Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu
Close
Skip to content

Ein besonderer Film

»So etwas hat­te ich noch nie gese­hen, und ich hat­te den Ein­druck, dass den Men­schen gehol­fen wer­den muss.« Was die Tsche­chin Jit­ka Jakub­zo­vá in den letz­ten Tagen des Zwei­ten Welt­krie­ges sah, war ent­setz­lich. Ein gespen­sti­scher Zug roll­te durch das deutsch besetz­te soge­nann­te Pro­tek­to­rat Böh­men und Mäh­ren. In 77 offe­nen Koh­le­wag­gons wur­den weit über vier­tau­send fast ver­hun­ger­te, zu Tode erschöpf­te Män­ner und Frau­en durch das Land nach Süden gekarrt. KZ-Häft­lin­ge. Das KZ Leit­me­ritz (im annek­tier­ten »Sude­ten­land«), größ­tes Außen­la­ger des KZ Flos­sen­bürg (in der Ober­pfalz), woll­te sie ange­sichts der näher rücken­den US Army los­wer­den. Ob das KZ Maut­hau­sen, größ­tes deut­sches KZ auf öster­rei­chi­schem Boden, sie auf­neh­men wür­de, war unklar. »Wir wuss­ten nicht, was man mit uns vor­hat­te«, so die Über­le­ben­de Dani­ca Gaba­rič spä­ter. »Man­che erzähl­ten, dass man uns im Kampf­ge­tüm­mel als leben­de Wand im Kampf gegen die Befrei­er ver­wen­den wür­de.« Sie hät­ten schon begon­nen, die Erschos­se­nen um die end­lich gefun­de­ne Ruhe zu benei­den. Es ist nicht der ein­zi­ge KZ-Trans­port, der in die­sen Wochen vor Kriegs­en­de noch ein­mal uner­mess­li­ches Leid über die Häft­lin­ge bringt. Tau­sen­de über­le­ben es nicht. Doch als der Zug die Gren­ze des Groß­deut­schen Rei­ches zum Pro­tek­to­rat über­quert hat, ver­läuft die Sache anders als bei ande­ren KZ-Trans­por­ten. Es geschieht Uner­war­te­tes, Einzigartiges.

Die Geschich­te des Häft­lings­trans­por­tes von Leit­me­ritz nach Süden erzäh­len Andrea Mocel­lin und Tho­mas Mug­gen­tha­ler in ihrem Doku­men­tar­film »Todes­zug in die Frei­heit«. Die Fil­me­ma­cher kön­nen sich auf heim­lich auf­ge­nom­me­nes doku­men­ta­ri­sches Foto- und Film­ma­te­ri­al eben­so wie auf Pro­to­kol­le aus der unmit­tel­ba­ren Nach­kriegs­zeit und aktu­el­le Aus­sa­gen von Zeitzeug*innen stüt­zen. Der histo­ri­sche Hin­ter­grund wird, ange­nehm spar­sam, vom Lei­ter der KZ-Gedenk­stät­te Flos­sen­bürg, Jörg Skrie­be­leit, erläutert.

Es ist ein beson­de­rer Film. Die Grau­sam­kei­ten der SS wer­den nicht beschö­nigt. Im Vor­der­grund ste­hen jedoch die Hilfs­ak­tio­nen der tsche­chi­schen Bevöl­ke­rung für die Häft­lin­ge. Aktio­nen, die ohne gut ver­netz­te Orga­ni­sa­to­ren kaum hät­ten gelin­gen können.

Von Sta­ti­on zu Sta­ti­on eilen Infor­ma­tio­nen über die Not der Häft­lin­ge dem Zug vor­aus. An meh­re­ren Bahn­hö­fen wird er von einer gro­ßen Men­schen­men­ge erwar­tet. So zum Bei­spiel in der Klein­stadt Rosto­ky, weni­ge Kilo­me­ter vor Prag. Die War­ten­den haben recht­zei­tig erfah­ren, was gebraucht wird; sie haben Sup­pe gekocht, Brot­lai­be mit­ge­bracht. Jetzt for­dern sie von der SS, den Häft­lin­gen hel­fen zu dür­fen. »Wir wach­ten am näch­sten Mor­gen auf und da war plötz­lich Brot, Kek­se, etwas zu essen im Wag­gon«, erin­nert sich die damals 19-jäh­ri­ge Ukrai­ne­rin Maria Fomi­na, die schon Ausch­witz über­lebt hat. Die Ver­hand­lun­gen zwi­schen der SS und der Bevöl­ke­rung, die hel­fen will, erge­ben auch, dass ein Teil der Häft­lin­ge aus dem Zug aus­stei­gen und sich auf dem Bahn­steig auf­hal­ten kann. Eini­ge von ihnen wer­den von den Hel­fern in den War­te­raum geschleust. Der tsche­chi­sche Gen­darm patrouil­liert vor dem Ein­gang und passt auf, dass die deut­schen Wachen nicht hin­ein­ge­hen. Wäh­rend­des­sen bekom­men die Häft­lin­ge drin­nen nor­ma­le Klei­dung und zie­hen sich um. Durch die Tür auf der ande­ren Sei­te gehen sie davon. »Die Leu­te haben absicht­lich ein Durch­ein­an­der pro­vo­ziert, damit es nicht auf­fällt.« Nicht weni­ger als drei­hun­dert Häft­lin­ge kön­nen so weg­ge­bracht und ver­steckt wer­den. Acht­zig Schwer­kran­ke wer­den aus den Wag­gons geholt, um in dem zum Not­la­za­rett umfunk­tio­nier­ten ehe­ma­li­gen Armen­haus ihre Wun­den zu ver­sor­gen und ihre Krank­hei­ten – oft Typhus – zu behan­deln. Mit von der Par­tie ist der Bahn­hofs­vor­ste­her von Rosto­ky. Er ver­hin­dert die Wei­ter­fahrt des Zuges noch an dem­sel­ben Tag und gewinnt damit »wert­vol­le Stun­den, um ent­schlos­sen zu han­deln«. Bis heu­te erin­nert ein klei­nes Mahn­mal in der Bahn­hofs­hal­le von Rosto­ky an die dama­li­gen Ereignisse.

Noch erfolg­rei­cher ver­läuft der Stopp in Prag-Bub­ny. Dank des orga­ni­sier­ten Ein­grei­fens der Tsche­chen ein­schließ­lich des Bahn­hof­vor­ste­hers, der die Brem­sen des Zuges für schad­haft und die Loko­mo­ti­ve für fahr­un­tüch­tig erklärt, kön­nen etwa tau­send Häft­lin­ge flie­hen. Schwie­rig ist die Situa­ti­on in Olbra­mo­vice, einer Sta­ti­on am Ran­de eines gro­ßen SS-Trup­pen­übungs­plat­zes. Der Zug wird für sechs Tage auf ein Abstell­gleis gescho­ben. Die Ver­sor­gung der Häft­lin­ge mit dem Not­wen­dig­sten gelingt trotz des abge­le­ge­nen Ortes. Mit Last­wa­gen wird Ver­pfle­gung gebracht. Frei­lich kann nicht ver­hin­dert wer­den, dass der SS-Ober­kom­man­die­ren­de im Dorf wild um sich schießt und etli­che Häft­lin­ge ermordet.

Als der Todes­zug nach sechs Tagen in Rich­tung Groß­deutsch­land wei­ter­fährt, hat in der tsche­chi­schen Haupt­stadt der Pra­ger Auf­stand begon­nen. Die Füh­rung der tsche­chi­schen Wider­stands­be­we­gung beschließt, die Häft­lin­ge vor Errei­chen der Gren­ze zu befrei­en. Der Coup gelingt. Kurz vor der Gren­ze wird der Zug gestoppt. Drei­tau­send Häft­lin­ge kom­men frei. Die deut­schen Bewa­cher machen sich über die Gren­ze davon. Es ist der 8. Mai 1945.

 

»Todes­zug in die Frei­heit«, ein Film von Andrea Mocel­lin und Tho­mas Mug­gen­tha­ler. Redak­ti­on: Andre­as Bön­te. Baye­ri­scher Rund­funk, 45 Minu­ten. Am 5. Mai um 21 Uhr in ARD-alpha. Bis zum 21. Mai in der 3Sat-Media­thek.