Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu
Close
Skip to content

Zum 300. Geburtstag eines »Lügenbarons«

Lie­be Lese­rin, lie­ber Leser, stel­len Sie sich vor: Sie sit­zen im War­te­zim­mer Ihres Haus­arz­tes und wer­den auf­ge­ru­fen: »Herr Münch­hau­sen, bit­te ins Behand­lungs­zim­mer eins!« Dann kön­nen Sie gewiss sein, dass sich alle Pati­en­ten nach Ihnen umdre­hen wür­den und auch nicht erstaunt wären, flö­gen Sie auf einer Kano­nen­ku­gel ins Arzt­zim­mer. Münch­hau­sen ist ein Name, den wohl jeder kennt. Ande­re muss­ten ein gro­ßes Reich grün­den oder ein Mei­ster­werk schaf­fen, um berühmt zu wer­den – Münch­hau­sen genüg­ten ein paar Geschich­ten. Doch wer war Ihr fik­ti­ver Vor­fah­re, dem Sie die­se Bekannt­heit verdanken?

Die mei­sten hal­ten den soge­nann­ten Lügen­ba­ron für eine lite­ra­ri­sche Figur. Sie haben die Rech­nung aber ohne Hie­ro­ny­mus Carl Fried­rich Frei­herr von Münch­hau­sen gemacht, der vor 300 Jah­ren, genau­er am 11. Mai 1720, in Boden­wer­der an der Weser gebo­ren wur­de. Die Fami­lie von Münch­hau­sen ist ein altes nie­der­säch­si­sches Adels­ge­schlecht. Der Vater, ein Oberst­leut­nant der Kaval­le­rie, Georg Otto von Münch­hau­sen (1682–1724) starb früh, so dass der klei­ne Hie­ro­ny­mus mit sei­ner Mut­ter und sechs Geschwi­stern auf dem Gut in Boden­wer­der auf­wuchs. Im Alter von zwölf Jah­ren schick­te man ihn als Pagen zu Ver­wand­ten ins 20 Kilo­me­ter ent­fern­te Schloss Bevern. 1737 über­nahm ihn dann Prinz Anton Ulrich von Braun­schweig-Wol­fen­büt­tel (1714–1776) als Pagen.

Da der Prinz der Ver­lob­te von Anna Leo­pold­ow­na, einer Nich­te von Zarin Anna I., war, folg­te ihm der jun­ge Münch­hau­sen an den Zaren­hof in St. Peters­burg. Zahl­rei­che Erfah­run­gen wäh­rend der mehr­mo­na­ti­gen Win­ter­rei­se 1737/​38 fan­den spä­ter ihren Nie­der­schlag in den Lügen­ge­schich­ten. Kaum in Peters­burg ange­kom­men, folg­te er sei­nem Herrn in den Rus­sisch-Öster­rei­chi­schen Krieg gegen die Tür­ken. Ver­mut­lich geht die berühm­te Geschich­te mit dem Ritt auf der Kano­nen­ku­gel auf die Bela­ge­rung der osma­ni­schen Krim-Festung Otscha­kow zurück.

Im Juli 1739 fand die glanz­vol­le Hoch­zeit von Anton Ulrich und Anna Leo­pold­ow­na in Peters­burg statt. Ein Jahr spä­ter kam ihr Sohn Iwan VI. zur Welt, der nach dem Tod der Zarin Anna im Alter von zwei Mona­ten zum Zaren und Kai­ser inthro­ni­siert wur­de. 1741 kam es jedoch zum poli­ti­schen Umsturz, und die neue Zarin Eli­sa­beth Petrow­na ent­thron­te den Säug­ling und schick­te sei­ne Eltern in die Verbannung.

Münch­hau­sen, 1739 zum Fähn­rich (1740 zum Leut­nant) der rus­si­schen Braun­schweig-Kür­as­sie­re ernannt, die in der zum rus­si­schen Zaren­reich gehö­ren­den Gar­ni­sons­stadt Riga sta­tio­niert waren, erleb­te die Intri­gen und Macht­kämp­fe am Peters­bur­ger Hof nur aus der Fer­ne. Wäh­rend des Umstur­zes kämpf­te er mit sei­nem Regi­ment im Rus­sisch-Schwe­di­schen Krieg in Finn­land. Viel­leicht ret­te­te ihn die­ser Ein­satz vor der Ver­ban­nung, die vie­le Anhän­ger von Anton Ulrich und Anna Leo­pold­ow­na jah­re­lang erlei­den muss­ten. Die mili­tä­ri­sche Kar­rie­re war unter die­sen Umstän­den aller­dings been­det, erst 1750 wur­de er zum Ritt­mei­ster befördert.

Münch­hau­sen leb­te in Riga; er ver­kehr­te in deutsch-bal­ti­schen Adels­krei­sen und kam hier sicher mit der liv­län­di­schen Erzähl­tra­di­ti­on in Berüh­rung. Eine enge Freund­schaft ver­band ihn mit dem Guts­be­sit­zer und Jagd­ge­fähr­ten Georg Gustav von Dun­ten, der sei­ne Wur­zeln eben­falls in Nie­der­sach­sen hat­te. 1744 hei­ra­te­te Münch­hau­sen des­sen Toch­ter Jaco­bi­ne, und das Paar leb­te sechs Jah­re auf dem Guts­hof der Fami­lie, ehe es nach Nie­der­sach­sen zog. Nach der Klä­rung der Erb­schaft über­nah­men Hie­ro­ny­mus und Jaco­bi­ne den Guts­hof in Boden­wer­der, wo sie oft Gäste emp­fin­gen. Im gesel­li­gen Kreis von Freun­den und Bekann­ten wur­de Münch­hau­sen regel­recht zum Enter­tai­ner, gespickt mit Jäger­la­tein und jeder Men­ge Humor gab er sei­ne fan­ta­sie­vol­len Geschich­ten zum Besten.

Nach fast fünf­zig­jäh­ri­ger Ehe starb Jaco­bi­ne 1790, und Münch­hau­sen stürz­te in eine schwe­re Kri­se. Vier Jah­re spä­ter hei­ra­te­te der nun schon 74-Jäh­ri­ge sein Paten­kind, die 20-jäh­ri­ge Bern­har­di­ne Brun­sig von Brunn. Nach schlim­men Zer­würf­nis­sen reich­te er jedoch bereits nach weni­gen Mona­ten die Schei­dung ein; bei dem demü­ti­gen­den Pro­zess ver­lor er sein gan­zes Ver­mö­gen. Am 22. Febru­ar 1797 starb Hie­ro­ny­mus von Münch­hau­sen ein­sam und verarmt.

Münch­hau­sen hat sei­ne Geschich­ten nie­mals schrift­lich fest­ge­hal­ten, viel­mehr haben ande­re sie ihm abge­lauscht und ver­öf­fent­licht. Bereits 1781 erschie­nen die ersten Erzäh­lun­gen in der Schwank­samm­lung »Vade­me­cum für lusti­ge Leu­te«, die einem Herrn von M-h-s-n zuge­schrie­ben wur­den. Als die »Wun­der­ba­ren Rei­sen des Frei­herrn von Münch­hau­sen« 1786 anonym erschie­nen, war der Betrof­fe­ne tief ver­letzt. Man hat­te nicht nur sei­ne Geschich­ten gestoh­len, son­dern auch sei­nen Namen. Er wur­de als »Lügen­ba­ron« eti­ket­tiert – eine Belei­di­gung für einen Edel­mann. Als »Übel­tä­ter« ver­mu­te­te der Geprell­te die Dich­ter Georg Chri­stoph Lich­ten­berg (1742–1799) oder Gott­fried August Bür­ger (1747–1794). Münch­hau­sen woll­te bei­de ver­kla­gen, außer­dem den Ver­le­ger. Nur mit Mühe konn­te man ihn davon abhal­ten. Erst viel spä­ter stell­te sich her­aus, dass Bür­ger das »Schlitz­ohr« war; er hat­te jedoch nur meh­re­re (eben­falls anony­me) eng­li­sche Vor­la­gen (erschie­nen 1785/​86), die der deut­sche Gelehr­te Rudolf Erich Ras­pe (1736–1794) für das bri­ti­sche Lese­pu­bli­kum ver­fasst hat­te, rück­über­setzt und noch eini­ge Geschich­ten hin­zu­ge­fügt. Das »Münchhausen«-Buch wur­de Bür­gers popu­lär­stes Werk, wäh­rend Ras­pe bald in Ver­ges­sen­heit geriet. Ihre Ver­öf­fent­li­chun­gen waren der Auf­takt für eine unüber­seh­ba­re Men­ge von Münch­hau­sen-Aus­ga­ben bis zum heu­ti­gen Tag.

Anläss­lich des Münch­hau­sen-Jubi­lä­ums ist in der belieb­ten Mini­bi­blio­thek des Buch­ver­la­ges für die Frau ein klei­ner Por­trät­band zum »Lügen­ba­ron« erschie­nen. Neben der Bio­gra­fie des ech­ten Hie­ro­ny­mus Frei­herr von Münch­hau­sen berich­tet der Publi­zist Erik Gloß­mann auch über jene, die ihn mit ihren Ver­öf­fent­li­chun­gen berühmt gemacht haben. Abschlie­ßend haben in dem Büch­lein eini­ge Münch­hau­sen-Geschich­ten das letz­te Wort. Man­che davon sind nach über zwei­hun­dert Jah­ren immer noch Schul­lek­tü­re – ange­fan­gen vom Ritt auf der Kano­nen­ku­gel, den Enten an einer Schnur oder wie sich Münch­hau­sen samt sei­nem Pferd am eige­nen Schopf aus dem Sumpf zieht. Das Beson­de­re an sei­nen Lügen­ge­schich­ten besteht dar­in, dass sie bei all ihrer Absur­di­tät und obwohl jeder weiß, dass sie gelo­gen sind, doch selt­sam glaub­haft wir­ken. Münch­hau­sen woll­te mit sei­nen Geschich­ten ein­fach unter­hal­ten …, und sie sind immer noch ein tol­ler Zeit­ver­treib, beson­ders im Wartezimmer.

 

Erik Gloß­mann: »Münch­hau­sen«, Buch­ver­lag für die Frau, 128 Sei­ten, 5 €