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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Ganz in ihrer Zeit – Lotte Laserstein im Städel

Lan­ge schien es, dass malen­de Frau­en in der frü­hen Moder­ne kaum eine Rol­le gespielt hät­ten. Und wenn – dann eine mar­gi­na­le, weil ihre Arbei­ten nur ver­ein­zelt in den Über­blicks­aus­stel­lun­gen zu sehen waren. Ein­zel­aus­stel­lun­gen in renom­mier­ten Muse­en sind bis heu­te meist männ­li­chen Ver­tre­tern der Maler­zunft vor­be­hal­ten. Die­se domi­nie­ren auch im Kunst­buch­markt und sogar in der Kunst­kri­tik. Gabrie­le Mün­ter blieb lan­ge ein Geheim­tipp. Von Pau­la Moder­son-Becker wur­den meist nur eine klei­ne Palet­te Selbst­por­träts repro­du­ziert. Was das für eine gro­ße, viel­sei­ti­ge Künst­le­rin mit tat­säch­lich weib­li­chen The­men war, konn­te ein grö­ße­res Publi­kum erst vor zwei Jah­ren im Ham­bur­ger Buce­ri­us Kunst­fo­rum (s. Ossietzky 4/​2017) begrei­fen. Noch weni­ger bekannt war das Werk der vor­wie­gend als Illu­stra­to­rin täti­gen, scharf blicken­den Jean­ne Mam­men, der vor einem Jahr in der Ber­li­ni­schen Gale­rie eine gran­dio­se Aus­stel­lung gewid­met war. Und das Frank­fur­ter Stä­del zeigt jetzt Lot­te Laser­stein (1891–1993), die zu den ersten Frau­en gehör­te, die an den Ber­li­ner Ver­ei­nig­ten Staats­schu­len für Freie und ange­wand­te Kunst ein Voll­stu­di­um auf­neh­men konn­ten. Wie es für eine erste, aus syste­ma­ti­scher Dis­kri­mi­nie­rung befrei­te Grup­pe typisch ist, nahm die hoch­ta­len­tier­te Frau das Bil­dungs­an­ge­bot sehr ernst und eig­ne­te sich die gan­ze Band­brei­te der bis dahin ent­wickel­ten Mal­tech­ni­ken an. Das frü­he Por­trät ihrer Groß­mutter ver­weist auf ihr erstes gro­ßes Vor­bild: Wil­helm Leibl.

Trotz zahl­rei­cher Zita­te aus der Geschich­te der Male­rei steht Laser­stein ganz in ihrer Zeit. Die Neue Frau der zwan­zi­ger und begin­nen­den drei­ßi­ger Jah­re ist ihr bevor­zug­tes Sujet: die Café­gän­ge­rin, die Sport­le­rin und immer wie­der sie selbst im Maler­kit­tel. Mit dem Por­trät einer Frau mit Bubi­kopf, die ihr Aus­se­hen im Spie­gel der Puder­do­se über­prüft, nahm sie an einem Wett­be­werb teil und konn­te das Bild in der Gale­rie Gur­litt aus­stel­len. Von da an erfreu­te sich Laser­stein zuneh­men­der öffent­li­cher Anerkennung.

Dass ihr Werk beson­ders lan­ge auf Wie­der­ent­deckung war­ten muss­te, lag auch an ihrem hyper­rea­li­sti­schen Stil, der nicht in die west­li­che Geschmacks­welt der zwei­ten Hälf­te des zwan­zig­sten Jahr­hun­derts pass­te. Sie hat­te nichts mit dem bis heu­te popu­lä­ren Expres­sio­nis­mus zu tun und begab sich auch nicht in die Gefil­de der Abstrak­ti­on. Eher war sie noch ein wenig dem Jugend­stil ver­haf­tet, viel mehr aber der Neu­en Sach­lich­keit. Von kühl­glat­ten Ober­flä­chen hielt sie jedoch nicht viel, son­dern grun­dier­te ihre Ölma­le­rei oft mit kräf­ti­gem Pin­sel­strich, was den Bil­dern schon auf tech­ni­scher Ebe­ne Leben­dig­keit ver­leiht. Laser­stein über­zeugt aber vor allem durch die tie­fe Durch­psy­cho­lo­gi­sie­rung ihrer Figu­ren, vor allem wenn sie Grup­pen dar­stell­te. Das lässt auf umfas­sen­de inhalt­li­che Vor­ar­beit schlie­ßen und sucht in der Geschich­te der Male­rei ihres­glei­chen. Kei­ne vor­he­ri­gen Künst­ler des tra­di­ti­ons­rei­chen Sujets »Der Maler und sein Modell« haben mir so viel­sa­gen­de Erzäh­lun­gen sug­ge­riert wie Laser­steins Vari­an­ten, die ihr Lieb­lings­mo­dell Trau­te Rose und sie selbst zei­gen, mit der Palet­te in der Hand oder an der Staf­fe­lei. Das Feh­len des männ­li­chen Blicks schafft eine neue Per­spek­ti­ve. Es gibt hier kein Sub­jekt-Objekt-Ver­hält­nis, son­dern ent­spann­te Ver­traut­heit zwei­er Kom­pli­zin­nen, die das Ziel eint, dass sich das Modell vor allem dem Betrach­ter präsentiert.

Die mei­sten der Bil­der kann­te ich aus einem Kunst­buch und hät­te sie für wesent­lich grö­ßer gehal­ten. Dass Laser­stein auch das ganz gro­ße For­mat beherrsch­te, beweist ihr im Stä­del eben­falls prä­sen­tier­tes Haupt­werk »Abend über Pots­dam« von 1930. Vor dem Stadt­pan­ora­ma sind fünf nach­denk­lich-melan­cho­li­sche jun­ge Leu­te an einer lan­gen Tafel mit Resten eines fru­ga­len Imbis­ses grup­piert. Zu erken­nen ist ein Abend­mahl in moder­ner Sze­ne­rie. Aber an Jesu Stel­le sitzt in läs­si­ger Hal­tung, skep­tisch blickend: eine Frau. Die erschöpf­ten Men­schen haben nicht gefei­ert, son­dern sich mit erdrücken­den Pro­ble­men befasst. Obwohl Laser­stein kei­ne expli­zit poli­ti­sche Künst­le­rin war, steht das Gemäl­de emble­ma­tisch für die Kri­sen sei­ner Ent­ste­hungs­zeit. Begrü­ßens­wert ist, dass es künf­tig in expo­nier­ter Posi­ti­on die Aus­stel­lung zur Moder­ne in der Ber­li­ner Neu­en Natio­nal­ga­le­rie ein­lei­ten soll.

Als soge­nann­te Halb­jü­din erfuhr Lot­te Laser­stein im »Drit­ten Reich« Dis­kri­mi­nie­rung und wur­de aus dem Kunst­be­trieb aus­ge­schlos­sen. 1937 konn­te sie ein Aus­stel­lungs­an­ge­bot in Schwe­den nut­zen, um unter Mit­nah­me vie­ler ihrer Wer­ke zu emi­grie­ren. Im dor­ti­gen, ruhig und kon­ser­va­tiv geblie­be­nen künst­le­ri­schen Leben konn­te sie sich nur als Por­trät- und Land­schafts­ma­le­rin eta­blie­ren. Obwohl den Bil­dern anzu­se­hen ist, dass sie auch auf Wün­sche der Käu­fer ein­ge­hen muss­te, han­delt es sich um dif­fe­ren­zier­te und stets eigen­wil­lig aus­ge­führ­te Arbei­ten. Ihre Bedeu­tung soll­te auch des­halb nicht unter­schätzt wer­den, weil sie die künst­le­ri­schen Ein­schrän­kun­gen des Exils eben­so wie deren kraft­vol­le Bewäl­ti­gung doku­men­tie­ren. Dass Lot­te Laser­stein den Ver­lust ihrer engen gesell­schaft­li­chen Bin­dung aus dem wider­spruchs­vol­len Ber­lin nie­mals ver­wun­den hat­te, zeigt ihr berüh­ren­des, in Schwe­den ent­stan­de­nes Selbst­por­trät »Abend über Pots­dam«, das den Hin­ter­grund bildet.

Ab 5. April zeigt die Ber­li­ni­sche Gale­rie die um eini­ge Bil­der erwei­ter­te Aus­stel­lung des Stä­del, die in Frank­furt noch bis zum 17. März läuft.