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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Demokratie endet am Werkstor

Von März bis Mai wähl­ten letz­tes Jahr die Beschäf­tig­ten ihre Ver­tre­tung in zehn­tau­sen­den Betrie­ben – wie alle vier Jah­re. Der Betriebs­rat »sorgt für Mit­be­stim­mung und Demo­kra­tie im Betrieb«, mel­de­te der DGB Nordrhein-Westfalen.

Die Auf­ga­ben sind viel­fäl­tig. Vie­le Unter­neh­men wer­den rasant ver­än­dert, der Druck des Mark­tes wird zuneh­mend an den ein­zel­nen Beschäf­tig­ten wei­ter­ge­ge­ben. Ver­la­ge­rung von Arbei­ten an Fremd­fir­men, Umstruk­tu­rie­rung durch neue Tech­nik, Arbeit im Home­of­fice – in allen Fäl­len ist der Betriebs­rat gefor­dert. Dem Betriebs­rat obliegt eine »arbeit­neh­mer­ori­en­tier­te Ten­denz« der Inter­es­sen­ver­tre­tung, so das Bun­des­ar­beits­ge­richt in einer Grund­satz­ent­schei­dung. Dies hat in der betrieb­li­chen Pra­xis erheb­li­che Kon­flik­te zur Fol­ge. Denn ihre Rol­le, als Gegen­macht zu Unter­neh­mens­pla­nun­gen auf­zu­tre­ten, ist für vie­le Betriebs­rats­mit­glie­der ein wich­ti­ger Schritt zur kon­se­quen­ten Amtsausübung.

Denn die Beleg­schaf­ten wer­den mas­siv unter Druck gesetzt, wie der aktu­el­le »DGB-Index Gute Arbeit« zeigt (https://index-gute-arbeit.dgb.de). Befragt wur­den 6.689 zufäl­lig aus­ge­wähl­te abhän­gig Beschäf­tig­te. So gaben 40 Pro­zent der Befrag­ten an, dass durch die Digi­ta­li­sie­rung ihre Arbeits­be­la­stung zuge­nom­men hat. Zudem füh­len sich Arbeitnehmer/​innen immer mehr der Tech­nik aus­ge­lie­fert. 44 Pro­zent der Beschäf­tig­ten mei­nen »gar kei­nen« und 34 Pro­zent nur »in gerin­gem Maß« Ein­fluss dar­auf neh­men zu können.

Eine Gefähr­dungs­be­ur­tei­lung nach Arbeits­schutz­ge­setz bie­tet Mög­lich­kei­ten zum Schutz vor stei­gen­den Arbeits­be­la­stun­gen – in den mei­sten Betrie­ben wird eine Ana­ly­se zu psy­chi­schen Bela­stun­gen erst auf Initia­ti­ve des Betriebs­ra­tes durch­ge­führt. Danach sind auch Gegen­maß­nah­men – etwa Pau­sen­re­ge­lun­gen, arbeits­or­ga­ni­sa­to­ri­sche Ände­run­gen oder Schu­lun­gen – zu ergrei­fen. Da der Betriebs­rat dies durch sei­ne Mit­be­stim­mungs­rech­te durch­set­zen kann, wird so auf Maß­nah­men zur Ver­mei­dung von Stress gedrängt. Und der Betriebs­rat kann über die­sen Umweg bei den Arbeits­be­din­gun­gen im Sin­ne der Beschäf­tig­ten Gegen­wehr praktizieren.

Gera­de neue Tech­nik ver­än­dert die Anfor­de­run­gen an Betriebs­rä­te. Cloud­wor­king, das Arbei­ten in der Wol­ke qua­si, ermög­licht ein Arbei­ten unab­hän­gig von Zeit und Raum. Die Kla­gen im Betrieb über die stän­di­ge Erreich­bar­keit wer­den grö­ßer. Oft sehen Beschäf­tig­te eine schein­ba­re Erleich­te­rung dar­in. Ver­brei­tet ist etwa das Checken von Mails im Urlaub. Das Motiv ist sub­jek­tiv nach­voll­zieh­bar: Es wird als Ent­la­stung gese­hen, weil den Betrof­fe­nen nach dem Urlaub nicht ein E-Mail-Berg erwarte.

Betriebs­rä­te, die gegen stän­di­ge Erreich­bar­keit vor­ge­hen möch­ten, müs­sen nicht nur dem Unter­neh­men, son­dern auch den Beschäf­tig­ten gegen­über agie­ren. Die Beleg­schaft muss für das Pro­blem sen­si­bi­li­siert wer­den – und es muss ver­deut­licht wer­den, dass es kein indi­vi­du­el­les Pro­blem, son­dern durch die Unter­neh­mens­steue­rung und Per­so­nal­pla­nung bedingt ist.

Über Mit­be­stim­mungs­rech­te ist Gegen­wehr mög­lich – das Unter­neh­men muss über eine Betriebs­ver­ein­ba­rung ver­han­deln. Tech­nisch kön­nen die Ser­ver so ein­ge­stellt wer­den, dass nach Fei­er­abend kei­ne E-Mails mehr an die Beschäf­tig­ten wei­ter­ge­lei­tet wer­den. Wich­tig war für den Betriebs­rat dabei: Es wird nicht nur das Pro­blem »Erreich­bar­keit« ange­spro­chen, son­dern auch Lösungs­an­sät­ze etwa durch eine Betriebs­ver­ein­ba­rung ver­deut­licht, so dass der Beleg­schaft klar wird: »Es geht auch anders.«

Die Demo­kra­ti­sie­rung des Arbeits­le­bens ist ein Grund­ge­dan­ke, ein domi­nan­tes Ziel der Arbei­ter­be­we­gung seit gut 150 Jah­ren. Die­se endet aber bei ent­schei­den­den Fra­gen: Bei Inve­sti­ti­ons­ent­schei­dun­gen ist der Betriebs­rat ledig­lich zu infor­mie­ren, die finan­zi­el­le Lage des Unter­neh­mens ist dar­zu­stel­len – über ein Bera­tungs­recht kommt das Betriebs­ver­fas­sungs­ge­setz nicht hin­aus. Kei­ne Mit­be­stim­mung besteht bei der Per­so­nal­pla­nung – dabei erkennt das Manage­ment zuneh­mend die Bedeu­tung qua­li­fi­zier­ter Arbei­ten­der, sieht sich beim Fach­kräf­te­man­gel im »War for Talents«.

»Die Beschäf­tig­ten sind die besten ›Exper­tin­nen und Exper­ten‹ zur Gestal­tung ihrer eige­nen Arbeits­welt«, betont der »Human-Resour­ces-Kreis«, ein von aca­tech und der Jacobs Foun­da­ti­on gegrün­de­tes Forum für Per­so­nal­vor­stän­de. Die Kapi­tal­ver­tre­ter von BMW, SAP, Infi­ne­on, Mün­che­ner Rück­ver­si­che­rung und Tele­kom wol­len die­ses Wis­sen nut­zen, um agi­le Arbeits­steue­rung durch­zu­set­zen, bei der nicht ein Vor­ge­setz­ter ent­schei­det, son­dern Teams gemein­sam die Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on regeln.

Die logi­sche Kon­se­quenz aus die­ser New-Work-Rhe­to­rik vie­ler Unter­neh­men zie­hen die Gewerk­schaf­ten jedoch nicht: Denn wenn Beschäf­tig­te eigen­ver­ant­wort­lich immer mehr Ent­schei­dun­gen im Fir­men­in­ter­es­se tref­fen sol­len, muss sich dies ja auch auf die Pro­dukt­pla­nung, Inve­sti­ti­ons­ent­schei­dun­gen und Gewinn­ent­nah­me bezie­hen, wenn sie ernst­haft betei­ligt wer­den sollen.

Kern­stück der Per­so­nal­pla­nung ist die Per­so­nal­be­darfs­pla­nung. Die­se kann nur aus den Unter­neh­mens­zie­len abge­lei­tet wer­den und steht des­halb in engen Zusam­men­hang mit der Pro­duk­ti­ons- und der Inve­sti­ti­ons­pla­nung. Eine »Demo­kra­ti­sie­rung im Betrieb« muss weit­ge­hen­de Ent­schei­dungs­rech­te der Beleg­schaft umfas­sen. Nicht nur zu der Fra­ge, »wie« pro­du­ziert wird, also den Arbeits­be­din­gun­gen. Son­dern auch zum »Was«: Wel­che Pro­duk­te, wel­che Dienst­lei­stun­gen sol­len ange­bo­ten wer­den? War­um soll Kun­den Soft­ware zur Über­wa­chung ange­bo­ten wer­den? War­um sol­len wir Pro­gram­me erar­bei­ten, mit denen gesetz­li­che Bestim­mun­gen umgan­gen wer­den, wie etwa beim Diesel-Software-Skandal?

Auch in der Auto­mo­bil­in­du­strie dis­ku­tie­ren Arbei­ter ange­sichts sin­ken­der PKW-Ver­kaufs­zah­len über Alter­na­ti­ven. So haben GKN-Beschäf­tig­te des Stand­orts Cam­pi Bisen­zio in der Pro­vinz Flo­renz auf die geplan­te Ent­las­sung im letz­ten Jahr mit einer Betriebs­be­set­zung reagiert. Gemein­sam mit Men­schen aus der Regi­on und Wis­sen­schaft­lern ent­wickeln sie Ideen, wel­che Pro­duk­te als Alter­na­ti­ve zum Indi­vi­du­al­ver­kehr pro­du­ziert wer­den kön­nen. Sie betei­li­gen sich an gemein­sa­me Aktio­nen mit Fridays-For-Future.

Zum »glo­ba­len Kli­ma­streik« im März gab es erst­mals Ver­an­stal­tun­gen von Fri­days for Future mit Strei­ken­den von ver.di. Das Mot­to »Sei­te an Sei­te für eine öko­lo­gi­sche Ver­kehrs­wen­de« soli­da­ri­sier­te sich die Kli­ma­be­we­gung mit den Arbei­tern des Öffent­li­chen Dien­stes, die für bes­se­re Arbeits­be­din­gun­gen und höhe­re Löh­ne kämp­fen. Der Geschäfts­füh­rer der »Bun­des­ver­ei­ni­gung der deut­schen Arbeit­ge­ber­ver­bän­de« (BDA), Stef­fen Kam­pe­ter, kri­ti­sier­te die­se Koope­ra­ti­on als »eine gefähr­li­che Grenz­über­schrei­tung«. Poli­ti­sche Streiks sei­en schlicht rechts­wid­rig, so der Kapitalvertreter.

BMW, Daim­ler und VW-Kon­zern pro­du­zie­ren nicht das, was für das Recht auf Mobi­li­tät erfor­der­lich ist – es feh­len Bus­se, Schie­nen­fahr­zeu­ge oder Fahr­rä­der. »Ange­sichts der Geschich­te, ange­sichts der Unter­stüt­zung der Nazis durch die drei Unter­neh­men, der Betei­li­gung an Rüstungs­pro­duk­ti­on, Kriegs­vor­be­rei­tung und Kriegs­ge­win­nen, ange­sichts der aktu­el­len Unter­neh­mens­po­li­ti­ken, des Abgas­be­tru­ges und viel­fa­cher Ver­stö­ße gegen Recht und Gesetz (Bestechung, Kor­rup­ti­on, Kar­tell­ver­stö­ße) kommt nur eine ent­schä­di­gungs­lo­se Ver­ge­sell­schaf­tung in Fra­ge«, for­dert dage­gen Ste­phan Krull, ehe­ma­li­ger VW-Betriebs­rat, im neu­en isw-wirt­schafts­in­fo.

Eine Aus­wei­tung der Demo­kra­tie im Betrieb erfor­dert eine Ver­net­zung über die Betrie­be hin­aus im Sin­ne eines Räte-Systems, in dem gewähl­te Beschäf­tig­te als Dele­gier­te über­be­trieb­lich im Sin­ne der All­ge­mein­heit aktiv wer­den. Hier kann an Erfah­run­gen mit dem Cyber­syn-Pro­jekt in Chi­le unter der Regie­rung von Sal­va­dor Allen­de ange­knüpft wer­den. Mit einem ein­fa­chen Com­pu­ter­pro­gramm wur­de eine pla­ne­ri­sche Wirt­schafts­steue­rung ver­sucht. Damit soll­te für staat­li­che Betrie­be eine Plan­wirt­schaft auf der Grund­la­ge des Cyber­stri­de auf­ge­baut wer­den, die Pro­zes­se in Echt­zeit durch Com­pu­ter und ein Fern­schrei­ber-Netz­werk steu­ert. Eine Ver­net­zung wie heu­te war in den 70er Jah­ren unvor­stell­bar. Paul Cocks­hott und Allin Cott­rell zei­gen auf, wie in der heu­ti­gen Zeit eine Pla­nung mit neue­ster Digi­ta­li­sie­rung mög­lich sein kann (Paul Cocks­hott, Allin Cott­rell: Alter­na­ti­ven aus dem Rech­ner, Papy­ros­sa Ver­lag). Die­ser Kampf um Demo­kra­tie, die nicht am Werk­tor enden darf, wird auf erbit­ter­ten Wider­stand der Kapi­tal­eig­ner treffen.

Das wirt­schafts­in­fo 62 des ISW Mün­chen umfasst Fak­ten & Argu­men­te zur wirt­schaft­li­chen Situa­ti­on in der Kri­se: www.isw-muenchen.de/broschueren/wirtschaftsinfos/181-wirtschaftsinfo-62.