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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die Lachnummern des Alltags

»Nor­ma­les Leben«, den »All­tag« und sei­ne »Tücken«, das »wirk­li­che Dasein« zu beschrei­ben aus der Per­spek­ti­ve: »Ich bin wie du, und du bist wie ich« – das ver­hei­ßen vie­le Bücher. Inso­fern ist es mutig von Autor und Ver­lag, mit eben die­sem Pro­gramm im Klap­pen­text des Buches »Letz­ter Mann« anzu­tre­ten: »In Peter Bergs Geschich­ten, in denen sich der sprich­wört­li­che All­tag mit so heil­los lei­sen wie lusti­gen Über­trei­bun­gen ver­eint, geht oft auf berüh­ren­de wie zärt­li­che Wei­se eini­ges schief …«

Leser soll­ten alles am besten gegen den Strich bür­sten, um in den Genuss wit­zig geschrie­be­ner Geschich­ten zu kom­men. Sie erzeu­gen ein Geläch­ter, dem etwas Bit­ter­nis bei­gemischt ist. Sehr schön wird das exer­ziert in der Titel­ge­schich­te, in der auf hin­ter­grün­di­ge Wei­se die Igno­ranz – gemeint ist »Blöd­heit« – des Prot­ago­ni­sten im Sport­un­ter­richt und beim Fuß­ball­trai­ning vor­ge­führt wird, die mit dem Nicht­ver­ste­hen der Sport­ler­spra­che beginnt, einem Man­ko, das weit ver­brei­tet ist. Logisch, dass man eines Tages »irgend­was ohne Men­schen« machen muss beim Sport.

Berg ver­mag poin­tiert zu erzäh­len, über­zeu­gend immer dann, wenn er das Sprach­spiel gewinnt, das er liebt. Der Sieg ist mei­stens sei­ner, mit­un­ter frei­lich soll unbe­dingt noch ein wit­zi­ger Don­ner­schlag ertö­nen, wo es nur wet­ter­leuch­tet. Dass es Geschich­ten zum Vor­le­sen sind – sie wir­ken dann beson­ders gut, was ich bezeu­gen kann –, soll­te nie­man­den davon abhal­ten, sie zu lesen. Denn eini­ge ent­fal­ten ihre Hin­ter­grün­dig­keit vor allem, wenn man ihnen allein aus­ge­lie­fert ist. So erging es mir mit der Geschich­te »Rügen«, von der ich mich »erwischt« fühl­te. Geschil­dert wer­den die Äng­ste eines Urlau­bers ange­sichts der etwas auf­dring­li­chen Ver­mie­tungs­an­ge­bo­te einer Flo­ri­stin namens Ursu­la Vieh­mann, die hexen­haft wirkt und einen Häcks­ler gekauft hat. Wer könn­te der Visi­on ent­ge­hen, bald geschlach­tet, zer­klei­nert und gegrillt zu wer­den? Glück­li­cher­wei­se gibt es in sol­chen Situa­tio­nen eine Freun­din, die immer wie­der für die Lan­dung im Reich der nüch­ter­nen Betrach­tung sorgt. Ein Vor­zug der Geschich­ten ist es ohne­hin, dass bei aller Über­trei­bung, die sie ent­hal­ten, es unse­re Exi­stenz ist, näm­lich die Art, wie wir leben, die den lach­haf­ten Aber­witz erzeugt. Bei des­sen Beschrei­bung gelin­gen dem Autor schö­ne Sar­kas­men: »… in mei­ner Vor­stel­lung ist der Him­mel eine Art Fest­saal, wo alle alten Ver­wand­ten mit ihren Kaf­fee­täss­chen sit­zen (…), da will man dann doch lie­ber aufs Klo und eine rauchen.«

All­tags­ge­schich­ten müs­sen sich des All­tags­deutschs bedie­nen, das ist klar. Zumal, wenn sie für den Vor­trag in der »Lese­büh­ne Kreis mit Berg« geschrie­ben sind. (Kreis, das ist des Autors Freund, Inspi­ra­tor und Wider­part Chri­sti­an Kreis, der in vie­len Geschich­ten »erscheint«.) Umgangs­spra­che, der sich Berg gut bedient, ent­steht aber nicht immer durch zwei­fel­haf­te Gram­ma­tik und durch die selbst­be­stä­ti­gen­de Flos­kel: »Und ja, es …« Das ist mit den ver­such­ten Don­ner­schlä­gen bei Wet­ter­leuch­ten gemeint.

Doch tut es gut, amü­san­te Geschich­ten zu lesen, die einem den Spie­gel vor­hal­ten und ohne den Kla­mauk aus­kom­men, der heu­te nicht nur im Fern­se­hen und Radio, son­dern auch in Büchern für unab­ding­bar gehal­ten wird, wenn Men­schen erhei­tert wer­den sollen.

Peter Berg: Letz­ter Mann, Erzäh­lun­gen, Mit­tel­deut­scher Ver­lag, 160 Sei­ten, 12 €