Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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John Lennon wäre 80 geworden

Am 9. Dezem­ber 1980 unter­bra­chen vie­le Radio­sen­der ihre Pro­gram­me und sen­de­ten nur noch Musik der Beat­les. Die Nach­richt von der Ermor­dung John Len­nons lief in Win­des­ei­le um den Erd­ball. Einen Tag zuvor, kurz vor Mit­ter­nacht, hat­te der gei­stig ver­wirr­te Atten­tä­ter Mark David Chap­man auf offe­ner Stra­ße vor Len­nons Woh­nung im Dako­ta Buil­ding in New York fünf Schüs­se auf ihn abge­feu­ert. Von sei­ner Frau Yoko Ono und der Poli­zei wur­de Len­non sofort ins Roo­se­velt Hospi­tal gebracht, doch jede Hil­fe kam zu spät. Als sie dort ein­tra­fen, war der Musi­ker bereits tot. Noch in der Nacht ver­sam­mel­ten sich Tau­sen­de Fans vor dem Hospi­tal und dem Dako­ta Buil­ding, man­che in Pyja­ma, Bade­man­tel und Haus­schu­hen – Fas­sungs­lo­sig­keit und Zorn in den Gesich­tern. Sie wein­ten, medi­tier­ten oder san­gen »All My Loving«.

Am näch­sten Tag berich­te­te die Welt­pres­se über die Tat und wür­dig­te in Rück­blicken Leben und künst­le­ri­sche Lei­stung von John Len­non. Die Sym­bol­fi­gur der Beat­ge­nera­ti­on muss­te einen hohen Preis für ihren Erfolg bezah­len. Mit den fünf Schüs­sen wur­de die jah­re­lan­ge Hoff­nung auf eine Wie­der­ver­ei­ni­gung der Fab Four end­gül­tig been­det. Yoko Ono sand­te den Trau­ern­den in aller Welt eine schlich­te Bot­schaft: »John lieb­te die Men­schen und bete­te für sie. Bit­te tut das­sel­be für ihn.«

Im Dezem­ber ist das nun bereits vier­zig Jah­re her. Für vie­le Beat­les-Fans aber heu­te noch unfass­bar. Zwei Mona­te vor­her, am 9. Okto­ber, wäre ihre Iko­ne acht­zig Jah­re alt gewor­den. Als John Win­s­ton Len­non am 9. Okto­ber 1940 in Liver­pool gebo­ren wur­de – die Stadt erschüt­ter­ten in den Tagen gera­de schwe­re Angrif­fe der deut­schen Luft­waf­fe – wur­de ihm an sei­ner Wie­ge nicht gesun­gen, dass er ein­mal der wich­tig­ste Rock­mu­si­ker und Song­schrei­ber der 1960er Jah­re wer­den soll­te. Nach der Tren­nung sei­ner Eltern im Jahr 1942 wuchs John bei sei­ner Tan­te Mimi und sei­nem Onkel Geor­ge auf. Als Teen­ager begei­ster­te er sich für den neu auf­kom­men­den Rock’n’Roll, und er ver­ehr­te Elvis Pres­ley und sei­ne Musik. Im Alter von 16 Jah­ren grün­de­te er die Band The Quar­ry Men.

Am 15. Juni 1956 lern­ten sich der 16-jäh­ri­ge John Len­non und der zwei Jah­re jün­ge­re Paul McCart­ney in der Liver­poo­ler Woll­ton-Pfarr­kir­che ken­nen. Eine Begeg­nung, die die Pop­mu­sik revo­lu­tio­nie­ren soll­te. Bei­de grün­de­ten 1960 mit Geor­ge Har­ri­son die Beat­les, die anschlie­ßend unter dem Namen Sil­ver Beat­les nach Ham­burg tourten.

Im Jahr 1962 hei­ra­te­te John Len­non sei­ne Jugend­freun­din Cyn­thia Powell. Ein Jahr spä­ter wur­de Sohn Juli­an gebo­ren. Nach­dem Rin­go Starr zu den Beat­les gesto­ßen war, star­te­ten die vier Musi­ker mit der ersten Sin­gle »Love Me Do« ihre unglaub­li­che Kar­rie­re. Zwi­schen 1962 und 1967 schrie­ben sie 230 Songs, fast jede Woche einen, und mehr als 200 Mil­lio­nen Schall­plat­ten wur­den ver­kauft. Den ersten Höhe­punkt ihres kome­ten­haf­ten Auf­stiegs erreich­ten sie 1964, als sie die ersten fünf Plät­ze der US-Hit­li­sten belegten.

Im Novem­ber 1966 begeg­ne­te John Len­non der japa­ni­schen Künst­le­rin Yoko Ono in der Lon­do­ner Indi­ca Gal­le­ry. Ihre Roman­ze bahn­te sich aber erst 1968 an, und kurz dar­auf wur­de die Ehe zwi­schen John und Cyn­thia geschie­den. Bereits am 20. März 1969 hei­ra­te­ten John und Yoko Ono in Gibral­tar. Ihre Flit­ter­wo­chen zele­brier­ten sie mit einem media­len Ereig­nis, einem Bed-in-Hap­pe­ning. Am 30. Janu­ar 1969 war der letz­te öffent­li­che Auf­tritt der Beat­les als Grup­pe. Von nun an trenn­ten sich ihre Wege immer mehr. Eine Ära ging zu Ende, die vier Liver­poo­ler began­nen ihre Solo-Kar­rie­ren. Bereits im Dezem­ber 1970 erschien Len­nons Solo­al­bum »John Len­non /​ Pla­stic Ono Band«, ein scho­nungs­lo­ser Selbst­fin­dungs­trip, auf­ge­nom­men mit Rin­go Starr und dem engen Beat­les-Freund Klaus Voor­mann. Auch sein zwei­tes Album »Ima­gi­ne« (Sep­tem­ber 1971) nahm Len­non mit alten Weg­ge­fähr­ten wie Geor­ge Har­ri­son auf. Der Titel­song ist eine zeit­lo­se, aber bewe­gen­de Frie­dens­hym­ne – ent­stan­den wäh­rend des Viet­nam­krie­ges – und gleich­zei­tig ein Lie­bes­lied, das bis heu­te Mil­lio­nen von Men­schen in schwie­ri­gen Zei­ten inspi­riert und tröstet.

Im Sep­tem­ber 1971 ver­lie­ßen John Len­non und Yoko Ono Eng­land und zogen nach New York. Hier ent­stan­den bis 1975 noch vier wei­te­re Solo­al­ben. Zwi­schen­zeit­lich kam es auch zu einer Tren­nung von Yoko Ono. Nach der Geburt des gemein­sa­men Soh­nes Sean im Okto­ber 1975 zogen sich die bei­den aus dem Musik­ge­schäft zurück. Fünf Jah­re spä­ter ver­such­te John Len­non, inzwi­schen 40 Jah­re alt, ein Haus­mann und lie­be­vol­ler Dad­dy, an alte Zei­ten anzu­knüp­fen. Im Novem­ber 1980 hat­te er das Album »Dou­ble Fan­ta­sy« ver­öf­fent­licht, das je sie­ben Lie­der von ihm und Yoko Ono ent­hielt. Es soll­te ein Neu­start wer­den, sogar Plä­ne für eine Welt­tour­nee wur­den geschmie­det. Anfangs war das Album nicht so erfolg­reich, wie man erwar­tet hat­te. Drei Wochen spä­ter, nach dem tra­gi­schen Tod, wur­de es von den Beat­les-Fans zur Reli­quie erhoben.

Pünkt­lich zum 80. Geburts­tag von John Len­non hat der Ger­ma­nist und Ver­lags­lek­tor Nico­la Bar­do­la, der bereits Bio­gra­fien über Yoko Ono und Rin­go Starr ver­fass­te, eine kom­plett über­ar­bei­te­te und erwei­ter­te Aus­ga­be sei­ner Len­non-Bio­gra­fie vor­ge­legt. Seit vie­len Jah­ren beschäf­tigt er sich mit den Beat­les und führ­te Gesprä­che mit Len­nons erster Frau Cyn­thia und mit Klaus Voor­mann. Neben Zeit­zeu­gen kommt immer wie­der Len­non selbst zu Wort. In acht Kapi­teln wer­den die wich­tig­sten Wen­de­punk­te in sei­nem Leben beleuch­tet. Dabei wird deut­lich, wie sehr sich John Len­non im Lauf der Jahr­zehn­te ent­wickelt und ver­än­dert hat. Stets ver­sucht der Autor, den ruhe­lo­sen Men­schen hin­ter dem Aus­nah­me­künst­ler zu ent­decken. Auf­schluss­reich ist auch die Ana­ly­se von Len­nons Lied­tex­ten, in denen vie­le Bot­schaf­ten ver­steckt sind.

Bar­do­la betont, dass die Ermor­dung John Len­nons zwar den Neu­be­ginn sei­ner künst­le­ri­schen Kar­rie­re jäh zer­stör­te, doch »das Datum mar­kier­te para­do­xer­wei­se auch eine Art Auf­takt für den Künst­ler und sein Werk, das vor allem eini­ge Jah­re spä­ter durch das Inter­net neue Aus­drucks­wei­sen annahm«. Im umfang­rei­chen Anhang mit Stamm­baum, Wer­de­gang, Biblio­gra­fie und Dis­ko­gra­fie listet der Autor daher auch zahl­rei­che deutsch- und eng­lisch­spra­chi­ge Web­sites auf, die zur wei­ter­füh­ren­den Aus­ein­an­der­set­zung ein­la­den. Bar­do­las abschlie­ßen­dem Resü­mee »John Len­non hat Lie­der erfun­den, die uns im Inner­sten auf­wüh­len und unser Wesen erschüt­tern« ist nichts hinzuzufügen.

 

Nico­la Bar­do­la: »John Len­non«, Zwei­tau­send­eins, 320 Sei­ten, 14,90 €