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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Briefe aus dem Gefängnis

Das schma­le Bänd­chen, gebun­den in blut­ro­tes, fei­nes Lei­nen, hat den gol­den aus­ge­leg­ten Titel ROSALUXEMBURGBRIEFE, dazu eine sub­ti­le, die Fan­ta­sie anre­gen­de Gra­fik, eben­falls gol­den aus­ge­legt. Der Ver­lag der Jugend­in­ter­na­tio­na­le, Ber­lin, ver­ant­wor­te­te die­se Aus­ga­be mit einer Auf­la­ge von 41 bis 50 Tau­send 1927. In jenen Jah­ren kam das Buch in Fami­li­en­be­sitz. Es gab Ver­an­las­sung, es zu behü­ten. Leicht hät­te es bei Haus­durch­su­chun­gen unter SA-Stie­fel gera­ten kön­nen. An ein Wun­der grenz­te es, dass das Buch aus­ge­lie­hen war, als am 3. Febru­ar 1945 bei Bom­ben­an­grif­fen auf Ber­lin unse­re Woh­nung rest­los ver­nich­tet wur­de. Das Buch hat­te über­lebt und kam an den Besit­zer zurück. Als ich lesen gelernt hat­te, durf­te ich in den Brie­fen lesen. Behut­sam und gedul­dig erklär­te der Vater die Pein, ein­ge­sperrt zu sein. Er hat­te die Erfah­rung machen müs­sen, etwas spä­ter als Karl Lieb­knecht, eben­falls im Zucht­haus Luckau. Immer wie­der las ich als Jugend­li­cher die poe­ti­schen Brie­fe mit ihrer Zuver­sicht, ihrem Seh­nen nach Frei­heit und Natur, mit über­zeu­gen­der mensch­li­cher Nähe und gren­zen­lo­ser Anteil­nah­me. Jahr­zehn­te dau­er­te es, bis mich jetzt wie­der die­ses lie­be­vol­le »Mei­ne klei­ne Son­ja« anstrahl­te. Eine Neu­aus­ga­be des Karl Dietz Ver­la­ges Ber­lin, die 19. ergänz­te Auf­la­ge aus 2019, mach­te es mög­lich. Sorg­fäl­tig gebun­den, wohl­tu­end sau­ber gesetzt ist das Buch. Ich tauch­te wie­der ein in die Lebens­welt der geschun­de­nen, geknech­te­ten Frau, hun­dert Jah­re nach dem fei­gen Mord an ihr. Wie­der las ich fast atem­los von der Miss­hand­lung der Bres­lau­er Büf­fel und wel­che Trä­nen sie dar­um wein­te. Ein fei­nes, immer wie­der emp­feh­lens­wer­tes Buch, des­sen Ein­band­ge­stal­tung mir jedoch ver­schlos­sen bleibt.

Cla­ra Tem­pel ist eine der Akti­vi­stin­nen, die im Sep­tem­ber 2016 die Start- und Lan­de­bahn des Flie­ger­hor­stes Büchel in der Eifel besetz­ten. Jetzt wird sie vom 21. bis 28. März in die JVA Hil­des­heim gehen, um ihre Akti­on zivi­len Unge­hor­sams noch ein­mal zu bekräf­ti­gen (s. auch Sei­te 219). Wäre es ein Soli­da­ri­täts­be­weis mit erheb­li­cher Sym­bol­kraft, schick­te ihr der Dietz Ver­lag ein Exem­plar der neu­en Aus­ga­be von Rosa Luxem­burg: »Brie­fe aus dem Gefängnis«?

Rosa Luxem­burg: »Brie­fe aus dem Gefäng­nis«, Karl Dietz Ver­lag, 131 Sei­ten; 12 €