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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die Beziehungen DDR-Japan

1987 besuch­te ich Japan, mit Jugend­tou­rist, dem Rei­se­un­ter­neh­men der FDJ. Das war sechs Jah­re nach Hon­eckers Staats­vi­si­te im fern­öst­li­chen Kai­ser­reich. Ein Vier­tel­jahr­hun­dert spä­ter stu­dier­te mein Jüng­ster in Hiro­shi­ma. Ger­hard Beil, einst Außen­han­dels­mi­ni­ster der DDR und damals Hon­eckers Rei­se­be­glei­ter, hat­te ihm vor der Abrei­se noch eini­ge Adres­sen zuge­steckt. Es han­del­te sich um hono­ri­ge Per­sön­lich­kei­ten aus Wirt­schaft und Poli­tik aus sei­ner akti­ven Zeit. Die­se Bezie­hun­gen bestan­den unver­än­dert fort, was mein Sohn an sei­ner freund­li­chen Auf­nah­me bemerk­te. Es war zwar kein Not­fall ein­ge­tre­ten, für den die­se Anlauf­stel­len gedacht waren, aber er woll­te Men­schen ken­nen­ler­nen, die einst mit der DDR inten­si­ve Bezie­hun­gen gepflegt hat­ten. Die übli­cher­wei­se bei Japa­nern anzu­tref­fen­de Zurück­hal­tung gegen­über Frem­den fand er nicht vor, es schien ihm, als habe man die frü­her bestehen­de Ver­traut­heit und Sym­pa­thie auf ihn über­tra­gen. Inzwi­schen sind die­se Men­schen wie eben auch Ger­hard Beil lei­der schon tot. Und mit ihnen ver­schwin­det auch die Geschich­te im Orkus.

Rüh­mens­wert ist dar­um das Buch* des in Lon­don leben­den Jour­na­li­sten Sho­go Aka­ga­wa, das auf sei­ner Dok­tor­ar­beit fußt, die er 2018 am Otto-Suhr-Insti­tut der FU Ber­lin ein­reich­te und erfolg­reich ver­tei­dig­te. In akri­bi­scher Klein­ar­beit hat der stu­dier­te Volks­wirt­schaft­ler in ver­schie­de­nen Archi­ven nach Bele­gen gegra­ben und Zeu­gen befragt, die noch in der Lage waren, Aus­kunft zu geben. Sie lie­fer­ten den Hin­ter­grund und die Fak­ten, die sich nicht in Pro­to­kol­len, Kom­mu­ni­qués und Zei­tungs­mel­dun­gen fin­den. Eine ganz wich­ti­ge Quel­le für Aka­ga­wa war Hans Mod­row, der 1972 als Chef eines vier­köp­fi­gen DDR-Späh­trupps nach Tokio in Marsch gesetzt wor­den war. Mod­row war damals nicht nur Lei­ter der Abtei­lung Agi­ta­ti­on im Zen­tral­ko­mi­tee, son­dern auch Abge­ord­ne­ter der Volks­kam­mer. Fol­ge­rich­tig wur­de er wenig spä­ter auch Vor­sit­zen­der der sieb­zehn­köp­fi­gen par­la­men­ta­ri­schen Freund­schafts­grup­pe, die sich für die Bezie­hun­gen zu Japan enga­gier­te. Mod­row blieb bis zum Ende der DDR eine Schlüs­sel­fi­gur in den Bezie­hun­gen zwi­schen Ber­lin und Tokio, obgleich dies sein Platz in der poli­ti­schen Hier­ar­chie der DDR nicht her­gab. Von 1973 bis Herbst 1989 war er Bezirks­er­ster der Par­tei in Dres­den, dann erst wur­de er Mini­ster­prä­si­dent für fünf Mona­te. Am 3. Okto­ber 1990 war er wie­der in Tokio: da aller­dings bereits als Abge­ord­ne­ter des Deut­schen Bundestages.

Sho­go Aka­ga­wa hat mit gro­ßem Sach­ver­stand und jour­na­li­sti­schem Gespür das orga­nisch wach­sen­de Bezie­hungs­ge­flecht zwi­schen bei­den Staa­ten doku­men­tiert und in einer sehr les­ba­ren Spra­che dar­ge­stellt. Er glie­dert die Ver­bin­dun­gen in zwei Pha­sen – in jene vor der Her­stel­lung diplo­ma­ti­scher Bezie­hun­gen 1973 und in die danach, deren poli­ti­scher Höhe­punkt Hon­eckers Staats­be­such 1981 war, dem ersten übri­gens eines DDR-Staats­ober­haup­tes in einem kapi­ta­li­sti­schen Land, zu jener Zeit des nach den USA wirt­schaft­lich stärk­sten. Die Bezie­hun­gen ruh­ten auf drei Säu­len: Außen­po­li­tik, Wirt­schaft und Kul­tur. War­um das Ver­hält­nis so rei­bungs­los funk­tio­nier­te, erläu­tert Aka­ga­wa sehr aus­führ­lich und vor­ur­teils­frei. Dabei unter­sucht er kennt­nis­reich die innen­po­li­ti­schen Ent­wick­lun­gen der bei­den Län­der und deren poli­ti­sche Inten­tio­nen, die sich natür­lich auch immer an Per­so­nen festmachten.

Aka­ga­wa ver­schweigt auch nicht, wie intri­gant die Bun­des­re­pu­blik jeg­li­che Annä­he­rung zwi­schen der DDR und Japan hin­ter­trieb. Begrün­de­te Bonn in den 50er und 60er Jah­ren das noch mit der Hall­stein-Dok­trin, so gab es Ende der 70er Jah­re – nach Grund­la­gen­ver­trag und KSZE-Schluss­ak­te – die­se Recht­fer­ti­gung nicht mehr. Und doch: Im Juni 1979 inter­ve­nier­te BRD-Bot­schaf­ter Gün­ter Diehl im japa­ni­schen Außen­mi­ni­ste­ri­um, dass es »Beden­ken« gegen den geplan­ten Besuch Hon­eckers in Japan gebe – bevor die­ser nicht west­eu­ro­päi­sche Staa­ten besucht habe. Die aber luden ihn ja nicht ein. Der Ver­weis auf eine »euro­päi­sche Lösung« befin­det sich, wie wir wis­sen, unver­än­dert im Arse­nal der Ausreden.

In den Hoch­zei­ten des Kal­ten Krie­ges ging man rabi­at zur Sache. So hat­te Bun­des­kanz­ler Ade­nau­er im März 1960 Tokio besucht und dort im Par­la­ment für ein deutsch-japa­ni­sches Bünd­nis »gegen den Kom­mu­nis­mus« gewor­ben, also eine Art Anti­kom­in­tern-Pakt 2.0. Bis zu den Olym­pi­schen Spie­len in Tokio 1964, so Aka­ga­wa, ach­te­te man dar­um »in Japan streng dar­auf, die Ein­rei­se von SED-Kadern zu unter­bin­den, und es gab nur eini­ge weni­ge Fäl­le von DDR-Besu­chen kon­ser­va­ti­ver Abge­ord­ne­ter und Beam­ter. (…) Aus­lands­rei­sen mit offi­zi­el­lem Cha­rak­ter in die DDR waren uner­wünscht.« Oder: »Eben­so inter­ve­nier­te die Bun­des­re­pu­blik bei dem Ver­such, Hiro­shi­ma und Dres­den zu Part­ner­städ­ten zu erklären.«

Die DDR war nicht nur an inten­si­ven Wirt­schafts- und Han­dels­be­zie­hun­gen inter­es­siert, son­dern schätz­te auch Japans Anti­mi­li­ta­ris­mus und sei­ne – bei aller Nähe zu den USA – ver­gleichs­wei­se sou­ve­rä­ne Hal­tung. Eine bedin­gungs­lo­se Nibe­lun­gen­treue, wie sie in West­eu­ro­pa, ins­be­son­de­re aber in der Bun­des­re­pu­blik, exi­stier­te, kann­te Tokio nicht.

In die­sem Punkt, so mei­ne ich, fin­det sich das ein­zi­ge – durch­aus zu ver­nach­läs­si­gen­de – Man­ko der bei­spiel­haf­ten Unter­su­chung. Die Außen­po­li­tik der DDR war pri­mär dar­auf gerich­tet, die besten inter­na­tio­na­len Rah­men­be­din­gun­gen zur Ent­wick­lung des Sozia­lis­mus her­zu­stel­len. Dazu gehör­te, durch­aus mit unter­schied­li­chen Rol­len im öst­li­chen Bünd­nis, vor­dring­lich die Schaf­fung von Syste­men kol­lek­ti­ver Sicher­heit, also ganz all­ge­mein: die Frie­dens­si­che­rung. Wenn Aka­ga­wa das Han­deln der DDR auf Han­del und Wan­del, auf öko­no­mi­schen Vor­teil und das Aus­nut­zen der Kon­kur­renz kapi­ta­li­sti­scher Staa­ten redu­ziert, greift dies zu kurz.

Es über­rasch­te nicht, dass mit der Macht­über­nah­me durch natio­nal-kon­ser­va­ti­ve Kräf­te in Tokio 1982 das poli­ti­sche Ver­hält­nis zwi­schen bei­den Staa­ten abkühl­te. »Der Anti­kom­mu­nis­mus unter dem Rea­gan-Naka­so­ne-Bünd­nis«, über­schrieb Aka­ga­wa die­ses Kapi­tel. Shint­a­ro Abe, damals Außen­mi­ni­ster Japans, besuch­te im Juni 1985 die DDR und warb allen Ern­stes für Rea­gans SDI-Pro­gramm. Hon­ecker habe »fast die Hälf­te der Gesprächs­dau­er« die­ses Ansin­nen zurück­ge­wie­sen und dar­auf bestan­den, »dass der Welt­raum von Waf­fen frei blei­ben sol­le«. Den­noch blieb das posi­ti­ve Grund­ver­ständ­nis bestehen, das der Par­la­ments­ab­ge­ord­ne­te Yama­ha­ra am 29. Mai 1981 in die über­zeu­gen­de Fest­stel­lung geklei­det hat­te: »Japan ist zwar rei­cher als die DDR, aber bei den Sozi­al­lei­stun­gen oder der Bil­dung sieht das anders aus. Vom Kin­der­gar­ten bis zum Uni­ver­si­täts­ab­schluss muss in der DDR nie­mand Gebüh­ren zahlen.«

Im Janu­ar 1987 kam Pre­mier Naka­so­ne für drei Tage nach Ber­lin. Über vier Stun­den kon­fe­rier­te er mit Hon­ecker »über die welt­po­li­ti­sche Lage«: »Wäh­rend Hon­ecker das ame­ri­ka­ni­sche SDI-Pro­gramm erneut kri­ti­sier­te, beton­te Naka­so­ne, wie wich­tig es sei, dass die Sowjet­uni­on sich gegen­über den USA rea­li­stisch verhalte.«

Am Ende sei­nes fast vier­hun­dert Sei­ten umfas­sen­den, sehr erhel­len­den Buches arti­ku­liert Sho­go Aka­ga­wa sei­nen – ver­mut­lich illu­sio­nä­ren – Wunsch, den man nur unter­schrei­ben kann: »Soll­te es zukünf­tig zu einer Öff­nung der BND- oder der CIA-Archi­ve kom­men, wird dies noch tie­fe­re Ein­blicke in sämt­li­che Aspek­te der Bezie­hun­gen zwi­schen der DDR und Japan ermög­li­chen. Auch wäre es wün­schens­wert, wenn sich jene japa­ni­schen und ost­deut­schen Unter­neh­men, die mit der Auf­ar­bei­tung ihrer Unter­neh­mens­ge­schich­te nach wie vor war­ten, aktiv ein­brin­gen wür­den, um so zu einem bes­se­ren Geschichts­ver­ständ­nis beizutragen.«

Doch wel­che ost­deut­schen Unter­neh­men soll­ten das sein?

* Sho­go Aka­ga­wa: Die Japan­po­li­tik der DDR 1949 bis 1989. Peter Lang Ver­lag 2020, 410 S., 59,95 Euro.