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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Maßlos

Unse­re Bun­des­kanz­le­rin ist eine prin­zi­pi­en­fe­ste, kon­se­quent han­deln­de Poli­ti­ke­rin. Sie beweist es immer wie­der, auch in Sachen Bestra­fung der bös­ar­ti­gen Rus­sen und ihres Anfüh­rers Wla­di­mir Putin. Eine klei­ne Auswahl:

Im Juli 2016 erklär­te sie bei einem der zahl­rei­chen Besu­che des ukrai­ni­schen Prä­si­den­ten Petro Poro­schen­ko in Ber­lin, dass die Sank­ti­ons­maß­nah­men gegen Russ­land an die Umset­zung des Mins­ker Pro­zes­ses gebun­den sind. Dabei stell­te sie klar: »Wir glau­ben, dass es für alle Betei­lig­ten gut wäre, wenn Minsk umge­setzt wird und damit auch die Vor­aus­set­zun­gen dafür geschaf­fen wür­den, die Sank­tio­nen auf­zu­he­ben. So weit sind wir aber lei­der noch nicht.«

Im Mai 2017 beton­te sie bei einem Tref­fen mit Putin in Sot­schi, es sei ihr Ziel, »durch die Umset­zung der Mins­ker Ver­ein­ba­rung auch zu dem Punkt zu kom­men, wo wir die Sank­tio­nen sei­tens der Euro­päi­schen Uni­on wie­der auf­he­ben können«.

Mit­te Sep­tem­ber 2018, sprach sie sich nach einem Tref­fen mit den Staats- und Regie­rungs­chefs Litau­ens, Lett­lands und Est­lands in Vil­ni­us dage­gen aus, die Straf­maß­nah­men gegen Russ­land zu lockern. »Bevor wir kei­ne Fort­schrit­te beim Mins­ker Abkom­men sehen, kann nicht dar­über gespro­chen wer­den, dass die Sank­tio­nen auf­ge­ho­ben werden.«

Immer wie­der geht es aufs Neue um das Mins­ker Abkom­men, das von dem dama­li­gen fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten Fran­çois Hol­lan­de, der deut­schen Bun­des­kanz­le­rin Ange­la Mer­kel, dem ukrai­ni­schen Prä­si­den­ten Petro Poro­schen­ko sowie dem rus­si­schen Prä­si­den­ten Wla­di­mir Putin am 12. Febru­ar 2015 unter­zeich­net wur­de. Da Mer­kel stets nur den sehr all­ge­mei­nen Vor­wurf erhebt, Mos­kau erfül­le das Abkom­men nicht, aber offen­sicht­lich ver­ges­sen hat, was sie sei­ner­zeit mit unter­schrie­ben hat­te, scheint es ange­bracht, wenig­stens die Schlüs­sel­ele­men­te des Abkom­mens in Erin­ne­rung zu rufen. Ver­ein­bart wur­den unter ande­rem eine umfas­sen­de Waf­fen­ru­he in der Ost­ukrai­ne, der Abzug schwe­rer Waf­fen von der »Front­li­nie«, ein Gefan­ge­nen­aus­tausch, die Über­wa­chung der »Front« durch die Orga­ni­sa­ti­on für Sicher­heit und Zusam­men­ar­beit in Euro­pa (OSZE), die Wie­der­ein­füh­rung von Grenz­kon­trol­len zwi­schen der Ost­ukrai­ne und Russ­land, der Abzug frem­der Trup­pen und Kämp­fer (Söld­ner) aus dem Gebiet der Ukrai­ne, Amne­stie für Straf­ta­ten wäh­rend des Kon­flik­tes. Schließ­lich wur­de ver­ein­bart, dass das ukrai­ni­sche Par­la­ment inner­halb von 30 Tagen eine Auto­no­mie für »bestimm­te Regio­nen der Gebie­te Lug­ansk und Donezk« beschlie­ßen soll.

Zu kei­ner ein­zi­gen Ver­ein­ba­rung kann Mos­kau der Vor­wurf gemacht wer­den, sie zu ver­let­zen. Ohne Wenn und Aber for­dert der Kreml die Ein­hal­tung des Mins­ker Abkom­mens und ist nicht bereit, die Unab­hän­gig­keit der »Volks­re­pu­bli­ken Lug­ansk und Donezk« anzu­er­ken­nen, ganz zu schwei­gen von einer Auf­nah­me in die rus­si­sche Föde­ra­ti­on. Mehr­fach haben Putin und Außen­mi­ni­ster Law­row erklärt, dass bei­de Gebie­te Teil der Ukrai­ne blei­ben, aber gemäß der Mins­ker Ver­ein­ba­run­gen einen Auto­no­mie­sta­tus erhal­ten sol­len. So hat­te denn Putin bereits im April 2016 in einer Fern­seh­fra­ge­stun­de allen Grund fest­zu­stel­len, dass Russ­land »in Bezug auf die Mins­ker Ver­ein­ba­run­gen sei­ner­seits schon alles erfüllt hat«. Weder in Kiew noch in den NATO-Staa­ten konn­te die­ser Erklä­rung wider­spro­chen wer­den. Des­sen unge­ach­tet wur­den die Sank­tio­nen auf­recht­erhal­ten und teil­wei­se verstärkt.

Wie anders ist doch der Umgang mit der Ukrai­ne. Als sich Donezk und Lug­ansk nach dem von den USA, der Bun­des­re­pu­blik und ande­ren NATO-Staa­ten geför­der­ten Putsch in Kiew für unab­hän­gig erklär­ten, gin­gen die neu­en ukrai­ni­schen Macht­ha­ber mit bru­ta­ler mili­tä­ri­scher Gewalt gegen die Sepa­ra­ti­sten vor; ernst­haf­te Ver­su­che, den Kon­flikt im Dia­log zu lösen, gab es nicht. Auch spä­ter, Poro­schen­kos Unter­schrift unter dem Mins­ker Abkom­men war noch nicht trocken, gab es kei­ner­lei Bemü­hun­gen zu einer fried­li­chen Lösung. Tau­sen­de und Aber­tau­sen­de Men­schen muss­ten die­sen Kriegs­kurs mit ihrem Leben bezahlen.

Obwohl der in Minsk ver­ein­bar­te Auto­no­mie­sta­tus für die bei­den süd­ost­ukrai­ni­schen Gebie­te ent­schei­dend dazu bei­tra­gen könn­te, Krieg und Zer­stö­rung zu been­den und die ter­ri­to­ria­le Inte­gri­tät der Ukrai­ne zu sichern, den­ken Poro­schen­ko und sei­ne Regie­rungs­mann­schaft nicht dar­an, das Über­ein­kom­men umzu­set­zen. Sie set­zen wei­ter auf die mili­tä­ri­sche Kar­te. Unter Ver­let­zung des Mins­ker Abkom­mens berei­ten sie eine neu­er­li­che mili­tä­ri­sche Offen­si­ve vor. Bereits Mit­te Novem­ber 2018 hat die OSZE-Beob­ach­tungs­son­der­mis­si­on ekla­tan­te Ver­stö­ße der ukrai­ni­schen Streit­kräf­te gegen die Mins­ker Ver­ein­ba­run­gen über den Abzug schwe­rer Waf­fen an den Gren­zen zu den »Volks­re­pu­bli­ken« Donezk und Lug­ansk fest­ge­stellt. Artil­le­rie, Pan­zer und Luft­ab­wehr­ra­ke­ten wur­den in Stel­lung gebracht. Der Noch-Prä­si­dent Poro­schen­ko han­delt nach dem Mot­to: Was inter­es­siert mich mei­ne Unter­schrift von vorgestern?

Bereits am 13. Febru­ar 2015 erklär­te der ukrai­ni­sche Bot­schaf­ter in Ber­lin, Andrij Mel­nyk, im Deutsch­land­funk, das Mins­ker Abkom­men sei »nur ein Fet­zen Papier«. Weni­ge Mona­te spä­ter gestand die Vor­sit­zen­de des außen­po­li­ti­schen Aus­schus­ses des Par­la­ments, Gan­na Gop­ko, die Ukrai­ne habe den Ver­trag »sei­ner­zeit nur unter dem Zwang der Umstän­de unter­zeich­net, um Zeit für eine Umgrup­pie­rung und Ver­stär­kung der eige­nen Trup­pen zu gewin­nen. Bei­des ist nun erreicht.«

Ende Novem­ber 2017 bezeich­ne­te der ukrai­ni­sche Innen­mi­ni­ster Arsen Awa­kow die Mins­ker Ver­ein­ba­run­gen als tot. Wört­lich sag­te er auf dem 8. Natio­na­len Exper­ten­fo­rum: »Ich bin der Mei­nung, dass die Mins­ker Ver­ein­ba­run­gen tot und nicht mehr der Rede wert sind … Wir haben das Abkom­men unter­schrie­ben, ohne vor­zu­ha­ben, es zu erfül­len.« Auf die Fra­ge »Kön­nen die Mins­ker Abkom­men als rea­ler Mecha­nis­mus für die Erzie­lung des Frie­dens und die Kon­flikt­re­ge­lung die­nen?« ant­wor­te­te der Mini­ster kurz und knapp, aber bestimmt: »Nein – davon bin ich tief über­zeugt.« (Neben­bei bemerkt: Die Kie­wer Hal­tung unter­schei­det sich grund­le­gend von der Posi­ti­on Mos­kaus. Am 14. Juli 2018 stell­te Außen­mi­ni­ster Law­row in einem Inter­view mit Euro­news fest: »Die Mins­ker Ver­ein­ba­run­gen blei­ben nach inter­na­tio­na­lem Recht gül­tig, denn sie wur­den durch eine UN-Reso­lu­ti­on gebil­ligt. Sie ist für eine Umset­zung zwin­gend – kein ein­zi­ges ukrai­ni­sches Gesetz kann dem UN-Sicher­heits­rat über­ge­ord­net wer­den. All unse­re Part­ner aus West- und Ost­eu­ro­pa sowie die Ver­ei­nig­ten Staa­ten wol­len die Mins­ker Ver­ein­ba­run­gen umsetzen.«

Und wie reagie­ren die deut­sche Kanz­le­rin und die ande­ren Spit­zen­leu­te der EU- und NATO-Staa­ten auf die fort­lau­fen­den Kie­wer Ver­let­zun­gen des Mins­ker Abkom­mens und auf sei­ne kom­plet­te Negie­rung? Sie sprin­gen der wirt­schaft­lich am Boden lie­gen­den Ukrai­ne vor allem mit Bera­tern, Söld­nern, Waf­fen und nicht zuletzt mit umfang­rei­cher Finanz­hil­fe zur Sei­te. Bereits im Febru­ar 2015 kün­dig­te der Inter­na­tio­na­le Wäh­rungs­fonds (IWF) an, die Ukrai­ne wer­de in den näch­sten vier Jah­ren Kre­di­te in Höhe von 17,5 Mil­li­ar­den Dol­lar erhal­ten. Im Novem­ber 2018 hat die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on die Aus­zah­lung der ersten 500 Mil­lio­nen Euro des neu­en Makro­fi­nanz­hil­fe­pro­gramms für die Ukrai­ne geneh­migt. Dank sol­cher Pro­gram­me hat die Ukrai­ne seit 2014 3,3 Mil­li­ar­den Euro erhalten.

Kein ande­res Nicht-EU-Land erhielt eine der­art hohe Finanz­hil­fe. Dar­über hin­aus lei­stet die Bun­des­re­pu­blik im Rah­men eines »Akti­ons­plans Ukrai­ne« Hil­fe in viel­fa­cher Mil­lio­nen­hö­he. Auch die USA ste­hen nicht abseits. So spen­de­ten sie 500 Mil­lio­nen Dol­lar zur Auf­rü­stung der ukrai­ni­schen Armee für den »Befrei­ungs­krieg im Donbass«.

Fazit: Mos­kau setzt sich für die Umset­zung des Mins­ker Abkom­mens ein und wird mit Sank­tio­nen bestraft. Kiew ver­letzt das Abkom­men, stellt es gene­rell in Fra­ge und wird dafür mit umfang­rei­cher Hil­fe belohnt. Ver­kehr­te Welt? Spek­ta­kel mit zwei­er­lei Maß? Nein, nicht ein­mal das. Es ist eine Poli­tik, die jedes Maß ver­lo­ren hat. Wie sag­te doch unse­re Kanz­le­rin? »Die Sank­ti­ons­maß­nah­men gegen Russ­land [sind] an die Umset­zung des Mins­ker Pro­zes­ses gebun­den.« Wie wahr, wie wahr!