Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Apfel, Birne, Kirsche, Pflaume

 

Hoch lebe alles Gewach­se­ne! Des­halb lobe man es über alle Maßen! Ist es doch das Sym­bol für das neo­li­be­ra­le Super-Ide­al des ewi­gen Wachs­tums! Der glo­ba­le Markt für Grün­kram und Saft­pro­duk­te boomt. Der Zeit­geist ächzt vor gei­ler Lust auf die Aben­teu­er vit­ami­nö­ser Fress­or­gi­en. Gesun­de Lebens­wei­se ist bis in die krank­haf­te Über­stei­ge­rung einer fruch­ti­gen Diät up to date. Strah­lend wei­ße Zahn­rei­hen bei­ßen sich durchs Obst-und-Gemü­se-Ange­bot der Sonderklasse.

Da kann die Sati­re nicht seit­ab im Dickicht blo­ßer Frot­ze­lei­en ver­har­ren. Sie muss zur Tat schrei­ten. Blas­phe­mie ist ange­sagt. Ber­tolt Brecht hat mit Arturo Uis Anspie­lun­gen auf das reak­tio­nä­re Kar­fi­ol-Kar­tell die Rich­tung vor­ge­ge­ben. Die Zeit­schrift Tita­nic gab vol­ler Hohn das Signal und wur­de damit Wen­de­ge­win­ne­rin: Die Bana­ne, ver­ewigt als Lock­mit­tel für Ver­brau­cher­wün­sche, hat mit der »Zonen­ga­bi« den Gip­fel bun­des­deut­scher Top­sa­ti­re mar­kiert. Das Regel­maß der Gur­ke stand dann für den Grün­dungs­my­thos der Euro­päi­schen Uni­on. Und erst als Toma­ten das Ant­litz einer Polit­grö­ße vom Schla­ge der »Bir­ne« Hel­mut Kohl tra­fen, wur­de der Kanz­ler der Ein­heit voll­ends zum Inbe­griff der Wie­der­ver­ei­ni­gung von Vater­land und Muttersprache.

Ehr­ba­re Früch­te genie­ßen unser Wohl­ge­fal­len. Glanz­voll pran­gen sie strot­zend vor blan­kem Wohl­be­fin­den. Fau­le Frücht­chen wer­den auf­ge­spürt. Sie sind es, die uns begreif­lich machen: Die Suche nach markt­fä­hi­ger Güte för­dert halt neben knackig-saf­tig gesun­dem Obst auch Ange­gan­ge­nes und Ange­faul­tes zuta­ge. Da sind unse­re Sin­ne alar­miert. Das poli­tisch Miss­lie­bi­ge stinkt allen Geräch­ten und allem zu Rächen­den in die gerümpf­ten Nasen. Aus­sor­tiert gehört es. Denn die Augen fol­gen mar­kier­ten Sicht­schnei­sen. Die Hän­de grei­fen dahin – und dort­hin nicht. Sie ver­wirk­li­chen das Grund­prin­zip der hei­li­gen Demo­kra­tie: Wählen.

Da ist das gro­ße Ver­glei­chen aus­ge­bro­chen. »Das ist wie …« wird zu einem Kern­satz der Bewer­tung. Es muss die fau­le Ern­te der auf­ein­an­der­fol­gen­den Syste­me ver­gli­chen wer­den. »System­re­le­vant« wird zum viel­be­nutz­ten Kose­wort der Poli­ti­cal Cor­rect­ness. Da ist das Schwa­dro­nie­ren von den zwei Dik­ta­tu­ren aus­ge­bro­chen. Faschis­mus und Anti­fa­schis­mus, alles eine Soße. Wer in bei­den hin­ter­ein­an­der stand­hal­ten konn­te, ist trotz­dem ein für alle Mal geschä­digt. Ob Äpfel oder Bir­nen, das macht bit­te­schön über­haupt kei­nen Unter­schied. Voll­reif im Rie­sen­for­mat auf den Kopf gedon­nert gibt das die­sel­be Beule.

Das übri­ge Obst hat es eben­falls in sich. Jew­ge­ni Jew­tu­schen­ko schrieb für uns Heu­ti­ge ergeb­nis­los »Bee­ren­rei­che Gegen­den«. Wir dür­fen dar­in nur noch die ver­rot­te­te Ödnis des ver­ord­ne­ten Sowjet­pa­ra­die­ses erblicken. Die Trau­ben des Erfol­ges, die im letz­ten System zu ungreif­bar hoch für uns hin­gen, pras­sel­ten im Sturm­wind einer schnell beschleu­nig­ten Wen­de mit Wucht und Fül­le auf uns nie­der. Ein Hohn­ge­läch­ter: »Haha, sie tre­ten sie mit Füßen!« Herr­schaf­ten stan­den vor der Tür, die ver­spra­chen fru­ga­le Fest­mäh­ler unge­ahn­ter Pracht. Doch sie boten im Prin­zip nichts wei­ter als simp­le Kir­schen zur Krö­nung an. Und polk­ten sie wie die Rosi­nen aus dem Kuchen des Ein­heits­fe­stes. Sie lach­ten uns aus, als uns der Spruch »Es ist nicht gut Kir­schen essen mit man­chen Her­ren« ein­fiel. Und spuck­ten uns unge­niert mamp­fend die Ker­ne ins Gesicht.

Unse­re Ant­wort schwank­te zwi­schen Gur­ren und Mur­ren. Was die einen ver­göt­ter­ten, konn­ten die ande­ren nur bespöt­teln. »Guten Appetit«-Rufe wur­den mit »Uns ist der Appe­tit ver­gan­gen« beant­wor­tet. Ja, da riss sogar das Anpflau­men ein. Da konn­te es pas­sie­ren, dass der Aus­ruf »Na, du Pflau­me« def­ti­ge Ossi-Wes­si-Wit­ze beglei­te­te. Das nach dem Muster der DDR-Wit­ze Gebacke­ne erwies sich für Fit­ness-erprob­te Mägen jedoch als unver­dau­lich. So blei­ben am Ende nur noch Back­pflau­men übrig, um man­ches Unbe­kömm­li­che beschleu­nigt in den Orkus zu expedieren.