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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Das Fleisch hat Angst

Die Zeit, als sich alles änder­te, die Wen­de also, hier wird sie »Über­gang« genannt. Hier, das ist im Roman der 1974 gebo­re­nen argen­ti­ni­schen Autorin Agu­sti­na Baz­ter­ri­ca »Wie die Schwei­ne«. Argen­ti­ni­en ist das Land der Fleisch­pro­duk­ti­on. Und dar­um geht es in dem Buch – auch. Die Zeit, als man anfing, sich Men­schen ein­zu­ver­lei­ben – ein Syn­onym des Kapi­ta­lis­mus. Geschil­dert wird das alles ganz rea­li­stisch. Am Anfang stand ein Virus, das alle Tie­re befiel und so Men­schen töd­lich infi­zier­te: Tie­re zu essen war somit unmög­lich gewor­den. Ein Heil­mit­tel oder Impf­stoff gegen das Virus gebe es nicht, hieß es. Der »Held« Mar­cos betrach­tet die Ver­laut­ba­run­gen mit Skep­sis, glaubt, alles sei ein Mit­tel, »um uns zu for­men, um jede Dis­kus­si­on im Keim zu ersticken«. Er erin­nert sich, dass in eini­gen Län­dern »mas­sen­wei­se Immi­gran­ten, Obdach­lo­se, Arme« ver­schwan­den, ver­folgt wur­den – geschlach­tet. Inzwi­schen sogar lega­le Vor­komm­nis­se, »als die Regie­run­gen unter Druck gesetzt wur­den von einer mil­li­ar­den­schwe­ren Indu­strie, die zum Still­stand gekom­men war«. Aus­nah­me­be­stim­mun­gen hat­ten sich in Nor­men ver­wan­delt – die Schlacht­hö­fe an die neu­en Bedin­gun­gen ange­passt. Die Erfah­run­gen der indu­stri­el­len Tier­auf­zucht erwie­sen sich als brauch­bar auch für mensch­li­ches Fleisch. Denn Fleisch muss­te es sein.

Mar­cos, Sohn des ein­sti­gen Schlacht­hof­be­sit­zers, ist jetzt Pro­duk­ti­ons­lei­ter für das »Spe­zi­al­fleisch«. Obwohl alle Tie­re getö­tet wur­den, ist die Angst vor dem Virus noch so groß, dass alle Men­schen im Frei­en einen Regen­schirm tra­gen zum Schutz vor einem Vogel­schiss – nur Mar­cos nicht. Er glaubt nicht an die Ansteckung, trifft in einem Zoo ohne Tie­re doch noch auf Hun­de­wel­pen, mit denen er spielt, zärt­lich. Für Men­schen kann er die­se Gefüh­le nicht auf­brin­gen: weder für die Essen­den (Eta­blier­ten), noch für die zu Essen­den. Für die­se gibt es Tarn­wör­ter, die an die Spra­che des »Drit­ten Rei­ches« erin­nern: Stücke, Pro­duk­te, Export­fleisch oder all­ge­mein Spe­zi­al­fleisch, Männ­chen und Weib­chen oder ganz beson­ders ERG – Erste rei­ne Genera­ti­on, das bedeu­tet ohne gene­ti­sche Modi­fi­ka­ti­on, ohne Wachs­tums­hor­mo­ne. Dies alles ist seit dem »Über­gang« nor­mal gewor­den – der Kan­ni­ba­lis­mus legitimiert.

Das hat der Vater von Mar­cos nicht ver­kraf­tet und sich in die Demenz geflüch­tet, lebt nun – wohl­be­hü­tet – in einem teu­ren Alters­heim. Nur dafür arbei­tet der Sohn – macht er sich selbst vor. Neben den Tarn­wör­tern gibt es Ver­bo­te. Das Wort Kan­ni­ba­lis­mus gehört dazu. Es ist auch unter­sagt, eine Per­son mit Vor- und Nach­na­men zu ver­spei­sen, das heißt: nie­mand darf es zuge­ben. Auch die sexu­el­len Bezie­hun­gen zu einem »Weib­chen« sind ver­bo­ten. Mit einem Weib­chen, das er als Geschenk erhält, gibt es spä­ter Pro­ble­me. Zuerst ein­mal beglei­tet der Leser – wenn er noch kann – Mar­cos durch die Abtei­lun­gen des Men­schen-Schlacht­hofs. Das »Pro­dukt« wird fast voll­stän­dig ver­wer­tet, alles exakt beschrie­ben. Auch die Ger­be­rei und die gro­ße Map­pe der ver­schie­de­nen Leder­ty­pen, exqui­si­tes Design, von der Zucht­farm. Der Chef will schwar­ze Häu­te, Mar­cos soll sie beschaffen.

Es gibt noch eine Unter-Klas­se von Men­schen, die »Aas­fres­ser«. Das sind die Aus­ge­sto­ße­nen, die eini­ge Meter vom elek­tri­schen Zaun auf Fut­ter har­ren, die unzi­vi­li­sier­ten Kan­ni­ba­len. Skur­ril die Sek­ten­mit­glie­der, die zum Schlacht­hof kom­men – mit der nota­ri­el­len Beglau­bi­gung, dass einer ihrer Anhän­ger sich opfern will. Sie müs­sen die­sen – lega­len – Weg gehen, um Zer­ti­fi­ka­te für steu­er­li­che Ver­gün­sti­gun­gen und Aner­ken­nung als Kir­che zu bekom­men. Ihr Fleisch – was sie nicht wis­sen – ist für die Aas­fres­ser bestimmt.

Auf vie­les hät­te die Autorin ver­zich­ten kön­nen in die­sem Buch über die kapi­ta­li­sti­sche End­zeit. Der blu­ti­ge Sex mit der Metz­ge­rin bei­spiels­wei­se, die gera­de einen Arm zer­legt. Alles genüss­lich beschrie­ben bis zu dem Satz: »Sie küsst ihn beklom­men, fei­er­lich.« Gezielt bar­ba­risch kit­schig die Grau­sam­kei­ten, kal­ku­liert, Ekel inbe­grif­fen. Dann ein Fest­essen. Auf­ge­tischt die »erleg­ten« Pro­mi­nen­ten, die sich ver­schul­det hat­ten und nun die Gele­gen­heit erhiel­ten, der insze­nier­ten Jagd auf sie zu ent­kom­men. Was oft nicht gelang. So einem Rock­star, des­sen Ein­zel­tei­le begehrt sind. Die gedeck­te Tafel edel wie im Schloss, Kandelaber.

Mar­cos muss noch einen Besuch im Labor Val­ka machen. Dr. Val­ka, die Frau Dr. Men­ge­le genannt wird, hat gera­de einen der wich­tig­sten For­schungs­prei­se erhal­ten – für Expe­ri­men­te, die sie mit Tie­ren nie hät­te machen kön­nen. Die Exper­tin glaubt, sie revo­lu­tio­nie­re die Medi­zin. Alles für die Wis­sen­schaft, am leben­den Men­schen. Auch Ver­su­che am schla­gen­den Her­zen. Der Schlacht­hof sei harm­los dage­gen, sagt selbst Mar­cos. An Tie­ren wird auch geforscht, geheim. Noch immer suchen sie nach einem Mit­tel gegen das Virus. Was ist das für ein Staat, der auch Sperr­stun­den verhängt?

Lei­chen­schmaus für Mar­cos‘ ver­stor­be­nen Vater. Die Schwe­ster tischt schön deko­rier­te Kör­per­tei­le auf – nicht vom Vater, der wur­de ver­brannt. Von einem »Haus­stück« in der Spei­se­kam­mer neben­an, lebend­frisch. Mar­cos isst kein Fleisch, sagt er – ein­mal doch: Es schmeck­te »köst­lich«. Zu Hau­se bei Mar­cos war­tet das Weib­chen, das er nicht mehr im Stall schla­fen lässt, das er mit­hil­fe sei­nes Han­dys immer unter Kon­trol­le hat. Es ist etwas gesche­hen – streng ver­bo­ten –, das ihn selbst ins Schlacht­haus brin­gen kann. Sein Geschenk ist schwan­ger gewor­den – von ihm. Er denkt nur an das Kind, ist ganz ver­ses­sen dar­auf. Es gibt Kom­pli­ka­tio­nen bei der Geburt. Nie­mand darf es wis­sen, auch kein Arzt. Er ruft sei­ne Frau an, sie müs­se sofort kom­men. Nach­dem ihr gemein­sa­mes Kind, ein Jun­ge, so früh gestor­ben war, ist sie zu ihrer Mut­ter gezo­gen. Sie hat kei­ne Ahnung, was sie erwar­tet. Schwe­re Geburt und – ein Jun­ge: »wun­der­schön«. Als er gebo­ren ist, will das Weib­chen ihn sehen, gibt unar­ti­ku­lier­te Lau­te von sich. Sie kann nicht spre­chen. Ihr sind, wie allen »Stücken«, die Stimm­bän­der ent­fernt wor­den. Sie hat erfüllt, was er von ihr ver­lang­te, nun stört sie nur noch. Er nimmt einen Gegen­stand, der im Schlacht­hof zur Betäu­bung ver­wen­det wird, einen Ham­mer, und schlägt ihr damit auf die Stirn. Auf das Brand­zei­chen, das er auch schon mal lieb­kost hat­te, frü­her. Das Sym­bol für Eigen­tum, für Wert. Sei­ne Frau pro­te­stiert: »Sie hät­te uns doch noch wei­te­re Kin­der gebä­ren kön­nen!« Sie schlep­pen das Weib­chen zum Schup­pen, um es zu schlachten.

 

Agu­sti­na Baz­ter­ri­ca: »Wie die Schwei­ne«, ins Deut­sche über­setzt von Mat­thi­as Stro­bel, Suhr­kamp, 236 Sei­ten, 15,95 €