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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Pasolini: ein marxistischer Katholik

Er gilt als einer der wich­tig­sten und streit­bar­sten Intel­lek­tu­el­len der Nach­kriegs­zeit in Ita­li­en: der Film­re­gis­seur, Dich­ter und Kri­ti­ker Pier Pao­lo Paso­li­ni. Er gehör­te zur Avant­gar­de der 1960er Jah­re und erreg­te mehr­fach Skan­da­le mit sei­nen Fil­men, von denen eini­ge auch zeit­wei­lig ver­bo­ten wur­den. Als kämp­fe­ri­scher Mar­xist und ket­ze­ri­scher Katho­lik geriet der homo­se­xu­el­le Künst­ler zwi­schen alle Seiten.

Pier Pao­lo Paso­li­ni wird am 5. März 1922 in Bolo­gna als Sohn eines Berufs­of­fi­ziers und einer Leh­re­rin gebo­ren. Die Ehe der Eltern ist ziem­lich zer­rüt­tet, auch durch die häu­fi­gen Orts­wech­sel, her­vor­ge­ru­fen durch die mili­tä­ri­sche Kar­rie­re des Vaters. So ver­lebt der Jun­ge eine unru­hi­ge Kind­heit und Jugend mit häu­fi­gen Schul­wech­seln. Die Feri­en ver­bringt er meist bei den Groß­el­tern müt­ter­li­cher­seits in Casa­r­sa (Fri­aul), wo er das Land­le­ben ken­nen­lernt. Die ersten Gedich­te, die wäh­rend der Schul­zeit ent­ste­hen, ver­fasst er in fri­au­li­scher Spra­che – eben­so sei­nen ersten Gedicht­band »Poe­sie a Casa­r­sa« (1942). Danach beginnt Paso­li­ni in Bolo­gna ein Stu­di­um der Kunst­ge­schich­te, das er aber bei Kriegs­be­ginn abbricht. Wäh­rend des Krie­ges ver­dient er als Leh­rer in Casa­r­sa sei­nen Lebens­un­ter­halt. Nach dem Krieg been­det er zunächst sein Stu­di­um, tritt der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei Ita­li­ens bei und fin­det eine Anstel­lung als Volks­schul­leh­rer. Nach Bekannt­wer­den sei­ner Homo­se­xua­li­tät ver­liert er aber über Nacht sei­ne Leh­rer­stel­le, sei­ne Par­tei­zu­ge­hö­rig­keit und sein sozia­les Umfeld.

Mit sei­ner 59jährigen Mut­ter geht Paso­li­ni nach Rom, wo er erst nach einem Jahr eine Stel­le als Leh­rer an einer pri­va­ten Mit­tel­schu­le fin­det, die er jedoch 1953 wie­der auf­gibt. Inzwi­schen ist er in Kon­takt zu den Cin­e­ci­ttà-Film­stu­di­os im Süd­osten von Rom gekom­men. Er fin­det hier sei­ne »Beru­fung« und wid­met sich fort­an dem Kino. In den fol­gen­den Jah­ren arbei­tet er als Dreh­buch­au­tor mit ver­schie­de­nen Regis­seu­ren zusam­men. Neben wei­te­ren Gedicht­bän­den erscheint 1955 mit »Raga­z­zi di vita« sein erster Roman. Der Debüt­ro­man über das Elend der Vor­städ­te und das Leben einer Grup­pe von Halb­star­ken, die in den Slums her­um­streu­nen, sich das Lebens­not­wen­dig­ste zusam­men­steh­len oder sich pro­sti­tu­ie­ren, schlägt im nach­fa­schi­sti­schen Ita­li­en wie eine Bom­be ein. Unmit­tel­bar nach Erschei­nen des Romans wird gegen Paso­li­ni ein Pro­zess wegen Obszö­ni­tät ange­strengt, in dem die Schrift­stel­ler­kol­le­gen Alber­to Mora­via und Giu­sep­pe Unga­ret­ti sei­ne Ver­tei­di­gung über­neh­men. Mit »Raga­z­zi di vita« und sei­nem näch­sten Roman »Una vita vio­len­ta« (1959) ist aus dem jun­gen Dich­ter ein bekann­ter Roman­cier geworden.

Paso­li­nis anfäng­li­che Begei­ste­rung für den Film bleibt jedoch kei­nes­wegs Inter­mez­zo, sein Erfolg als Schrift­stel­ler ändert dar­an nichts. Ab 1960 ent­deckt er mehr und mehr den Film als Aus­drucks­mit­tel für sei­ne sozi­al­kri­ti­schen Aus­sa­gen, und so ent­ste­hen in den fol­gen­den fünf­zehn Jah­ren über zwan­zig Spiel- und Doku­men­tar­fil­me, in denen er Regie führt – dar­un­ter sol­che Klas­si­ker und Mei­len­stei­ne der Film­ge­schich­te wie »Mam­ma Roma« (1962), »Medea« (1969, mit der Opern­sän­ge­rin Maria Cal­las) oder »Il Deca­me­ron« (1971). Mit »Il van­ge­lo secon­do Matteo« (1964) adap­tiert er das Mat­thä­us-Evan­ge­li­um. Mit mini­ma­len Sets und ein­fa­chen Kame­ra­ein­stel­lun­gen schafft er eine Kunst­film-Ant­wort auf Hol­ly­woods monu­men­ta­le Bibelepen.

Obwohl in die­sen Jah­ren noch wei­te­re Gedicht­bän­de, Erzäh­lun­gen und Roma­ne ent­ste­hen, wird Paso­li­ni weit­ge­hend nur noch als Fil­me­ma­cher wahr­ge­nom­men. So erschei­nen die mei­sten Pro­sa­tex­te aus die­ser Zeit erst post­hum. 1975 dreht er mit »Die 120 Tage von Sodom« sei­nen letz­ten Film, in dem er Mate­ri­al aus dem gleich­na­mi­gen frag­men­ta­ri­schen Roman des Mar­quis de Sade ent­nimmt. Wegen der sexu­el­len Aus­schwei­fun­gen wird der Film in zahl­rei­chen Län­dern vor­über­ge­hend ver­bo­ten. Kurz nach Ende der Dreh­ar­bei­ten und noch vor der Urauf­füh­rung des Films wird Pier Pao­lo Paso­li­ni am 2. Novem­ber 1975 auf einem sei­ner für ihn typi­schen nächt­li­chen Streif­zü­ge am Strand von Ost­ia ermor­det. Bis heu­te sind die Umstän­de nicht geklärt.

Zum 100. Geburts­tag des radi­ka­len Künst­lers und Visio­närs ist im Suhr­kamp Ver­lag unter dem Titel »Nach mei­nem Tod zu ver­öf­fent­li­chen« eine zwei­spra­chi­ge (ital./dt.) Aus­ga­be sei­ner spä­ten Gedich­te erschie­nen. Sie ver­sam­melt drei Gedicht­bän­de aus der Rom-Zeit: im Wesent­li­chen die Gedicht­bän­de »La reli­gio­ne del mio tem­po« (»Die Reli­gi­on mei­ner Zeit«) von 1961, »Poe­sie in for­ma di rosa« (»Dich­tung in Form einer Rose«) von 1964 und das wuch­ti­ge Spät­werk »Tras­um­a­nar e orga­niz­zar« von 1971, das hier in Aus­zü­gen erst­mals in deut­scher Spra­che vorliegt.

Dem Leser begeg­net eine sprachmäch­ti­ge Lyrik – häu­fig im Pro­sa­ton – sowohl mit auto­bio­gra­fi­schem Hin­ter­grund als auch mit zeit­kri­ti­schen Aspek­ten. Mit zahl­rei­chen Gedich­ten beglei­te­te Paso­li­ni auch den Ent­ste­hungs­pro­zess sei­ner Fil­me. So notiert er wäh­rend der Dreh­ar­bei­ten an »Mam­ma Roma«: »Ah, Bour­geoi­sie, ja, das heißt Schein­hei­lig­keit: doch eben­so Hass. Hass ver­langt nach Opfern, und das Opfer ist eines allein. Das Licht ist spek­ta­ku­lär, los, los, nüt­zen wir es aus, nur zu mit dem Fünf­zi­ger und Vor­wärts­schwenk.« Die Gedich­te sind aber auch Aus­druck einer Selbst­ver­tei­di­gung, denn zu Leb­zei­ten sah sich Paso­li­ni 33 Pro­zes­sen wegen Reli­gi­ons­be­lei­di­gung oder Obszö­ni­tät aus­ge­setzt. Neben Begier­de, Sehn­sucht nach jun­gen Män­nern, Ein­sam­keit und Alter kommt in sei­nem Spät­werk auch sei­ne immer noch lin­ke Welt­an­schau­ung zum Aus­druck – wie in den »Mar­xi­sti­schen Gedich­ten« (1964-65): »Man kann sich von der Frei­heit nicht befrei­en, /​ und was man ein ein­zi­ges Mal für Frei­heit gehal­ten hat, /​ bleibt Frei­heit für immer. /​ Man kann nur träu­men, im Traum. /​ Genug jetzt. Es ist Zeit für den Kommunismus.«

Die Her­aus­ge­be­rin und Über­set­ze­rin The­re­sia Pram­mer gibt in ihrem Nach­wort einen aus­führ­li­chen Über­blick über die Ent­ste­hung und die per­sön­li­chen Hin­ter­grün­de der Gedich­te. Wie Paso­li­nis übri­ges Werk sind sie kri­tisch, pro­vo­kant und häu­fig des­il­lu­sio­nie­rend. Dank der Aus­ga­be lie­gen nun nach den frü­hen Gedich­ten und den Roma­nen auch Paso­li­nis spä­te Gedich­te vor. Sie wer­den dadurch – zumin­dest für die deut­sche Leser­schaft – erst­mals sicht­bar. Abschlie­ßend soll nicht uner­wähnt blei­ben, dass der Wagen­bach Ver­lag das Paso­li­ni-Jubi­lä­um eben­falls mit drei Neu­erschei­nun­gen wür­digt. Der im Dezem­ber ver­stor­be­ne Ver­le­ger Klaus Wagen­bach hat­te Paso­li­ni seit Ende der 1970er Jah­re als einer der Ersten ins Deut­sche geholt.

Pier Pao­lo Paso­li­ni: Nach mei­nem Tod zu ver­öf­fent­li­chen – Spä­te Gedich­te, zwei­spra­chig, Suhr­kamp Ver­lag, Ber­lin 2021, 640 S., 42 Euro.