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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Angst vor Russland

Will Russ­land Krieg? Muss die Welt Angst vor einem Aggres­sor Putin haben, nach­dem Russ­land die Regio­nen Donezk und Lug­ansk als eige­ne Staa­ten aner­kannt hat und einen Tag spä­ter Bom­ben auf Mili­tär­an­la­gen der Ukrai­ne abwer­fen ließ? Muss die »freie Welt« ihre »Hilf­lo­sig­keit« über­win­den, wie es Tage zuvor auf der Münch­ner »Sicher­heits­kon­fe­renz« unter dem Mot­to »unlear­ning hel­pless­ness« pro­pa­giert wurde?

Trifft die Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung den Nagel auf den Kopf, wenn sie unter der Über­schrift »Der deut­sche Denk­feh­ler« kom­men­tiert, jahr­zehn­te­lang und par­tei­über­grei­fend habe deut­sche Außen­po­li­tik sich an dem Glau­bens­satz ori­en­tiert, »dass es Sicher­heit und Frie­den in Euro­pa nur mit Russ­land« geben kön­ne? Nun müs­se sie sich end­lich der Fra­ge stel­len, der sie so lan­ge aus­ge­wi­chen sei: »Wie sorgt man für Sicher­heit und Frie­den in Euro­pa gegen Russ­land?« (FAZ 23.02.2022)

Tat­säch­lich? Ist das so? Ist Umden­ken ange­sagt? Haben sich Deutsch­land, die EU, der Westen jah­re­lang um Frie­den und Sicher­heit mit Russ­land bemüht, die jetzt von Putin mut­wil­lig aufs Spiel gesetzt werden?

Blei­ben wir sach­lich, stel­len wir die Emo­tio­nen zurück. Erin­nern wir uns:

Von wem stammt der Vor­schlag, ein »Haus Euro­pa« auf­zu­bau­en, samt der dazu­ge­hö­ri­gen Öff­nung der Sowjet­uni­on bis hin zur Wie­der­ver­ei­ni­gung des geteil­ten Deutsch­lands? Von Michail Gor­bat­schow, 1989. Und hat Gor­bat­schow nicht die Zusa­ge erhal­ten, dass die Nato nicht über die deut­schen Gren­zen nach Osten erwei­tert wür­de, wie soeben noch ein­mal im Spie­gel durch Doku­men­te belegt wurde?

Wer hat mit dem Gedan­ken gespielt und sogar Schrit­te in die­se Rich­tung gesetzt, die Nato, nach­dem sie abspra­che­wid­rig doch bereits auf Ost­erwei­te­rungs­kurs war, durch einen Bei­tritt Russ­lands zur eura­si­schen Sicher­heits­or­ga­ni­sa­ti­on umzu­wan­deln? Boris Jelzin.

Wer ist 2001 als eine sei­ner ersten außen­po­li­ti­schen Amts­hand­lun­gen im deut­schen Bun­des­tag mit dem Ange­bot auf­ge­tre­ten, anstel­le der zusam­men­ge­bro­che­nen Ord­nung des Kal­ten Krie­ges eine neue Sicher­heits­ar­chi­tek­tur für Euro­pa von Wla­di­wo­stok bis Lis­sa­bon zu ent­wickeln und erhielt dafür »stan­ding ova­tions« der Abge­ord­ne­ten? Wla­di­mir Putin.

Wer hat das das Ange­bot einer gemein­sa­men Sicher­heits­ar­chi­tek­tur auf der Stra­te­gietagung der Nato in Lis­sa­bon im Jahr 2010 wie­der­holt? Dimitri Medwedew.

Wer hat vor dem Aus­bruch des Mai­d­ankon­flik­tes 2014 dafür gewor­ben, das anste­hen­de Asso­zi­ie­rungs­ab­kom­men in drei­sei­ti­ger Zusam­men­ar­beit zwi­schen Ukrai­ne, EU und Russ­land zu ent­wickeln? Russland.

Und wie wur­de dar­auf geantwortet?

Mit schritt­wei­ser Erwei­te­rung der Euro­päi­schen Union.

Mit Erwei­te­rung der Nato bis hart vor die Gren­zen Russlands.

Mit Unter­stüt­zung von »bun­ten Revo­lu­tio­nen« in den Rand­ge­bie­ten der ehe­ma­li­gen Sowjet­uni­on seit 2004 bis hin zum Mai­dan in der Ukrai­ne 2014.

Erin­nern wir uns wei­ter an die von Zbi­gniew Brze­zinski nach dem Ende der Sowjet­uni­on vor­ge­leg­ten Stra­te­gien der »Ein­zi­gen Welt­macht«, die im Kern dar­auf ori­en­tier­ten, dass und wie die USA das Herz­land Eura­si­ens, Russ­land, beherr­schen müs­se, wenn sie ihre Welt­herr­schaft sichern wol­le – und dass ein zen­tra­ler Schritt dafür die Los­lö­sung der Ukrai­ne von Russ­land und ihre Ein­bin­dung nach Euro­pa sei, weil Russ­land ohne die Ukrai­ne nicht wie­der zum Impe­ri­um wer­den kön­ne. Brze­zinski ging so weit, eine Drei­tei­lung Russ­lands in einen öst­li­chen, einen zen­tra­len und einen euro­päi­schen Teil vor­zu­schla­gen, wäh­rend er die Euro­päi­schen Staa­ten umstands­los als nütz­li­che Erfül­lungs­ge­hil­fen, offen sogar als Vasal­len bezeich­ne­te, die zur Umset­zung die­ser Stra­te­gie gebraucht würden.

Erin­nern wir uns ins­be­son­de­re dar­an, wie die Drei­tei­lung der Ukrai­ne in der Fol­ge des Mai­dan 2014 zustan­de kam: Her­vor­ge­gan­gen aus einer eth­nisch, sprach­lich und kul­tu­rell unein­heit­li­chen Pro­vinz der Sowjet­uni­on, die nur durch will­kür­li­che Ver­wal­tungs­gren­zen zusam­men­ge­hal­ten war, ver­fiel das Gebiet in den Pro­zess einer nach­ho­len­den Natio­nen­bil­dung mit kras­sen natio­na­li­sti­schen Begleit­erschei­nun­gen und sozi­al­po­li­ti­schen Män­geln. Es ent­stand ein Staat, der nicht durch sei­ne schnell über­ge­stülp­te demo­kra­ti­sche Mas­ke, son­dern durch die Will­kür sei­ner olig­ar­chi­schen Eli­ten defi­niert war und des­sen jewei­li­ge Staats­füh­run­gen in ihren Ori­en­tie­run­gen zwi­schen Russ­land und der EU sai­so­nal hin- und her schwankten.

Und hier beginnt nun die neue­re Geschich­te, die unter der Fra­ge erin­nert wer­den muss, wer die Mins­ker Ver­trä­ge »beer­digt« hat:

Die Unru­hen des Mai­dan hin­ter­lie­ßen eine von Natio­na­li­sten erober­te Staats­macht – Arsenij Jazen­juk, der erste Mini­ster­prä­si­dent, woll­te die rus­sisch­spra­chi­gen Tei­le der Bevöl­ke­rung »ukrai­ni­sie­ren«. Sei­ne Stra­te­gie: Gewalt­sa­me Natio­na­li­sie­rung statt Integration.

Sein Nach­fol­ger Petro Poro­schen­ko ließ sich zwar for­mal auf einen Inte­gra­ti­ons­pro­zess gegen­über dem Osten ein, dekre­tier­te dann aber eine anti-ter­ro­ri­sti­sche Kam­pa­gne gegen die abtrün­ni­gen Repu­bli­ken, die jedes Gespräch unter Kano­nen­schuss stoppte.

Zu Minsk II hol­te man 2015 die Sezes­sio­ni­sten auf deren Pro­test gegen ihre Abqua­li­fi­zie­rung als Ter­ro­ri­sten hin zwar mit in die Ver­hand­lun­gen – aber nur im Neben­zim­mer. Beschlos­sen wur­de den­noch immer­hin ein Pro­gramm der schritt­wei­sen Annä­he­rung zwi­schen Kiew und den Regio­nen, die in die­sem Zuge ihre begrenz­te Auto­no­mie erhal­ten soll­ten. Der dafür not­wen­di­ge Dia­log zwi­schen ihnen und Kiew wur­de von Kiew jedoch wei­ter­hin ver­wei­gert, statt­des­sen wur­de geschossen.

Alle Appel­le Russ­lands an die Adres­se Kiews, den Dia­log end­lich auf­zu­neh­men, blie­ben erfolg­los. Ver­ant­wort­lich dafür wur­de von west­li­cher Sei­te aber nicht Kiew, son­dern Russ­land gemacht, das ver­säu­me Druck auf die abge­spal­te­nen Gebie­te aus­zu­üben. Gleich­zei­tig warf man Russ­land vor, rechts­wid­rig in die Gebie­te zu inter­ve­nie­ren. Eine west­li­che Ein­wir­kung auf Kiew, sich dem Dia­log zu stel­len, fand nicht statt, fiel zumin­dest, wenn sie denn ver­sucht wor­den sein soll­te, in Kiew auf kei­nen frucht­ba­ren Boden.

Nach­dem sich die­ser Aus­tausch lee­rer Wort­hül­sen über Jah­re hin­ge­zo­gen hat, erklär­ten die Garan­tie­mäch­te Deutsch­land und Frank­reich vor zwei Jah­ren die »Mins­ker Gesprä­che« für geschei­tert. Schuld gaben sie wie­der­um Russland.

Wenn die Macron und Scholz im Zuge der jet­zi­gen Kri­se nach Kiew und Mos­kau eil­ten, um, wie sie anga­ben, die Mins­ker Gesprä­che wie­der in Gang brin­gen zu wol­len, so war das ein Wir­beln von hei­ßer Luft, denn Kiew war dar­an nicht betei­ligt noch an Gesprä­chen inter­es­siert. Wolo­dym­yr Selen­skyj wei­gert sich bis heu­te, das Gespräch mit den Sezes­sio­ni­sten aufzunehmen.

Vor die­sem Hin­ter­grund war Putins Ent­schluss, die Mins­ker Gesprä­che jetzt sei­ner­seits für geschei­tert zu erklä­ren und die Repu­bli­ken als eigen­stän­di­ge Staats­ge­bil­de anzu­er­ken­nen, nicht als »Beer­di­gung« von Gesprä­chen zwi­schen den Sepa­ra­ti­sten und Kiew zu ver­ste­hen, son­dern als Ver­such, ver­än­der­te Bedin­gun­gen für die Auf­nah­me von Gesprä­chen auf neu­er Basis zu schaf­fen – wenn bei­de Sei­ten das gewollt hät­ten. Gesprächs­ge­gen­stand hät­te dabei wer­den kön­nen, wo die Gren­zen der Regio­nen Donezk und Lug­ansk kon­kret zu zie­hen wären, ob sie den gan­zen admi­ni­stra­ti­ven Raum inner­halb der Ukrai­ne vor der Abspal­tung umfas­sen soll­ten oder auf die Gebie­te hin­ter der Front­li­nie beschränkt blei­ben müss­ten. Die rus­si­sche Aner­ken­nung der Regio­nen ließ die­se Fra­ge offen.

Mit der Mobil­ma­chung Selen­sky­js am Tag unmit­tel­bar nach der Aner­ken­nung der Regio­nen durch Russ­land und den dar­auf eben­so prompt fol­gen­den Bom­bar­die­run­gen der mili­tä­ri­schen Infra­struk­tur der Ukrai­ne durch Russ­land wur­de der oft ver­scho­be­ne Dia­log, könn­te man sar­ka­stisch sagen, jetzt noch ein­mal um eine wei­te­re Stu­fe hin­aus­ge­scho­ben. Ob dies nun end­lich zur Auf­nah­me eines effek­ti­ven Dia­logs füh­ren wird, und wer da mit wem spricht, wird sich sehr schnell zeigen.

Die Ant­wort liegt nicht bei der Ukrai­ne, auch nicht bei den Euro­pä­ern, son­dern bei den Ame­ri­ka­nern, denn objek­tiv liegt der gan­ze Ver­lauf die­ses Kon­flik­tes mehr als je zuvor – ganz in dem sei­ner­zeit von Brze­zinski vor­ge­ge­be­nen Sin­ne – im stra­te­gi­schen Inter­es­se der USA:

Um Russ­lands Kräf­te zu bin­den und Russ­land poli­tisch wei­ter­hin als Aggres­sor iso­lie­ren zu kön­nen. Das hiel­te ihnen den Rücken frei für ihr Vor­ge­hen gegen China.

Um mit der Auf­recht­erhal­tung der Mög­lich­keit eines jeder­zei­ti­gen Kriegs­aus­bru­ches, der auf euro­päi­schem Boden aus­ge­tra­gen wür­de, Euro­pa wei­ter als Vasall zu binden.

Um ein Zusam­men­fin­den der EU und ande­rer euro­päi­scher Kräf­te mit Russ­land zu unter­bin­den. Im Zen­trum steht da zwei­fel­los die Kam­pa­gne der USA gegen die Inbe­trieb­nah­me von »Nord Stream 2«.

Anders gesagt, die Ukrai­ne wird immer noch gebraucht, um die Rus­sen klein und die Euro­pä­er bot­mä­ßig zu hal­ten. Die Ukrai­ne spielt dabei kei­ne Rol­le, schon gar nicht ihre ohne­hin dar­ben­de Bevöl­ke­rung, wie laut auch gegen­wär­tig ins Horn einer Soli­da­ri­tät mit der Ukrai­ne gesto­ßen wer­den mag.

Für die Euro­pä­er stellt sich die Fra­ge, wie lan­ge sie sich ent­ge­gen ihren fun­da­men­ta­len eige­nen Inter­es­sen wei­ter vor den Wagen einer um Auf­recht­erhal­tung ihrer Vor­macht kämp­fen­den Welt­macht span­nen las­sen wollen.