Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Denkmale der Befreiung

Am 1. Mai 1945 über­quer­te die Rote Armee die Petri­brücke in Rostock und rück­te über den Müh­len­damm in die Han­se­stadt ein. Durch­hal­te­krie­ger spreng­ten mit einer See­mi­ne die Brücke, ein sowje­ti­scher Pan­zer flog in die Luft und stürz­te ins Was­ser. Für den Aus­gang des Krie­ges war die­se idio­ti­sche Mord­tat uner­heb­lich, für die fünf jun­gen Män­ner zwi­schen 20 und 31 Jah­ren im T 34 nicht … Im Novem­ber 2011, als man die neue Müh­len­damm­brücke errich­ten woll­te, fan­den Bau­ar­bei­ter den Pan­zer. Und die Über­re­ste der fünf Besat­zungs­mit­glie­der. Ihre Namen waren bald ermit­telt. Dabei half auch die rus­si­sche Bot­schaft. Russ­land als Rechts­nach­fol­ger der Sowjet­uni­on war schließ­lich Eigen­tü­mer des Tanks.

Am 1. Mai 2012 wur­den die auf­ge­fun­de­nen Gebei­ne auf dem sowje­ti­schen Ehren­fried­hof am Pusch­kin­platz bei­gesetzt. Die Trau­er­fei­er war bewe­gend, vie­le Rostocker nah­men dar­an teil, auch die Toch­ter des Pan­zer­fah­rers Was­si­li A. Kle­schew war in Beglei­tung ihrer Toch­ter Iri­na aus dem rus­si­schen Perm ange­reist, 3500 Kilo­me­ter von hier. Sie hat­te ihren Vater nicht ken­nen­ler­nen kön­nen: Als sie gebo­ren wur­de, war er bereits an der Front. Rima Was­sil­jew­na Kili­na kann­te ihren Vater nur von Fotos und aus den Erzäh­lun­gen der Mut­ter. Trotz­dem war die Nach­richt für sie wich­tig, auf sie hat­te sie Jahr­zehn­te gewar­tet. Und sie streu­te die mit­ge­brach­te Hei­mat­er­de ins Grab ihres Vaters.

Ehren­fried­hö­fe wie die­ser in Rostock gibt es hier­zu­lan­de nicht weni­ge. Eine über­re­gio­na­le Arbeits­ge­mein­schaft »Sowje­ti­sche Grä­ber und Ehren­ma­le in Deutsch­land« ermit­tel­te mehr als vier­tau­send Orte, an denen gefal­le­ne Rot­ar­mi­sten, ermor­de­te Kriegs­ge­fan­ge­ne, Zwangs­ar­bei­ter und deren Kin­der fern der Hei­mat bestat­tet wor­den sind. Die Frei­wil­li­gen hat­ten sich zunächst in ver­schie­de­nen loka­len Initia­ti­ven zusam­men­ge­fun­den, weil die Grab­stät­ten nach dem Abzug der West­grup­pe der sowje­ti­schen Streit­kräf­te ver­wahr­lo­sten, man­che auch ver­wü­stet und geschän­det wur­den. Als Freun­de Russ­lands nah­men sie das nicht hin – wohl wis­send, dass die Bun­des­re­gie­rung sich zur Erhal­tung der Anla­gen ver­pflich­tet hat­te. Sonst hät­te es die Zustim­mung der Sie­ger­mäch­te zur deut­schen Ein­heit nicht gege­ben. Teil der 2+4-Vereinbarung im Sep­tem­ber 1990 in Mos­kau war näm­lich ein Gemein­sa­mer Brief der bei­den deut­schen Außen­mi­ni­ster an ihre vier Kol­le­gen. Dar­in hat­te es unter Punkt 2 gehei­ßen: »Die auf deut­schem Boden errich­te­ten Denk­mä­ler, die den Opfern des Krie­ges und der Gewalt­herr­schaft gewid­met sind, wer­den geach­tet und ste­hen unter dem Schutz deut­scher Geset­ze. Das Glei­che gilt für die Kriegs­grä­ber, sie wer­den erhal­ten und gepflegt.«

Die­se offi­zi­el­le Ver­pflich­tung schien – wie manch ande­res Ver­spre­chen auch – in den neun­zi­ger Jah­ren offen­bar ver­ges­sen, wes­halb vie­ler­orts eben jene Men­schen aktiv wer­den muss­ten. Sie fan­den Ver­bün­de­te im Büro für Kriegs­grä­ber­für­sor­ge und Gedenk­ar­beit in der Bot­schaft der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on in Ber­lin. Und sie wur­den nicht müde, die staat­li­che Ver­ant­wor­tung ein­zu­for­dern, zu der sich die Bun­des­re­gie­rung ver­pflich­tet hatte.

Ein wesent­li­cher Teil des Enga­ge­ments bestand in der Doku­men­ta­ti­on der bestehen­den Gedenk­or­te. Sie wur­den in einer Daten­bank zusam­men­ge­führt, wel­che offi­zi­ell zum 70. Jah­res­tag der Befrei­ung online ging: auf der Home­page des Deutsch-Rus­si­schen Muse­ums in Ber­lin-Karls­horst und mit einer fest­li­chen Ver­an­stal­tung in der Bot­schaft Unter den Linden.

Inzwi­schen hat­ten sich auch die Offi­zi­el­len auf ihre Ver­ant­wor­tung beson­nen. Es kamen Mit­tel von der Beauf­trag­ten der Bun­des­re­gie­rung für Kul­tur und Medi­en und der Stif­tung »Erin­ne­rung, Ver­ant­wor­tung und Zukunft«.

Im Vor­feld des 75. Jah­res­ta­ges nun mach­te ich mich mit mei­nem Sohn auf, um Grä­ber und Ehren­fried­hö­fe zu besu­chen und zu foto­gra­fie­ren.*) Vor­dring­lich ging es uns dar­um, die­se Mahn­ma­le gegen das Ver­ges­sen und die Ver­drän­gung publi­zi­stisch sicht­bar zu machen. Die Rus­sen hat­te man erfolg­reich aus der Mit­te Euro­pas ver­drän­gen kön­nen, nun­mehr stan­den NATO-Pan­zer an der rus­si­schen Gren­ze, also dort, wo 1941 schon ein­mal deut­sche Pan­zer gestan­den hat­ten. Deut­sche Tanks waren auch dies­mal wie­der dabei. Und um die Geschich­te voll­ends zu ver­dre­hen, hat­te es bei den Fei­ern in der Nor­man­die zum 75. Jah­res­tag der Errich­tung der Zwei­ten Front gehei­ßen: »Der Tag, der die Wen­de brach­te« (Die Zeit, 5. Juni 2019) oder »Am 6. Juni 1944 begann die Befrei­ung der Mensch­heit vom natio­nal­so­zia­li­sti­schen Grau­en mit der Lan­dung der Alli­ier­ten in der Nor­man­die« (Bild, 5. Juni 2019). Dabei war die Wen­de des Krie­ges im Jahr zuvor bei Sta­lin­grad erfolgt, und streng genom­men hat­te die Befrei­ung vom Faschis­mus eigent­lich am 22. Juni 1941 begon­nen, als Hit­ler­deutsch­land die Sowjet­uni­on über­fiel und das Land sich erhob. Der Sieg war teu­er, die Befrei­ung Euro­pas vom Faschis­mus bezahl­ten ver­mut­lich 27 Mil­lio­nen Sowjet­bür­ger mit dem Leben. Das aber schie­nen ein­fluss­rei­che Krei­se bewusst ver­ges­sen machen zu wollen.

Dar­um woll­ten wir bei unse­rer Spu­ren­su­che in Deutsch­land auch kon­trol­lie­ren, inwie­weit die poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen ihrem 1990 gege­be­nen Wort nachkamen.

Um es mit einem Satz zu sagen: Wir waren ange­nehm überrascht.

Der Wider­spruch zwi­schen Wort und Tat, zwi­schen dem »Rus­sen-Bashing« in der Poli­tik und in den Medi­en einer­seits und dem Zustand der mei­sten Grab­stät­ten und Ehren­fried­hö­fe ande­rer­seits war nicht zu über­se­hen. Zwar gab es Unter­schie­de von Bun­des­land zu Bun­des­land, aber wir sahen kaum einen ver­lot­ter­ten, ver­ges­se­nen Ort. Sicher, ein Ehren­fried­hof wie der im säch­si­schen Dah­len, ein­ge­zwängt zwi­schen einer Durch­fahrt­stra­ße und dem Park­platz eines Super­mark­tes, kann kaum als Ort stil­len Geden­kens gewür­digt wer­den, und den­noch: Die Stei­ne waren frisch poliert, und den Sowjet­stern mit Ham­mer und Sichel auf dem Obe­lis­ken hat­te erst jüngst ein loka­ler Stein­metz gekonnt aus Gra­nit gemeißelt.

Die mei­sten Ehren­fried­hö­fe lie­gen im Land Bran­den­burg, hier fan­den auch die blu­tig­sten Schlach­ten auf deut­schem Boden statt. Kaum ein Ort zumin­dest im Oder­bruch, wo nicht gefal­le­ne Sol­da­ten bestat­tet wur­den. Die Grab­stät­ten sind aus­nahms­los in einem sehr guten, gepfleg­ten Zustand, wor­an die Kom­mu­nen ihren Anteil haben, vor­ran­gig aber das Bun­des­land. Mini­ster­prä­si­dent Man­fred Stol­pe brei­te­te von Anfang an sei­ne schüt­zen­de Hand über die­se Grä­ber, und sei­ne Nach­fol­ger Mat­thi­as Platz­eck und Diet­mar Woid­ke behiel­ten die­se Linie bei. In Lebus befin­det sich der zen­tra­le Ort des Lan­des, wo die noch immer auf­ge­fun­de­nen Gebei­ne von Gefal­le­nen bei­gesetzt wer­den. Die letz­te Bestat­tung oder Umbet­tung, wie die­ser vom Volks­bund Deut­sche Kriegs­grä­ber­für­sor­ge vor­ge­nom­me­ne Akt heißt, erfolg­te erst vor weni­gen Wochen: Im Gar­ten eines bekann­ten Fern­seh­mo­de­ra­tors, des­sen Vil­la am Hei­li­gen­see in Pots­dam steht, waren die Über­re­ste eines Sowjet­sol­da­ten gefun­den wor­den, der nun in Lebus an der Oder sei­ne letz­te Ruhe­stät­te fand. Vie­ler­orts waren – mit Blick auf den 8. Mai 2020 – die Hand­wer­ker und Restau­ra­teu­re zugange.

Auf dem Pusch­kin­platz in Rostock lie­gen, wie die Daten­bank auf www.sowjetische-memoriale.de aus­weist, 312 gefal­le­ne Sol­da­ten und sechs Offi­zie­re der Roten Armee sowie 397 Kriegs­ge­fan­ge­ne und Zwangs­ar­bei­ter. Ihre Grä­ber befin­den sich mit­ten in der Stadt, und zu fast allen, die unter die­sen Stei­nen lie­gen, las­sen sich Geschich­ten erzäh­len. So wie den Grä­bern und Ehren­fried­hö­fen gebührt allen sowje­ti­schen Befrei­ern ein zen­tra­ler Platz im öffent­li­chen Bewusst­sein unse­rer Gesell­schaft. Nicht nur an Gedenktagen.

 

*) Frank und Fritz Schu­mann: »Denk­ma­le der Befrei­ung. Spu­ren der Roten Armee in Deutsch­land«, Ver­lag Neu­es Leben, 256 Sei­ten, zwei­spra­chig, vier­far­big, 32 €