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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Kontrollierte Wissensanalyse und -synthese

Asse II ist nicht nur ein lang­fri­stig absau­fen­des Salz­berg­werk mit 50.000 Kubik­me­tern ein­ge­la­ger­tem Atom­müll, vor­wie­gend aus Atom­kraft­wer­ken. Asse II ist auch die Geschich­te der wis­sen­schaft­lich ver­bräm­ten jahr­zehn­te­lan­gen Igno­ranz der west­deut­schen Atom­lob­by gegen­über der Tat­sa­che, dass das Berg­werk von Anfang an unge­eig­net war und dass genau das bekannt war. Schon drei Jah­re vor Beginn der Ein­la­ge­rung wuss­te man um Was­ser­zu­trit­te ins Berg­werk und mein­te, dem mit einem schlich­ten Abdich­ten der Ein­dring­stel­len abhel­fen zu kön­nen. Als wür­de sich Was­ser nicht frü­her oder spä­ter sei­nen Weg suchen.

Wel­che Vor­gän­ge und wel­che Ver­ant­wort­lich­kei­ten könn­ten all die Doku­men­te im Zusam­men­hang mit Asse II noch offen­ba­ren!? Allein dem Unter­su­chungs­aus­schuss des nie­der­säch­si­schen Land­ta­ges sol­len knapp eine Mil­li­on Sei­ten vor­ge­le­gen haben.

Um die Doku­men­te gründ­lich zu ana­ly­sie­ren, schrieb der Pro­jekt­trä­ger Jülich mit sechs Mil­lio­nen Euro des For­schungs­mi­ni­ste­ri­ums ein Pro­jekt »Wis­sens­ma­nage­ment von Alt­do­ku­men­ten aus For­schung, Ver­wal­tung und Betrieb« zur Ver­ar­bei­tung der Akten über die Schacht­an­la­ge Asse II aus. Eine noble Geste gegen­über dem Ver­lan­gen nach Auf­ar­bei­tung der Geschich­te des Schei­terns von Atom­müll-End­la­ge­rung in Salz?

Den Zuschlag erhielt ein Insti­tut für Wis­sens­ana­ly­se und Wis­sens­syn­the­se (IWW) in Gos­lar, 40 Kilo­me­ter von Asse II ent­fernt. Allein: Wer im Inter­net nach dem Hin­ter­grund des IWW sucht, fin­det kaum etwas. Bei der Ein­wei­hung durch Ste­fan Wen­zel als grü­nem Innen­mi­ni­ster Nie­der­sach­sens hieß es 2013 spar­sam: »Das neue Insti­tut wird aus Mit­teln des Bun­des­for­schungs­mi­ni­ste­ri­ums finan­ziert; Lei­ter wird der frü­her im Kern­for­schungs­zen­trum Jülich und spä­ter kurz­zei­tig als Asse-Geschäfts­füh­rer täti­ge Wis­sen­schaft­ler Dr. Det­lev Eck.« Das IWW arbei­te­te von Juni 2013 bis Ende 2018. Was die Insti­tuts­mit­ar­bei­ter genau taten, ist noch nicht bekannt, ein Abschluss­be­richt liegt bis­lang nicht vor.

Gegen Ende des Pro­jekt­zeit­rau­mes erhob sich gro­ßes Geschrei, dass doch die Finan­zie­rung des IWW wei­ter­ge­hen müs­se. Selbst der Land­tag reso­lu­tiert und »for­dert den Bund auf, das IWW in Gos­lar als unab­hän­gi­ge wis­sen­schaft­li­che Ein­rich­tung zu erhal­ten und zu finan­zie­ren« (Reso­lu­ti­on vom 10.12.2018). »Unab­hän­gi­ge wis­sen­schaft­li­che Ein­rich­tung« – das klingt gut, und so wur­de es auch in der regio­na­len Pres­se kolportiert.

Nur wer viel Geduld hat­te und www.enargus.de kennt, fin­det den Trä­ger des IWW (https://www.enargus.de/pub/bscw.cgi/26?op=enargus.eps2&q=wissenssynthese). Das ist näm­lich das Helm­holtz-Zen­trum Mün­chen – Deut­sches For­schungs­zen­trum für Gesund­heit und Umwelt (GmbH). Also die­je­ni­ge For­schungs­ein­rich­tung der BRD und des Frei­staa­tes Bay­ern, die ab 1964 als Gesell­schaft für Strah­len­for­schung (GSF) und ab 1978 als »GSF – For­schungs­zen­trum für Umwelt und Gesund­heit« die Schacht­an­la­ge Asse II betrie­ben hat und von Mün­chen aus bis 2008 deren Geschicke leitete.

Wer wäre auch bes­ser geeig­net, Akten über Asse II auf­zu­ar­bei­ten – sprich: den Wis­sens­zu­gang zu Asse II zu kon­trol­lie­ren – als der ehe­ma­li­ge Betrei­ber die­ser Anla­ge? Welch famo­se Unab­hän­gig­keit der »wis­sen­schaft­li­chen Ein­rich­tung« IWW!

Erst der Asse II-Koor­di­na­ti­ons­kreis unab­hän­gi­ger Bür­ger­initia­ti­ven gegen die Flu­tung von Asse II mach­te am 11. Janu­ar unter der Über­schrift »Wis­sens­be­stän­de zu Asse II ohne Inter­es­sen­kol­li­sio­nen sichern, Daten­zu­gang ver­bes­sern!« öffent­lich, dass das IWW eine Abtei­lung des Helm­holtz-Zen­trums Mün­chen ist, und ver­lang­te, »dass die Daten von Atom­müll-Ablie­fe­rern, Behör­den und Wis­sen­schaft der Öffent­lich­keit leicht und voll­stän­dig zugäng­lich gemacht werden«.

Mit Schrei­ben vom 15. Janu­ar bestä­tig­te nun das Bun­des­mi­ni­ste­ri­um für Bil­dung und For­schung, dass das IWW »kein selb­stän­di­ges Insti­tut, son­dern Teil des Helm­holtz-Zen­trums Mün­chen« ist – und man also wie­der ein­mal den Bock zum Gärt­ner gemacht, ihm aber immer­hin den gelehrt klin­gen­den Namen »Insti­tut für Wis­sens­ana­ly­se und Wis­sens­syn­the­se« als Mas­ke auf­ge­setzt hatte.