Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Keynes und die Arbeitslosigkeit

2,7 Mil­lio­nen Men­schen waren in Deutsch­land im April 2021 offi­zi­ell als arbeits­los regi­striert, eine Mil­li­on mehr als Ende 1980. Damals hat­te der US-ame­ri­ka­ni­sche Öko­nom und Nobel­preis­trä­ger Paul A. Samu­el­son (1915-2009), die Arbeits­lo­sig­keit »das zen­tra­le Pro­blem des moder­nen Kapi­ta­lis­mus« genannt. Wie erklärt John May­nard Keynes (1883-1946), der als »Jahr­hun­dert­öko­nom« gilt und den Bert­rand Rus­sel (1872-1970) den klüg­sten Men­schen nann­te, den er je getrof­fen habe, das sozia­le Übel?

Keynes, der Baron von Til­ton mit Sitz im Ober­haus des bri­ti­schen Par­la­ments, dem Hou­se of Lords, war nicht nur Theo­re­ti­ker. Seit 1906, als er einen Job im bri­ti­schen Indi­en­mi­ni­ste­ri­um über­nahm, war er zugleich Wirt­schafts­po­li­ti­ker im Dienst des bri­ti­schen Impe­ria­lis­mus gewe­sen. Er erhielt einen Posten im Schatz­amt – dem Finanz­mi­ni­ste­ri­um –, fand Zeit, eine gro­ße Ver­si­che­rung zu lei­ten, war Mit­glied des Direk­to­ri­ums der Bank von Eng­land, die damals als das Welt­fi­nanz­zen­trum Nr. 1 galt, gab eine bekann­te Wirt­schafts­zeit­schrift her­aus, sam­mel­te Kunst­ge­gen­stän­de und sel­te­ne Bücher, för­der­te Thea­ter und Bal­lett. Er war ein Öko­nom, der es wie nur weni­ge sei­nes Beru­fes, etwa David Ricar­do, ver­stand, durch geschick­tes und glück­li­ches Spe­ku­lie­ren Geld zu machen. Und er war vom Schei­tel bis zur Soh­le »bür­ger­lich« und Anti­kom­mu­nist. Glück­li­cher­wei­se sei­en die kom­mu­ni­sti­schen Wirt­schafts­leh­ren »der mensch­li­chen Natur so ent­ge­gen­ge­setzt, dass sie weder Mis­sio­na­re noch Arme­en finan­zie­ren kön­nen und sicher mit einer Nie­der­la­ge enden wer­den«. Des­halb wer­de er, der »gebil­de­te, anstän­di­ge und geschei­te Sohn des euro­päi­schen Westens«, nie­mals »das klo­bi­ge Pro­le­ta­ri­at über Bür­ger­tum und Intel­li­gen­tia« empor­he­ben und damit »den Schlamm dem Fisch vor­zie­hen«. Ohne die bedeu­ten­de gesell­schaft­li­che Stel­lung und sei­ne weit­rei­chen­den Ver­bin­dun­gen hät­ten Keynes’ Auf­fas­sun­gen ver­mut­lich kei­nen gro­ßen Wider­hall erfah­ren. Auch ande­re haben Klu­ges gesagt, tief­grün­di­ge­re Ein­sich­ten gewon­nen und aus­ge­spro­chen, was die Zeit erfor­der­te, ohne Auf­merk­sam­keit zu wecken. Sein Haupt­werk, »Die all­ge­mei­ne Theo­rie der Beschäf­ti­gung, des Zin­ses und des Gel­des«, das 1936 erschien, löste wie Samu­el­son schrieb, eine »Revo­lu­ti­on« im öko­no­mi­schen Den­ken aus. Sie pack­te »die mei­sten Öko­no­men unter 35 Jah­ren mit der uner­war­te­ten Hef­tig­keit einer Seu­che, die zum ersten Mal unter einem ein­sa­men Stamm von Süd­see­in­su­la­nern aus­bricht und ihre Rei­hen dezi­miert. Öko­no­men über 50 besa­ßen eine tota­le Immu­ni­tät gegen die­se Krankheit«.

Keynes’ Leh­re – die größ­te Umwäl­zung im öko­no­mi­schen Den­ken des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts? Bahn­bre­chend, gar eine Revo­lu­ti­on, wie nicht nur Samu­el­son im Über­schwang der Begei­ste­rung behaup­te­te, ist die keyne­sia­ni­sche Theo­rie kei­nes­wegs. Die Welt­wirt­schafts­kri­se 1929-1933 erschüt­ter­te den Glau­ben an die natur­wüch­si­ge Har­mo­nie des Wirt­schafts­gan­zen. Die bis dahin vor­herr­schen­de Ansicht, dass die imma­nen­ten Kräf­te der Öko­no­mie zu einer Selbst­hei­lung jeder Kri­se führ­ten, muss­te unter dem Ein­druck eines welt­wei­ten Cha­os fal­len­ge­las­sen wer­den. Die Täu­schung, dass die Arbeits­lo­sig­keit kein Dau­er­pro­blem sei, war nicht mehr auf­recht­zu­er­hal­ten. Für die bür­ger­li­che öko­no­mi­sche Theo­rie war es unmög­lich gewor­den, sich her­ab­las­send über die ihr ent­ge­gen­ge­setz­te Rea­li­tät hin­weg­zu­set­zen. Sie hat­te stets die Exi­stenz einer »unfrei­wil­li­gen« Arbeits­lo­sig­keit hart­näckig bestrit­ten. Keynes ist nicht der Erste, der sie erklärt – die öko­no­mi­schen Schrif­ten von Marx sind schließ­lich schon über 70 Jah­re alt –, er ist aber der Erste, der sie im bür­ger­li­chen Sin­ne zu deu­ten ver­sucht und damit das nach Pro­fit lech­zen­de Kapi­tal aus der Schuss­li­nie nimmt. Er prä­sen­tiert auf eine längst über­fäl­li­ge Fra­ge eine Ant­wort, mit der das Kapi­tal gut leben kann. Keynes war der Mei­nung, dass für die Arbei­ter nur wich­tig sei, wel­chen Nomi­nal­lohn (Geld­lohn) sie erhal­ten, weni­ger bedeut­sam aber, was sie sich dafür kau­fen kön­nen (Real­lohn). »Unfrei­wil­lig« arbeits­los sei­en jene Arbei­ter, die bei einem gerin­gen Anstieg der Kon­sum­gü­ter­prei­se im Ver­hält­nis zum Nomi­nal­lohn wie­der eine Anstel­lung erhiel­ten. Sie ori­en­tier­ten sich an den Nomi­nal­löh­nen. Die sei­en hoch genug, um eine Arbeit nach­zu­su­chen. Sind aber gleich­zei­tig die Prei­se zu nied­rig – die Real­löh­ne also zu hoch –, wür­den die Kapi­ta­li­sten sie nicht ein­stel­len. Wes­halb also such­ten Män­ner und Frau­en ver­geb­lich einen Arbeits­platz? Die Ant­wort: der Real­lohn sei zu hoch und des­halb die Nach­fra­ge der Unter­neh­men nach Arbeits­kräf­ten zu gering. Des­halb gebe es nur einen Weg zu einer höhe­ren Beschäf­ti­gung: Man müs­se die Real­löh­ne sen­ken. Arbeits­lo­sig­keit lie­ße sich nur über­win­den, wenn die Prei­se stie­gen. Das tan­gie­re nicht die Nomi­nal­löh­ne und beein­träch­ti­ge damit auch nicht die Illu­si­on der Arbei­ter und Ange­stell­ten, das glei­che oder mehr zu verdienen.

Die Akzep­tanz einer »unfrei­wil­li­gen« Arbeits­lo­sig­keit »ent­ar­tet«, so der Öko­nom Schmöl­ders zutref­fend, bei Keynes »in dem zyni­schen Vor­schlag, die Geld­il­lu­si­on« vie­ler Arbeit­neh­mer »zur unmerk­li­chen Real­lohn­sen­kung zu miss­brau­chen«. Der »bahn­bre­chen­de«, schein­bar ori­gi­nel­le Kern­ge­dan­ke der Keynes‘schen Vor­schlä­ge beruht auf der Ände­rung des »Geld­wer­tes«, um dadurch den rea­len Lohn zu ver­rin­gern, wäh­rend es so aus­sieht, als ob das nicht geschieht. Keynes gibt einer »nach­gie­bi­gen« Geld­po­li­tik – die Infla­ti­on erzeu­gen sol­le – gegen­über einer »nach­gie­bi­gen« Lohn­po­li­tik den Vor­zug, weil er erste­re für leich­ter durch­setz­bar hielt. Die »größ­te Umwäl­zung« im öko­no­mi­schen Den­ken besteht dar­in, dass Keynes den Nomi­nal­lohn durch den Real­lohn ersetzt. Er teilt den Irr­glau­ben der neo­klas­si­schen Öko­no­mie, zu hohe Löh­ne sei­en die Ursa­che für die Arbeits­lo­sig­keit vie­ler. Nur eben nicht der Lohn schlecht­hin oder der Nomi­nal­lohn, son­dern der Real­lohn. Was für eine revo­lu­tio­nä­re, küh­ne Neuerung!

Wenn wie in jün­ge­rer Zeit vie­le lin­ke Öko­no­men mit Keynes sym­pa­thi­sie­ren, soll­ten sie dar­an den­ken, dass des­sen wirt­schafts­po­li­ti­sche Vor­schlä­ge kei­nes­wegs arbei­ter­freund­lich sind. Eine Hebung der Mas­sen­kauf­kraft wird von ihm abge­lehnt, weil sie auf einen Anstieg der rea­len Löh­ne hin­aus­lie­fe, wo es doch dar­auf ankä­me, sie zu sen­ken. Keynes ist sich des Wider­spruchs sei­ner Argu­men­ta­ti­on bewusst. Sin­ken­de Real­löh­ne sei­en für die Kapi­ta­li­sten zwar ein Anreiz, mehr Arbeits­kräf­te zu beschäf­ti­gen, sie min­der­ten aber auch die gesamt­wirt­schaft­li­che Nach­fra­ge und stün­den so einer höhe­ren Beschäf­ti­gung im Wege. Die pri­va­te Wirt­schaft sei sich selbst im Weg. Jetzt bedür­fe es des Staa­tes als Ret­ter in der Not. Er sol­le die Nach­fra­ge­lücke durch kre­dit­fi­nan­zier­te Aus­ga­ben schlie­ßen, und sei es durch irgend­wel­chen Blöd­sinn. Wenn »das Schatz­amt alte Fla­schen mit Bank­no­ten (fül­le) und sie in geeig­ne­ten Tie­fen in ver­las­se­nen Koh­le­berg­wer­ken ver­gra­ben wür­de, sie dann bis zur Ober­flä­che mit städ­ti­schem Keh­richt fül­len wür­de und es dem pri­va­ten Unter­neh­mer­geist nach dem erprob­ten Grund­sät­zen des Lais­sez-fai­re über­las­sen wür­de, die Noten wie­der aus­zu­gra­ben (…), brauch­te es kei­ne Arbeits­lo­sig­keit mehr zu geben, und mit Hil­fe der Rück­wir­kun­gen wür­de das Real­ein­kom­men des Gemein­we­sens wie auch sein Kapi­tal­reich­tum wahr­schein­lich viel grö­ßer als jetzt wer­den. Es wäre zwar viel ver­nünf­ti­ger, Häu­ser und der­glei­chen zu bau­en, aber wenn dem poli­ti­sche und prak­ti­sche Schwie­rig­kei­ten im Wege ste­hen, wäre das obi­ge bes­ser als gar nichts.« An Keynes’ Auf­fas­sung über die öko­no­mi­sche Funk­ti­on des Staa­tes knüpft der Link­s­keyne­sia­nis­mus an, der den Staat ver­pflich­ten will, in die sozia­le Infra­struk­tur zu inve­stie­ren, mit sozia­len Lei­stun­gen den Armen zu hel­fen, Gesund­heits­we­sen, Schu­len, Kul­tur, Sport usw. zu finan­zie­ren. Aber auch die Erhö­hung der Rüstungs­aus­ga­ben lie­ße sich auf die­se Wei­se keyne­sia­nisch rechtfertigen.

Viel­leicht hat Keynes den »Yan­kee an König Artus‘ Hof« gele­sen und wur­de durch das köst­li­che 33. Kapi­tel des Buches ange­regt, die »Poli­ti­sche Öko­no­mie des 6. Jahr­hun­derts«. Mark Twain schil­dert dar­in, wie sich der Yan­kee ver­geb­lich bemüht, dem wohl­ha­ben­den Dorf­schmied Dow­ley zu erklä­ren, dass es nicht auf die Lohn­sum­me ankommt. Wich­tig ist, was und wie­viel man sich mit dem Geld kau­fen kann. »End­lich sprach Dow­ley – und ver­riet die Tat­sa­che, dass er noch immer nicht von sei­nem tief­ver­wur­zel­ten und ver­här­te­ten Aber­glau­ben los­ge­kom­men war. Ein wenig zögernd sagt er: Aber – aber – du musst doch zuge­ben, dass zwei Mill pro Tag bes­ser sind als nur einer!«

Die Arbei­ter hän­gen den Illu­sio­nen eines Dow­ley nicht mehr nach. Sie weh­ren sich gegen die Sen­kung der Nomi­nal­löh­ne und gegen die der Real­löh­ne. Der Unter­schied besteht nur dar­in, dass ein gerin­ger Rück­gang der Real­löh­ne oft nicht sofort gespürt wird und die Arbei­ter weni­ger orga­ni­sa­to­ri­sche Mög­lich­kei­ten besit­zen, gegen stei­gen­de Prei­se als gegen sin­ken­de Löh­ne vor­zu­ge­hen. Das ändert nichts dar­an, dass neben der Pro­duk­ti­vi­tät auch die Ent­wick­lung der Lebens­hal­tungs­ko­sten eine wich­ti­ge Rol­le im Kampf der Gewerk­schaf­ten um höhe­re, ange­mes­se­ne Löh­ne spielt. Ein Grund für die bür­ger­li­chen Medi­en und die Sta­ti­stik, die Infla­ti­on nied­ri­ger aus­zu­wei­sen als sie ist.