­sche Neue­rung lässt sich nicht auf ihre Funk­ti­on redu­zie­ren. Sie ist nicht neu­tral. Sie ent­hält einen Wir­kungs­über­schuss. Sie beein­flusst immer auch den poli­ti­schen, öko­no­mi­schen, gesell­schaft­li­chen oder öko­lo­gi­schen Kon­text, in dem sie zum Ein­satz kommt. Das mein­te ich mit ihrem »Geist«, den sie verströmt.

Genau das macht die Ent­wick­lung und Anwen­dung neu­er Tech­nik durch und durch pre­kär. Wer in den Ent­wick­lungs­la­bors oder in den »Leit­zen­tra­len« (oder an den Steu­er­knüp­peln der Jagd­bom­ber) trägt wofür Ver­ant­wor­tung? Wofür, um bei mei­nem Bei­spiel zu blei­ben, wäre Mon­sieur Guil­lo­tin zur Ver­ant­wor­tung zu zie­hen? Wofür wäre er gar haft­bar zu machen? Wel­che Neben­fol­gen hät­te er beden­ken müs­sen, wel­che Hand­lungs­fol­gen hät­te er ver­mei­den können?

Eine Ant­wort dar­auf ist alles ande­re als tri­vi­al – und muss den­noch drin­gend gesucht wer­den. Mei­ne eige­ne Rat­lo­sig­keit stei­gert sich sogar noch, wenn ich sol­che Fra­gen nicht an das 18. Jahr­hun­dert, son­dern an die Gegen­wart rich­te. Gegen die moder­ne, indu­stri­el­le, arbeits­tei­li­ge Tech­nik nimmt sich doch sogar die Guil­lo­ti­ne wie ein Unschulds­lamm aus, jeden­falls was die Ver­schleie­rung von Ver­ant­wort­lich­kei­ten angeht. Es gibt heu­te kaum noch Pro­duk­te, für die ein Ein­zel­ner allein ver­ant­wort­lich zeich­ne­te. Und es gibt kaum noch Ein­zel­ne, die auch nur ihren Spe­zi­al­be­reich voll­stän­dig zu über­blicken imstan­de sind – geschwei­ge denn die ande­ren Wirk­lich­keits­be­rei­che, in die eine etwa im Team ent­wickel­te, tech­ni­sche Lösung hin­ein­wirkt. Wie soll ich da das Spek­trum der Wir­kungs­mög­lich­kei­ten noch beden­ken können?

Sol­che Kom­ple­xi­tät macht die Sache mit der Ver­ant­wor­tung unge­heu­er ver­trackt. Sie ist des­halb kei­nes­wegs hoff­nungs­los. Zunächst ein­mal müss­te jedoch die Erkennt­nis rei­fen und grei­fen: Dass Auf­rü­stung der Sicher­heit durch Abschreckung dient, ist weni­ger als die hal­be Wahr­heit – es ist viel­mehr eine hoch­ris­kan­te Wet­te, bei der auch völ­lig unein­sich­tig ist, wann und wie sie enden soll. Mehr und lei­stungs­stär­ke­re Waf­fen – »effek­ti­ver« und »sau­be­rer«, so wie die Guil­lo­ti­ne im Ver­gleich zum Strick oder zum Hen­kers­beil – erhö­hen die Wahr­schein­lich­keit ihrer Anwen­dung. Das gilt ins­be­son­de­re, je weni­ger direkt die Gewalt­aus­übung erfolgt. Aus gro­ßer Distanz zu töten und den Akt selbst allen­falls am Moni­tor mit­zu­ver­fol­gen, erstickt jede huma­ne Regung, ist das Ende der Huma­ni­tät. Die­sen schlich­ten Zusam­men­hang zu erken­nen und Wider­stand dage­gen zu arti­ku­lie­ren, wäre ein erster Schritt, um dem »Geist der Maschi­ne« stand­zu­hal­ten und uns die Mensch­lich­keit zu bewahren.