Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Chinas Anti-Monopol-Kampf

Das größ­te Phar­ma­un­ter­neh­men Chi­nas, die »Yangt­ze River Phar­maceu­ti­cal Group« wur­de, wie die chi­ne­si­sche Wirt­schafts­platt­form Cai­xin Glo­bal am 16. April berich­te­te, zu umge­rech­net 117 Mio. US-$ Stra­fe ver­don­nert. Die Stra­fe bemisst sich auf drei Pro­zent des 2019 aus­ge­wie­se­nen Gewinns. Die staat­li­che Markt­re­gu­lie­rungs­be­hör­de SAMR beschul­dig­te den Phar­ma­rie­sen, ille­ga­le Preis­ab­spra­chen getrof­fen zu haben. Der über 452 Medi­ka­men­ten­li­zen­zen ver­fü­gen­de Phar­ma­gi­gant stand im Ran­king des Infor­ma­ti­ons­zen­trums der chi­ne­si­schen phar­ma­zeu­ti­schen Indu­strie in den Jah­ren 2014 bis 2019 stän­dig auf Posi­ti­on 1. Ein erneu­ter Don­ner­schlag im Busi­ness, nach­dem in den Ver­hand­lun­gen mit der chi­ne­si­schen Natio­na­len Gesund­heits­be­hör­de NHSA im Dezem­ber die Prei­se für neu ent­wickel­te Pro­duk­te um durch­schnitt­lich 51 Pro­zent gesenkt wer­den muss­ten (sie­he Ossietzky 04/​2021), damit sie in die »Rote Liste« der erstat­tungs­fä­hi­gen Medi­ka­men­te auf­ge­nom­men wer­den konn­ten.

Und damit ist der Medi­ka­men­ten­her­stel­ler noch bil­li­ger weg­ge­kom­men als der E-Kom­merz-Gigant »Ali­b­a­ba Group«, der nach einer 100 Tage dau­ern­den Unter­su­chung mit 2,8 Mrd. US-$ geschätz­te vier Pro­zent sei­nes Gewinns an Straf­zah­lun­gen ent­rich­ten muss.

Sei­ne Markt­macht aus­nut­zend, prak­ti­zier­te Ali­b­a­ba »picking one from two«. Gemeint ist die Pra­xis, im Fal­le, dass ein Händ­ler sei­ne Waren auf der Platt­form eines Riva­len wie »JD.com.Inc.« oder »Pin­dou­dou« anbot, die­se Pro­duk­te von den belieb­ten Ali­b­a­ba-Online-Markt­plät­zen »Taobao« und »Tmall« her­aus­zu­neh­men bzw. den Daten­ver­kehr zu blockie­ren. Ali­b­a­ba gelob­te Bes­se­rung und kün­dig­te an, den Tau­sen­den von Dritt­an­bie­tern künf­tig Hil­fe­stel­lung zu bie­ten, um leich­ter auf sei­nen Web­sites zu ver­kau­fen. Es wird gemun­kelt, dass die­ses Ent­ge­gen­kom­men Teil des oben erwähn­ten Ver­gleichs mit SAMR gewe­sen sei. »Ant Group«, die Fin­Tech-Toch­ter von Ali­b­a­ba wird unter Auf­sicht der Zen­tral­bank Chi­nas in eine Finanz­hol­ding umstruk­tu­riert. Die Aus­glie­de­rung der Kre­dit­pro­duk­te, die zu 39,4 Pro­zent des Umsat­zes aus­ma­chen, ist Teil einer umfas­sen­den Über­ar­bei­tung der Firmengruppe.

Chi­nas Markt­auf­sichts­be­hör­de unter­sucht aktu­ell die 2015 vor­ge­nom­me­ne 44-pro­zen­ti­ge Betei­li­gung der Ali­b­a­ba Group Hol­ding Ltd. an dem staats­ei­ge­nen Stahl­gi­gan­ten Chi­na Min­me­tals Deve­lo­p­ment Co. Ltd. und eröff­net damit eine neue Front im regu­la­to­ri­schen Kampf mit dem E-Commerce-Riesen.

Mit der Rekord­stra­fe gegen Ali­b­a­ba soll­te offen­sicht­lich ein Zei­chen gesetzt wer­den, dass Ernst gemacht wird nach Jah­ren der Tole­ranz. Dabei geht SAMR struk­tu­rell neue Wege. Pony Ma Hua­teng, der Grün­der von »Ten­cent« erbat dann auch umge­hend ein Gespräch mit SAMR. In der dar­auf­fol­gen­den Woche wur­den 34 chi­ne­si­schen Inter­net-Gigan­ten, dar­un­ter die Lie­fer­dien­ste Mei­tu­an, Byte­Dance, JD.com und Didi Chu­xi­ng, zu einem Tref­fen mit Chi­nas Cyber­space­be­hör­de (CAC) und Steu­er­ver­wal­tung (CTA) gebe­ten. Sie soll­ten inner­halb eines Monats inter­ne Checks durch­füh­ren und jeg­li­ches ille­ga­le Ver­hal­ten kor­ri­gie­ren. SAMR ver­öf­fent­lich­te dar­auf­hin letz­te Woche die schrift­li­chen Selbst­ver­pflich­tungs­er­klä­run­gen auf ihrer Web­site und warn­te vor »stren­gen Stra­fen«. Die Regie­rung ist zuneh­mend besorgt über den wach­sen­den Ein­fluss der Unter­neh­men auf jeden Aspekt des chi­ne­si­schen Lebens sowie über die rie­si­gen Daten­men­gen, die sie durch die Bereit­stel­lung von Dien­sten wie Online-Shop­ping, Chat­ten und Ride-Hai­ling ange­häuft haben.

»Im digi­ta­len Zeit­al­ter wird die Regu­lie­rung von Super­platt­for­men zu einer der gewich­tig­sten Punk­te der insti­tu­tio­nel­len Inno­va­ti­on wer­den«, so Fang Xin­dong, Chef­ex­per­te am Insti­tut für sozia­le Steue­rung der Zhe­jiang Uni­ver­si­tät. Allein in den ersten zehn Mona­ten des Jah­res 2019 hat­te die Poli­zei nach Anga­ben des Mini­ste­ri­ums für Öffent­li­che Sicher­heit fast 46.000 Fäl­le von Inter­net­kri­mi­na­li­tät unter­sucht und 66.000 Ver­däch­ti­ge ver­haf­tet – für Delik­te wie Com­pu­ter-Hacking, Inter­net-Betrug, Online-Glücks­spiel und Cybersex.

Chi­na ist ein Nach­züg­ler, was Kar­tell­re­geln betrifft. SAMR wur­de erst vor drei Jah­ren gegrün­det, um »die Anstren­gun­gen gegen Mono­po­le zu ver­stär­ken und die unge­ord­ne­te Expan­si­on des Kapi­tals ein­zu­däm­men«. Ende April bestraf­te die Regu­lie­rungs­be­hör­de Ten­cent Hol­ding Ltd und sechs wei­te­re Unter­neh­men, weil sie bei Akqui­si­tio­nen oder Joint-Ven­ture-Geschäf­ten kei­ne behörd­li­che Geneh­mi­gung ein­ge­holt hat­ten, obwohl die Trans­ak­tio­nen selbst nicht wett­be­werbs­wid­rig gewe­sen waren. Ten­cent muss für zwei Ver­stö­ße jeweils 77.200 Dol­lar zahlen.

In der kur­zen Zeit ihrer Exi­stenz ist SAMR dabei, mit ihren Anti-Mono­pol-Unter­su­chun­gen sich ähn­li­chen Respekt zu ver­schaf­fen wie die Dis­zi­pli­nar­kom­mis­si­on der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei in der Anti-Korruptions-Kampagne.

Aktu­ell hat SAMR den Wild­wuchs im pri­va­ten Nach­hil­fe-Sek­tor im Auge und ver­häng­te gera­de ein Buß­geld von jeweils umge­rech­net 389.000 Dol­lar gegen das Inter­net-Nach­hil­fe-Unter­neh­men »Zuoye­bang«, einer Toch­ter von Ali­b­a­ba, sowie gegen »Yuan­fu­dao« von Ten­cent. Bei­de E-Nach­hil­fe-Unter­neh­men mach­ten fal­sche Anga­ben über Leh­rer­qua­li­fi­ka­ti­on und Prei­se in ihrer Werbung.

Dane­ben ist der Dschun­gel der Essens-Lie­fer­dien­ste im Faden­kreuz, die zu den größ­ten welt­weit zäh­len. Den Boom, durch die Covid-Pan­de­mie noch beför­dert, nutz­ten die Markt­rie­sen wie »Pin­du­duo« und drück­ten den Durch­schnitts­lohn für ihre Boten von anfangs 10.000 Yuan monat­lich auf die Hälf­te – durch Prä­mi­en­kür­zun­gen, Ver­spä­tungs­ab­zü­ge und ande­res mehr –, und das im streik­freu­dig­sten Land der Welt, wie Rolf Geff­ken, der pro­fun­de Ken­ner des chi­ne­si­schen Arbeits­rechts, Chi­na nann­te. Nur noch 1,3 Pro­zent der Zustel­ler ver­die­nen mehr als 10.000 Yuan, ergab eine Umfra­ge des Staat­li­chen Post­dien­stes, wie am 22. März in der Bei­jing Youth Dai­ly berich­tet und beim Online-Nach­rich­ten­dienst Wei­bo 260 Mil­lio­nen Mal abge­ru­fen wurde.

Den exklu­si­ven, bei Aus­län­dern belieb­ten eng­lisch­spra­chi­gen Online-Essens­lie­fer­dienst »Sher­pas« in Shang­hai bestraf­te die Regu­lie­rungs­be­hör­de mit 178.000 Dol­lar. Ähn­lich wie Ali­b­a­ba hat­te Sher­pas wett­be­werbs­ver­zer­ren­de Exklu­siv­ver­ein­ba­run­gen mit Händ­lern getrof­fen. Die­se von Ali­b­a­ba per­fek­tio­nier­te Pra­xis ist weit­ver­brei­tet in Chi­na. Der Lie­fer­dienst »Ele.me« von Ali­b­a­ba hat damit über 20 Pro­zent Markt­an­teil erreicht. Der größ­te Lie­fer-Kon­kur­rent »Mei­tu­an« steht aus dem glei­chen Grund im Feu­er und könn­te mit 710 Mio. Dol­lar Stra­fe rech­nen, wie das Bör­sen­ma­ga­zin Der Aktio­när errech­ne­te. Ein loka­les Gericht in Jiangsu ent­schied im April, dass Mei­tu­an 54.180 US-Dol­lar Ent­schä­di­gung an den Kon­kur­ren­ten Ele.me zu zah­len hat. Schon im Febru­ar hat­te ein Gericht in Zhe­jiang Mei­tu­an zu einer Ent­schä­di­gung an Ele.me über 150.000 Dol­lar ver­ur­teilt. Pea­nuts für das fünft­größ­te Unter­neh­men im Hang Seng Index nach gewich­te­ter Markt­ka­pi­ta­li­sie­rung? Die Anti­trust-Unter­su­chun­gen der SAMR dürf­ten jeden­falls Mei­tu­ans ange­kün­dig­ter 10- Mil­li­ar­den-Dol­lar-Offen­si­ve ihre Dyna­mik nehmen.

Dabei wer­den vor Ort die Kämp­fe der Zustel­ler hef­ti­ger. Die Ali­b­a­ba-Toch­ter, die Essen­lie­fer-Platt­form Ele.me, fiel beson­ders nega­tiv auf: Im Janu­ar hat­te sich der 47jährige Lui Jin selbst ange­zün­det, weil ihm ein 5.000 Yuan-Scheck ver­spä­tet aus­ge­stellt wur­de. Als das Feu­er von sei­nen Arbeits­kol­le­gen recht­zei­tig gelöscht wer­den konn­te, woll­te Lui Jin nicht ins Kran­ken­haus, son­dern zu sei­nem Boss. Auch wegen vor­ent­hal­te­ner Über­stun­den- und Urlaubs­gel­der muss­te sich Ele.me im Febru­ar nach spon­ta­nen Streiks und einem Shit­s­torm im Inter­net öffent­lich ent­schul­di­gen. In Sachen Kor­rup­ti­ons- und Mono­pol­be­kämp­fung, so viel steht fest, könn­ten sich die euro­päi­schen Staa­ten an Chi­na ein Bei­spiel nehmen.