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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Das deutsche Bein aus Meck-Pomm

Der präch­tig grü­ne Rasen bedeckt den Büh­nen­bo­den auf Kamp­na­gel in Ham­burg. Ein Mann im brau­nen Anzug kommt mit einer Ess­schüs­sel, nimmt immer mal einen Löf­fel, schmatzt, sagt: »pour mamam, pour papa« und wei­ter so. Das ist der Anfang von »1980 – Ein Stück von Pina Bausch«. Es weist dar­auf hin, was der 2009 gestor­be­nen Cho­reo­gra­fin hier wich­tig war: die Erin­ne­rung an die Kind­heit. Die­ses Essen-Müs­sen. Dann: Geburts­ta­ge. Eine Tän­ze­rin im lan­gen rosa Kleid erscheint, setzt sich, singt: »Hap­py bir­th­day to me«, schnippt dazu mit dem Feu­er­zeug, bläst es aus, zählt. Das Gefühl, wenn kei­ner kommt. Eine im wei­ßen Kleid legt sich bäuch­lings auf das Gras, misst den Rasen mit den Lip­pen aus: »Die­ses Stück Wie­se ist zehn Küs­se breit« – das Grün umar­men. Ande­re spie­len Pferd­chen, Hucke­pack-Tra­gen: »Abends, wenn ich müde war, hat er mich immer getra­gen.« Spä­ter läuft eine Tän­ze­rin bar­fuß im Kreis her­um, wedelt mit einem wei­ßen Tüch­lein, ruft immer nur: »Ich bin müde.« Dazu erklingt das Abend­lied von Johan­nes Brahms. Ihr Rufen ist ein Appell. Ein Mann kommt, trägt sie. Bald stöhnt er, sei­ne Kräf­te las­sen nach. Pina Bausch zeigt auch die Erin­ne­rung nicht verklärt.

Das Kin­der­spiel: Rei­se nach Jeru­sa­lem – einer bleibt übrig. Dann ein Bild wie aus einem Foto­al­bum: Sie legt ein Schaf­fell auf den Boden. Er kommt und zieht sich aus. Sie holt die Büh­nen­lam­pen und eine Baby­klap­per. Foto­gra­fiert das gro­ße nack­te Klein­kind, das so trau­rig drein­blickt. Immer wie­der mal ertönt ein See­manns­lied: Ham­burg und Lie­be und Abschied. Kitsch darf nicht fehlen.

Den gan­zen Abend lang, fast vier Stun­den, steht ein Reh auf der Büh­ne und beob­ach­tet alles, stumm und starr, unbe­ach­tet. In sei­ner Nähe tanzt ein Mäd­chen im schwar­zen kur­zen Kleid, ohne Schu­he, mit auf­ge­lö­sten Haa­ren. Auch sie bleibt unbe­merkt von den ande­ren. Immer mal wie­der Musik von John Dow­land. Sie beglei­tet auch eine Sze­ne des Abschieds. Alle sagen Tschüss, auf Wie­der­se­hen, Adieu und auf­mun­tern­de Wor­te, Grü­ße an die Mut­ter, den Sohn, man­che kurz und knapp, ande­re gewun­den. Die Letz­te umarmt sie nur und weint im Weg­ge­hen. Wer ist die, die gehen wird? Sie sagt kein Wort, steht nur da. Die­se Sequenz wird sich wie­der­ho­len, aber ganz anders. In dem Jahr, das dem Stück den Titel gab, war Pina Bauschs Lebens­ge­fähr­te, der Büh­nen­bild­ner Rolf Borz­ik, gestor­ben – fünf Mona­te vor der Uraufführung.

Komi­sche Sze­nen, ein­ge­streut zum Auf­lockern, manch­mal albern. Wackel­pud­ding-Attacken oder bos­haft: Her­ren wer­den ent­klei­det, mit Lip­pen­stift bemalt. Wenn die gan­ze Grup­pe auf der Büh­ne erscheint – kein Gän­se­marsch. Alles Indi­vi­dua­li­sten. Die Polo­nai­se durch die Zuschau­er­rei­hen, mit Arm­be­we­gun­gen wie von Eich­hörn­chen, dann weit aus­grei­fend pathe­tisch – ein­schla­fen kann man dabei nicht.

Eine total Aus­ge­flipp­te ist die Slap­stick-Queen – oder irre? Ihre Mut­ter­spra­che ist Eng­lisch, auch die Songs und Kin­der­lie­der dazu. Ihr Aus­ruf schließ­lich: »I want to be alo­ne« kor­re­spon­diert mit dem stän­di­gen: »Ich möch­te nach Hause«-Quengeln einer ande­ren, wie ein müdes Kind. Reak­tio­nen auf Fra­gen, die Pina Bausch an ihre Trup­pe stell­te über Kind­heits­äng­ste. Jeder soll sich erin­nern: Dun­kel­heit, Gewit­ter. Die rea­len Äng­ste aus der Jetzt­zeit kom­men spä­ter: in den Krieg gehen zu müs­sen, blind zu wer­den oder senil. Nicht Geschich­ten, Gesten woll­te Bausch. Die­ses merk­wür­di­ge Sich-ins-Gesicht-fas­sen wie ein Abwi­schen von Tränen.

Auf der Büh­ne steht ein altes Har­mo­ni­um, der Herr mit der Schüs­sel spielt dar­auf, Jahr­markts­mu­sik. Ent­spann­te Atmo­sphä­re. Das Gras wird zur Lie­ge­wie­se, die Grup­pe zu Son­nen­an­be­tern. Musik, nun ein­ge­spielt: »Some­whe­re over the rain­bow« – das Lieb­lings­lied eines zurück­tre­ten­den Bun­des­prä­si­den­ten: das wuss­te Pina Bausch noch nicht. Jeder zele­briert sein Son­nen­glück anders, bis zur völ­li­gen Ver­hül­lung. Oder der nack­te Arsch – nur der – leuch­tet aus den Tüchern. Ein männ­li­ches Hin­ter­teil, klar. Absur­des Sonnentheater.

Nach der Pau­se kom­men nur die Her­ren, las­sen ihre Hosen run­ter – alles nur von hin­ten zu sehen. Eine Dame schrei­tet die Rei­he ab. Getra­ge­ne Musik. Dann etwas Über­ra­schen­des, damals schon eine Casting-Show? Ein Ansa­ger: »Hélé­na Picon aus Frank­reich.« Und der Befehl: »Umdre­hen, bit­te«. Sie folgt gehor­sam. Alle tun, was er will. Jede® anders. Das Publi­kum lacht. Alle sol­len hoch­sprin­gen, Bein zei­gen. Die Trup­pe ist inter­na­tio­nal. Das Land ihrer Her­kunft – sie sol­len es cha­rak­te­ri­sie­ren, so wie es wahr­ge­nom­men wird. Nicht Gesten: Wor­te – Kli­schees. Zu Deutsch­land: »Schre­ber­gar­ten, Bock­wurst, Faust«, auch »Ade­nau­er, Becken­bau­er« und so. Hin­ten turnt ein ech­ter Sport­ler am Bar­ren – neben dem Reh. Noch ein­mal das Bein. Ein Anprei­sen der Schen­kel: »Das Bein ver­steht acht Spra­chen«, muss es auch in die­ser Trup­pe. Oder: »Das ist ein deut­sches Bein, aus Meck­len­burg-Vor­pom­mern kommt es.«

Zu schnel­ler Wech­sel. Ein Mann am Boden wird mit wei­ßem Tuch zuge­deckt, nichts bleibt von ihm. Eine Frau klagt: »Was soll ich denn machen? Ist denn kei­ner da?« Dann alte Schla­ger und Rot­wein aus der Fla­sche. Alles leicht und locker – »in einer klei­nen Kon­di­to­rei …« Und dahin­ein die Fra­ge: »Wie vie­le Nar­ben haben Sie und wo?« Jeder zählt auf, wo über­all und wie es pas­sier­te. Von Kin­der­spie­len zu OP-Nar­ben. Alle haben wel­che. Sichtbare.

Dann ein Wett­be­werb: Wem geht es am schlech­te­sten? Die Teil­neh­me­rin­nen bekom­men einen Pokal als Preis. Eine sagt ganz lapi­dar: kei­ne Woh­nung, kein Geld, aber dafür Krebs. »Bit­te Applaus«, der Con­fé­ren­cier. In mei­ner Rei­he gehen zwei Leu­te. Wis­sen sie, dass Bauschs Lebens­ge­fähr­te an Leuk­ämie starb?

Noch kein Schluss. Komi­sche Sze­nen, unter­legt mit »Wenn der wei­ße Flie­der wie­der blüht«. Oder er mit dem deut­schen Bein singt ein Lied in Platt­deutsch – See­manns­lied? Es wird immer wil­der, bis es laut und fast bru­tal erschlägt. Er ver­neigt sich. Der trau­ri­ge Lan­ge kommt und beginnt, mit dem Stuhl zu spre­chen. »Du lie­ber Stuhl, bist nicht nur form­schön und prak­tisch…«, ein ganz gewöhn­li­cher Stuhl. »Du bist ein­fach schön. Ich habe ein­mal auf dir geses­sen, gib mir doch ein klei­nes Zei­chen.« Nichts geschieht. Alles geht in Lachen unter, auch er lacht, zwang­haft – verletzt?

Dann wil­der Tanz zu Dixie­land. Wir müs­sen sit­zen blei­ben. Schließ­lich ruhi­ge Töne und lang­sa­mes Tan­zen der Paa­re. Alle ver­sam­meln sich. Hin­ter ihnen der Tanz der Ein­sa­men – unge­se­hen. Die Trup­pe steht vorn, ihnen gegen­über die eine Abschied-Neh­men­de. Alle ste­hen stumm mit hän­gen­den Armen da, kei­ne letz­ten Wor­te. Lei­se Musik von Dow­land – Stil­le. Ein Abschied für wen?