Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu
Close
Skip to content

Die Tabus müssen entzaubert werden

Seit vie­len Jah­ren wird ein zivil­ge­sell­schaft­li­cher und poli­ti­scher Dis­kurs um die Rol­le des Mili­tär­stütz­punkts Ram­stein bei extra­le­ga­len Tötun­gen durch US-Kampf­droh­nen und die Rol­le des Mili­tär­stütz­punkts Büchel inner­halb der NATO-Nukle­ar­waf­fen­stra­te­gie geführt. Bei­de The­men ver­eint, dass sie von poli­ti­schen Ent­schei­dungs­trä­gern noch immer nahe­zu tot­ge­schwie­gen wer­den, obwohl ihre jewei­li­gen Hin­ter­grün­de der Öffent­lich­keit wei­test­ge­hend bekannt sind. Das poli­ti­sche Bestre­ben, bei­de The­men auch wei­ter­hin zu tabui­sie­ren, erin­nert an das kind­haf­te Ver­schlie­ßen der Augen mit den eige­nen Hän­den, um nicht sehen zu müs­sen, was nicht gese­hen wer­den will.

Vor die­sem Hin­ter­grund wur­den Anfang Mai Peti­tio­nen gestar­tet, um die für Ram­stein und Büchel ver­ant­wort­li­chen Kom­mu­nal- und Lan­des­par­la­men­te dazu zu brin­gen, ihre Stim­me gegen jene Tabus zu erhe­ben. In den Peti­tio­nen heißt es zum The­ma Ram­stein: »Set­zen Sie sich im Rah­men Ihrer poli­ti­schen Mög­lich­kei­ten dafür ein, dass die auf dem Mili­tär­stütz­punkt Ram­stein sta­tio­nier­te Relais­sta­ti­on nicht wei­ter für extra­le­ga­le Tötun­gen durch US-Droh­nen genutzt wird und es zu kei­ner wei­te­ren dies­be­züg­li­chen Unter­stüt­zung durch deut­sche Geheim­dien­ste kommt!« Und zum The­ma Büchel: »Set­zen Sie sich im Rah­men Ihrer poli­ti­schen Mög­lich­kei­ten dafür ein, dass die auf dem Luft­waf­fen­stütz­punkt Büchel sta­tio­nier­ten Atom­waf­fen abge­zo­gen wer­den, es dort zu kei­ner Sta­tio­nie­rung von neu­en atom­waf­fen­taug­li­chen Bun­des­wehr-Kampf­flug­zeu­gen kommt und die Betei­li­gung der Bun­des­wehr im Rah­men der Nuklea­ren Teil­ha­be der NATO been­det wird!«

Die Stadt- und Ver­bands­ge­mein­de­rä­te in Ulmen und Ram­stein, die Kreis­rä­te in Cochem und Kai­sers­lau­tern sowie die Abge­ord­ne­ten des rhein­land-pfäl­zi­schen Land­tags wur­den in per­sön­li­chen Brie­fen mit den Peti­tio­nen auf­ge­for­dert, eine Hal­tung zu den auf­ge­wor­fe­nen Fra­gen rund um Ram­stein und Büchel ein­zu­neh­men und kor­ri­gie­rend ein­zu­grei­fen. Auf die Rol­le der in Ram­stein sta­tio­nier­ten Relais­sta­ti­on im US-Droh­nen­krieg könn­te das bei­spiels­wei­se ein Appell an die US Army sein, der die Ein­hal­tung deut­schen Rechts bei sämt­li­chen mili­tä­ri­schen Hand­lun­gen inner­halb der Mili­tär­lie­gen­schaft Ram­stein fordert.

Sämt­li­che Behör­den wei­ger­ten sich zunächst, die Peti­ti­on über­haupt an die jewei­li­gen Adres­sa­ten wei­ter­zu­lei­ten, geschwei­ge denn sie als sol­che anzu­neh­men und zu behan­deln, was zu einer gan­zen Serie von Kla­gen vor den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten Koblenz, Neu­stadt an der Wein­stra­ße und Mainz geführt hat: Die Stadt Ulmen und die Ver­bands­ge­mein­de Ulmen schick­ten alle Brie­fe zunächst wie­der an den Absen­der zurück und erhiel­ten sie dar­auf­hin post­wen­dend wie­der. Nach Kla­ge­er­he­bung wur­den die Peti­tio­nen im Stadt- und Ver­bands­ge­mein­de­rat Ulmen dann doch behan­delt. Die Kreis­ver­wal­tung Cochem-Zell lehn­te zunächst eben­falls eine Annah­me der Peti­ti­on ab, ent­schied sich nach Kla­ge­er­he­bung aber für eine Annah­me der Peti­ti­on. Die Ram­stein-Peti­ti­on führ­te dazu, dass die Stadt- und Ver­bands­ge­mein­de Ram­stein-Mie­sen­bach einen Kai­sers­lau­ter­ner Rechts­an­walt mit der Ver­tre­tung ihrer Inter­es­sen beauf­trag­te. Der Anwalt ver­tritt die Auf­fas­sung, dass kei­ne kom­mu­na­le Zustän­dig­keit für eine Peti­ti­on zum The­men­kom­plex Ram­stein vor­lie­ge, wor­über nun das Ver­wal­tungs­ge­richt Neu­stadt an der Wein­stra­ße zu ent­schei­den haben wird. Die Kreis­ver­wal­tung Kai­sers­lau­tern ver­tritt eine ähn­li­che Auf­fas­sung, und auch hier ist eine Kla­ge anhängig.

Die beim rhein­land-pfäl­zi­schen Land­tag ein­ge­reich­ten Büchel- und Ram­stein-Peti­tio­nen wur­den mit fol­gen­der Begrün­dung nicht als Peti­ti­on ange­nom­men: »Ihre Schrei­ben an alle Abge­ord­ne­ten des Land­tags ent­hal­ten inhalt­lich eine Mei­nungs­äu­ße­rung, ver­bun­den mit einer poli­ti­schen For­de­rung, der sich der Land­tag Rhein­land-Pfalz anschlie­ßen soll. Die poli­ti­schen For­de­run­gen betref­fen zum einen die Rol­le des Mili­tär­stütz­punkts Ram­stein bei US-Droh­nen­an­grif­fen und zum ande­ren die Rol­le des Luft­waf­fen­stütz­punkts Büchel (Eifel) im Rah­men der nuklea­ren Teil­ha­be. Ich bit­te um Ver­ständ­nis, dass eine for­mel­le Befas­sung des Peti­ti­ons­aus­schus­ses mit die­sen poli­ti­schen For­de­run­gen nicht mög­lich ist, da ihre Aus­füh­run­gen kei­ne Peti­ti­on im Sin­ne des Art. 11 der Ver­fas­sung für Rhein­land-Pfalz dar­stel­len.« Dies­be­züg­lich sind nun zwei Kla­gen vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Mainz anhängig.

Bereits vor fast zwei­tau­send Jah­ren beschäf­ti­ge sich der Phi­lo­soph Mark Aurel ein­ge­hend mit der Fra­ge nach dem schma­len Grat zwi­schen Recht und Unrecht: »Oft tut auch der Unrecht, der nichts tut. Wer das Unrecht nicht ver­bie­tet, wenn er kann, der befiehlt es.«

Span­nend wird nun sein, ob die ange­ru­fe­nen Ver­wal­tungs­ge­rich­te bereit sein wer­den, an den zivil­ge­sell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Dis­kurs um die Kon­flikt­fel­der Ram­stein und Büchel anzu­knüp­fen, um ihn damit (hof­fent­lich) zumin­dest ein wenig voranzubringen.

Für Rück­fra­gen zum Ver­lauf der Kla­gen: hermann.theisen@t-online.de. Her­mann Thei­sen ist Frie­dens­ak­ti­vist und lebt in Hirsch­berg an der Berg­stra­ße. Über finan­zi­el­le Unter­stüt­zung bei den Ver­wal­tungs­ge­richts­ver­fah­ren wür­de sich der Autor freu­en: IBANDE88 4306 0967 6008 7785 00., GLS Gemeinschaftsbank.