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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Das Loch

Ein Buch über Arbeit – nein, über das Gegen­teil: Arbeits­lo­sig­keit. Die Autorin, Anna Mayr, Kind arbeits­lo­ser Eltern, die Hartz IV bezie­hen, ist im Ruhr­ge­biet auf­ge­wach­sen, kennt das, wor­über sie schreibt, genau. Sie ver­mei­det das Wort arm nicht, das oft umschrie­ben wird als »sozi­al schwach«. Heu­te ist sie Zeit-Redak­teu­rin. Sie schil­dert ihren ersten Prak­ti­kums­tag beim Zeit-Maga­zin. Kon­fe­renz. Bespre­chung der Titel­ge­schich­te: »Der Weg aus der Armut«. Gespräch mit einer Wis­sen­schaft­le­rin. Anna Mayr sah nur das Titel­bild: ein dunk­les Loch, eine Lei­ter rag­te dar­aus her­vor. Außen alles hell. »Das ist also das Loch, aus dem ich eurer Mei­nung nach gekro­chen bin«, dach­te sie. Dach­te. Hät­te sie etwas gesagt, sie wäre »von da an die Hartz-IV-Prak­ti­kan­tin gewe­sen«, auch »die mit den Eltern«. Und was sie da schon wuss­te: »Hartz-IV-Emp­fän­ger sind eben […] nicht die Ziel­grup­pe des Zeit-Maga­zin«, pas­sen nicht zum Werbeumfeld.

Ein Wort, das sie nicht mag: Chan­cen­ge­rech­tig­keit, ein Begriff, der ver­schlei­ert. Eine Chan­ce ist am Ende »auch nur ein Almo­sen«. Wer eine Chan­ce nicht nutzt, gilt als Ver­sa­ger. So ist der Auf­stei­ger hier­zu­lan­de immer noch »eine Über­ra­schung, eine Aus­nah­me von der Regel«. Und ein Satz aus ihrem Arbeits­um­feld: »Du hast dich ja wirk­lich an den Haa­ren aus dem Sumpf gezo­gen!« – so ein mit­lei­di­ger Redak­teur nach Ver­öf­fent­li­chung eines Tex­tes von ihr. Nein, aus einem Sumpf kommt sie nicht, aus einem Haus­halt mit lie­ben­den Eltern. Mayr: »Ich bin lie­ber in Armut auf­ge­wach­sen als in einer sozi­al schwa­chen Fami­lie.« Von »sozi­al stark« redet niemand.

Der Arbeits­lo­se wird durch das defi­niert, was er nicht hat. Die Autorin erin­nert sich an die Fra­ge, die in der Schu­le an sie gestellt wur­de: »Bist du katho­lisch oder evan­ge­lisch?« Wenn sie dar­auf »nichts« ant­wor­te­te, waren alle ver­wirrt. Und was arbei­ten dei­ne Eltern? Wie­der: »nichts«. Anna Mayr stellt fest: »Wir haben gelernt, uns vor dem Nichts zu fürch­ten.« Sie lotet das The­ma aus: die Ent­wür­di­gung, die Arbeits­lo­se in Job­cen­tern erfah­ren, nicht nur Büro­kra­tie. Es heißt, sich das Wün­schen abzu­ge­wöh­nen – bis zum Nicht-mehr-Wis­sen, was man wol­len darf. Arbeits­be­schaf­fungs­maß­nah­men, die Deklas­sie­rungs­ge­füh­le nach sich zie­hen. Als »Sozi­al­schma­rot­zer« beschimpft zu wer­den, obwohl, wie Mayr fest­stellt, der Kapi­ta­lis­mus die Arbeits­lo­sen als »Res­sour­cen« braucht, als bil­lig ein­kauf­ba­re Reser­ve­ar­bei­ter, die nicht auf­zu­be­geh­ren wagen. Das Selbst­be­wusst­sein ist ihnen von Anfang an aus­ge­trie­ben wor­den. Sie füh­len sich nicht berech­tigt, irgend­et­was für sich zu for­dern. So feh­len ihnen spä­ter auch die Kon­tak­te, die so wich­tig sind für die Kar­rie­re. Arbeits­lo­se leben in dau­er­haf­ter sozia­ler Iso­la­ti­on. Was ver­leiht einem Men­schen Wert? Nur die Berufs­be­zeich­nung? Eine ech­te Chan­cen­gleich­heit gibt es nicht, weiß die Autorin. Ler­nen im eige­nen Zim­mer, unge­stört? Und die vie­len klei­nen Din­ge, die das Leben erleich­tern oder nur ver­schö­nern – aus­ge­schlos­sen, nur dar­an zu denken.

Ver­erb­tes Wohn­ei­gen­tum gibt es oft. Ver­erb­te Arbeits­lo­sig­keit? Job­cen­ter spre­chen von »Arbeits­lo­sen-Adel«. Eine Repor­ta­ge, erschie­nen in der Zeit Anfang 2019, trieb Anna Mayr »Trä­nen« in die Augen. Zwei Repor­ter, unter­stützt von einer Sozi­al­ar­bei­te­rin, die es gut mein­te, schrie­ben über eine Fami­lie, in der meh­re­re Gene­ra­tio­nen von Hartz IV leben. »Der Adel ist schon in zwei­ter Gene­ra­ti­on arbeits­los […] weni­ger mit Vor­satz, eher als Wesens­merk­mal. Ver­erb­te Arbeits­lo­sig­keit.« Es ging um zwei Men­schen, die als teil­wei­se behin­dert gal­ten, die »nie eine Chan­ce hat­ten, jemals ein wür­de­vol­les Leben zu füh­ren«, stellt die Autorin klar. Sie tele­fo­nier­te mit einem der Kol­le­gen, sag­te ihm, dass er »die Schuld im Schick­sal der Ein­zel­nen gesucht habe, nicht im System«. Men­schen als »arme Würst­chen« und als »Hilf­lo­se«, nicht als Unter­drück­te. Anna Mayr erklär­te, dass sie gar nichts ver­stan­den hät­ten. Ihre Wut lag an der Gewiss­heit, dass sie »nicht nur in einer Redak­ti­on die Deu­tungs­ho­heit hat­ten«, in der auch sie arbei­te­te, »son­dern auch im Leben mei­ner Eltern, in dem Vier­tel, aus dem ich kom­me und in dem lau­ter Men­schen leben, die die Repor­ter mit­lei­dig als Arbeits­lo­sen-Adel bezeich­nen würden«.

Die Autorin grub in der Geschich­te, die noch andau­ert. Sie ent­deck­te, dass am 16. August 2002 im Ber­li­ner Dom ein wich­ti­ges Ereig­nis statt­fand. In sakra­lem Umfeld prä­sen­tier­te die Hartz-Kom­mis­si­on ihren Abschluss­be­richt, in dem Unter­neh­mens­be­ra­ter das Sagen hat­ten. Ger­hard Schrö­der spielt eine wich­ti­ge Rol­le, über­haupt die SPD. War­um gera­de sie? Weil sich mit die­ser Par­tei ein­mal das Sozia­le ver­band. Die Autorin stammt aus einer Hoch­burg der SPD – frü­her. Mayr über die SPD heu­te: Sie müss­te es schaf­fen, »die Furcht vor dem Begriff ›Sozia­lis­mus‹ abzu­le­gen«. Die Fra­ge, »ob sich Umver­tei­lung nicht radi­ka­ler den­ken lie­ße«, wer so denkt, »sol­le nicht den Kopf ein­zie­hen, sobald als Gegen­ar­gu­ment die Schrecken des vor­mals real exi­stie­ren­den Sozia­lis­mus auf­ge­zählt wer­den«. Denn, die »For­de­rung nach Errich­tung von Gulags« hat nichts zu tun mit der »Fra­ge nach der Moral gewis­ser Vermögenswerte«.

Steu­er­hin­ter­zie­hun­gen rech­net Anna Mayr in Hartz-IV-Sät­ze um – so bei Fuß­ball­funk­tio­när Uli Hoe­neß, der 28,5 Mil­lio­nen Euro hinterzog.

Zum Schluss sind wir im Jahr 2020 ange­langt. Auch beim Coro­na­vi­rus und den welt­wei­ten Aus­wir­kun­gen, beson­ders auf die Schwäch­sten der Gesell­schaft. »Durch die Pan­de­mie«, schreibt die Autorin, »sind die Unge­rech­tig­kei­ten so wahn­sin­nig offen­sicht­lich gewor­den, dass es fast gro­tesk ist, wie sie sich vor­her ver­ber­gen lie­ßen.« Bil­dung und Chan­cen sei­en nichts wert, wenn sie auf Armut tref­fen, dage­gen hel­fe nur Geld. Wenn sie nach dem Abitur nicht Sti­pen­di­en bekom­men hät­te – die­ses Buch wäre nie geschrie­ben wor­den, glaubt sie. Und nun die­se Kri­se, die auch Zei­tun­gen trifft. Kei­ne Anzei­gen mehr, kei­ne Ver­an­stal­tun­gen. Vie­le ihrer Kol­le­gen und Kol­le­gin­nen ban­gen um ihren Job. »Die Angst vor dem Nichts«, sie ist ihr jetzt »so nah wie nie«. Ihre Angst ist pri­vi­le­giert. Sie wird nicht hun­gern und noch genug zu schrei­ben haben. Sie erkennt, dass Tex­te allein nicht aus­rei­chen. »Um die Welt zu ver­än­dern, braucht man Politik.«

Nach­trag: Am 20. August stand in der Zeit in der Rubrik: »Was mein Leben rei­cher macht« der Brief einer Lese­rin aus Sach­sen. »Dass es in Deutsch­land eine Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung gibt – und dass ich trotz Arbeits­lo­sig­keit kran­ken­ver­si­chert bin (anders als mein bedau­erns­wer­ter Brief­freund in Ame­ri­ka). Vie­len Dank an alle, die arbei­ten und dafür sor­gen, dass ich jetzt nicht von Exi­stenz­äng­sten geplagt wer­de. Bestimmt wer­de ich bald auch wie­der arbei­ten gehen dürfen.«

 

Anna Mayr: »Die Elen­den«, Han­ser Ber­lin, 206 Sei­ten, 20 €