Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Anton Kalt – der Hasenkuckuck

Mit­te der sieb­zi­ger Jah­re gab es in Unna eine denk­wür­di­ge Lesung aus dem wohl besten Buch, das der »Werk­kreis Lite­ra­tur der Arbeits­welt« in sei­ner damals stark beach­te­ten Fischer-Taschen­buch­rei­he her­aus­ge­ge­ben hat. »Der rote Groß­va­ter erzählt« hieß die­ses Buch und ver­ei­nig­te Geschich­ten von Sie­gen und Nie­der­la­gen der Arbei­ter­be­we­gung, dar­ge­stellt an Einzelschicksalen.

Gleich drei Autoren die­ses Ban­des lasen ihre Geschich­te in Unna vor. Da war zuerst Bru­no Gluchow­ski, wich­ti­ger Autor der »Dort­mun­der Grup­pe 61«, des­sen Roma­ne »Blu­ti­ger Stahl« und »Der Honig­kot­ten« nicht emp­foh­len wer­den müss­ten, wenn im Lite­ra­tur­be­trieb Bücher über die Arbeits­welt nur ein wenig Beach­tung fän­den. Gluchow­ski las sei­ne Geschich­te »Der Flie­der­busch bleibt rot«, in der sich 1932 eine Arbei­ter­sied­lung in Dort­mund erfolg­reich gegen eine Demon­stra­ti­on der Nazis zur Wehr setz­te. Mög­lich war der Erfolg durch die Zusam­men­ar­beit von Kom­mu­ni­sten und Sozi­al­de­mo­kra­ten. Weil sie aber lokal begrenzt blieb und vor allem nicht für die Vor­stän­de bei­der Par­tei­en in Ber­lin galt, sieg­ten die Nazis 1933 dann doch.

Der zwei­te war Paul Pol­te, der sei­nen Text über die Zusam­men­ar­beit mit dem Brecht­freund Tom­b­rock und sei­nen Wider­stand gegen die Nazis vor­las, und der drit­te war Anton Kalt. Bei die­sem Namen wird auch ein Ken­ner der west­fä­li­schen Lite­ra­tur stut­zen. Anton Kalt, wer ist das denn? Er war ein Autor, der zwei Bücher geschrie­ben hat, von denen lei­der nur eines ver­öf­fent­licht wur­de. Zusätz­lich hat er Agit­prop-Stücke für sein eige­nes Kas­per­thea­ter und für Arbei­ter-Varie­tés geschrie­ben, vor allem aber war Anton Kalt ein unglaub­lich beein­drucken­der Mensch, den nie­mand, der ihn je gekannt hat, ver­ges­sen wird.

Anton Kalt las einen Text vor, in dem er sei­ne Betei­li­gung als Mel­de­rei­ter bei der »Roten-Ruhr­ar­mee« schil­der­te. 1920 hat­ten reak­tio­nä­re Kräf­te gegen die jun­ge Wei­ma­rer Repu­blik geputscht. Kapp-Lütt­witz-Putsch heißt er nach sei­nen bei­den trei­ben­den Kräf­ten, dem Bank­di­rek­tor Kapp und dem Befehls­ha­ber von Ost- und Mit­tel­deutsch­land, Gene­ral von Lütt­witz. Und weil den Arbei­tern sofort klar war, dass das Ziel die­ses Put­sches die Abschaf­fung der sozia­len Errun­gen­schaf­ten der jun­gen Repu­blik war, kam es zum Gene­ral­streik, der den Kapp-Lütt­witz-Putsch nach weni­gen Tagen zu Fall brach­te. Im Ruhr­ge­biet genüg­te den Arbei­tern der Gene­ral­streik nicht, sie bewaff­ne­ten sich und gin­gen mit Gewalt gegen die Putsch­trup­pen vor. Hans Kalt, Antons Bru­der, befeh­lig­te eine Abtei­lung der Roten-Ruhr­ar­mee, die bei Schwer­te und Wet­ter gegen die Putsch­trup­pen Licht­schlag kämpf­ten. Durch Apler­beck woll­ten die Licht­schlag-Trup­pen nach Wet­ter zie­hen, um dort ande­ren in Bedräng­nis gera­te­nen Putsch­trup­pen zu Hil­fe zu eilen. Hans Kalts Abtei­lung schnitt ihnen den Weg ab, die Licht­schlag-Trup­pe muss­te zurück­wei­chen, biwa­kier­te in der Nähe der Heil­an­stalt und wur­de dort end­gül­tig besiegt. Über 200 Gefan­ge­ne mach­te die Rote-Ruhr­ar­mee in Aplerbeck.

Die Kalt-Brü­der waren Mit­glied in der KPD, sie waren dar­in ihrem Vater gefolgt, der 1919, ent­täuscht von der Kai­ser­treue der SPD, im 1. Welt­krieg, die Apler­becker Orts­grup­pe der KPD gegrün­det hat­te. Kein Wun­der, dass sie sich sofort der »Roten-Ruhr­ar­mee« anschlos­sen. Anton sorg­te als Mel­de­rei­ter für die Ver­bin­dung zwi­schen den Trup­pen­tei­len. Sein Pferd stamm­te übri­gens aus den beschlag­nahm­ten Bestän­den der Licht­schlag-Trup­pen, was in einer Epi­so­de noch mal eine Rol­le spie­len soll­te. Als der Putsch geschei­tert war, kam es zum Bie­le­fel­der Abkom­men, nach dem die Arbei­ter ihre Waf­fen abge­ben soll­ten. Die besieg­ten Putsch­trup­pen selbst aber hiel­ten sich nicht an den Frie­den, son­dern began­nen, ihre jetzt unbe­waff­ne­ten Geg­ner gna­den­los zu ver­fol­gen. Den Kalt-Brü­dern blieb nichts ande­res übrig, als unterzutauchen.

Danach begann die Zeit, in der die Kalt-Brü­der sich in der kom­mu­ni­sti­schen Kul­tur­be­we­gung enga­gier­ten. Hans grün­de­te eine Kaba­rett-Grup­pe, die in ihren Pro­gram­men genau die Par­tei­li­nie ver­trat. Anton spiel­te bei KPD-Festen Gei­ge oder Gitar­re und trat mit eige­nen Kas­per­le­thea­ter-Pro­gram­men auf. Ernst Thäl­mann, KPD-Vor­sit­zen­der und Freund der bei­den, hat­te sie dar­in bestärkt, auf die­se Wei­se die Par­tei­ar­beit zu unter­stüt­zen. Natür­lich sind sie nach der Macht­wergrei­fung der Nazis in die berüch­tig­te Stein­wa­che der Gesta­po gebracht, die – am Nord­aus­gang des Bahn­hofs gele­gen – heu­te eine Gedenk­stät­te ist, und anschlie­ßend ins KZ Ester­we­ge ver­schleppt wor­den. Sie über­leb­ten es, kamen am Ende des Krie­ges nach Hau­se. und jetzt war es Anton Kalt, der sein Hei­mat­städt­chen Apler­beck vor der Zer­stö­rung ret­te­te. Er klet­ter­te auf das Kirch­dach und häng­te dort oben eine wei­ße Fah­ne auf, dann radel­te er zur ame­ri­ka­ni­schen Kom­man­dan­tur nach Söl­de und brach­te es fer­tig, dass nicht mehr auf Apler­beck geschos­sen wur­de. Sechs Wochen lang war er danach Bür­ger­mei­ster von Apler­beck, dann kamen die Eng­län­der und setz­ten den Kom­mu­ni­sten ab.

Es war eine run­de Geschich­te, die Anton Kalt da vor­las und in der er, trotz Ver­fol­gung und Lebens­ge­fahr, immer auch die komi­schen Aspek­te sei­ner Erleb­nis­se sah und beton­te. Zum Schrecken über die Erleb­nis­se kam bei sei­nen Zuhö­rern des­halb immer gleich die Erleich­te­rung durch Lachen. Typisch für ihn.

Nach dem Krieg wur­de der frü­he­re Berg­mann Anton Kalt als Ret­ter von Apler­beck in die Dort­mun­der Stadt­ver­wal­tung auf­ge­nom­men. 20 Jah­re lang war er Lei­ter des Fuhr­parks, und als ihn nach dem KPD-Ver­bot 1956 sein Chef, Dort­munds Ober­stadt­di­rek­tor Hans­mann, ansprach, ob er nicht in die SPD ein­tre­ten wol­le, er sei doch schließ­lich genau­so wie sein Bru­der ein poli­ti­scher Mensch, da lehn­te Anton Kalt höf­lich ab. Nein, er woll­te sei­ner Gesin­nung treu blei­ben, sag­te er, wor­auf Hans­mann ant­wor­te­te: »Jüngs­ken, hät­test du was ande­res gesagt, wärst du bei mir unten durch gewe­sen. Oder soll sich dein ehr­li­cher Vater im Grab rumdrehn?«

1962 erschien sein ein­zi­ges Buch, »Hasen­kuckuck«, in der Krü­ger­schen Ver­lags­buch­hand­lung. Inzwi­schen gibt es bei­de Krü­ger­ab­tei­lun­gen nicht mehr, den klei­nen Dort­mun­der Ver­lag und die gro­ße Buch­hand­lung, so dass Kalts Buch nicht mehr zu haben ist und – noch schlim­mer – auch wenig Aus­sich­ten hat, noch ein­mal irgend­wo auf­ge­legt zu wer­den. Ver­dient hät­te es das Buch auf jeden Fall, denn es schil­dert, mit deut­lich auto­bio­gra­fi­schen Zügen, das Leben eines Apler­becker Berg­manns, der als Klein­kind zwei Tie­re nicht unter­schei­den kann und des­halb immer vom »Hasen­kuckuck« redet, wor­auf er denn auch sei­nen Spitz­na­men hat.

Der Reiz des Buches liegt aber weni­ger im The­ma als viel­mehr in der humor­vol­len, bes­ser derb-komi­schen Art, in der es erzählt wird. Es ent­hält bei der Gestal­tung von Hasen­kuckucks Lebens­lauf herr­lich komi­sche, def­ti­ge Anek­do­ten und das alles, ohne die Rea­li­tät des Lebens zu verschweigen.

Bei Hasen­kuckucks Geburt zum Bei­spiel ist sein Vater schon sechs Wochen tot, ver­un­glückt auf der Zeche. Die Betrof­fen­heit beim Leser wird aber gleich durch die hilf­los-komi­sche Art ergänzt, wie Arbeits­kol­le­ge Ernst Sauer­bein der hoch­schwan­ge­ren Wit­we die­se Nach­richt, nach quä­len­den Über­le­gun­gen wäh­rend des Weges, mit­teilt: »Guden Mor­gen, ick sall ink grü­ßen van inke Mann und hei wör daut.« Man kann gar nicht anders, als trotz der trau­ri­gen Situa­ti­on zu lachen.

Nichts in »Hasen­kuckuck« ist völ­lig frei erfun­den. Vie­le skur­ri­le Geschich­ten haben Anton Kalts Leben immer beglei­tet. Sogar bei sei­ner Tätig­keit als Mel­de­rei­ter war das so. Als er zu einem lie­gen­ge­blie­be­nen Last­wa­gen mit Waf­fen rei­ten soll­te, muss­te er eine Kut­sche über­ho­len, die von einer ros­si­gen Stu­te gezo­gen wur­de. Es ging um die lebens­wich­ti­ge Siche­rung des Last­wa­gens, die dar­über mit­ent­schied, ob die Schlacht gegen die Licht­schlag-Trup­pen gewon­nen wur­de oder nicht, da bedräng­te Anton Kalts Hengst die Stu­te. Immer wie­der sprang er auf die Deich­sel der Kut­sche, Kalt konn­te sich nur mit Mühe auf dem Hengst hal­ten, und erst als irgend­wo in der Fer­ne ein Schuss ertön­te, erin­ner­te sich der Gaul an sei­ne mili­tä­ri­sche Erzie­hung. Augen­blick­lich ließ er von Kut­sche und Stu­te ab, und der Last­wa­gen mit­samt Waf­fen konn­te gesi­chert wer­den. Leben und Lite­ra­tur, bei Anton gin­gen sie stets eine komi­sche Ver­bin­dung ein.

Der Bericht über Anton Kalts lite­ra­ri­sches Schaf­fen muss trotz­dem mit einem trau­ri­gen Fak­tum enden. Kalt hat­te eine Fort­set­zung von Hasen­kuckuck geschrie­ben, aber weil die Krü­ger­sche Ver­lags­buch­hand­lung schon damals auf­ge­löst war, hat­te er kei­nen Ver­lag dafür gefun­den. So blieb das Manu­skript in der Schub­la­de lie­gen, und als Anton Kalt um 1980 her­um starb, stell­te sei­ne Fami­lie betrof­fen fest, dass es nie­mand gab, der sei­ne Hand­schrift ent­zif­fern konn­te. Für einen Gra­pho­lo­gen hat­ten sie kein Geld, so ist die­ser Band lei­der ver­lo­ren gegan­gen. Anton Kalt wür­de das einer­seits trau­rig, aber irgend­wie auch komisch finden.