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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Selbstbelügung im Westen

Erst hilft der Westen den ukrai­ni­schen Natio­na­li­sten: mit Bera­tern, Geld­sprit­zen, Inve­sti­tio­nen und Waf­fen sowie mit der Opti­on eines Nato-Bei­tritts, damit sich die Ukrai­ne immer wei­ter gegen ihr ein­sti­ges Mut­ter­land Russ­land posi­tio­niert und sich abspal­tet – ganz so, wie das dem Westen beim Zer­fall Jugo­sla­wi­en bereits erfolg­reich gelun­gen ist. Dann schrei­en sie ent­rü­stet auf, wenn sich Tei­le der rus­si­schen Bevöl­ke­rung und Russ­land dage­gen weh­ren, obwohl laut OSZE 80 Pro­zent der Toten in die­sem ukrai­ni­schen Bür­ger­krieg auf Sei­ten der Ost­ukrai­ne ums Leben kamen. Aber die­se tod­brin­gen­den Ein­mi­schun­gen und Wirt­schafts­em­bar­gos sind seit 1990, wie fast alle Regime-Chan­ge-Krie­ge des Westens, etwa im Nahen Osten, Afgha­ni­stan oder zuletzt in Mali, desa­strös geschei­tert. Doch es gibt bis­her kei­ner­lei Umden­ken bei den Regie­ren­den und der angeb­lich frei­en Pres­se, weil das »Reich des Bösen« für den kon­ser­va­ti­ven Kapi­ta­lis­mus und bekannt­lich auch für den Faschis­mus schon immer in Russ­land lag.

Man stel­le sich vor: wenn Schott­land sich von Eng­land, Kata­lo­ni­en von Spa­ni­en, Alas­ka von den USA oder Bay­ern von Deutsch­land abspal­tet, und die­se Län­der dann mit rus­si­schen Bera­tern, Geld und Waf­fen gegen ihre ein­sti­gen Mut­ter­län­der in Stel­lung gebracht würden …

Man stel­le sich vor: wenn Bevöl­ke­rungs­tei­le von Schott­land, Kata­lo­ni­en, Alas­ka oder Bay­ern lie­ber wei­ter­hin zu den Mut­ter­län­dern gehö­ren wol­len und in die­sen Gebie­ten dar­auf­hin tau­sen­den Tote zu bekla­gen sind, weil die Sepa­ra­ti­sten mit Hil­fe rus­si­scher Waf­fen gegen ihr ein­sti­ges Mut­ter­land kämpfen …

Man stel­le sich vor: wenn die ukrai­ni­sche Regie­rung mit den Ost­ukrai­nern ein Abkom­men unter­zeich­ne­te, das u. a. von Frank-Wal­ter Stein­mei­er mit bei­den Sei­ten im »Mins­ker Abkom­men« ver­mit­telt und aus­ge­han­delt wur­de und das der Ost­ukrai­ne rela­ti­ve Auto­no­mie und freie Wah­len zusi­cher­te, des­sen Umset­zung aber fort­wäh­rend von ukrai­ni­schen Natio­na­li­sten durch Dau­er­be­schuss ver­hin­dert wird. Des­halb sieht Putin das »Mins­ker Abkom­men« als geschei­tert an und bezeich­net, nicht zu Unrecht, die Toten auf Sei­ten der Ost­ukrai­ne als Opfer eines Völ­ker­mor­des. Die­sem blu­ti­gen Bür­ger­krieg will die rus­si­sche Armee nun end­lich ein Ende bereiten.

Man stel­le sich dar­über hin­aus vor: wie die 2 plus 4 Ver­hand­lun­gen 1990 aus­ge­gan­gen wären, wenn Russ­land nicht vom Westen zuge­si­chert wor­den wäre, dass es kei­ne Nato-Ost­erwei­te­rung geben wür­de. Wäre dann die deut­sche Ver­ei­ni­gung und der Abzug der Roten Armee aus Ost­eu­ro­pa und somit die gesam­te west­li­che Trans­for­ma­ti­on Ost­eu­ro­pas über­haupt mög­lich gewesen?

Man stel­le sich vor: der Westen wür­de den eige­nen Bevöl­ke­run­gen kla­ren Wein dar­über ein­schen­ken, dass die har­ten Sank­tio­nen gegen Russ­land auch in den eige­nen Län­dern zu gra­vie­ren­den finan­zi­el­len Bela­stun­gen – nicht nur durch wei­te­re Öl- und Gas­preis­er­hö­hun­gen – füh­ren wer­den, ganz abge­se­hen von der gras­sie­ren­den glo­ba­len Kriegsgefahr!

Man fra­ge sich: ob es tat­säch­lich in den Nato-Staa­ten, beson­ders auch in Deutsch­land, eine Bevöl­ke­rungs­mehr­heit für die bis­he­ri­ge west­li­che Poli­tik gegen Russ­land gibt. Und wur­de sie dazu eigent­lich bis­her befragt? Hat irgend­ein Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tut schon ein­mal eine mehr­heit­li­che Zustim­mung für die­se Kon­fron­ta­ti­ons­po­li­tik gegen Russ­land gemeldet?

Man fra­ge sich: Hat­te nicht Bun­des­kanz­ler Scholz erst vor Kur­zem in sei­nem Amts­eid geschwo­ren: »Scha­den vom deut­schen Volk abzu­wen­den«? Hat er nicht schon längst die­sen Amts­eid gebro­chen, als bra­ver Vasall der von den USA vor­ge­ge­be­nen Nato-Poli­tik, wenn wir nur an die wirt­schaft­lich kata­stro­pha­len Fol­gen auch für Deutsch­land denken?!

Tho­mas Mann hat­te wohl lei­der recht, wenn wir etwa an den welt­wei­ten Vor­marsch des heu­ti­gen Rechts­po­pu­lis­mus den­ken, für den die­se Nato-Poli­tik Was­ser auf die Müh­len bedeu­tet, als der welt­be­kann­te Schrift­stel­ler und Nobel­preis­trä­ger schon vor über 75 Jah­ren, am 27.09.1947, ange­sichts des Aus­bruchs des »Kal­ten Krie­ges« durch den Westen, in sein Tage­buch notier­te: »Die Gegen­stel­lung zu Russ­land scheint zwangs­läu­fig zum Faschis­mus zu führen.«

Mehr Sicher­heit und Zusam­men­ar­beit in Euro­pa und der Welt kann es ange­sichts der bedroh­lich eska­lie­ren­den sozia­len und öko­lo­gi­schen Kri­sen nicht gegen die Groß­mäch­te Russ­land und Chi­na geben, son­dern nur durch fai­re Kom­pro­mis­se mit ihnen. Dazu gehört jetzt auch die mög­lichst rasche Been­di­gung des Krie­ges in der Ukrai­ne und nicht sei­ne opfer­rei­che Ver­län­ge­rung durch Nato-Waf­fen­lie­fe­run­gen für einen sinn­lo­sen Stel­lungs­krieg, der nicht zu gewin­nen ist.