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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Biden will den Endsieg

Wer die gegen­wär­ti­ge Kri­sen- und Kriegs­la­ge ver­ste­hen will, lese Con­rad Schuh­lers »Das neue Ame­ri­ka des Joseph R. Biden«, qua­si die Fort­set­zung von »Wie weit noch bis zum Krieg«, mit dem sich Schuh­ler vor einem Jahr zu Wort mel­de­te (sie­he Ossietzky 1/​2021). Das »Ame­ri­ka first« hat Biden von Donald Trump über­nom­men und noch ver­schärft. Er ver­folgt die­se Linie nur mit ande­ren Metho­den als sein Vor­gän­ger. »Für immer« sol­len die USA die füh­ren­de Kraft in der Welt sein, ist das erklär­te Ziel. Der wach­sen­den Spal­tung im eige­nen Land will Biden mit »natio­na­ler Ver­söh­nung« und »Respekt« vor den benach­tei­lig­ten Min­der­hei­ten begegnen.

Das sind schö­ne Wor­te, ohne dass wirk­lich etwas bei denen ankommt, die schon längst zur Mehr­heit gewor­den sind. Bidens Kon­zept, durch »mehr Sozi­al­staat« die Spal­tung in immer weni­ger Gewin­ner der Glo­ba­li­sie­rung und eine wach­sen­de Schar von Ver­lie­rern erträg­li­cher zu machen, wird schei­tern. So lau­tet die Pro­gno­se von Con­rad Schuh­ler. Eben­so wird die Aus­ru­fung eines neu­en Kal­ten Krie­ges zwi­schen den »Demo­kra­tien« und den »Auto­kra­tien«, wie die US-Regie­rung die neue System­ri­va­li­tät nennt, den wei­te­ren Auf­stieg Chi­nas nicht ver­hin­dern kön­nen. Dies auch, weil z. B. Deutsch­land wirt­schaft­lich nichts Gutes zu erwar­ten hat von einer Poli­tik, die nicht ein­mal in Wor­ten noch das Prin­zip der »fried­li­chen Koexi­stenz« aner­kennt. Zunächst aber fügen sich die EU-Län­der in der gegen­wär­ti­gen Ukrai­ne-Kri­se den ame­ri­ka­ni­schen Vor­ga­ben. Das Buch ent­stand bei Beginn der Auf­re­gung, die von den US-Medi­en um Trup­pen­be­we­gun­gen auf dem rus­si­schen Ter­ri­to­ri­um künst­lich aus­ge­löst wurde.

Biden ver­si­chert dro­hend »den Euro­pä­ern und aller Welt«, man stün­de vor der Wahl zwi­schen dem staat­li­chen Diri­gis­mus und Zwang chi­ne­si­scher Prä­gung und der Frei­heit und Krea­ti­vi­tät des Men­schen nach dem Vor­bild der USA. Für Schuh­ler stellt sich die Fra­ge: Wie kann Washing­ton dar­an gehin­dert wer­den, sei­ne ver­blei­ben­den Macht­res­sour­ce, das Mili­tär, ein­zu­set­zen und ein Infer­no auszulösen?

Der erste Kon­troll­punkt für Bidens Poli­tik wird der Aus­gang der gegen­wär­ti­gen Kri­se in Ost­eu­ro­pa sein, der zwei­te die Kon­gress­wah­len im Novem­ber 2022. Soll­ten die Demo­kra­ten ihre Mehr­heit im Senat ver­lie­ren – der Ver­lust eines Sit­zes wür­de genü­gen –, wäre die Biden’sche »Reform­po­li­tik« geschei­tert. Die Reak­ti­on im Biden-Lager – wozu heu­te noch neben den genann­ten Medi­en auch vie­le Gewerk­schaf­ten auch man­che Medi­en des libe­ra­len und lin­ken Spek­trums wie Poli­ti­co, Jaco­bin und LA Pro­gres­si­ve zäh­len, die sich Kri­tik an Biden alle­samt ver­knei­fen aus Angst vor dem größ­ten aller Übel: Trump – wird womög­lich sein, dass Biden sich noch »geschmei­di­ger« zei­gen müs­se gegen­über den For­de­run­gen von rechts. Schuh­ler ist sich sicher: »Dies wie­der­um wäre die fast siche­re Gewähr, dass ins Wei­ße Haus wie­der die alten Bewoh­ner ein­zie­hen.« Er sieht die Gefahr des Faschis­mus in den USA.

Schuh­ler geht zurück auf die Vor­be­rei­tung der gegen­wär­ti­gen Dau­er­schlacht im Kal­ten Krieg, jener um die Ukrai­ne. In der Nato-Gip­fel­er­klä­rung vom Juni 2021 wer­den Chi­na und Russ­land zunächst als Mon­ster der Kriegs­trei­be­rei und Men­schen­rechts­ver­let­zung hin­ge­stellt, als for­mu­lie­re man die Prä­am­bel einer Kriegs­er­klä­rung. Chi­na »bedroht« oder »unter­mi­niert« die kol­lek­ti­ve Sicher­heit, es gibt von ihm »cyber, hybri­de und ande­re asym­me­tri­sche Bedro­hun­gen, ein­schließ­lich Des­in­for­ma­ti­ons­kam­pa­gnen und den bös­ar­ti­gen Gebrauch von immer aus­ge­klü­gel­te­ren Zer­stö­rungs­tech­no­lo­gien« (laut Nato vom 14.06.2021) Auch im All ent­ste­hen neue Tech­ni­ken gegen »unse­re Sicher­heit«. Dazu tre­ten die Wei­ter­ga­be von Mas­sen­ver­nich­tungs­mit­teln und die Ero­si­on der Waf­fen­kon­trol­le. Die Nato wer­de sich stär­ken »als kol­lek­ti­ve Ver­tei­di­gung der Euro-Atlan­ti­schen Zone, gegen Dro­hun­gen aus allen Richtungen«.

Dann zitiert Schuh­ler den Schlüs­sel­satz, der erstens die gan­ze Welt zum Ein­satz­ge­biet der Nato erklärt und zwei­tens den Indo-Pazi­fik her­vor­hebt als einen künf­ti­gen Schwer­punkt: »Die Fähig­keit der Nato wird ver­stärkt, die regel­ba­sier­te inter­na­tio­na­le Ord­nung durch­zu­set­zen in Gebie­ten, die wich­tig sind für die Län­der der Alli­anz, und sie wird des­halb den Dia­log und die prak­ti­sche Koope­ra­ti­on suchen mit unse­ren jet­zi­gen Part­nern, was die EU- und die Anwär­terstaa­ten ein­schließt, eben­so wie unse­re Part­ner in Asi­en-Pazi­fik – und wir wer­den unser Enga­ge­ment ver­stär­ken mit glo­ba­len Schlüs­sel­ak­teu­ren und ande­ren neu­en Gesprächs­part­nern jen­seits der Euro-Atlan­tik-Zone, inklu­si­ve Afri­ka, Asi­en und Latein­ame­ri­ka.« Die Nato erklärt also unver­blümt die gan­ze Welt zu ihrem Ein­satz­ge­biet, und die inter­na­tio­na­len Regeln, wie sie den »west­li­chen Wer­ten« ent­spre­chend auf­ge­stellt wur­den, sind die Leit­schnur ihres Han­delns. Die Nato sol­le dem­nach als glo­ba­le Poli­zei fun­gie­ren, die für das Ein­hal­ten der west­li­chen Wer­te sorgt, das heißt für die Durch­set­zung der west­li­chen Inter­es­sen. »So defi­niert die Nato ihren Teil des Men­schen­rechts­im­pe­ria­lis­mus, der kenn­zeich­nend ist für die Biden-Dok­trin von der syste­mi­schen Riva­li­tät zwei­er Blöcke« (S. 140).

Furcht­erre­gen­der noch als Chi­na wer­de des­sen Part­ner Russ­land dar­ge­stellt. Russ­land ist »aggres­siv« und »unver­ant­wort­lich«, es hat »80 % sei­ner stra­te­gi­schen Atom­waf­fen moder­ni­siert«. Schuh­ler: Was denn sonst, möch­te man mei­nen, soll es sein Waf­fen­po­ten­ti­al ver­fal­len las­sen? Das wäre dann offen­bar weni­ger »unver­ant­wort­lich«, aber auch wenig hilf­reich gegen einen höher gerü­ste­ten Wüte­rich, des­sen wüste Beschimp­fun­gen einen besorgt fra­gen las­sen, ob hier ein mili­tä­ri­scher Angriff vor­be­rei­tet wer­den soll. Mit Russ­land, heißt es bei der Nato wört­lich, kön­ne es »kei­nen poli­ti­schen Dia­log« mehr geben, wenn es in den strit­ti­gen Fra­gen – Ukrai­ne, Krim, Weiß­rus­s­land, Geor­gi­en, Mol­da­wi­en – kein Ein­ge­hen auf die besag­ten inter­na­tio­na­len Regeln gäbe.

Die Nato erklär­te im Juni 2021, sie suche »nicht die Kon­fron­ta­ti­on mit Russ­land, und sie stellt kei­ne Bedro­hung für Russ­land dar«. Im Satz zuvor heißt es aber dro­hend: »Wir wer­den auf die sich ver­schlech­tern­de Sicher­heits­la­ge wei­ter­hin ant­wor­ten, indem wir unse­re Abschreckungs- und Ver­tei­di­gungs­kraft ver­bes­sern, ein­schließ­lich einer Vorne­prä­senz im öst­li­chen Teil der Allianz.«

Die Nato ope­riert weit im Osten an der Gren­ze zu Russ­land, führt rie­si­ge Manö­ver durch, die auch als Pro­be zum Über­fall auf Russ­land gedeu­tet wer­den kön­nen, und nennt Russ­land einen per­ma­nen­ten Stö­rer der »regel­ba­sier­ten inter­na­tio­na­len Ord­nung«. Im Manö­ver »Defen­der Euro­pe 2021« übten 28.000 Sol­da­tIn­nen aus 26 Nato-Län­dern die schnel­le Trup­pen­ver­le­gung an die Gren­ze zu Russ­land, und zwar an der sen­si­bel­sten Stel­le im Süd­osten des Kon­ti­nents, am Bal­kan und am Schwar­zen Meer (laut Neu­es Deutsch­land, 12.5.2021). Schuh­ler stellt fest, Putin und sei­ne Selbst­be­rei­che­rungs­cli­que sei­en das eine Übel an der Lage in Russ­land. Die den Kon­flikt anhei­zen­de und aggres­si­ve Posi­ti­on der Nato ist das andere.

Sei­nen ersten Punkt auf der euro­päi­schen To-do-Liste habe Biden erreicht: Die USA sit­zen fest im Sat­tel als Lea­der der größ­ten Mili­tär­or­ga­ni­sa­ti­on der Welt. Der Indo-Pazi­fik und Chi­na gehö­ren zum Kampf­ge­biet der Nato. Russ­land ist als Schur­ke im Welt­thea­ter gebrand­markt. Die ande­ren Zie­le der US-Mis­si­on sind schwe­rer zu errei­chen. Biden will den Sieg über die »auto­ri­tä­ren System­ri­va­len« – bis alles in Scher­ben fällt?

Vor einem Jahr schrieb Schuh­ler noch Hoff­nungs­vol­les in sei­nem Buch »Wie weit noch bis zum Krieg?« Die­se zar­te Hoff­nung ist zwei­fel­los klei­ner gewor­den. Besorg­nis­er­re­gend sei aus Sicht von Frie­dens­ak­ti­vi­sten die alte und neue Unter­wür­fig­keit der deut­schen Poli­tik gegen­über den USA, die unter Trump bis­wei­len in Fra­ge gestellt wur­de. Jedoch aus die­ser Gemenge­la­ge, aus die­ser Gefahr kön­ne auch das Ret­ten­de wach­sen, so Schuh­ler vor einem Jahr: »Die Woge des glo­ba­len Pro­te­stes gegen Kli­ma­ka­ta­stro­phe und Umwelt­ver­schmut­zung gibt Hoff­nung. Ob Krieg, Kli­ma oder der Hor­ror, der Flücht­lin­ge aus ihrem Land treibt – die Ursa­che liegt in den Impe­ra­ti­ven der glo­ba­len Kapi­tal­ver­wer­tung. Wenn die sozia­len Bewe­gun­gen dar­aus die Kon­se­quenz zie­hen, gemein­sam zu kämp­fen, haben wir eine Chan­ce auf Zukunft.«

Con­rad Schuh­ler: Das Neue Ame­ri­ka des Joseph R. Biden, Papy­Ros­sa Ver­lag, Köln 2021, 163 S., 13,90 Euro, und ders.: Wie weit noch bis zum Krieg? Die USA, Chi­na, die EU und der Welt­frie­den, Papy­Ros­sa Ver­lag, Köln 2020, 143 S., 12,90 Euro.