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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die Deutschen und der 8. Mai

Offi­zi­el­les Geden­ken und poli­ti­sche Wirk­lich­keit haben seit jeher wenig mit­ein­an­der zu tun. Das gilt auch für den 8. Mai. Im kol­lek­ti­ven Bewusst­sein der Deut­schen ist er als Tag des Kriegs­en­des ver­an­kert, nicht aber als Tag der Befrei­ung vom Faschis­mus. Die über­wie­gen­de Mehr­heit der Deut­schen war mit kei­nem ande­ren Regime so ver­bun­den wie mit dem Nazi­re­gime. Wie soll­ten sie da sei­nen Unter­gang als Befrei­ung empfinden?

Befreit gefühlt haben sich 1945 die Weni­gen, die im Wider­stand waren, die poli­ti­schen Häft­lin­ge in den Gefäng­nis­sen und Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern und die vie­len ande­ren Opfer der natio­nal­so­zia­li­sti­schen Gewalt­herr­schaft. Alle ande­ren waren allen­falls erleich­tert, dass der Krieg vor­bei war und sie ihn über­lebt hat­ten. Jeder war mit sich selbst beschäf­tigt und scher­te sich wenig um die Fol­gen der Nie­der­la­ge, wären da nicht die Weni­gen gewe­sen, die sich Sor­gen mach­ten, wie es wei­ter­ge­hen soll­te mit dem gro­ßen Ganzen.

Von unge­fähr kam es wohl nicht, dass die Schluss­ab­stim­mung im Par­la­men­ta­ri­schen Rat über das Grund­ge­setz am 8. Mai 1949 erfolg­te, »für uns Deut­sche der erste fro­he Tag seit dem Jah­re 1933«, sag­te sein Prä­si­dent, der poli­ti­sche Macht­mensch Kon­rad Ade­nau­er, in einer Auf­wal­lung des Gefühls. Nie­mals dürf­ten die »Jah­re der Knecht­schaft von 1933 bis 1945 aus unse­rem Gedächt­nis gewischt wer­den«. Drei Jah­re spä­ter, im Okto­ber 1952, sag­te der­sel­be Kon­rad Ade­nau­er unter gro­ßem Bei­fall der Regie­rungs­par­tei­en wäh­rend einer Debat­te im Bun­des­tag: »Ich mei­ne, wir soll­ten mit der Nazi­rie­che­rei mal Schluss machen.«

Anlass der Debat­te war der Bericht eines Unter­su­chungs­aus­schus­ses, wonach die lei­ten­den Stel­len im Aus­wär­ti­gen Amt zu zwei Drit­teln mit ehe­ma­li­gen NS-Diplo­ma­ten und Par­tei­gän­gern Hit­lers besetzt waren. Der Ausch­witz-Über­le­ben­de Heinz Galin­ski, damals Vor­sit­zen­der der Jüdi­schen Gemein­de Ber­lin, sprach von einer »Ren­a­zi­fi­zie­rung des öffent­li­chen Lebens in der Bun­des­re­pu­blik«, die sich laut­los und wider­stands­los voll­zie­he. Mehr oder weni­ger getarnt kehr­ten pro­mi­nen­te Ver­tre­ter des Natio­nal­so­zia­lis­mus zurück, und die demo­kra­ti­schen Kräf­te wür­den wie in der Wei­ma­rer Repu­blik zurück­ge­drängt. (FAZ, 21. Febru­ar 1959).

Nach nichts stand den poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen in den Nach­kriegs­jah­ren der Sinn weni­ger, als all­jähr­lich am 8. Mai dar­an zu erin­nern, wel­chem Sch­and­re­gime sich das deut­sche Volk unter­wor­fen hat­te, zumal die­ses Regime inzwi­schen vom Bun­des­ge­richts­hof in Bausch und Bogen exkul­piert wor­den war. Bei allen Völ­kern sei­en in einem Kampf um Sein oder Nicht­sein von jeher stren­ge Geset­ze zum Staats­schut­ze erlas­sen wor­den, ent­schied der BGH mit Urteil vom 25. Mai 1956. Jeder Staat habe ein Recht auf Selbst­be­haup­tung. »Auch dem natio­nal­so­zia­li­sti­schen Staa­te kann man nicht ohne wei­te­res das Recht abspre­chen, dass er sol­che Geset­ze erlas­sen hat.« Mit die­ser Begrün­dung wur­de ein SS-Rich­ter vom Vor­wurf der Bei­hil­fe zum Mord freigesprochen.

Inso­fern lag eine gewis­se Logik dar­in, dass das Aus­wär­ti­ge Amt mit dem FDP-Poli­ti­ker Hans-Diet­rich Gen­scher an der Spit­ze 1975 alle diplo­ma­ti­schen und kon­su­la­ri­schen Ver­tre­tun­gen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land in einer »Ver­schluss­sa­che« anwies, die »Teil­nah­me an Sie­ges­fei­er­lich­kei­ten und den aus die­sem Anlass ver­an­stal­te­ten Emp­fän­gen« sowie an den »übli­chen Fei­ern zum 9. Mai« zu unter­las­sen. (In den ost­eu­ro­päi­schen Län­dern fin­den die­se Fei­ern wegen der Zeit­ver­schie­bung nicht am 8. Mai, son­dern einen Tag spä­ter statt.)

Die Anwei­sung ent­sprach dem Zeit­geist. Im April jenes Jah­res hat­ten sich bei einer Befra­gung 70 Pro­zent der Deut­schen in der Bun­des­re­pu­blik dafür aus­ge­spro­chen, die »Ver­gan­gen­heit ruhen zu las­sen«. Zur sel­ben Zeit erleb­te aller­dings Frank­furt am Main, wie die Frank­fur­ter Rund­schau am 12. Mai 1975 berich­te­te, »zum 30. Jah­res­tag der Befrei­ung vom Faschis­mus« die größ­te Demon­stra­ti­on, die es in der Stadt seit dem Kriegs­en­de gege­ben habe. Unter den 25.000 Teil­neh­mern hät­ten sich auch Bun­des­wehr­sol­da­ten in Uni­form befun­den. Die Rebel­li­on der 1968er hat­te zu die­ser Zeit bereits man­che Ver­kru­stung auf­ge­bro­chen, und es weh­te ein fri­scher Wind durch die Amtsstuben.

Den­noch eier­te Gen­schers Par­tei­freund Wal­ter Scheel in sei­ner Anspra­che als Bun­des­prä­si­dent »Zum 30. Jah­res­tag der Been­di­gung des Zwei­ten Welt­krie­ges« immer noch her­um. Am 8. Mai 1945 sei nicht nur die Hit­ler-Dik­ta­tur gefal­len, sag­te er, son­dern auch das Deut­sche Reich, der Staat der Deut­schen. »Und so geden­ken wir des Kriegs­en­des mit Schmerz.« Einen Anlass zu fei­ern hät­ten »wir Deut­sche« nicht.

So argu­men­tier­te auch der CDU-Poli­ti­ker Richard von Weiz­säcker in sei­ner histo­ri­schen Rede als Bun­des­prä­si­dent am 40. Jah­res­tag des Kriegs­en­des. »Der 8. Mai ist für uns Deut­sche kein Tag zum Fei­ern«, sag­te er. Den­noch sei von Tag zu Tag kla­rer gewor­den, »was es heu­te für uns alle gemein­sam zu sagen gilt: Der 8. Mai war ein Tag der Befrei­ung. Er hat uns alle befreit von dem men­schen­ver­ach­ten­den System der natio­nal­so­zia­li­sti­schen Gewalt­herr­schaft.« Damit hat­te von Weiz­säcker das magi­sche Wort aus­ge­spro­chen, des­sent­we­gen er von man­chen sei­ner Par­tei­freun­de schief ange­se­hen wur­de und das ande­ren mitt­ler­wei­le als sanf­tes Ruhe­kis­sen und Nach­weis einer ver­meint­lich bewäl­tig­ten Ver­gan­gen­heit dient.

Aber weder die intel­lek­tu­el­le Red­lich­keit eines Richard von Weiz­säcker noch der »ver­ord­ne­te Anti­fa­schis­mus« in der DDR haben ver­hin­dern kön­nen, dass 75 Jah­re nach dem Ende des Zwei­ten Welt­kriegs immer noch jeder fünf­te Deut­sche dem Nazi­ungeist anhängt. Des­halb gilt wei­ter, was der Ausch­witz-Über­le­ben­de Pri­mo Levi der Nach­welt hin­ter­las­sen hat: »Es ist gesche­hen, und folg­lich kann es wie­der gesche­hen. Dar­in liegt der Kern des­sen, was wir zu sagen haben.«